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Popkultur

Capitol Records – Ein unglaubliche Geschichte

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Wer ein Musiklabel in den USA gründen will, geht am besten dahin, wo die ersten Gehversuche von den Großen der Branche nicht gleich höhnisch belächelt werden oder wo man alsbald wieder aus seinen Kinderschuhen geschubst wird. Also zum Üben ab hinter die Hecke, im Fall von Capitol Records war das Kalifornien, sechs Flugstunden von New York entfernt, wo die großen Musiklabels in den 1940er Jahren saßen: RCA-Victor, Columbia und Decca.


 

Capitol, 1942 gegründet, war das allererste Label, das sich an der Westküste ansiedelte und konnte in aller Ruhe laufen lernen.Die Kinderschuhe wurden Capitol jedoch bald zu eng, hinter dem Firmengründer, einem Songwriter namens Johnny Mercer, standen schon damals einflussreiche und gut vernetzte Finanziers wie der Filmproduzent Buddy DeSylva und der Geschäftsmann Glenn Wallichs. Der besaß Music City, damals der größte Schallplattenladen in Los Angeles. Und auch Mercer selbst war nicht unbedingt das, was man sich unter einem Songwriter vorstellen mag. Die zündende Idee einer Labelgründung kam ihm nicht etwa, als er seinen ausgebeulten Hut im schummrigen Bierlokal herumgehen ließ, sondern – so will es die Legende – beim Golfen.


 


 

Mit seinem Businesspartner Wallich vereinbarte er, dass dieser sich um das Management kümmern sollte, während er selbst die Künstler auswählte. Innerhalb von vier Jahren verkaufte Capitol bereits 42 Millionen Schallplatten und gehörte im Jahr 1946 zu den sogenannten Big Six-Studios. Seine Instanterfolge in den 40er Jahren hatte Capitol Größen wie Billy Holiday oder Paul Whiteman zu verdanken, die schon Superstars waren, als sie bei Capitol Alben aufnahmen. Andere Künstler wie Margaret Whiting oder Martha Tilton, eine alte Freundin von Johnny Mercer, verschaffte erst Capitol die einschlägigen Erfolge. Mit Ella Mae Morses Interpretation von Cow Cow Boogie gewann Capitol schließlich die erste goldene Schallplatte.


Schau dir hier das Video zu Cow Cow Boogie an:


 

Kein Wunder, tummelten sich schon im ersten Jahrzehnt von Capitol Superstars wie Les Baxter, Bing Crosby, Miles Davis oder Les Paul in den Studios. Letzterer war später übrigens auch als Soundexperte gefragt, als es um die Einrichtung der hochmodernen Aufnahmestudios ging. In den folgenden Jahren machte Capitol geradezu lehrbuchartig alles richtig, was man als Musiklabel richtig machen konnte: Es gründete einen zum Label gehörenden Musikverlag, was die Kassen weiter füllte, es setzte auf Unterhaltungsmusik, was im sonnenverwöhnten Kalifornien besser ankam als schwer verdaulicher Avantgarde-Jazz, es öffnete eine Sparte für Kindermusik, gründete ein Unterlabel für Klassische Musik und war grundsätzlich offen für die verschiedensten Genres. Nicht zu vergessen regierte das Label vom damals ersten runden Bürogebäude der Welt aus: dem Capitol Tower. Spätestens seit dem Trump Tower weiß jedes Kind: Wer im nach sich benannten Tower arbeitet, genießt Ausblick und Macht. Das Gebäude in Hollywood soll einem Stapel Plattensingles auf einem Plattenspieler nachempfunden sein und steht heute unter Denkmalschutz.


Nat-King-Cole


Nat King Cole, Frank Sinatra, Judy Garland oder the Andrews Sisters sind nur einige der Schwergewichte, die in den 50er Jahren in den Studios von Capitol ein- und ausgingen. Dann kam die EMI Group aus England und verleibte sich Capitol Records für den damals schwindelerregenden Betrag von 8,5 Millionen US-Dollar ein, inklusive neuem Studiobau am Boulevard Hollywood/Vine, mit dem man die technischen Standards eines Abbey-Road-Studios in die USA bringen wollte. Seinen Namen hat Capitol trotz Fusion bis heute behalten.


 Capitol-Building


Die 60er Jahre wurden mit viel Love and Peace eingeläutet und welch geeigneteren Ort auf der Welt als Kalifornien hätte es geben können, um die Flower Power Revolution musikalisch zu untermalen? Mit offenem Verdeck fuhren die Blumenkinder in ihren Mustangs und Chevrolets aus San Francisco den Highway 1 hinunter, L.A. und den Capitol-Verträgen entgegen: Joe Cocker, Jimi Hendrix, Steve Miller Band, Pink Floyd, Linda Ronstadt oder Peter Tosh waren nur einige von ihnen, die das Label in die wachsende Familie aufnahm.

 


 

Und wenig später sollte selbst ein Jimi Hendrix zur Nummer 2 werden, als Capitol das Label der Beach Boys und der Beatles in den USA wurde. Einen dickeren Fisch hatte Capitol wohl nie an der Angel, bei den Beatles muss – um bei diesem Bild zu bleiben – ja eher von einem Blauwal die Rede sein. Beide Bands erspielten in den 60ern 65 Prozent der Gesamteinnahmen des Labels. In den folgenden Jahren bewies das Label immer wieder große Offenheit gegenüber den verschiedensten Genres. Repräsentieren Künstler wie Kylie Minogue, Robbie Williams, Tina Turner oder etwas später Coldplay und Katy Perry nach wie vor den Unterhaltungsanspruch des Labels, tat es sich immer wieder auch durch ungewöhnliche Neuzugänge wie Arcade Fire oder Beck hervor.


 

Die 2000er brachten weitere Fusionen zwischen Virgin Records und Capitol zu dem, was die Capitol Music Group werden sollte, wohlgemerkt immer schon beheimatet innerhalb der EMI Group. Diese Fusion führte zum Verlust vieler Arbeitsplätze und dem Verkauf des beliebten Capitol Towers. EMI schließlich wurde im Jahr 2012 als viertgrößtes Label weltweit von Universal aufgekauft und mit ihm Capitol, das Label im Label. Seither regiert Capitol wieder im Tower in Hollywood. Der ist übrigens erdbebensicher gebaut und steht hoffentlich noch Hunderte von Jahre. Happy Birthday Capitol Records!


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