So war’s: Mr. Big live in Bochum 2018

August 9, 2018
in Category: Popkultur



So war’s: Mr. Big live in Bochum 2018

So war’s: Mr. Big live in Bochum 2018

Hitzewelle, Montagabend, Festivalsaison – viel dürfte da nicht gehen, wenn eine altverdiente Hard Rock-Band zum Tanz aufspielt, oder? Falsch gedacht. In der Matrix in Bochum drängelt es sich, und natürlich herrschen kuschelig-warme Temperaturen. Für einen Abend mit gut gelauntem Rock’n’Roll sind aber gar keine schlechten Vorzeichen. Wir haben uns am 6. August 2018 das Konzert von Mr. Big und Fozzy angesehen.

von Christof Leim

Hier könnt ihr in die Setlist des Abends reinhören:

Klickt auf „Listen“ für die ganze Playlist.

Den Anfang machen Fozzy, die Band um Wrestling-Star Chris Jericho und Stuck Mojo-Gitarrist Rich Ward. Das Quintett schafft ordentlich Druck, es wird laut in der Bude. Damit haben es Soundtechniker in der röhrenförmig angelegten Matrix nicht immer einfach, doch heute Abend funktioniert das ganz gut. Ohrenstöpsel sind allerdings angesagt, ständige Flüssigkeitszufuhr bei den sportlichen Temperaturen ebenso. Musikalisch pendelt sich das Quintett ein zwischen kräftigem Radiorock und ziemlich fettem Groove Metal, immer bedacht auf Hooklines und griffige Riffs. Songs wie Do You Wanna Start A War und Sandpaper klingen modern und muskulös, gelegentlich aber zu glatt und beliebig. Offensichtlich nimmt sich das Quintett große US-Stadion-Produktionen zum Vorbild, denn hier wird Unterhaltung größer als alles geschrieben. Das ist einerseits gut: Chris Jericho hat die Menge mit lockeren Sprüchen im Griff, dominiert die Bühne mit seiner Ringkämpfer-Figur und trägt auch mal einen Glitzermantel, der im Dunklen leuchtet. Daumen hoch dafür, ebenso für seine Rauchkanone, mit der er grinsend Dampf und Konfetti über die Köpfe der Anwesenden bläst. Der Rest der Band zieht ebenfalls alle Posing-Register, wie es sich gehört, allen vor an Rich Ward: Wenn der Mann nicht vor lauter Spaß über beide Backen grinst, macht er bei besonders fetten Passagen das naserümpfende „Stinkegesicht“ und überzeugt sonst mit dicken Riffs und souveränen Soli. Einmal „bearbeitet“ er sogar ein Theremin mit 1a-Ninja-Moves.

Andererseits gehen Fozzy mit dem Wunsch nach perfekter Unterhaltung zu weit, denn augen- und ohrenscheinlich kommt hier einiges vom Band. Gegen ein paar Chöre hat niemand etwas einzuwenden, gegen schmissige Effekte und soundmäßige „Anfettung" auch nicht. Wenn aber die „Wand“ alles erdrückt, wenn die Stimme insbesondere des Leadsängers verfremdet oder gar unecht klingt, wenn alles zu perfekt und damit in der Live-Situation seltsam deplatziert wirkt – dann ist eine Grenze erreicht. Diese klangliche Gleichmacherei versetzt heute Abend einer ansonsten amüsanten Rockshow einen satten Dämpfer.

Bieten fast zu perfekte Unterhaltung: Fozzy mit Wrestling-Star Chris Jericho - Pic: Ann G. Jung

Mr. Big gehen viel reduzierter an die Sache ran: Vier Typen, vier Mikros, Bass, Gitarre, Schlagzeug, fertig. Es hängt nicht mal ein Backdrop. Und trotzdem machen die US-Amerikaner ganz schön Dampf, wie der Opener Daddy, Brother, Love, Little Boy zeigt. Selbstredend spielen Bass-Virtuose Billy Sheehan und Saitenhexer Paul Gilbert die Soli in dieser Nummer traditionsgemäß mit elektrischen Bohrmaschinen.



Es folgen das energiereiche Rock & Roll Over und Alive & Kickin’, das sich als herrlich sonniges Mitsingfest entpuppt. Eric Martin singt großartig und hat keine Stimmkraft verloren – bemerkenswert. (Dass sein Outfit lediglich aus Jeans, Hemd und einem Shirt mit dem Antlitz des verstorbenen Drummers Pat Torpey besteht, spielt überhaupt keine Rolle.) Jeder der drei Kollegen singt tolle zweite oder dritte Stimme, was die Refrains erst richtig zur Geltung bringt. Bestes Beispiel: Der 1a-Schmachtfetzen Just Take My Heart. Das lebt, atmet und braucht gar keine Backing-Tracks.

Bassvirtuose Billy Sheehan

Natürlich spielt das Quartett vor allem Songs von den ersten drei Platten, insbesondere vom 1991er-Erfolgsalbum Lean Into It 1991 (das mit der Akustikballade), aber sie versteifen sich nicht darauf. Vergleichsweise neue Nummern wie Everybody Needs A Little Trouble, Undertow und Around The World sind weniger bekannt, aber nicht (mehr als ein bisschen) schlechter. Das alles bringt die Band handwerklich tadellos, mit guter Laune und Schwung auf die Bühne. Es steht außer Frage, dass hier Virtuosen am Start sind, doch die stellen ihre beeindruckenden Fähigkeiten immer in den Dienst der Songs. Da passiert es höchstens, dass Billy Sheehan in einer Nummer mehr Läufe raushaut als handelsübliche Basslinien auf einer ganzen Platte benötigen. Doch es passt und gibt den Songs mehr Tiefe, ein Frickelfest wird es nicht.

Gleiches gilt für Gitarrenkoryphäe Paul Gilbert: Der Schlaks mit seinen unglaublich langen Spinnenfingern gehört als „Shredder“ zu den Allergrößten, doch bei Mr. Big spielt er einfach eine sehr clevere Gitarre. Was nicht heißt, dass im Solo nicht die Funken fliegen, dass es nur so eine Art hat. Aber letztendlich kommt es nicht drauf an, ob das Intro von Green-Tinted Sixties Mind nun mit aufwändigem Tapping gespielt wird oder mit dem kleinen Finger – schön ist es so oder so. Überhaupt taugt die Nummer als bestes Beispiel für den Spaß, den man heute in der Matrix haben kann, denn hier singt so ziemlich jeder mit.



Ganz können die Herrn Virtuosen ihre Flitzefinger allerdings nicht zurückhalten: Sowohl Gitarrist als auch Bassist dürfen ein ausführliches Solo spielen. Ersterer stampft dazu einen Beat auf einer elektronischen Bassdrum und haut dazu mit Humor agile, melodische Licks raus – das kann man durchgehen lassen. Letzterer macht vor allem blitzschnellen Krach, der an Spieltechnik kaum zu überbieten ist, dem Abend aber keinen nennenswerten Unterhaltungswert hinzufügt.

Paul Gilbert beim obligatorischen Gitarrensolo

Schwamm drüber. Zumal gegen Ende natürlich die Hits purzeln: Für das Cat Stevens-Cover Wild World kommt die Akustikgitarre zum Einsatz, das ganze Auditorium singt mit, und bei Addicted To The Rush blühen die Headbanger im Auditorium auf.



Und dann kommt sie natürlich, die Ballade, die Mr. Big berühmt gemacht hat: To Be With You, ein tolles Lied, das die Band ohne viel Federlesens anstimmt. Hier muss Eric Martin nicht mal alles selber singen. Mancher Hörer mag bei der Nummer von „ausgelutscht“ reden, aber insbesondere im Konzert gilt die Regel Nummer eins: Ein guter Song ist ein guter Song ist ein guter Song. Es zählt eben auf dem Platz.



Als Rausschmeißer gibt’s es nochmal mit Colorado Bulldog ein ordentliches Brett mit unglaublichen Bass-Gitarre-Duellen, auf das übliche Zugaben-Spielchen wird verzichtet. Und so endet ein erfreulicher Konzertabend mit positiver, eingängiger, gut gelaunter Rockmusik, die gar nicht zeitgemäß sein muss, weil genug daran zeitlos ist.


Setlist Mr. Big:

Daddy, Brother, Lover, Little Boy (The Electric Drill Song)
Rock & Roll Over
Alive And Kickin'
Just Take My Heart
Take Cover
Green-Tinted Sixties Mind
Everybody Needs A Little Trouble
Price You Gotta Pay
Guitar Solo
Open Your Eyes
Wild World (Cat Stevens)
Undertow
Around The World
Bass Solo
Addicted To That Rush
To Be With You
Colorado Bulldog

Alle Fotos von Ann G. Jung

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