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Popkultur

„The Dirt“: Was taugt der Mötley Crüe-Film?

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Am 22. März 2019 startet The Dirt auf Netflix. Der Film erzählt die unglaubliche Geschichte von Mötley Crüe, was bedeutet: Sex, Drogen und Rock’n’Roll, außerdem Spaß, Spannung und ein Quäntchen Selbstironie. Wie Bohemian Rhapsody mit mehr Koks und nackten Tatsachen, könnte man sagen. Wir konnten den Streifen vorab sehen, und jetzt endlich dürfen wir darüber sprechen. Hier kommt unsere Filmkritik.

von Christof Leim

Hört hier in den Soundtrack von The Dirt rein:

Klickt auf „Listen“ für das ganze Album.

Als Mötley Crüe 2001 ihre Autobiografie The Dirt rausbringen und es damit sogar auf die Bestseller-Liste der New York Times schaffen, haben sie nicht nur Millionen an Platten verkauft. Nikki Sixx, Tommy Lee, Mick Mars und Vince Neil haben eine Dekade mitdefiniert. Die vier Musiker zählen zu den Vätern des Hard Rock der Achtziger samt all seiner Exzesse, Riesenrefrains und Giganto-Shows. Wo Mötley Crüe drauf steht, war immer Rock’n’Roll-Spaß drin, aber auch ordentlich Drama und Zerstörung: Wenn nur die Hälfte der Geschichten im Buch stimmt, dann kann man nachträglich vor lauter Überdosen, Hollywood-Ehen, Porno-Tapes und allgemeiner Dysfunktionalität schon ein bisschen Schnappatmung bekommen. Und ganz falsch wird das alles nicht sein…

Professionelle Krawallmacher: die echten Mötley Crüe 1982 – Pic: Mark Weiss

Der Film

Den ganzen Wahnsinn können wir jetzt als Film bestaunen: The Dirt heißt das Biopic, das ab 22. März 2019 auf Netflix zu sehen ist – und zwar genau hier. Der Streifen erzählt die Geschichte der Band vom ersten Treffen zwischen Nikki Sixx und Tommy Lee 1981 bis zur Wiedervereinigung des originalen Line-ups 1997 (nach zwischenzeitlichem kurzen Wechsel an der Sängerposition). Die Story läuft schnell und laut voran, der gesamte „Tonfall“ ist wild und locker, oft lustig, manchmal melodramatisch – und fast immer ordentlich plakativ und großzügig überzeichnet: “Spinal Bohemian Tapsody”, wenn man so will. Filmisch und handwerklich wirkt das einfacher als die offensichtlichen Referenzwerke, verleiht The Dirt aber durchaus comichaften Schwung. Szenehistorische Referenzen und die passende Musik finden sich dabei eine Menge; das Ding handelt nicht nur von Rock’n’Roll, es klingt auch so. Natürlich mussten die Drehbuchschreiber die Handlung straffen und können nicht jede Station der Bandgeschichte im Detail runterbeten. Es gilt wohl die alte Weisheit: Die beste Vorlage für einen Film ist eine Kurzgeschichte, es sei denn, man hat sechs Stunden Zeit.



Musikfreaks wie wir mögen sich daran stören, dass die Chronologie oder ein paar biografische Fakten nicht immer hundertprozentig stimmen und mitunter der Dramaturgie angepasst wurden. Aber schon beim Queen-Biopic Bohemian Rhapsody merkte man: Wer zu nerdig rangeht und einen gefilmten Wikipedia-Artikel erwartet, nimmt dem Regisseur die Möglichkeit, die Geschichte spannend zu erzählen, und sich selbst den Spaß am Film. Solange solche Straffungen und Simplifizierungen der Gesamtwirkung dienen, lassen sie sich verkraften, und The Dirt nimmt sich nicht zu viele Freiheiten heraus. Mit den unvermeidbaren Notwendigkeiten des Drehbuchschreibens gehen die Macher  in einer Szene angenehm ironisch um: 1983 heuerten Mötley Crüe die Manager Doc McGhee und Doug Thaler an. Letzterer beziehungsweise sein Alter Ego wird aber nur kurz gezeigt und löst sich in der gleichen Einstellung förmlich in Luft auf. (Vielleicht, weil der der echte Thaler nicht Teil des Films sein wollte.) Daraufhin blickt „Mick Mars“ in die Kamera und sagt: „Die Geschichte ohne ihn ist genauso gut.“ Fertig.

„Nikki“, „Vince“, „Mick“ & „Tommy“: die Crüe der Leinwand – Pic: Netflix

Wenn also ein Shirt aus der Dr. Feelgood-Ära im Kontext einer viel früheren Platte auftaucht oder von einer Band (Skid Row) die Rede ist, die es zu dem Zeitpunkt der Handlung (1984) noch gar nicht gegeben hat, dann lässt sich darüber gut hinwegsehen. Aber immerhin gibts für uns damit Nerd-Punkte beim nächsten Rock’n’Roll-Stammtisch.

Die Schauspieler

Grundsätzlich allerdings geht The Dirt sehr originalgetreu vor, sogar Frisuren, Klamotten und Tattoos der Protagonisten entsprechen den Bildern und Videos, die Fans aus den jeweiligen Phasen kennen. Zudem fangen die vier Hauptdarsteller die grundsätzlichen Charaktere unserer Helden ein: Douglas Booth (Worried About The Boy) gibt souverän den charismatischen, halbkaputten Nikki Sixx, Iwan Rheon (Games Of Thrones) macht uns den grummelnden Mick Mars, während Machine Gun Kelly (Roadies) „seinem“ Tommy die nötige jugendlich-naive Energie verleiht. Auch Daniel Webber (The Punisher) fängt den gockelnden Frontmann und seine spätere emotionale Zerrissenheit gut ein. Dass die vier Schauspieler natürlich nicht komplett aussehen wie die echten Rocker, hat man nach einer Minute vergessen.

So sahen coole Videoclips 1983 eben aus – Pic: Netflix

Und so erleben wir, wie Tommy, Nikki, Mick und Vince in einem „Holy shit!“-Moment zusammenfinden, im „Hell House“ in Hollywood mehr wüten als wohnen und die ersten Konzerte spielen – mit großer Show, so weit es das nicht-große Budget damals zulässt. Die Band wächst (im Zeitraffer), die Fanscharen werden üppiger, die Ereignisse nehmen ihren Lauf. Wer The Dirt gelesen hat (und unsere Zeitsprung-Geschichten verfolgt), kennt die Episoden: im „Schneesturm“ auf der Tour mit Ozzy Nikkis Zwei-Minuten-Tod, der verhängnisvolle Unfall von Vince, der Hanoi Rocks-Drummer Razzle das Leben kostet, oder der Tag, an dem der Sänger ausgerechnet die Freundin ihres Plattenfirmenvertreters Tom Zutaut ferkelt. An „Damenkontakten“ mangelt es den ganzen Film über nicht, seien es leichtbekleidete Groupies oder Tommys zukünftige Ehefrau Heather Locklear. (Pam Anderson taucht übrigens nicht auf). Jugendfrei und politisch korrekt lässt sich der Hedonismus der Ära kaum darstellen.

Wenn man Spaß hat, geht auch mal was kaputt. Hotels zum Beispiel. – Pic: Netflix

Einige Rückblenden illustrieren die schwierige Kindheit Nikkis, ansonsten setzen die Kollegen Dinge in Brand und werfen Fernseher aus dem Fenster, wie man es halt so macht. Irgendwann werden die Hauptfiguren „trockengelegt“, der Entzug zieht auch Streit nach sich. Die Zeit nach Vince Neils Ausstieg/Rauswurf, in der John Corabi als Interimssänger erstklassige Arbeit ablieferte, die allerdings keiner hören wollte, wird nur kurz und nicht besonders respektvoll gestreift. Und dann naht die emotionale Wiedervereinigung, mit der der Film endet …

Stadionshows im Club: die frühen Mötley im Film – Pic: Netflix

Auf Netflix

Mit der Art und Weise, wie The Dirt unter die Leute kommt, beschreiten Mötley Crüe im Genre des Musikfilms oder Biopics einen ungewöhnlichen Weg: Der Film erscheint exklusiv auf Netflix, also digital als Stream. Ob er später in herkömmlichen Kanälen und Formaten zu sehen sein wird, weiß man nicht. Dahinter steckt vermutlich eine realistische und clevere Einschätzung der Medienlandschaft, die zudem mehr junge Leute an den Start bringen könnte. Womöglich wollte auch kein traditionelles Studio den Streifen haben, des Produktion lange Jahre immer wieder zum Erliegen kam. Angesichts der ganzen Drogen, Vögelei und Zerstörung fragen, wie die Altersbeschränkung in Kinos ausfallen würde; auf Netflix wird der der Streifen “ab 18” eingestuft.



Der Soundtrack

Zwar haben sich die echten Mötley Crüe an Silvester 2015 von ihrer aktiven (Bühnen-)Karriere verabschiedet, doch die Fans dürfen sich über vier neue Songs freuen: The Dirt (Est. 1981) wurde bereits als Single veröffentlicht – ein schöner Rocker, der stilistisch zur Spätphase der Band passt. Hier steuert „Tommy“-Schauspieler Machine Gun Kelly, der eigentlich vor allem als Rapper aktiv ist, einen Sprechpart bei. Ride With The Devil und Crash And Burn schlagen in eine ähnliche Kerbe, das heißt: typische Crüe-Nummern mit neuzeitlichem Einschlag circa Saints Of Los Angeles (2008). Natürlich klingt das nicht wie in den güldenen Achtzigern, aber das kann ja auch gar nicht so richtig funktionieren. Beim vierten Track gehen dann die Augenbrauen hoch: Mötley Crüe legen Like A Virgin von Madonna neu auf. Die Rocker lassen das Pop-Ding knackig nach vorne marschieren, verpassen ihm aber einen überraschend zurückhaltenden Refrain.



Klingt lustig und amüsiert Bandboss Nikki, der seinen Sänger kürzlich als „den am wenigsten jungfräulichen Kerl, den ich kenne“ bezeichnete. Die neuen Stücke erscheinen zeitgleich mit dem Streifen auf dem Album The Dirt Soundtrack, einer karriereumspannenden Best-of mit 14 Crüe-Gassenhauern. Als Produzent fungierte Bob Rock (Dr. Feelgood, Mötley Crüe), dabei standen mindestens Tommy und Nikki tatsächlich zusammen im Studio. Laut GEMA-Datenbank haben sich beim Titelstück neben den vier Mitgliedern noch Gitarrist John 5 und Machine Gun Kelly am Songwriting beteiligt. Übrigens soll die Autobiografie von 2001 zeitgleich zum ersten Mal als Hörbuch erscheinen.



Fazit

Was ergibt das alles zusammen? Einen kurzweiligen Musikfilm, ob man die Geschichte schon kennt oder nicht. Hohe cineastische Ansprüche und Wunsch nach Feingeistigem sollte man im Zaum halten, denn The Dirt funktioniert wunderbar wie ein Drei-Minuten-Rocksong, aber nicht wie ein künstlerisch wertvolles Epos; Live Wire statt The Lamb Lies Down On Broadway. Ein Vergleichswerk liegt auf der Hand: The Dirt ist filmisch nicht so gut, aber genauso unterhaltsam wie Bohemian Rhapsody, mit weniger Tragödie und Tiefe, dafür mit mehr Action, Koks und Brüsten. Geht ja auch.

Mötley Crüe: Rock’n’Roll-Veteranen – Pic: Paul Brown


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