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Popkultur

Die musikalische DNA von Pearl Jam

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Weil es nicht oft genug gesagt werden kann: Nein, verdammt, Pearl Jam sind nicht irgendeine Grunge-Band. Sie sind überhaupt nicht irgendeine Band, sondern wenn schon die vielleicht größte Rock-Band der neunziger Jahre, bitteschön! Und das, obwohl sie immer radikal ihren eigenen Weg gegangen sind. Während die Musikpresse ihren jahrelangen Boykott des Unternehmens Ticketmaster als kommerziellen Selbstmord abtat, dankten es ihnen ihre Fans umso mehr mit einer Treue, die in der Rock-Welt nach wie vor beispiellos ist. Während sich so viele andere Bands der Selbstzerstörung hingaben, stand die Truppe um Eddie Vedder stets zu ihren Prinzipien. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Grunge kam und ging, Pearl Jam blieben – weit über die Neunziger hinaus.


Hört euch hier die musikalische DNA von Pearl Jam als Playlist an und lest weiter:


Die Geradlinigkeit der Band auf und hinter der Bühne hatte jedoch seinen Preis. Die Grunge-Szene, der sie unweigerlich zugerechnet wurden, verwarf die von den starken Lead-Gitarren Mike McCreadys geprägte Musik der Band und Kurt Cobain bezeichnete Pearl Jam sogar als „Sellouts“. Dabei verweigerten sie sich doch noch eindeutiger der Musikindustrie als die Kollegen von Nirvana. Pearl Jam drehten kaum Musikvideos, ignorierten die Presse und bestimmten Maximalgrenzen für die Ticketpreise ihrer Konzerte. Im Jahr 2000 brachen sie mit ihrer Binaural-Tour sogar einen Rekord: Indem sie alle Gigs der Tour professionell aufnahmen und im Nachhinein zum Verkauf anboten, konnten sie zwischen 2000 und 2001 ganze 72 (!) Veröffentlichungen für sich verbuchen. Warum der ganze Aufwand? Weil die Band sichergehen wollte, dass Fans jeden Mitschnitt in guter Qualität preiswert erwerben konnten, anstatt ihr Geld an minderwertige Bootlegs zu verschwenden. Von wegen Sellouts!

Ihre Attitüde war jedoch stets nur ein Teil dessen, was Pearl Jam zu der vielleicht größten Band ihrer Generation macht. Auf der anderen Seite war da ein Rock-Sound, der sich ähnlich unbeirrt allen Trends entgegensetzte. Klassischer Rock traf auf den rohen Spirit von Punk und traditionelles Songwriting. Was genau die Band zu dieser Mischung inspirierte, erfahren wir mit Blick auf ihre musikalische DNA.


1. Red Hot Chili Peppers – Subterrean Homesick Blues

Die Gründungsgeschichte Pearl Jams ist verworren. Vielen ist vielleicht nicht einmal klar, dass die Band nicht allein in der Grunge-Hauptstadt Seattle, sondern ebenso im „Sunshine State“ Kalifornien ihre Wurzeln hat. Dort zumindest wurde Eddie Vedder rekrutiert. Wie es dazu kam? Stone Gossard und Jeff Ament hatten zuerst in der Seattle-Band Green River gespielt, bevor sie gemeinsam mit Andrew Wood Mother Love Bone gründeten. Wood starb noch vor der Veröffentlichung der Debüt-LP Apple an einer Heroinüberdosis. Ein Schicksal, mit dem Drummer Jack Irons nur allzu vertraut war: Als Gründungsmitglied der Red Hot Chili Peppers musste er mitansehen, wie sein Bandkollege und Freund aus Kindheitstagen, Hillel Slovak, an eben jener Droge verendete.

Irons verließ die Band, mit der er unter anderem das Album The Uplift Mofo Party Plan eingespielt hatte, und wandte sich seiner Arbeit mit dem Trio Eleven zu. Als Ament und Gossard ihm das Demo-Tape ihrer neuen Band Mookie Blaylock zuspielte, lehnte er ihr Angebot ab, der Band beizutreten, leitete das Tape aber einen befreundeten Sänger weiter: Eddie Vedder. Der hörte sich die Songs vor einem Surftrip an und fand auf den Wellen die Inspiration für gleich drei Pearl Jam-Hits: Once, Footsteps und, natürlich, Alive. Kaum eine Woche später fand er sich in Seattle als Frontmann der neuen Band wieder.


2. Neil Young – The Needle and the Damage Done

Es ist ein besonders tragisches Detail, dass es ohne die zwei Herointode von Wood und Slovak Pearl Jam in dieser Form wohl nie gegeben hätte. Wie keine andere Droge trug Heroin einiges am schnellen Absturz der Grunge-Bewegung bei. Der Song dazu wurde aber schon lange vorher geschrieben und das von niemand Geringerem als Neil Young, der wiederum als einer der Pioniere der Grunge-Mentalität gilt. The Needle and the Damage Done ist mit seinen knappen zwei Minuten einer der eindringlichsten Songs der Rockgeschichte. „I hit the city and I lost my band“, heißt es darin nicht ohne Grund: Schon Young konnte buchstäblich ein Lied davon singen, wie sich die Droge aufs Musikerleben auswirkte.

Seine aufrührerische Attitüde und sein erdiger Sound wurden zum Maßstab für viele Grunge-Bands, die in Young einen der letzten authentischen Rockstars sahen. Für Pearl Jam wurde er noch in einer anderen Hinsicht maßgeblich: Ohne ihn hätte es die Band nicht gegeben. Oder zumindest nicht unter diesem Namen. Nachdem sie sich ihren Moniker von Mookie Blaylock vom gleichnamigen Basketballspieler liehen, entschieden sie sich vor Release ihres ersten Albums Ten, dessen Titel sich übrigens von Blaylocks Trikotnummer ableitete, für Pearl Jam. Pearl angeblich nach der Urgroßmutter Vedders, Jam wegen Neil Youngs epischen Improvisationsleistungen auf der Bühne. Viel später sollte die Band dann Rockin’ in the Free World covern und gemeinsam mit Young bei einem Benefizkonzert die Bühne teilen.


3. Alice In Chains – It Ain’t Like That

Bevor es allerdings dazu kam, musste sich die junge Band zuerst im Underground beweisen. Schon zwei Monate nach ihrem allerersten Auftritt überhaupt fanden sich Vedder, Drummer Dave Krusen, Gitarrist Mike McCready sowie Gossard und Ament aber schon im Vorprogramm von Alice In Chains wieder – damals noch unter dem Namen Mookie Blaylock. Alice In Chains hatten gerade mit ihrem Debütalbum Facelift Wirbel gemacht und konnten sogar die Metal-Szene von ihrem Hard Rock-inspirierten Sound überzeugen.

Pearl Jam selbst sollten die Band schon bald darauf mit dem Übererfolg von Ten übertrumpften, erwiesen ihr aber noch vorher den gebührenden Respekt. Auf einem Demo-Tape, das im engeren Freundeskreis kursierte, coverten sie im Oktober 1990 den Alice In Chains-Song It Ain’t Like That. Ob sie damals schon vermuteten hätten, wenige Monate später mit den Lokalhelden den Tourbus zu teilen? So oder so: Die gemeinsame Geschichte von Alice In Chains und Pearl Jam war damit noch nicht zu Ende geschrieben. Noch heute treffen beide Bands oder zumindest ihre Mitglieder wieder und wieder aufeinander.


4. Led Zeppelin – Going To California

Neben den Bands aus dem Seattler Schmelztiegel und einem Grunge-Vordenker wie Neil Young waren es natürlich aber auch klassische Rock-Bands, die Pearl Jam inspirierten. Die Faustregel lautet: Je lauter und je wilder, desto prägender. Led Zeppelin dürfen deswegen keinesfalls fehlen, wenn von der musikalischen DNA Pearl Jams die Rede ist. Was die Briten ab Ende der sechziger Jahre anfingen, das konnten die Seattler Kollegen in den Neunzigern in einer zeitgemäßen Interpretation aufspielen: nahezu übermenschliche Rocksongs mit großen Melodien und viel Sinn für Feinheiten.

Die britischen Idole bemerkten das natürlich ebenso. 2005 trat sogar Robert Plant höchstpersönlich auf die Bühne, um gemeinsam mit der Band den Led Zep-Song Fool In The Rain zu spielen. Zehn Jahre später aber konnte sich der Gitarrist einen bissigen Kommentar nicht verkneifen, als er den Einfluss seiner Band allzu genau aus einem Pearl Jam-Stück herauszuhören meinte. Im Gespräch mit McCready ließ es sich der Brite nicht nehmen, den jüngeren Musiker zu triezen. In einem Gespräch über die Wichtigkeit von Kreativität spottet er: „Ich meine, wie oft habt ihr Going To California gespielt? Oh, sorry… Wie auch immer euer Song gleich noch heißt…“ McCready nahm es gelassen, lachte und berichtete, dass Vedder den Pearl Jam-Song Given To Fly häufiger bei Konzerten mit dem Namen „Given To California“ ankündigte. Die Ähnlichkeiten sind eben nicht von der Hand zu weisen.


5. The Who – Baba O’Reily

Nicht nur musikalisch, sondern auch hinsichtlich ihrer Nahbarkeit wurden Pearl Jam oft mit Led Zeppelin verglichen. Beiden Bands war es immer schon wichtiger, auf ihre Fans zuzugehen anstatt von der Presse umschwärmt zu werden. Led Zep sind nicht die einzige große Band der Stadion-Rock-Ära, mit der Pearl Jam sich Vergleiche gefallen lassen mussten. Obwohl, was heißt müssen… Wer würde nicht gerne mit The Who auf ein Podest gestellt werden? Dabei ging es vor allem um den unvergleichlichen Arbeitseifer beider Bands, die – mit mal mehr, mal weniger Erfolg – ihre Alben lieber Schlag auf Schlag einspielen wollten, anstatt nur im Zweijahrestakt von sich reden zu machen.

Pearl Jam haben dabei niemals einen Hehl daraus gemacht, dass die Truppe um Pete Townshend ihr wohl größter Einfluss überhaupt ist. 2007 spielten sie beispielsweise eine Coverversion von Love, Reign O’er Me für einen Filmsoundtrack ein und zollen den Helden immer wieder mit Live-Interpretationen ihrer Stücke Tribut. Da darf natürlich auch Baba O’Reily von Who’s Next nicht fehlen. Das Stück gehört fest zum Live-Repertoire der Band. 2013 wurde die Pearl Jam-Interpretation sogar auf Platz acht des „Greatest Live Cover Songs“-Polls des Rolling Stone Magazins gewählt. Was vor allem auch daran liegt, dass McCready das komplexe Synthie-Intros des Originals meisterhaft auf die Gitarre übertragen kann.


6. Jimi Hendrix – Star Spangled Banner

À propos McCready! Während sich Gossard – und gelegentlich auch Vedder – um die rhythmische Gitarrenarbeit kümmern, ist der Vollblutmusiker als Leadgitarrist mehr als unersetzlich. Das Besondere an seinem Spiel ist dessen intimer Charakter: McCready ist kein Angeber, sondern trifft buchstäblich immer den richtigen Ton zur rechten Zeit. Seine Licks erst geben der Musik der Band ihren oftmals hymnischen Unterton und bilden mit Vedder ausdrucksstarker Vocalperformance das melodische Grundgerüst ihrer Songs.

Als er im September 2017 dazu eingeladen wurde, im Stadion der Seattle Seahawks die US-amerikanische Nationalhymne zu spielen, wurde daraus unversehens eine Verbeugung vor dem Idol Jimi Hendrix. Dessen ikonischer Impro-Interpretation des Star Spangled Banners wurde zur Blaupause des anderthalbminütigen. Neben Carlos Santana zählt Hendrix zu McCreadys frühesten Vorbildern und inspirierte den Pearl Jam-Gitarristen sogar dazu, rechtshändig auf einer für Linkshänder konstruierten Gitarre zu spielen, um die Höhen in seinem Spiel zu betonen. Ganz so, wie es der Linkshänder Hendrix andersherum auf rechtshändigen Gitarren getan hatte.


7. Tom Petty & The Heartbreakers – I Won’t Back Down

Led Zeppelin, The Who und Jimi Hendrix stehen für eine Ära des Rock, die oftmals vom Größenwahn und der Zerstörungslust ihrer Protagonisten geprägt war. Pearl Jam aber blieben stets auf dem Boden und ließen Hotelzimmer in der Regel unverwüstet zurück. Neben dem hemdsärmeligen Neil Young war es insbesondere der 2017 tragischer Weise verstorbene Tom Petty, welcher der Band in Sachen Haltung am nächsten stand. Als einer der Vertreter des sogenannten Heartland Rocks legte Petty nur selten Rockstarallüren an den Tag und versuchte vielmehr, seinem Publikum auf Augenhöhe zu begegnen. Ganz wie Pearl Jam.

So bescheiden war die Band, dass sie selbst während ihrer eigenen Welttournee im Jahr 2006 einen Platz im Vorprogramm akzeptierte – Hauptsache, sie konnten mit Petty und seinen Heartbreakers die Bühne teilen. Das taten sie dann auch, und zwar gemeinsam. Vedder sang gemeinsam mit Petty einige Stücke aus seinem Backkatalog, unter anderem auch I Won’t Back Down, das sich seit geraumer Zeit im Repertoire der Band befand. Den Song gemeinsam mit Petty selbst singen zu dürfen, gehört für ihn zweifelsohne zu einem der Highlights seiner langjährigen Karriere.


8. J. Frank Wilson & The Cavaliers – Last Kiss

Generell gesprochen hat kaum eine Band ihre Bewunderung für andere Künstler dermaßen offen dargelegt wie Pearl Jam. Manchmal lesen sich Setlists von Pearl Jam-Konzerten wie ein Who-Is-Who des Rockolymps, so viele Cover-Versionen ihrer Stifterfiguren sind darauf zu sehen. 1998 aber überraschte die Band mit einer mehr als ungewöhnlichen Nummer. Ursprünglich während eines Soundchecks aufgenommen, sollte ihre Interpretation der Wayne Cochran-Komposition Last Kiss eigentlich nie offiziell veröffentlicht werden und war lediglich für Fanclub-Mitglieder als Weihnachtssingle gedacht.

Doch Last Kiss fand seinen Weg ins Radio und wurde zum Überraschungshit. Das veranlasste die Band, deren Interpretation sich an der bekanntesten Version von J. Frank Wilson & The Cavaliers orientierte, dazu, sie 1999 als reguläre Single auf den Markt zu bringen. Die Einnahmen aus dem Verkauf wollte die Band jedoch nicht behalten und spendete das Geld lieber an Hilfsorganisationen für die Flüchtlinge des Kosovokriegs. Es ist bei weitem nicht das einzige Beispiel dafür, dass die Band ihre Popularität dazu nutzte, um auf Missstände hinzuweisen. Alle der Mitglieder sind auf die eine oder andere Art durch sozialpolitisches Engagement aufgefallen.


9. Ramones – I Believe In Miracles

Auch das ist ein weiterer Grund, weshalb Pearl Jam nie so richtig in die Grunge-Schublade gepasst haben. Wo es vielen ihrer Zeitgenossen um die Verarbeitung des eigenen Weltschmerzes und weniger um die Verbesserung eben jener Welt ging, wollten sie stets selbst aktiv werden. Das ist sicherlich auch mit ihrer engen Bindung an die Punk- und Hardcore-Szene der USA zu erklären, wo Anfang der achtziger Jahre ein neues politisches Bewusstsein seinen Ausdruck fand.

In Sachen Punk ist die wohl für Pearl Jam prägendste Band jedoch kaum mit politischen Slogans und vielmehr einer rotzcoolen Ästhetik aufgefallen. Die Ramones standen anders als britische Kollegen wie The Clash für – zumindest weitgehend – unpolitischen Spaß und die besten Hooklines diesseits der CGBG‘s-Toilette. Als die Band 2001 in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen wurde, trat Eddie Vedder ans Mikrofon und lieferte eine Laudatio ab, die sich gewaschen hatte. Ganze 17 Minuten sprach der Pearl Jam-Frontmann über seine Idole, mit denen er 1995 auf ihrer Abschiedstour die Bühne teilen durfte, um gemeinsam mit ihnen den Dead Boys-Klassiker Sonic Reducer zu covern. Die Ramones-Abschiedstour war bekanntermaßen nicht die letzte und auch Vedders Liebe zur Band ist kein Stück eingerostet: Ihr Song I Believe In Miracles ist nach wie vor fester Bestandteil seines Live-Repertoires.


10. Creed – With Arms Wide Open

Nach so vielen schwelgerischen Erinnerungen und schönen Stücken müssen wir aber mal auf den Boden der Tatsachen zurückkehren: Es war nicht immer alles gut. So dankbar wir Pearl Jam für all ihre Musik auch sein dürfen – nein, müssen! –, so ist auch ein wenig Kritik angebracht. Obwohl, können wir eine Band wirklich für ihre Epigonen verantwortlich machen? Nun ja. Ohne Zweifel lässt sich zumindest sagen: Creed wären uns erspart geblieben, hätte es Pearl Jam nie gegeben.

Von allen sogenannten Post-Grunge-Bands – darunter auch, grusel, Nickelback – orientierte sich das Quartett aus Florida am deutlichsten an Pearl Jam. So sehr, dass sie ständig auf die Parallelen zwischen ihrer Musik und den ungleich größeren Pearl Jam angesprochen wurden. Auf dem Höhepunkt ihrer Karriere stieg der Erfolg dem Creed-Bassisten Brian Marshall wohl zu Kopf. „Eddie Vedder wünscht sich, er könnte so schreiben wie Scott Stapp“, protzte er über den eigenen Sänger. „Ich liebe Pearl Jam, aber ich verstehe nicht, welche Richtung sie da eingeschlagen haben. Wenn du dir ihre Albumverkäufe und die Fans anschaust, wird deutlich, dass es mit ihnen bergab geht“. Komisch nur, dass Pearl Jam sich bis heute gehalten haben – und was machen eigentlich Creed gerade so? Eben. Es geht doch nichts über das Original.


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