Zeitsprung: Am 24.7.1990 werden Pantera zu „Cowboys From Hell“

July 19, 2018
in Category: Platten



Zeitsprung: Am 24.7.1990 werden Pantera zu „Cowboys From Hell“

Zeitsprung: Am 24.7.1990 werden Pantera zu „Cowboys From Hell“

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 24.7.1990.

von Christof Leim

Die Kehrtwende ist konsequent und folgenreich: Als Pantera am 24. Juli 1990 Cowboys From Hell rausbringen, haben sie schon vier Alben am Start, sind aber kaum über ihre Heimat Texas hinausgekommen. Das ändert sich umgehend – und setzt wenig später den Metal der Neunziger auf Kurs.


Hier könnte ihr in diese Machtwerk reinhören:

Klickt auf “Listen” für das ganze Album.


Dass die Band aus Texas mit ihren Frühwerken nicht viel reißen konnte, verwundert nicht: Die ersten drei Scheiben Metal Magic (1983), Projects In The Jungle (1984) und I Am The Night (1985) mit Sänger Terry Glaze klingen wie eine Sommerschlussverkaufsversion von Mötley Crüe. Das kann auch damit zu tun haben, dass Gitarrist Diamond Darrell und sein trommelnder Bruder Vinnie Paul beim Debüt nicht mal 20 Jahre alt sind.


Für das vierte Album Power Metal (1988) holen sie den Sänger Phil Anselmo aus New Orleans an Bord, der damals noch mit raumgreifender Haarspray-Frisur glänzt und 1a-Rob Halford-Schreie drauf hat. Musikalisch schielen sie verstärkt in Richtung Judas Priest, lassen aber auch schon eine Vorliebe für die gerade massiv angesagte Thrash Metal-Welle erkennen. Wirklich etwas reißen kann das Quartett damit immer noch nicht. Zu unoriginell, zu gebremst, zu austauschbar klingen die Stücke. Da hilft selbst die beeindruckende Virtuosität der jungen Musiker nicht. (Die ganze Geschichte von Power Metal könnt ihr hier nachlesen.)

BU: Pantera 1990

All das ist vergessen, als Cowboys From Hell eine neue Phase einläutet und Pantera ihren eigenen Sound finden: Plötzlich regieren rüde Thrash-Riffs und ein unfassbar fetter Groove, der die Neunziger definieren sollte. Die Zeiten von Spandexhosen und toupierten Haaren sind ebenso vorbei, jetzt gibt’s konsequent „das Brett“, technisch versiert und brutal.


Und nicht nur das: Endlich können Pantera in einem professionellen Umfeld arbeiten. Nach dem sie jahrelang von „jedem Majorlabel auf dem Planeten“ abgelehnt wurden, können sie für ihren neuen Brecher einen Vertrag bei Atco Records unterschreiben. Das haben sie nicht nur ihrer Musik, sondern auch einem Wirbelsturm zu verdanken: 1989 soll A&R-Manager Mark Ross nach North Carolina fliegen, um eine Combo namens Tangier in Augenschein zu nehmen. Wegen Hurricane Hugo muss er in Dallas landen und kommt dort nicht weg. Deshalb ruft er seinen Boss Derek Shulman an und fragt, ob er vor Ort irgendwelche Bands anschauen soll. Shulman erzählt von einer Truppe namens Pantera, die sein Label schon eine Weile im Visier habe, von der aber keiner weiß, was sie auf der Bühne kann. Allerdings haben Pantera an dem Tag keinen „richtigen“ Gig, sondern spielen lediglich für einen weiblichen Fan auf einer Party in einem mexikanischen Restaurant. Ross taucht trotzdem auf und berichtet: „Nach dem ersten Song hing mein Kiefer schon auf dem Boden. Die klangliche Wucht des Ganzen, die Attitüde, die musikalische Qualität, das hat mich alles umgehauen. Man hätte schon ein ziemlicher Idiot sein müssen, um die Band nicht großartig zu finden.“ Pantera erhalten ihren langersehnten Majordeal, und der Rest ist Geschichte.


Dank Atco Records können Pantera zum ersten Mal mit einem externen Produzenten zusammenarbeiten, nachdem vorher immer Jerry Abbott, der Vater von Darrell und Vinnie, an den Reglern gesessen hatte. Ihm verdanken die jungen Krachmacher eine Menge, aber je härter der Sound wird, desto weniger kommt der professionelle Countrymusiker noch mit. An seiner Stelle verpasst Terry Date der Band einen knochentrockenen, knüppelharten Sound, der alle Reminiszenzen an Poser Rock und Hair Metal abstreift und die Thrash-Formel mit noch größerer Klarheit versieht.


Cowboys From Hell erscheint schließlich am 24. Juli 1990. Die zwölf Songs werden dominiert von hochkompetenter Gitarrenarbeit, eng verzahnt mit einer brutal groovenden Rhythmussektion. Phil Anselmo singt hart mit Hardcore-Einflüssen, hat aber noch viel klassischen Metal in der Stimme. Die Wirkung der Riffattacke bleibt nicht aus: Die Metalszene horcht auf, die Scheibe erreicht Platz 27 in den Billboard Heatseekers-Charts. Der Titelsong wird ein Klassiker, ebenso Brecher wie Domination und Primal Concrete Sledge. In der siebenminütigen Powerballade Cemetary Gates zeigt Anselmo außerdem, das mehr in ihm steckt als ein Schreihals.


Pantera selbst betrachten Cowboys From Hell als ihr eigentliches Debüt und gehen später sogar soweit, über ihre Frühwerke nicht zu sprechen, ganz so, als hätte es sie nie gegeben. Offiziell erhältlich sind die ersten vier Platten nirgends. Mit Cowboys From Hell legen sie einen Grundstein für die Entwicklung des Metal in den Neunzigern. Als sie mit Judas Priest und Annihilator auf Europatour gehen, kommen viele traditionelle Headbanger damit nicht so richtig klar. Nicht selten wird die Band als „Prollcombo“ bezeichnet, ein Eindruck, den die unfassbare Sauferei der Texaner nicht gerade zerstreut.


Die neugefundene Ausrichtung verfeinern Pantera dann zwei Jahre später mit Vulgar Display Of Power und werden damit zu einer der wichtigsten Metal-Bands ihrer Zeit. 2003 trennt sich die Gruppe im Streit, 2004 wird Meistergitarrist Darrell, der sich mittlerweile Dimebag nennt, auf der Bühne erschossen und mit großem Star-Aufgebot in einem Kiss-Sarg beigesetzt. Sein Bruder Vinnie verstirbt 2018, allem Anschein nach an einem Herzinfarkt. Eine Rückkehr der „Cowboys From Hell“ kann es deshalb nicht geben. Eine Schande.


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