Der historische Verriss: „Sehnsucht“ (1997) von Rammstein

December 20, 2018
in Category: Platten



Der historische Verriss: „Sehnsucht“ (1997) von Rammstein

Der historische Verriss: „Sehnsucht“ (1997) von Rammstein

Auch Experten liegen manchmal mächtig daneben. In dieser Reihe stellen wir vernichtende Plattenkritiken von großen Alben der Musikgeschichte vor, fatale Fehlurteile, die aus heutiger Sicht mindestens merkwürdig wirken. Oder handelt es sich doch um berechtigte Kritik, die der allgemeinen Meinung widerspricht? Zeit für eine erneute Analyse. Dieses Mal geht es um eine Band, die Zeit ihres Bestehens polarisierte. Die Kontroverse gehört bei Rammstein quasi zum Konzept.


Hört hier in Sehnsucht rein:

Für das ganze Vergnügen klickt auf "Listen".


Mit ihrem zweiten Album Sehnsucht (1997) gelang der Industrial Metal-Formation aus Schwerin und Ostberlin der große Durchbruch: Nummer 1 in Deutschland und Österreich, der unglaubliche Einzug in die Top-50 der US-Albumcharts. Eine explizit deutsche Band mit deutschen Texten, erfolgreich in Amerika – das schafften so ähnlich nur Kraftwerk. Kritik an Rammstein gab es viel, doch die meisten Rezensionen in der Musikpresse knieten nieder vor dem Phänomen aus Stahl und Feuer. Man ernannte Rammstein zur modernsten deutschen Rockband und sprach sogar von „wahrer Volksmusik“. Im Musikexpress gab es zwei Kritiken zum Album, eine positive und negative. Souverän, vielleicht auch leicht überheblich kanzelte Redakteur Wolfgang Hertel den Rammstein-Hype ab. Prüfen wir mal, ob seine Argumente auch heute noch überzeugen können.

 Was für ein klassischer Kritiker-Satz: Weder besonders originell noch unterhaltsam sei Rammstein.  Alles schon gehört und dagewesen, was? Millionen Menschen auf der Welt sahen das gerade im Jahr 1997 völlig anders und waren damit deutlich näher an der Wahrheit. Man konnte Rammstein viel vorwerfen, aber garantiert nicht zu wenig Unterhaltung. Ob einem die Musik nun gefiel oder nicht: Rammstein schlugen ein wie eine Bombe und wählten ihre Ästhetik clever. Natürlich gab es harten Industrial Metal schon vor Rammstein, doch die Verbindung mit martialischem Teutonentum war wirklich neu und überzeugend. Bis heute jammern alle, dass deutsche Bands für das Ausland immer uninteressant klängen. Das war jetzt anders. Bislang liest sich die Kritik eher geschmäcklerisch, wo bleiben die denn griffigen Argumente?

Naja. Auch wenn der gute Mann möglicherweise recht hat mit seiner Einschätzung, bleibt sein Urteil doch ziemlich subjektiv. Aus literarischer Sicht gehen Rammstein sicherlich wenig poetisch und filigran vor, doch die Wortgewalt ergibt sich aus der Kombination mit ihrem Auftreten und ihrer Musik. Immerhin gesteht er ihnen zu, eine diskussionswürdige Band zu sein und akzeptiert ihre Mittel der Provokation. Die klassische Fascho-Ästhetik-Keule schwingt Herr Hertel nicht, er begegnet Rammstein schlicht mit purer Ablehnung und kühlem Desinteresse. Was im Prinzip auch nur eine Kapitulation vor dem Erfolg der Band war. Recht trotzig geht es weiter:

Äh, ja – die Antwort hätte er sich gleich selbst geben können: Deutsche Musikhörer brauchten sowas, Stichwort Identifikation. Die Grenzüberschreitungen, gefährlichen Inhalte und Provokationen von Marilyn Manson waren hierzulande nicht halb so wirkungsvoll wie die von Rammstein, die eigene Sprache und „Kultur“, so zweifelhaft Rammstein diese manchmal auch in Anspruch nahmen, sollte in dieser Hinsicht nie unterschätzt werden. Diese Plattenkritik hat sich im Prinzip um den Inhalt dieser Platte – bestückt mit Hits wie Engel, Du hast oder Bück dich – völlig gedrückt, sie auf den ersten Blick sehr souverän umschifft, aber eigentlich doch den Schwanz eingezogen vor einer echten Auseinandersetzung. So wird es wohl für immer bleiben, wenn Rammstein auf dem Programm stehen. Sie spalten bis heute, und das allein ist schon eine große Leistung.


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