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Der historische Verriss: “Ice On Fire” von Elton John

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Auch Experten können manchmal mächtig daneben liegen. In dieser Reihe stellen wir vernichtende Plattenkritiken von großen Alben der Musikgeschichte vor, fatale Fehlurteile, die aus heutiger Sicht mindestens merkwürdig wirken. Dieses Mal geht es um ein Album, das zwar nicht wirklich den Rang eines Klassikers besitzt, sondern eher eine Art Geheimtipp ist – wenn man bei einem Künstler wie Elton John überhaupt von Geheimtipps sprechen kann.


Hört euch hier Ice On Fire als Playlist an und hört weiter:


Ice On Fire aus dem Jahr 1985 ist eine Platte, die absolut nach ihrer Zeit klingt. Die fetten 1970er-Jahre waren für Elton John vorbei, doch der Mann lieferte hochkarätiges Material am Fließband. Von heute aus erkennt man, was für ein charmantes Zeitdokument Ice On Fire ist, ein klassischer Elton John. Im Jahr 1985 allerdings spielte das für manche Kritiker keine Rolle. So einfach konnte John keinen mehr beeindrucken. Im Rolling Stone Magazine bekam er stattdessen deftig auf die Mütze:

Kritiker Rob Hoerburger schrieb in einem einleitenden Satz dieses Textes, dass man zu diesem Zeitpunkt eigentlich gar kein gehaltvolles Album von Elton John mehr erwarten könne. Schon das ist eine merkwürdige Einschätzung: Nachdem John ein kleines kreatives Tief Ende der 1970er-Jahre durchgemacht hatte, ging es im neuen Jahrzehnt wieder steil bergauf. Wiedervereint mit seinem alten Songwriting-Partner Bernie Taupin knüpfte der er an alte Erfolge an. Dass ihm ein eigener Stil abhanden gekommen wäre, ist ebenfalls Ansichtssache: Elton Johns Stil verbarg sich immer unter der Oberfläche, in den Songs. Für die äußere musikalische Hülle ließ er sich vielmehr vom Zeitgeist inspirieren. Wham! und Culture Club? Aber ja doch, wir befinden uns hier immerhin im Jahr 1985! Wie könnte ein Künstler wie Elton John immer noch authentischem 60s-Soul nachhängen?

Auch diese Vorwürfe kann man mit der damaligen Zeit kontern: Mitte der 1980er-Jahre war synthetischer Sound des Pop-Gebot der Stunde, von den Drums bis zu den Keyboards. Auch die Gitarren, die sich hier im Mix verstecken, klingen höchst künstlich – und das ist keineswegs negativ gemeint. Wer eine zeitgemäße Pop-Platte machen wollte, der musste sein Klavier natürlich auch kühl stimmen, um nicht an den heimeligen 1970er-Jahre-Klang zu erinnern. Wobei Elton John da natürlich kein gutes Beispiel ist: Trotz all der modischen Soundästhetik bricht doch ständig der warmherzige Romantiker durch, als den man John kennt, in Balladen wie Shoot Down The Moon und Nikita, und auch in den klassischeren Soul-Nummern wie Candy By The Pound. Doch selbst diese lebhafteren Songs können den Rezensenten kaum überzeugen:

Wir bemühen uns ja immer wieder, uns in die Kritiker hineinzuversetzen. Elton John haben wir heute schon längst bei den Klassikern einsortiert, damals konnten seine Bemühungen, am Puls der Zeit zu bleiben, bestimmt auch verzweifelt und anstrengend wirken. Dieser Kritiker hatte in seinem Leben wohl genug Elton John gehört, da konnte ein solides neues Album auch keine Begeisterungsschübe mehr auslösen. Aber genau das war Ice On Fire, und heute ist es sogar noch mehr: ein Zeitdokument für den Pop der 1980er-Jahre und ein Beweis für die unermüdliche Kreativität dieses Künstlers, der immer mit der Zeit gehen konnte. Seine Songs waren immer zeitlos. Ice On Fire ist eine im Gesamtwerk von Elton John eher übersehene Platte, die man sich unbedingt noch mal vornehmen sollte.


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