MALCOLM YOUNG – NACHRUF AUF EINEN ROCKGIGANTEN

November 20, 2017
in Category: Popkultur



MALCOLM YOUNG – NACHRUF AUF EINEN ROCKGIGANTEN

MALCOLM YOUNG – NACHRUF AUF EINEN ROCKGIGANTEN

Einfache Dinge können am schwersten sein. Dazu gehört auch die Rock’n’Roll-Rhythmusgitarre. Malcolm Young war ein Meister darin. Am 18. November ist der AC/DC-Gründer im Alter von 64 Jahren gestorben. Ein Nachruf auf einen Giganten des Rock von Christof Leim.


Hört hier die besten AC/DC-Songs:


Malcolm Young stand meistens im Hintergrund, links neben dem Schlagzeug, Haare im Gesicht, mit einem rhythmischen Zucken im Bein, während vorne sein Bruder Angus in einer Schuluniform über die Bühne fegte. Doch Malcolm war das Herz von AC/DC, der Motor, von ihm stammt die Vision, die die australische Starkstrom-Brigade zur besten Rock’n’Roll-Band der Welt gemacht hat. Denn AC/DC liefern seit jeher unbeirrbar den puren, den guten Stoff: Rock mit einem ganz großen „R“ und einem unfassbaren Beat, grundehrlich, hochenergetisch und ohne jedweden Ballast. Exakt so hat Malcolm Young zeitlebens seine Gitarre gespielt. mit einem knackharten Anschlag direkt auf den Punkt. Diesen Groove kann man nicht lernen und nicht nachmachen. AC/DC nehmen die Essenz des frühen Wegbereiter wie Chuck Berry, Buddy Holly und Little Richard, hören gut zu bei Elvis und den Rolling Stones und verpassen dem Ganzen einen saftigen Energieschub. Dieses Ding ziehen AC/DC durch wie eine Dampflok , es ändern sich nur die Nuancen, nie die Grundlage.

Dabei liefern sie reihenweise Klassiker ab: Das 1980er-Epos Back In Black gehört zu meistverkauften Alben aller Zeiten, und wer Highway To Hell oder You Shook Me All Night Long nicht kennt, muss einige Dekaden unter einem Stein gelebt haben. Malcolm führt dabei die Band durch die Jahrzehnte, durch 17 Alben und über die ganze Welt. Zum aktuellen Rock Or Bust (2014) steuert er noch Ideen bei, mitspielen kann er da schon nicht mehr. Nach einer Herzoperation und Lungenkrebserkrankung muss er wegen fortschreitender Demenz in ein Pflegeheim in Sydney. Seinen Posten an der Gitarre übernimmt seitdem Stevie Young, ein Neffe der beiden Brüder. AC/DC sind und bleiben ein Familienunternehmen. Zu Malcolms Tod schreibt Angus: „Mit großer Hingabe war Malcolm die treibende Kraft hinter der Band. Als sein Bruder kann ich schwer in Worte fassen, was er für mich mein Leben lang bedeutet hat. Unsere Verbindung war einzigartig. Sein Vermächtnis wird ewig weiterleben.“ Malcolm hinterlässt seine Ehefrau O’Linda und die Kinder Ross und Cara sowie drei Enkel.


Immer geradeaus

Geboren wird Malcolm Young am 6. Januar 1953 in Glasgow in Schottland. Als er zehn Jahre alt ist, wandert seine Familie mit den acht Kindern nach Australien aus. Musik gehört dort schon früh zum Leben, denn der große Bruder George Young gehört zu den australischen Sixties-Popstars The Easybeats. Ruhm, Reichtum und schreiende Mädels beeindrucken Malcolm natürlich, also schmeißt er mit 15 die Schule, jobbt in einer BH-Fabrik und will fortan lieber Musik machen. Er spielt bei diversen Bands, kommt aber nicht so recht vorwärts. Deshalb gründet er im November 1973 seine eigene Kapelle und nimmt auch seinen zwei Jahre jüngeren Bruder Angus hinzu. An Silvester stehen AC/DC zum ersten Mal auf der Bühne, ab jetzt lautet der Kurs „Weltherrschaft“. Zielstrebig verfolgen die beiden nicht mal 1,60 Meter großen Young-Brüder dieses Ziel, gespielt wird in jeder Kneipe und an jeder Steckdose, immer mit Vollgas. Wer nicht mithalten kann, muss gehen.

Die ersten beiden Alben High Voltage und T.N.T. erscheinen 1975 nur in Australien, eine Compilation daraus schlägt ein Jahr später als High Voltage in Europa auf. Nach und nach nimmt der Rest der Welt Notiz von den ruppigen Krachmachern von „Down Under“, und die Band siedelt nach London über und landet 1979 mit Highway To Hell einen Treffer. Am 19. Februar 1980 stirbt Sänger Bon Scott in London an den Folgen eines massiven Saufgelages, und es ist Malcolm, der Bons Eltern in Australien benachrichtigt.


In Schwarz auf den Rockolymp

Lange steht die Rock-Maschine nicht still: Mit neuem Frontmann Brian Johnson geht es weiter. Back In Black (1980) wird zum Triumph und verkauft sich weltweit über 50 Millionen mal. Jetzt sind AC/DC nicht mehr zu stoppen. Malcolm ist dabei der Anführer, er trifft die letzte Entscheidung und lässt sich durch nichts vom Weg abbringen. Er bestimmt, wann mit der Presse gesprochen und wann Alben aufgenommen werden. Vor allem hält er die Band auf Kurs, ungeachtet aller Trends und ohne musikalische Experimente. Die Songs schreiben Malcolm und Angus gemeinsam, seit The Razors Edge (1990) sogar alle Texte. Und die bleiben so bodenständig wie die Musiker, es geht um Lebensfreude, Sex und Feierei oder die bluesige Kehrseite davon. Als die Beastie Boys 1985 eine Sequenz aus Back In Black verwenden wollen, erteilt Malcolm ihnen eine Absage: „Nichts gegen euch Jungs, wir halten nichts von Sampling.“

Das gleiche gilt für Promikult und High-Society-Theater: Man sieht die Musiker nie auf Glitzerveranstaltungen, roten Teppichen oder gar in Modemagazinen. Jeans, Shirt und Turnschuhe reichen vollkommen aus, damals wie heute. Jeder Schnickschnack ist AC/DC fremd, die Band pflegt eine bodenständige Arbeitseinstellung und geht zum Stadionkonzert mit 50.000 Leuten wie andere Leute zur Schicht.


Zwangspause und neue Triumphe

Auf der Tour zu Blow Up Your Video (1988) muss Malcolm eine Pause einlegen und wird zum ersten Mal durch Stevie Young ersetzt. Offiziell will sich der Musiker um seinen kranken Sohn kümmern, doch in Wahrheit erfordert jahrzehntelange Sauferei ihren Tribut. Mehr erfährt man jedoch nicht, AC/DC halten damals wie heute ihr Privatleben von der Öffentlichkeit fern. Zur nächsten Platte The Razors Edge (die mit Thunderstruck) steht Malcolm wieder mit seiner Gretsch neben dem Drumkit. Mittlerweile gehören AC/DC zu den größten Bands der Welt, sogar Metallica spielen 1991 vor den Australiern. Nur noch einmal geben die Gebrüder Young und ihre Jungs selbst die Vorgruppe, nämlich 2003 für die von ihnen verehrten Rolling Stones.

2008 steigt das Album Black Ice dann in sage und schreibe 29 Ländern auf Platz Eins ein und beschert der Band eine Grammy-Auszeichnung. Doch Malcolm Young bekommt zunehmend Probleme mit seinem Gedächtnis: Auf der Tour muss er immer wieder Lieder üben, die er selbst geschrieben hat. Das zieht er solange durch, wie er kann – bis es einfach nicht mehr geht. Seit September 2014 lebt Malcolm deshalb in einem Pflegeheim. Laut Angus freut er sich immer noch über Musik, erkennt viele Menschen aber nicht mehr.

AC/DC nehmen daraufhin mit Malcolms Einverständnis Rock Or Bust mit Stevie Young an der Gitarre auf und touren um die Welt, zuletzt mit W. Axl Rose am Mikro. Mittlerweile steht Angus als letztes Originalmitglied auf der Bühne. Wie es mit AC/DC weitergeht, weiß nur er.


Die Rocker trauern

In der Rock-Welt herrscht große Trauer nach Malcolms Youngs Tod. Unzählige musikalische Helden bringen zum Ausdruck, wie sehr sein Gitarrenstil, sein Songwriting und seine Haltung sie geprägt haben. Dabei sind sich die besten Rockmusiker der Welt einig, dass nur ganz wenige gibt, die an der Rhythmusgitarre an Malcolm Young heranreichen können. Lars Ulrich von Metallica schreibt: „Malcolm, Danke für, dass du ein wichtiger Teil im Soundtrack meines Lebens warst. Deine Musik ist die Definition von zeitlos und inspirierend.“ Guns N’ Roses-Zylinderkopf Slash (Guns N’ Roses) spricht von einem „monumental traurigen Tag für den Rock’n’Roll“, Eddie Van Halen veröffentlicht: „Malcolm Young war mein Freund, das Herz und die Seele von AC/DC.“

Fest steht: Das Vermächtnis von Malcolm Young wird Bestand haben. Besser, lauter, aufregender kann man Rock’n’Roll nicht spielen. Ruhe in Frieden, Malcolm.


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