Reggae made in Germany – Von Kingston nach Berlin

February 12, 2015
in Category: Popkultur



Reggae made in Germany –  Von Kingston nach Berlin

Reggae made in Germany – Von Kingston nach Berlin

Was kommt einem bei Künstlern wie Seeed, Gentleman, Patrice, Peter Fox, Jan Delay, Ayo oder Nosliw als erstes in den Kopf? Richtig! Sie produzieren Musik made in Germany. Noch was? Sicher, denn sie machen allesamt Reggae. Der Musikstil, der auf Jamaika entstand und tief mit der dortigen Kultur verwurzelt ist, kam Ende der 1980er Jahre auch nach Deutschland, nachdem es in Großbritannien und den USA bereits relativ verbreitet war – was nicht zuletzt dem legendären Bob Marley als Anführer des internationalen Siegeszuges des Reggae zu verdanken war. Heute ist der jamaikanische Feel Good-Sound aus unserer Popkultur nicht mehr wegzudenken, anfangs genannte Künstler gehören zu den erfolgreichsten des Landes. Doch wie kam es dazu, dass die lässigen Rhythmen, die ursprünglich in der karibischen Kultur verwurzelt sind, so großen Anklang in der deutschen Musikwelt fanden und mittlerweile Teil unserer kulturellen Identität geworden sind?

Die Anfänge auf dem Summerjam Festival

Summerjam

Quelle: Summerjam.de

Drehen wir doch die Jahre ein wenig zurück und halten 1986 einmal an: Tausende Menschen pilgern ins beschauliche St. Goarshausen im Rheinland, um beim ersten deutschen Reggae Festival – dem Jamaica Reggae Sunsplash – auf dem Loreleyfelsen dabei zu sein. Das Festival, das später unter dem Namen Summerjam zum wichtigsten Treffpunkt der Reggaeszene in Europa wird, ist in seinen Anfängen tatsächlich ausschließlich von der Musiker karibischer und afrikanischer Künstler geprägt. In den Folgejahren wächst das Summerjam ununterbrochen weiter und die deutsche Reggaeszene macht es zu ihrem wichtigsten Treffpunkt. Es wird sich ausgetauscht über die neuesten Entwicklungen, Expertenwissen zusammengetragen und Fans frönen der Reggaekultur, ein ganzes Wochenende lang. James Brown, Ziggy Marley, I-Three oder Bunny Wailers sind nur einige wenige der großen Namen, die das Summerjam bereichern. Nach und nach gesellen sich auch andere Genres wie World Music, Dub und Dancehall in das Line-Up des Festivals, Künstler aus UK oder den USA bringen ihre Einflüsse und Neuinterpretationen des Sounds mit und auch der Hip Hop findet Einzug in die Subkultur. Rund zehn Jahre und einen Umzug an den Kölner Fühlinger See später, machen Mitte der 90er auch die ersten deutschen Reggae-Acts von sich reden. Zur gleichen Zeit sprießen weitere Festivals aus dem Boden. So das Reggae Jam im niedersächsischen Bersenbrück oder der Chiemsee Reggae Summer.

 

Traditioneller Reggae à la Pow Pow Movement und Gentleman

Die Stadt Köln ist also das Epizentrum einer wachsenden Reggaeszene in den 90er Jahren. Hier formiert sich auch das bekannteste deutsche Sound System Pow Pow Movement, das fortan wöchentliche Parties im Petit Prince Nachtclub veranstaltet. Die Subkultur blüht zu der Zeit, als ein neuer MC beim Pow Pow Movement anheuert und dort das Mikrofon übernimmt: Tillmann Otto, ein junger Osnabrücker, der sich später den Alias Gentleman gibt, unter dem er seine erfolgreiche Solokarriere startet. Als 17-Jähriger reist Tillmann bereits nach Jamaika, um sich vom dortigen Lebensgefühl und der Reggaekultur anstecken zu lassen. Durch den Kontakt zur Max Herres Hip Hop Formation Freundeskreis und seinem Featuring bei ihrem Song Tabula Rasa wird die Musikindustrie auf ihn aufmerksam. Gentleman fällt vor allem durch seinen sehr authentischen Umgang mit dem Reggae auf. Er hält sich an die Tradition, singt auf Englisch und Patois, seine Vorbilder sind Bob Marley oder Dennis Brown und auch sein Glaube an Gott kommt in seiner Musik stark zum Ausdruck – der Titel seines Debutalbums Journey to Jah (Jah ist Patois und bedeutet Gott) weist darauf hin. Mittlerweile hat er sechs Studioalben veröffentlicht, unter ihnen die Charterfolge Confidence (2004) und Diversity (2010) inklusive Hits wie ‚Superior’, ‚Intoxication‚ oder ‚To The Top’, wobei letzteres dominante Elektro-Pop Einflüsse hat. Erst kürzlich wurde Gentleman eingeladen, als erster Reggaemusiker ein Konzert in der legendären MTV Unplugged Reihe im Kölner Stadtgarten zu spielen, das er mit vielen nationalen und internationalen Künstlern bestritt.

Die neue Generation des deutschen Reggae

Neben Traditionalisten wie Gentleman bringt die deutsche Szene allerdings auch junge Künstler hervor, die sich zwar dem Reggae als Musikstil verschreiben, aber auch im Umfeld anderer Genres wie dem Hip Hop aufgewachsen sind. Zudem sind sie nicht so grundlegend mit den Wurzeln der Reggaekultur verbunden, schätzen aber die Facetten der Musik und ihr Ausdruckspotential. Sänger Patrice zum Beispiel zählt neben Bob Marley auch Bob Dylan zu seinen Einflüssen. Mit seiner Musik, die Elemente aus Reggae, Soul und Funk miteinander verbindet, schuf er sich eine eigene Identität als Künstler. Seine Alben zeugen nicht nur von besonderer Kreativität sondern auch von leidenschaftlicher Experimentierfreunde.



Soulstorm von Patrice
Ein weiteres Beispiel für einen offeneren Umgang mit Reggae ist die Hip Hop Kombo Seeed. Zwar kommen die Berliner Jungs im Gewand eines Sound Systems daher, doch verbinden sie ganz bewusst Reggae und Dancehall mit deutschem Rap und Elektro Elementen. Und sie singen auf Deutsch, tauschen damit die karibische Authentizität gegen ihre höchst eigene ein und verbinden den Wortwitz des Rap mit lockeren Offbeat-Rhythmen. Auf den Triumphzug des deutschsprachigen Reggae springen dann auch andere Künstler auf. Unter ihnen der Frontmann der Absoluten Beginner, Mr. Jan Delay auf Solopfaden, der 1999 Nenas Irgendwie, Irgendwo, Irgendwann als Reggaeversion coverte. 2001 dann sein erstes Studioalbum Searching For The Jan Soul Rebels, das er mit der Hamburger Sam Ragga Band aufnahm. Viele Künstler der jüngeren Generation stempeln den Musikstil jedoch nicht einfach als „Sunshine Reggae“ ab, der mit beliebigen Genres vermischt und mit wahllosem Inhalt angefüllt werden kann. Viele von ihnen sehen noch immer das sozialkritische Potential dieser Musik, die ursprünglich als Sprachrohr der religiösen Rastafari-Bewegung Jamaikas kritische Töne an die westliche Welt richtete.

Heute ist der Reggae fester Bestandteil unserer Popmusiklandschaft und des Mainstreams was am Line-Up des Summerjams, das mittlerweile so viele Besucher verzeichnet wie nie zuvor, abzulesen ist. Dieses Jahr waren Acts wie Marteria, Left Boy, Miss Platnum oder Milky Chance dabei, die derzeit auch die deutschen Charts bevölkern.

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