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Popkultur

Die musikalische DNA von Rush

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Rush haben sich ihren Namen gut ausgesucht. Denn ihre Musik klingt so schnell, komplex und ausgedehnt, als wäre sie im Rausch eingespielt. Vor allem aber rauschten sie stets mit vollem Karacho an der Konkurrenz vorbei. Die Stilwechsel der kanadischen Band sind legendär: Von Blues-inspiriertem Rock ging es in härtere Gefilde, dann wurde plötzlich auf Reggae, Funk und sogar Hip Hop oder Jazz umgeschwenkt – und vergessen wir ihre legendären Synthesizer-Phase nicht! Kein Wunder, dass bei dem Tempo so mancher Vorwurf laut wurde, Rush hätten sich mit 180 Sachen total verfahren. Um die Jahrtausendwende herum sah es dann tatsächlich so aus, als wäre Rush der Sprit ausgegangen.


Hört euch hier die musikalische DNA von Rush als Playlist an und lest weiter:


Aber Alex Lifeson, Geddy Lee und Neil Peart, die seit Anfang der siebziger Jahre nach einigen personellen Umschwüngen den Kern der Band bilden, haben sich wieder aufgerappelt. Was sie angetrieben hat? Dasselbe wie damals schon, dasselbe wie immer: eine unerbittliche Liebe zur Musik. Und das gerne auch in ihrer komplexesten Form. Rush ist eine Band von Virtuosen, die noch jede andere in den Schatten stellt. Sie sind zu dritt und klingen wie mindestens acht – wer kann das schon von sich behaupten?

Ihrer manchmal abrupten Stilwechsel zum Trotz sind Rush dennoch ihren Wurzeln treu geblieben. Das heißt der Musik, die sie von Anfangstagen an begeisterte. Werfen wir also einen Blick auf die musikalische DNA dieser sich ständig wandelnden Band.


1. Cream – Crossroads (Live At Winterland, San Francisco 1968)

Was braucht’s eigentlich für eine Rock-Band? Na klar: Gitarre, Schlagzeug, Bass und ein Mikro sind die Grundausstattung. Während sich diese Formel bei den meisten anderen Gruppen in einer Vierer- oder Fünferkonstallation niederschlägt, haben es Rush von Anfang an als Trio versucht (und, nebenbei gesagt, auf dem Weg noch ganz andere Instrumente ausprobiert). Ein Vorbild, wenn nicht sogar eine direkte Inspiration fanden sie dafür im vielleicht bekanntesten Rock-Trio überhaupt: Cream.

„Cream haben das Blues-Rock-Trio quasi erfunden“, sagte Geddy Lee, als er für das Musikmagazin The Quietus seine Lieblingsalben aufzählte und dabei Creams bahnbrechendes Album Disraeli Gears nicht vergaß. Nachdem er ein Konzert von Eric Clapton, Ginger Baker und Jack Bruce besuchte, wusste der junge Bassist: So eine Band wollte er auch. Er sollte sie bekommen und Rush dankten ihren Vorbildern mit musikalischen Grüßen. Für das Cover-Album Feedback nahmen sie sich Creams Version von Robert Johnsons Blues-Standard Crossroads vor. Eine doppelte Würdigung, mit welcher die Band zugleich den Wurzeln der Blues-Musik Tribut zollte.


2. Buddy Holly – Not Fade Away

Bevor es aber soweit kommen sollte, nahmen Rush – damals noch Lifeson, Lee und Drummer Lee Rutsey – ihre erste Single auf und fuhren damit höchstens Schulterzucken ein. Ihr Cover von Buddy Hollys Not Fade Away kam nicht sonderlich gut bei der breiten Öffentlichkeit oder gar der Kritik an. Selbst ihr eigenes Plattenlabel zeigte den drei jungen Musikern die kalte Schulter. Entmutigen ließen sie sich dennoch nicht und nahmen die Sache einfach selbst in die Hand, indem sie ihr eigenes Label gründeten: Moon Records.

Das wäre wohl ganz im Sinne des unternehmungslustigen Buddy Holly gewesen, dessen überlebensgroßes Talent wir viel zu früh verloren haben. Er lebt weiter in Rushs solider Interpretation des prophetisch betitelten Songs Not Fade Away. Dem Cover wurde auf der Single die erste Eigenkomposition der Band nebenan gestellt, You Can’t Fight It. Und obwohl eben jene Single sich nur schleppend verkaufte: Heute ist sie ein begehrtes Sammlerstück. Mit ihrer ersten LP auf Moon Records überzeugten Rush übrigens dann endgültig die Öffentlichkeit von ihrem Talent. Danach rissen sich die Plattenfirmen um sie. So kann’s laufen!


3. Led Zeppelin – Communication Breakdown

Aber natürlich wurde dennoch gelästert. Die klingen doch wie ein schlechter Led Zeppelin-Abklatsch, hieß es 1974 in der Musikpresse, als Rush stolz ihr erstes Album präsentierten. Zugegeben, ganz unrichtig war der Vorwurf nicht: Led Zep sind ohne Frage die größte Referenz für Rush. Das waren sie schon seit Langem, wie Lee in einem Interview verriet. „Led Zeppelin kamen nach Toronto“, erinnerte er sich. „Ich blieb die ganze Nacht wach, um Tickets zu ergattern. Wir waren sehr jung und deshalb so fahrig und wir sogen alles in uns auf. Dann hörte ich Communcation Breakdown ein der Groschen fiel. Das war mein Punkrock!“

Lee ist aber nicht das einzige Rush-Mitglied, dem es so ging. So wie er Robert Plants markantem Kreischgesang nacheiferte, gab Lifeson Jimmy Page als eine Inspiration für sein Gitarrenspiel an und auch Peart nannte den früh verstorbenen John Bonham als eines seiner Drum-Idole. Neben Cream und Black Sabbath waren Led Zeppelin allerdings bei weitem nicht die einzige britische Hardrock-Band, die für Rush ausschlaggebend werden sollten.


4. The Who – Pictures Of Lily

Dem explosiven Sound Led Zeppelins ging der von The Who voraus. Als Rush auch dieser Band mit einer Cover-Version ihre Ehrerbietung erwiesen und für Feedback das Stück The Seeker neu interpretierten, bedeutete dies eine überfällige Verbeugung vor den schnoddrigen britischen Legenden. „Pete Townshend ist für mich der ultimative Rockmusiker“, schwärmte Lee und Lifeson nannte den Who-Mastermind den „größten Songwriter der Rockgeschichte“.

„The Who waren immer einer der Haupteinflüsse für alles, was Rush jemals gemacht haben, und das von Anfang an“, gab Lifeson in einem Interview mit dem Magazin Classic Rock zu. Vor allem aber zog er seinen Hut vor Townshend. „Er brachte mir bei, dass es selbst für einen großen Musiker in Ordnung ist, zuzugeben, nicht unfehlbar zu sein. Das ist eine herausragende Eigenschaft, die wir bei Rush nie vergessen haben.“ Auf die Frage hin, in welchem Who-Song Townshends Genie am deutlichsten wurde, konnte er sich dementsprechend schlecht festlegen. „Letzten Endes wären Pictures Of Lily, I Can’t Explain oder Run, Run, Run in der engeren Wahl. Sie sind alle so verschieden, aber sie haben diesen unverwechselbaren Townshend-Charakter.“


5. Genesis – The Musical Box

Derweil Led Zeppelin, The Who, Black Sabbath oder Cream vor ihnen schon die Grenzen der Rock-Musik ausgetestet hatten, war es ein anderer Strang von britischen Bands, die das Genre auf ein neues Level heben sollten. King Crimson, Jethro Tull, Yes und vor allem Genesis veröffentlichten Alben, wie sie zuvor noch nie gehört wurden. Allein der Opener von Genesis’ bahnbrechender LP Nursery Cryme schien eine wahre Revolution auszurufen. Mit seinen komplexen Arrangements, seinem innovativen Umgang mit dem herkömmlichen Rock-Instrumentarium und den fantastischen Lyrics Peter Gabriels legt The Musical Box die Messlatte für anderen Rock-Bands umso höher. Rush eingeschlossen.

„Damals habe ich zuerst den Grundgedanken hinter einem Konzeptalbum begriffen und dass es abenteuerlich und lebendig sein kann, statt zu langweilen“, sagte Lee über Nursery Cryme. „Es ist eine spielerische und faszinierende Platte. Ich habe den Sound geliebt. Ich war total verzaubert davon und wollte unbedingt wissen, wie sie das angestellt haben. Das ist ein Teil der Wurzeln von Rush. Der Gedanke eines flexiblen Konzepts.“ Dieses setze das Trio zuerst auf dem Album Fly By Night im Jahr 1975 um, vier Jahre nach Nursery Cryme. Gut Ding will Weile haben.


6. Pink Floyd – Echoes

Ende der siebziger Jahre zogen Rush sogar nach Großbritannien, um dort die beiden Alben A Farewell To Kings (1977) und Hemispheres (1978) aufzunehmen. Der Sound wurde immer komplexer und obskurer, was sich auf ihre Auseinandersetzung mit der britischen Prog-Rock-Szene zurückführen ließ. Die Songs wurden länger, das Instrumentarium breiter. Zwischen zwölfsaitigen und klassischen Gitarren, exotischen Percussion-Elementen und brutzelnden Effektgeräten begannen sich auch immer mehr Synthesizer wie etwa der ikonische Minimoog in das Klangbild einzuschleichen. Ein Trend, der in den achtziger Jahren zum Markenzeichen der Band werden sollte.

Während sich Lifeson später von Gitarristen wie Andy Summers von The Police oder The Edge von U2 Inspiration holen sollte und erst nach dem Comeback der Band im Jahr 2002 wieder mit seiner Gitarre in den Vordergrund trat, waren es in den siebziger Jahren noch drei Gitarristen, die ihn beeinflussten: Steve Howe von Yes, Steve Hackett von Genesis und David Gilmour von Pink Floyd. Bezüglich Gilmour gab Lifeson zu, dass dieser zwar am Blues orientiert war, betonte aber zugleich die atmosphärischen Qualitäten seines Spiels: „Wie er Räume aufmacht und Stimmungen erzeugt“, schwärmte Lifeson. Da stimmt ihn auch Kollege Lee zu, der Meddle zu seinen Lieblingsalben zählt. Denn was wäre das 23minütige Echoes auch schon ohne Gilmours fantastische Leads?


7. Jimi Hendrix – Are You Experienced?

Noch weiter zurück geht Lifesons Beschäftigung mit Jimi Hendrix. „Ich würde zwar sagen, dass Jimmy Page während meiner Jugendzeit der größte Einfluss für mich war“, sagte er in einem Interview. „Sicherlich jedoch war Hendrix einfach unglaublich, aber ich habe nie auch nur angenommen, jemals so wie er zu spielen können!“ Kollege Lee stimmte zu: „Ich hatte noch nie so etwas gehört“, sagte er über Hendrix’ Are You Experienced?-Album. „Das zeigte erneut, wie viel Kraft und Potenzial in einer Dreier-Band steckt.“

Nicht aber nur für den Gitarristen und den Bassisten der Band wurde das Album zu einem persönlichen Meilenstein. „Eines Samstagmorgens während meines Schlagzeugunterrichts am Peninsula-Konservatorium in St. Catharines in Ontario spielte mir mein Lehrer eine Platte vor und sagte dann zu mir: ‚die hier verändert einfach alles.‘“, erinnerte sich Peart. „Es war Jimi Hendrix’ Are You Experienced? mit Mitch Mitchells kunstvollem und innovativem Drumming.“ Das dürfen Rock-Fans eben nie vergessen: Auch wenn eine tolle Gitarrenarbeit zu einer guten Platte unbedingt dazugehört, das Fundament wird immer vom Schlagzeug gelegt.


8. James Brown – Funky Drummer

Rush waren nämlich immer auch eine sehr rhythmisch orientierte Band. Nicht allein, als sie während ihrer Prog-Phase mit ungewöhnlichen Taktarten experimentierten, versteht sich. Sie wandten sich auch während der achtziger und neunziger Jahre wiederholt anderen Genres zu, die die Dinge betont langsamer und auf den Groove fokussierter angingen. Neben Reggae nahmen Rush auch Funk- und sogar Hip Hop-Elemente in ihren Sound auf. Wer hätte es Mitte der Siebziger noch gedacht?

Nun, tatsächlich war der Funk schon immer da. „Als ich anfing, spielte ich in Rhythm’n’Blues-Bands“, erinnerte sich Peart an seine frühen Tage als Drummer. „Ich spielte James Brown, Wilson Pickett, Otis Redding und all sowas. Während unserer Kindheit war Blue-Eyed Soul das große Ding in Toronto. Alle wichtigen Bands hatten tolle Drummer und spielten eben diese Musik. Wir wuchsen also damit auf und ich beziehe mich immer wieder darauf, weil es sehr prägend für uns war.“ Da haben wir es also: Peart ist im Herzen ein Funky Drummer!


9. Charlie Parker – Summertime

Rush haben aber nicht nur für Funk etwas übrig, sondern auch für Jazz. Wieder ist es vor allem Peart gewesen, der während der neunziger Jahre den Ausschlag für einen erneuten Kurswechsel gab. Auf dem Album Roll The Bones aus dem Jahr 1992 wird der Jazz-Einfluss im Stück Where’s My Thing? wohl am deutlichsten. Nicht wenige sehen in dem gut vierminütigen Song den Schlüssel für das gesamte Schaffen der Band während der neunziger Jahre: endlich wurde sich wieder auf das Potenzial der gewohnten Dreierkonstellation konzentriert. Das sollte solange gut gehen, bis Peart von unerwarteten Tragödien heimgesucht wurde: Nach der Veröffentlichung der Test For Echo-LP anno 1996 und der anschließenden Tour starb zuerst seine Tochter Selena bei einem Autounfall, 1998 erlag seine Frau Jacqueline ihrem Krebsleiden.

Vor diesem schwerwiegenden Wendepunkt in Pearts Leben und der Karriere der Band, die nach dem Schicksalsschlag für mehrere Jahre auf Eis lag, war es der Schlagzeuglehrer Freddie Gruber, der Pearts Spiel in eine neue Richtung trieb und dem Trio somit mehr Jazz einimpfte. Gruber verdiente sich seine Sporen in der Bebop-Szene der vierziger und fünfziger Jahre, sogar bei Charlie „Bird“ Parker saß er hinter der Schießbude. Seine wahre Berufung fand er allerdings als Mentor für andere. Zwischen den Alben Counterparts und Test For Echo brachte er Peart einige Jazz- und Swing-Kniffe bei, wie er sie seinerseits während seiner Anfangstage mit Parker und anderen gelernt hatte.


10. Dream Theater – The Looking Glass

Als Rush 2002 wieder die Bühne erklommen und mit Vapor Trails ein furioses Comeback-Album hinlegten, hagelte es selbstverständlich wieder böse Worte. Das Online-Magazin des Musiksenders MTV spöttelte sogar, die Band würde nunmehr wie Tool klingen. Dabei ist es doch genau anders herum! Als Rush 2013 die längst überfällige Aufnahme in die Rock and Roll Hall of Fame feierten, tummelte sich auch Danny Carey von den rüpeligen Prog-Metallern im Publikum, und als Gitarrist Adam Jones nach Jahren einen handgeschriebenen Zettel des kanadischen Trios in seinem Gitarren-Case fand, zeigte er sich in einem Instagram-Post mehr als gerührt: #heroes, schrieb er in seinem Dankespost an Rush.

Tool sind nicht die einzige Prog-Band der jüngeren Generation, die Rush zu ihren Helden zählen. “Wenn ich eine absolute Lieblingsband auswählen müsste, dann wären es Rush”, gestand John Petrucci von Dream Theater gegenüber dem Magazin GuitarWorld. “Als ich 2112 entdeckte, eröffnete mir das die Idee davon, dass Rock-Musik so viel größer sein kann – dass es ein Mittel sein kann, eine Story zu erzählen oder dich in eine andere Welt zu versetzen.” Kaum verwunderlich, dass sich seit Jahren immer wieder Rush-Titel auf den Setlists von Dream-Theater-Konzerten fanden. Ihr Song ist ein mehr als direkter Tribut an die kanadischen Kollegen.


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