Am Broadway gibt es dieser Tage echtes Diana Ross-Feeling zu erleben. In Motown: The Musical  verkörpert die junge, für einen Tony Award nominierte Valisia LeKae, die Ikone der Show und durchbricht am Ende die Barriere zwischen Bühne und Publikum. Aus den vorderen Reihen wählt sie sich einen Glückspilz aus, den sie zu sich auf die Bühne bittet, um gemeinsam Reach Out And Touch (Somebody's Hand) zu singen. Das Publikum flippt regelmäßig aus.

Diese Szene ist genauso warm und liebevoll, wie Dianas Präsenz während der letzten fünfzig Jahre – seit sie als eines der vier Talente in Erscheinung trat, die dem Sound von Motown für alle Ewigkeit ihren Stempel aufdrückten.

"Sie war die perfekte Mischung aus Soul und Style; alles was Chic sein sollte. Die Kombination aus Dianas zartem Sopran, ihrem Stil und den perfekten Songs, die wir für sie auswählten, machten sie zu Berry Gordys Galateia." Nile Rodgers

Die Aufnahmen von Diana Ross werden anders als die Werke von Smokey Robinson, Stevie Wonder und Marvin Gaye betrachtet, denn sie ist keine Komponistin, sondern eine Sängerin, die die Songs anderer interpretierte. Mit der Kraft und Ausstrahlung ihrer Performance, der Hingabe und der Intimität macht sie sich die Songs zu eigen. Dieses Talent zur Interpretation erreichte 1972 in dem Film Lady Sings The Blues einen neuen Höhepunkt. Der Marketingslogan "Diana Ross *ist* Billie Holiday" war keineswegs übertrieben: Die sogar für einen Oscar nominierte Darbietung unterstrich ihre Fähigkeit, sich in das Leben anderer Personen einzufühlen, ihre Emotionen auszudrücken und dies dem Publikum zu vermitteln.

Diana Ross

Diese Verbindung ist kein Zufallsprodukt. Der Autor selbst könnte die Texte nicht intimer und persönlicher präsentieren als Diana. Man denke z. B. an den Track I'm Still Waiting von dem Album Everything Is Everything (erschienen 1970, dem Jahr, in dem sie und Motown Records-Gründer Berry Gordy Jr. nicht heiraten, obwohl Diana 1971 seine Tochter zur Welt brachte). Oder It's My Turn von To Love Again (erschienen 1980, als sie Motown und Gordys 20 Jahre dauernde Umarmung für eine Summe von 20 Mio. Dollar verließ). Manchmal ist es ein Wunder, dass auch ihre eigene Persönlichkeit sich noch Bahn brechen konnte. Nach ihrem Ausstieg bei The Supremes im Jahr 1970 arbeitete sie mit mehr als 40 Produzenten zusammen. Nur wenige hatten die Chance, ein ganzes Album mit ihr aufzunehmen. Für Diana mag das gut gewesen sein. Sie schoss kometenhaft auf einer von Gordy vorgezeichneten Flugbahn durch die Entertainmentindustrie Amerikas nach oben. "Für meinen Star", schrieb er ohne Umschweife auf der ersten Seite des 80-seitigen Hochglanzheftes, das 1976 zu ihren Ehren von dem US-Branchenmagazin Billboard herausgebracht wurde.

Man darf auch nicht vergessen, dass Gordy sein in Motown: The Musical perfekt inszeniertes Empire mit Hits aufbaute, die aus einer "Wettbewerb schafft Gewinner"-Mentalität heraus entstanden. So wetteiferten die eigenen Produzenten und Komponisten darum, den nächsten Hit für einen bestimmten Künstler abzuliefern und nicht etwa ihr nächstes Album. Dazu kam, dass die Popwelt in den 1970ern von neuen Ideen durcheinandergewirbelt wurde. Die Plattenfirma, die sich einst selbstbewusst als "The Sound of Young America" empfahl, stellte fest, dass das junge Amerika abwechslungsreichere und aufregendere Sounds als den der 60er hören wollte. Gordy schien dies zu verstehen. Als Dianas erste Solosingle war zunächst der Laura Nylo-Song Time And Love geplant.

Diana Ross

Dann wandte sich der Motown-Häuptling an Bones Howe, den Engineer und Produzenten, dessen Arbeit mit den Mamas & Papas, The Association und 5th Dimension die neue, von der Westküste hereinbrechende, Popwelle geprägt hatte.

Die Idee war erfrischend, auch wenn sich bald herausstellte, dass Howe ein früheres Geschäftsmodell bevorzugte und Ross eher als "eine schwarze Barbra Streisand" sah. Gordy hatte andere Pläne und so wurden Howes Tracks auf Eis gelegt; zumindest bis Time And Love Jahre später auf einer Ross-Anthology erschien.

"Sie war meine Mutter, meine Geliebte und meine Schwester – alles in einer wundervollen Person vereint."  Michael Jackson über Diana Ross

So wurde die Aufgabe, Dianas Karriere nach den Supremes anzukurbeln, an Nick Ashford und Valerie Simpson weitergegeben, die mit ihren Songs für Marvin Gaye und Tammi Terrell zu echten Hitmaschinen geworden waren. Der Ashford/Simpson-Walzer 'Reach Out And Touch' war für Motown etwas Neues, und auch die New Yorker Nick und Valerie selbst waren ein deutlicher Bruch mit den Traditionen des Detroiter Unternehmens.

Diana Ross

Diana stand den Plänen offen gegenüber und hatte auch genug Biss, um ihre ehrgeizigen Ziele zu verfolgen. Berry Gordy brauchte Beides, als er seine Auserwählte in Lady Sings The Blues platzierte. Wie so viel in Gordys Leben war auch dieser Schritt ein Risiko. Mit den Supremes war Diana ein Superstar gewesen, aber ihre Solokarriere kam nur langsam in Gang. Nur eine ihrer ersten sechs Singles (Ain't No Mountain High Enough) war ein echter Crossover-Hit in den USA. Während derselben Zeit hatten die Supremes mit Jean Terrell als Leadsängerin zwei Top 10-Hits.

Der spätere Konkurrenzkampf zwischen Ross und der Gruppe spielt auch in Motown: The Musical eine Rolle. Genauso wie Gordys Cleverness: Um bei ihrem ersten Soloauftritt in Las Vegas ein ausverkauftes Haus zu garantieren, schnitt er 20 Dollar-Scheine in zwei Hälften und ließ diese mit dem Versprechen in den Straßen verteilen, dass die Zuschauer die zweite Hälfte bei Dianas Show am selben Abend erhalten würden.

In Hollywood galt Diana Ross als ein Popstar, dessen schauspielerische Qualitäten noch unter Beweis zu stellen waren und als das Budget von Lady Sings The Blues in die Höhe schoss, musste Gordy den Paramount-Anteil an dem Film zurückkaufen. Als der Film in die Kinos kam, zahlte sich das Wagnis aus – er begeisterte nicht nur die Kritik, sondern überzeugte auch an der Kinokasse. Ross wurde für einen Oscar nominiert und der Filmsoundtrack war das erfolgreichste Album ihrer Karriere: Es kletterte bis auf Platz 1 und hielt sich mehr als zwölf Monate in den Billboard Charts. Diana wurde genau der Multimediastar, der sie immer sein wollte – eine der wichtigsten Marken der in Los Angeles  ansässigen Motown Industries – und sie stellte ihr Talent immer wieder mit Platten, Konzerten, Filmen und Fernsehauftritten unter Beweis.

Ross fand Inspiration in der Arbeit verschiedener Songschreiber. Dies zeigt sich besonders deutlich auf Blue, einer Jazzcollection aus dem Jahr 1972, die allerdings damals nicht erschien; auf Baby It's Me, dem einzigen Album, abgesehen von Filmsoundtracks, das sie komplett mit einem einzigen Produzenten, Richard Perry, zwischen 1972-1979 aufnahm; und in dem erwachsenen Popsound von Touch Me In The Morning, There From Mahogany (Do You Know Where You're Going To) und It's My Turn – allesamt Seifenopern, geschrieben und produziert unter Mitwirkung von Michael Masser und zu finden auf All The Great Hits.

Ein weiteres Highlight der 1970er war Diana & Marvin – ein Album, auf dem Diana Ross und Marvin Gaye zehn unvergleichliche Aufnahmen abliefern, darunter auch das von Berry Gordy produzierte You're A Special Part Of Me, sowie zwei liebevolle Coverversionen von Thom Bells Stop! Look, And Listen' und 'You Are Everything, welches er ursprünglich mit den Stylistics aufgenommen hatte.

Von den Alben Last Time I Saw Him und Touch Me In The Morning gibt es interessante und aufschlussreiche erweiterte Versionen mit Bonustracks und, bei Letzterem, mit Material von dem Projekt To The Baby, welches damals, in den 1970ern, direkt ins Archiv wanderte. Eine weitere Offenbarung ist die erweitere Auflage (2012) des 1976er Albums Diana Ross, welches Fans wegen seiner Optik auch The Black Album nennen. Die Extended Edition enthält Interpretationen von Songs von Elton John, Donny Hathaway und Sly Stone.

Diana Ross

Wer eine toughere, mutigere Diana Ross bevorzugt, sollte sich ihre Arbeit mit dem leider verstorbenen Hal Davis anhören, Motowns Genie von der Westküste mit einem Ohr für kommerzielle Töne. Er erinnerte sich, dass sie den Welthit Love Hangover nicht einsingen wollte. "Sie stand nicht auf Disco", erzählte er einmal. Aber er hatte das Studio speziell für diese Aufnahme herrichten lassen: mit Discolicht und Dianas Lieblingsdrink, Wodka. "Außer uns Dreien war niemand dort [im Studio]", sagte er, "aber man hätte meinen können, da war eine Party im Gange." Die Feierlichkeiten gingen weiter mit The Boss, Dianas energiegeladener Reunion mit Nick Ashford und Valerie Simpson, und Diana, eine Kollaboration mit Nile Rodgers und Bernard Edwards von Chic. Letzteres war das erste Album seit Lady Sings The Blues, das sich der Spitze der Charts näherte und wie Rodgers sich erinnert, war Ross zu dem Zeitpunkt "die Einzige, die wusste, dass es ihr letztes Album mit Motown war". Dianas Arbeit mit dem Chic-Team wird immer noch studiert, und es wird darüber gebloggt und geredet; nicht zuletzt in Rodgers Autobiografie Le Freak.

Und so verließ sie Motown, gestärkt durch die Tatsache, dass ihre letzte Albumveröffentlichung dort dank Tracks wie Upside Down und I'm Coming Out, abgesehen von den Soundtracks, ihre bestverkaufte war. Mit diesem Erfolg im Rücken konnte sie sich in verschiedenen Territorien Plattenverträge mit RCA und Capitol/EMI sichern und Millionen von Fans weltweit erreichen. Zwischenzeitlich wurde Diana als Duettpartnerin für Lionel Richie und seinen Titelsong für den Film Endless Love (1981) angefragt. Da der Commodores-Star selbst gerade seine Solokarriere startete, kam dieser Vorschlag für Motown gerade recht – sie sicherten sich die Rechte an der Single, welche zu einem der populärsten Liebeslieder der letzten dreißig Jahre wurde.

Diana Ross

Aber auch wenn der Superstar Motown verlassen hatte, ganz hinter sich lassen, konnte sie es nicht. In den 1980ern nahm Diana einige Male mit Michael Jackson auf; dazu ihre umjubelte Hommage an Marvin Gaye 1984 (Missing You) und eine wahre Zeitreise in die 60er mit Chain Reaction, geschrieben und produziert von den Bee Gees. In Großbritannien, wo der klassische Motown-Sound nie aus der Mode kommt, schaffte Chain Reaction es sogar an die Spitze der Charts.

Diana konnte sich immer auf ihre eigenen Fähigkeiten verlassen und produzierte im Laufe der Zeit immer mehr ihrer Aufnahmen selbst, und veröffentlichte sogar eigene Songs. Sie gründete ein Unternehmen, das neben vielen TV-Specials ihr legendäres Konzert im Central Park produzierte. 1989 kehrte die clevere Ross zu Motown zurück – als Executive Producer von Alben wie Workin’ Overtime, der spannenden Reunion mit Nile Rodgers; The Force Behind The Power, eine Reihe selbstbewusst klingender Songs für ein erwachsenes Publikum, entstanden unter der Anleitung von Peter Asher und James Anthony Carmichael; sowie die lebendig und zeitgemäß klingenden Werke Take Me Higher und Every Day Is A New Day.

Zwischen diesen beiden letzten Alben war Ross auf Platz 1 der Billboard Charts, als der leider verstorbene Notorious B.I.G., Mase und Puff Daddy mit dem auf I'm Coming Out basierenden Mo Money, Mo Problems einen Hit landeten. Diana wurde noch auf vielen weiteren Hits gesampelt: Monicas The First Night und Will Smiths Freakin' It gehen beide auf Love Hangover zurück.

Diana Ross geht auch heute noch auf Tour, tritt live auf und präsentiert Songs, die ihre einzigartige Geschichte erzählen, wie z. B. I Will Survive. Und auch Valisia LeKae erinnert mit ihrer packenden Performance von Where Did Our Love Go, I Hear A Symphony, Reach Out And Touch (Somebody's Hand) und natürlich Ain't No Mountain High Enough das Publikum an diese Geschichte.

Diana und Berry Gordy Jr. hatten recht. Kein Berg ist so hoch, dass er Diana von ihren Fans fernhalten könnte – jetzt und in alle Ewigkeit.

"Diese Frau ist genau wie ich und Du. Und ich wollte, dass die Leute dieselben Emotionen sehen, die sie erleben würde und die man auch selbst nachempfinden kann." Valisia LeKae als Diana Ross in Motown: The Musical.

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