Warum deutscher Rap den Einfluss von N.W.A 15 Jahre nicht ausleben durfte

August 25, 2015
in Category: Popkultur



Warum deutscher Rap den Einfluss von N.W.A 15 Jahre nicht ausleben durfte

Warum deutscher Rap den Einfluss von N.W.A 15 Jahre nicht ausleben durfte

Deutscher Gangster Rap ist so normal, dass man heute in jeder Stadt einen Gangster Rapper finden kann. Das war nicht immer so. Denn Deutschland war ignorant und würde es auch gerne heute noch bleiben. Mit genau demselben Problem waren auch N.W.A in den 80er Jahren konfrontiert und genau deshalb ist die Geschichte von N.W.A der Grund, warum sie die weltweit wichtigste Band für Gangster und Straßen Rap sind. N.W.A hat die Türen eingetreten, die keiner öffnen wollte. Sie haben Gangster Rap im Mainstream populär gemacht – gegen dessen Widerstand. Von Falk Schacht.

 

Boys in the Hood – Der Stadtteil als Ursprung der Wut

Compton gehörte in den 80er Jahren zu den Stadtteilen mit der höchsten Kriminalitätsrate in den USA. Drogenhändler verkauften Kokain an Dealer. Mit etwas Backpulver wurde daraus Crack für die Junkies. Und wenn man Stress mit der Konkurrenz hatte gab es Drive-By-Shootings. Dass dabei auch immer wieder unschuldige zu Tode kamen, die zur falschen Zeit am falschen Ort standen – geschenkt. Und die Polizei? Die hatte den Auftrag – „to protect and serve“ – also zu schützen und zu dienen. Deshalb entwickelte man folgende Idee: Um schneller in die Crackhäuser zu kommen, aus denen heraus die Drogen verkauft wurden, kaufte die Polizei mehrere 6 Tonnen Rad-Panzer auf denen 4,5 Meter lange Rammen angebracht wurden. Vorne am Kopf dieser Rammen war eine Platte befestigt und auf dieser Platte, also dem Objekt, das man als erstes sehen würde, wenn die sogenannten ‚Batterams‘ Panzer einem Tür und Haus einrammen, war ein Smiley aufgemalt. Das nennt man dann wohl Polizisten-Humor.

Es herrschte also eine Art Krieg auf den Straßen Comptons. Und mitten drin die Mitglieder der Band N.W.A.

Keiner will zuhören – Fick die Polizei

Es sind zuerst Ice Cube und Dr.Dre, die diese alltäglichen Ghetto Geschichten in Rap Texten verarbeiten wollen. So wie sie es von Schooly D kennen – einem Rapper aus Philadelphia, dessen Erfolg sich bis dahin allerdings eher in Grenzen hält

Aber die Veranstalter und Label Inhaber, mit denen die beiden zu tun haben, wollen davon nichts hören. Ihnen zufolge werden 1) Gangster Rap Songs niemals im Radio gespielt werden weil der Mainstream nichts davon wissen will und 2) wollen die Leute aus der Hood sich lieber ablenken als ständig daran erinnert zu werden wie ihr Leben abläuft.

Die Welt schien nicht bereit zu sein für N.W.A.

Was die Jungs aus dem Viertel nicht davon abhielt ihre Idee von ‚Reality Rap‘, wie sie selbst ihre Musik nennen, umzusetzen. Ihr Ziel war es die härteste Platte zu produzieren, die je produziert wurde. Mit Straight Outta Compton gelang ihnen genau das. Man kann im Internet die Explicit Content Only Version von Straight Outta Compton finden die nur aus den zusammengeschnittenen Flüchen des Albums besteht.

Die Platte lief damals ganz gut für eine regional bekannte Band. Aber die Kritiker der Band sollten Recht behalten, denn Radio Sender und MTV ignorierten das Album. Jedoch kam ein unerwarteter Helfer um die Ecke, der niemals vorhatte zu helfen – das FBI. Von dort kam ein Brandbrief, der die Band aufforderte das Album sofort vom Markt zu nehmen. Vor allem erregte der Song Fuck Tha Police ihr Gemüt. Es ist Ice Cube, der in diesem Song seinen ganzen Hass über die Batteram fahrende Polizei ausließ. Er wurde selber oft genug Opfer von Polizei Schikane und war wie jeder andere aus dem Stadtteil täglicher Zeuge der Brutalität, die von der Polizei ausging. Die Polizei reagierte komplett über, was man ganz plastisch an der Idee des Rad Panzers als Türöffner sehen kann.

Erschreckenderweise hat sich an der übertriebenen Gewalt der Polizei in den USA bis heute nichts geändert. Ganz im Gegenteil – genau dadurch wird Fuck Tha Police zu einem der wichtigsten Protest Songs der USA.

Letter from the Postman – Dein Freund und Helfer

Nach dem ersten Schock über den Brief des FBI machten N.W.A das einzig Vernünftige und veröffentlichten das Schreiben. Das Ganze wird zu einem riesen Skandal, der immer wieder in landesweiten Nachrichten diskutiert wurde. Immerhin ging es um „Freedom of Speech“ – die Meinungsfreiheit. Und plötzlich war es egal dass kein Radio Sender und auch nicht MTV die Musik der Band spielten. Innerhalb von einem Jahr verkaufte sich das Album 2 Millionen Mal, denn jeder wollte die Platte hören, die das FBI versucht hatte zu zensieren. Laut Statistiken der Plattenfirma wurden 80% der Platten in Vororten der gut situierten weißen Mittelschicht gekauft. Ein Exemplar davon hatte sich auch die blutjunge Gwyneth Paltrow gekauft. Es lief in ihrem Walkman auf Dauerrotation. In einem Interview sagte sie einmal: „Ich weiß nicht mehr was ich gestern zum Abendessen hatte, aber ich kann jede einzelne Zeile von Fuck Tha Police auswendig“.

nwa-most_dangerous

Ihre Eltern waren sicherlich hoch erfreut darüber. Und genau deshalb bekam N.W.A vom Mainstream den Spitznamen „The World‘s Most Dangerous Group“. Denn sie verbreiteten blankes Entsetzen bei Eltern, Politikern und religiösen Organisationen. Das ist auch der Grund warum sich im späteren Verlauf der US Gangster Rap Geschichte immer wieder das Establishment in Form von Politikern negativ über Gangster Rap äußerte. Wie z.B. im Präsidentschaftswahlkampf 1992 mit Vizepräsident Dan Quayle und dem damaligen Präsidentschaftskandidat Bill Clinton. Es herrschte eine regelrecht hysterische Angst vor Gangster Rap. An diesem Punkt muss man sich vor Augen führen, dass wir immer noch über Musiker sprechen, die gereimte Texte über Rhythmen legen. Aber offensichtlich hatte man ernsthafte Angst, es mit radikalen Führern einer neuen Bürgerrechtsbewegung der Schwarzen und sozial Schwachen zu tun zu haben. Mit dieser revolutionsartigen Bugwelle im Mainstream an Aufmerksamkeit, schafften N.W.A es auch erstmalig Rap von der Westküste national relevant zu machen. War doch vorher der gesamte HipHop mediale Fokus immer auf Ostküsten Rap aus New York gerichtet. Ohne Zweifel öffneten N.W.A damit auch die Türen für Bands und Rapper wie Ice T, 2 Pac, Cypress Hill, Xzibit, CMW, DJ Quik, Coolio, Kendrick Lamar usw.

Der Einfluss, der keiner sein darf – Ignoranz Vol.1

Natürlich wurde N.W.A auch in Deutschland wahrgenommen – ob in Frankfurt durch Azad, D-Flame, Moses P oder Tone oder in Berlin durch Kool Savas, Bogy, Frauenarzt oder Charnell ließen sich die oben genannten sowie viele weitere von der neuen Westcoast Bewegung inspirieren.

Es war beeindruckend die Geschichten aus dem US Ghetto zu hören, fühlte man sich doch erinnert an die eigenen Viertel, in denen man lebte. Auch hier wusste man wie man schnelles Geld macht. Oder man hatte genügend Kollegen, die es wussten. Aber diese Erfahrungen in deutsche Rap Texte einzubringen war unmöglich.

Die Deutsche Rap Szene wurde Anfang der 90er Jahre noch sehr stark von Kindern der Mittelschicht geprägt. Deren Vorstellungskraft reichte nicht bis in die deutschen Problem Viertel hinein. N.W.A hatten ihre Gegner im US Mainstream, aber in der HipHop Szene wusste jeder dass ihre Beschreibungen des Ghettolebens real sind. Ganz anders war das hierzulande. Die erste Hürde, die deutscher Gangster Rap zu überwinden hatte, war die deutsche Hip Hop Szene an sich. Denn diese war, wie der Rest der Gesellschaft, der Meinung: Es gibt keine Ghettos in Deutschland.

Musste man in den USA nur einen Mittelfinger in Richtung Mainstream zeigen, so brauchten deutsche Gangster Rapper zwei Mittelfinger. Einen für die Szene und einen für den Mainstream. In dieser Hinsicht ist deutscher Gangster Rap sogar revolutionärer als US Gangster Rap.

Moses P griff die Thematik trotzdem in den frühen 90er Jahren auf. Er gründete das Rödelheim Hartreim Projekt. Ihr Debut Album hieß Direkt aus Rödelheim und konnte damit seine Verwandtschaft mit Straight Outta Compton nur schwer verbergen.

Auch Look-technisch wurde versucht einen härteren Eindruck zu hinterlassen. Aber weder wurde RHP vom Mainstream als richtiger Gangster Rap wahrgenommen, noch bestand die Band vehement darauf in ihrer Pressearbeit Gangster Rap zu sein. Auch wenn der Gangster Gestus als ständiges Hintergrundrauschen wahrnehmbar war, so muss man wohl eher von Gangster-Rap-Light sprechen. Deutschland war einfach noch nicht bereit für ‚Reality Rap‘ im Sinne von N.W.A.

Pressebild Sido 2015 - CMS Source

Erste Anleihen an das Thema wurden erst spürbar mit der Etablierung von Battle Rap zum Ende der 90er Jahre hin. Kool Savas, die Royal Bunker Clique und Berliner Rap kämpften sich ihren Weg in die Gehörgänge der Fans. Und das unter Widerstand der etablierten Deutschrap Szene, die diese Berliner unmöglich fanden. Aber im Battle Rap kann Gangster Rap immer nur in einer ironisch getarnten Variante existieren. Auf die Frage: „Was rappst du denn da?“ – kann man immer noch antworten – „Ist doch nur Battle Rap“. Eine eigene Existenzberechtigung für Gangster Rap scheint auch 2001, also 13 Jahre nach Straight Outta Compton, immer noch vollkommen unmöglich zu sein. Ich erinnere mich an ein Interview, das ich mit Charnell von Da Fource 2001 führte. Er hatte bereits 1997 mit dem Projekt 4 4 Da Mess Songs veröffentlicht, die das Leben auf der Straße wiederspiegelten. Aber es erschien mir absurd und lächerlich, dass jemand solche Texte in Deutschland ernst meinen kann. Und ich erinnere mich, wie es Charnell zu schaffen machte, dass er seine Geschichten nicht erzählen konnte, weil sie ihm keiner glaubte. Die deutsche Hip Hop Szene, der Mainstream und auch ich waren damals immer noch nicht reif für ‚Reality Rap‘ a la N.W.A.

Letztendlich sind es dann Aggro Berlin, die mit Bushido und Sido wie mit einem Batteram nicht durch Türen, sondern durch Wände fahren mussten. Wir alle hatten die Türen über ein Jahrzehnt durch Ignoranz zugemauert. Und diese Wand stand auch schon vor uns an derselben Stelle. Nur gab es keine popkulturellen Lebenszeichen, die der Verzweiflung stimmlosen Ausdruck verleihen konnte. Zum Glück gab es jetzt wenigstens Gangster Rap.

Was übrig bleibt

Wenn man heute Haftbefehl fragt ob N.W.A ihn beeinflusst haben, so antwortet er mit „Nein“. Vollkommen logisch, da Hafti nicht viel älter ist als das Album Straight Outta Compton. Aber Hafti ist beeinflusst von den deutschen Rappern, die vorher ihre Kämpfe mit den Wänden der Ignoranz hatten. Es ist aber vor allem die Formel des ‚Reality Rap‘ von N.W.A, die auch in Haftbefehl und allen anderen deutschen Gangster Rappern weiterlebt. Die Formel, die nur zu einer Gleichung kommen kann, wenn die Gesellschaft bereit ist die Lösungen anzubieten.

tl,dr: Falk Schacht erzählt euch die N.W.A Geschichte auch mit Bild:



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4 comments

  1. Ian
    Reply

    Nicht böse gemeint, aber falls ihr mal einen Schlussredakteur suchen solltet, ich würd’s machen. Inhaltlich aber top.

  2. milan8888
    Reply

    »Ohne Zweifel öffneten N.W.A damit auch die Türen für Bands und Rapper wie Ice T…«

    Das wage ich zu bezweifeln. Ice-T verkaufte von seinem Debüt ne knappe halbe Millionen Kopien – zu der Zeit existierten N.W.A. noch gar nicht.

    Colors vom gleichnamigen Film von ´88 führte selbst in Deutschland dazu das hier plötzlich alle mit Bandanas rumliefen und “Gangs” gründeten.

    Power (seine zweite LP) hatte eine höhere Chartplatzierung als Straight outta Compton – ein Jahr vor Straight outta Compton…

  3. Mercedes Benz
    Reply

    schön dass ihr Bushido den GangstaRap King in Deutschland auch erwähnt. Wird er etwa aufgrund seines Glaubens boykottiert? Als wenn sido jemals Gangsta war. tzhh

  4. Xhottest.com
    Reply

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