Der US-amerikanische Süden ist mysteriös, vom Winde verweht und bekannt durch die Southern-Gothic-Romane von Truman Capote und Tennessee Williams. Im Herzen seines Mythos liegt der schmerzliche Verlust. Die wichtigste musikalische Vertreterin dieses Genres ist heute die Sängerin und Songschreiberin Lucinda Williams. Es gebe eigentlich nur vier Themen, über die man schreiben könnte: das Leben, den Tod, die Liebe und den Sex, hat sie einmal gesagt. Sie hat die traditionellen Country-Motive: Herzschmerz, Tingeltangel, Heim- und Fernweh aufgegriffen und daraus geheimnisvolle Gänsehaut-Songs gemacht. Ihre rauen, schnörkellosen, im Detail akribisch auskomponierten Stücke handeln von der Sehnsucht, dem nicht aus dem Kopf zu bekommenden Verlangen und vom Verlust – dem eines Mannes, "der zu nichts zu gebrauchen war, der mehr Charisma hatte als erlaubt sein sollte und der keine seiner Versprechungen erfüllte", beschrieb es der Autor Bill Buford einmal im Magazin The New Yorker. Ihre rootsrockigen, unglaublich gut erzählten Mini-Epen sind zu komplex für den Mainstream-Rock and Roll. Sie tragen die Schwere des Blues in sich, haben das scheppernde Feeling von Country und sie sind auch Folk – 1998 gewann Lucinda Williams mit ihrem Album Car Wheels on a Gravel Road den Grammy in der Kategorie Best Contemporary Folk Album. Ihr Gespür für Tradition, die kein Revival ist, die Verbindung von Wurzeln und ungestümer Wildheit galoppiert durch ihre Songs, insbesondere auf ihren letzten drei Alben beim Lost-Highway-Label: West, Little Honey, "Blessed" und jüngst auf ihrem 2014 veröffentlichten, von der Musikkritik bejubelten Doppelalbum "Down Where The Spirit Meets The Bone”.

Lucinda_Williams_&_guitarWilliams begann ihre Karriere 1978. Zwanzig Jahre brauchte sie bis zu ihrem Durchbruch mit Car Wheels on a Gravel Road. Eine Zeit, in der ihre Plattenfirmen nicht wussten, wohin mit ihr. Das nach ihr benannte Album "Lucinda Williams", mit Klassikern wie "Changed the Locks", erschien in den 1980ern beim britischen Punk-Label Rough-Trade.

In den USA triumphierten andere mit ihren Songs: Emmylou Harris, Tom Petty... Allen voran Mary Chapin Carpenter, die 1993 mit einer Version der forschen Country-Hymne "Passionate Kisses” einen Riesenhit landete, der Song gewann einen Grammy. Williams jobbte zu dieser Zeit in einem Buchladen, um die Miete zu bezahlen. Erst zum Ende der 1990er, als die Scheuklappen zwischen den Genres fielen, fand sie das größere Publikum.

Lucinda Williams als den "weiblichen Bob Dylan" zu bezeichnen, klingt pathetisch und platt. Aber wie so oft: Es bleibt hängen, ist auch nicht falsch – mit Dylans "Highway 61 Revisited"-Album lernte sie Gitarre spielen. Scheinbar ermutigt, könnte man dann auch sagen, sie sei der "weibliche Townes Van Zandt, Hank Williams oder gar Keith Richards".

In 36 Karrierejahren veröffentlichte sie nicht mehr als zwölf Studioalben und wurde für 15 Grammys nominiert (von denen sie drei gewann). "Time Magazine" erklärte sie zu Amerikas bestem Songwriter. Seit Car Wheels on a Gravel Road ist jedes ihrer Alben im englischsprachigen Raum (plus Schweden) in die Charts gekommen. In ihrer Wahlheimat Nashville bereits eine Legende, ist Lucinda Williams in Deutschland dafür immer noch ein Insidertipp, mal abgesehen von ihrem Song "Still I Long for Your Kiss" auf dem Soundtrack von Der Pferdeflüsterer.

lucinda-williams1Williams wuchs in Lake Charles, Louisiana auf. In den 1950er Jahren war das eine Gegend hinter dem Mond, voller Countryboys, Hicks und Rednecks. Ihr Vater, der renommierte Dichter und Autor Miller Williams, versteckte auf seinen Lesungen seinen Akzent. Country-Stars wie Hunter Hayes, Tim McGraw und Trace Adkins haben Louisiana ein cooles Image gegeben, aber erst seit den 1990ern. 1969, als Lucinda in der zehnten Klasse war, flog sie von der Schule, weil sie sich weigerte, den Fahneneid abzuleisten, und von da an übernahm ihr Vater die weitere Ausbildung. Er gab ihr eine Literaturliste, die mit dem Iliad begann und mit 100 Jahre Einsamkeit endete. Danach zog Williams nach New Orleans, dann Austin und landete in Houston, das in den frühen 1970ern der Hotspot einer jungen Folkszene war.

Photo1_Blessed_72RGB1977 kommt sie zurück nach Fayettville, mit einer Stimme, die vom Singen in verrauchten Clubs rau wie Sandpapier geworden ist und mit einem Notizbuch voller Songs. Ihre Liebe, Freundschaft, Affäre mit dem Southern-Gothic-Poeten Frank Stanford, der sich 1978 erschießt, krempelt sie für immer um. Sie schreibt ihm "Pineola", einen ihrer Signature-Songs, den sie erst 1992 auf dem Album "Sweet Old World" veröffentlicht. Komm, süßer Tod! "Drunken Angel" auf Car Wheels on a Gravel Road ist ein Nachruf an den Austiner Musikerkollegen Blaze Foley, der bei einer Messerstecherei starb ("Blood spilled out from the hole in your heart, over the strings of your guitar, the worn-down places in the wood, that once made you feel so good”). "Little Angel, Little Brother" widmet sie einem Freund der Familie, der sich umbrachte.

Lucinda Williams berührt ihre Fans tiefer, emotionaler, abgedrehter als jede andere Sängerin und Songschreiberin, denn sie singt autobiographisch. Sie hat ihre Songs erlebt und gelebt. Eines ist ganz klar: diese Frau lässt sich von nichts unterkriegen. Courtney Love sähe mit 61 bestimmt gern aus wie sie.

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