Zeitsprung: Am 25.2.1979 starten die Scorpions den „Lovedrive“.

February 22, 2019
in Category: Popkultur



Zeitsprung: Am 25.2.1979 starten die Scorpions den „Lovedrive“.

Zeitsprung: Am 25.2.1979 starten die Scorpions den „Lovedrive“.

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 25.2.1979.

von Christof Leim

Mit Lovedrive beginnt für die Scorpions eine neue Ära: Neuer Gitarrist, fokussierter Sound und endlich der internationale Durchbruch. Es gibt mal wieder Ärger wegen des Covers, aber auch gleich mehrere zukünftige Klassiker. Und das kam so…


Hört hier in Lovedrive rein:

Klingt auf „Listen“ für das ganze Album.

Ende der Siebziger muss sich Band zunächst einmal neu sortieren: Uli Jon Roth hatte nach dem Livealbum Tokyo Tapes (1978) seinen Hut genommen, weswegen die Band mit einer Anzeige im britischen Melody Maker einen Leadgitarristen suchen muss. Es melden sich 140 Flitzefinger, heißt es, das Rennen macht ein alter Bekannter aus dem heimischen Hannover: Matthias Jabs. Im Sommer 1978 wird er neues Mitglied vorgestellt, im September geht es schon ins Studio für Album Nummer sechs.

Mit dem Ausstieg von Roth sind die letzten Einflüsse an Seventies-Hippiekram, Hendrix-Huldigung und Kraut-Rock aus dem Sound der Scorpions verschwunden; ab jetzt regiert die Seite des Songwritings, die seit jeher Rudolf Schenker beigesteuert hat: Hard Rock auf die Zwölf. Damit klingt das Material, das sie mit Stammproduzent Dieter Dierks in Stommeln bei Köln aufnehmen, geradliniger und direkter. Man darf sogar sagen: Hier nimmt der klassische Scorpions-Sound seinen Anfang, mit dem die Kollegen in den Achtzigern diverse Arenen und Geldspeicher füllen.

Ganz ohne Verwirrung geht die Produktion allerdings nicht vonstatten: Wie die fünf Rocker da so schön aufnehmen in der rheinischen Provinz und von Mama Dierks bekocht werden, taucht Michael Schenker im Studio auf. Der Bruder von Rudolf war nach turbulenten Jahren als Gitarrenwunderkind von der britischen Band UFO vor die Tür gesetzt worden, jetzt will (oder: soll) er wieder bei den Scorpions mitmischen. Manchen Quellen zu Folge klappen die Aufnahmen mit Matthias nicht wie geplant, vor allem aber ist der kleine Schenker bereits ein etablierter Star und Klampfenheld. Also spielt Michael für mehrere neue Songs die Soli ein, womit wir auf dem Album ganz offiziell drei Gitarristen hören.

Anzeige von 1979 für das neue Album und die US-Tour

Jabs wird sich über all das nicht gefreut haben, zeigt aber Verständnis, weil „Michael und Rudolf eben Brüder sind“, wie er später zitiert wird. Als im Februar 1979 dann die ersten Tourdaten anstehen, gehört Michael Schenker offiziell als (einziger) Leadgitarrist zur Mannschaft. Doch das funktioniert nicht lange: Er taucht nicht zu Shows auf, Matthias fliegt kurzfristig ein und übernimmt, Michael kehrt nach einer Weile zurück, und Matthias muss wieder gehen. Bei einem Gig im französischen Lyon am 4. April 1979 läuft das Fass schließlich über: Die Scorpions stehen schon wieder ohne Soloklampfer da, aber jetzt haben sowohl die Band als auch der Ersatzmann die Schnauze voll. Michael Schenker kann wegbleiben, Matthias Jabs wird Leadgitarrist der Scorpions und ist das bis heute.



Zurück zur Platte: Lovedrive erscheint am 25. Februar 1979 – und bringt unsere Helden ein gutes Stück nach vorne, vor allem international. Mit einem 55. Platz knacken sie zum ersten Mal die Charts in den USA, mit Rang 36 gelingt das Gleiche in Großbritannien. In Deutschland landet die Scheibe um ein Haar in der Top Ten (Platz 11).

Von den acht Tracks gehören mindestens vier zu Klassikern des Scorpions-Kataloges; Songs von Lovedrive stehen heute noch regelmäßig und in großer Zahl auf der Setlist. Da wären der Midtempo-Rocker Loving You Sunday Morning, die flotte Granate Another Piece Of Meat und das energische Can’t Get Enough sowie das Titelstück mit Led Zeppelin-Groove – alles bestes Livematerial für Spaß, Schweiß und Geschrei. Mit Coast To Coast gibt es sogar ein Instrumental: schön dramatisch und mit herrlichen Melodiegitarren.


Außerdem finden sich natürlich so genannte „Power-Balladen“, die sich zusehends zum Eckpfeiler des Scorpions-Sounds und sogar zum Stilmerkmal eines ganzen Genres entwickeln sollten: Während der Achtziger gibt es kaum eine Hard Rock-Combo, die nicht ab und zu mal ein bisschen Drama, Pathos und Herzschmerz in den Ring wirft. Cleangitarre in der Strophe, bombastischer Chorus – funktioniert super. In dieser Disziplin sind die Scorpions nicht die Ersten, aber womöglich die Besten. Das zeigen auf dieser Scheibe die beiden brillanten Schmachtfetzen Always Somewhere und Holiday. In Is There Anybody There? zückt das Quintett sogar einen fluffigen Reggae-Rhythmus aus dem Hut, was hervorragend funktioniert.



Die Lieder stammen fast alle vom Team Klaus Meine/Rudolf Schenker. Schlagzeuger Herman Rarebell steuert drei der acht Texte bei. Das hat er schon früher getan, weil er immer am besten Englisch sprechen konnte. Michael Schenker erklärt Dekaden später, er habe eigentlich die Melodien für Coast To Coast und das Intro zu Holiday geschrieben, was aber irgendwann auch egal ist.

Fast alle Songs der Platte werden auf verschiedenen Single-Konstellationen ausgekoppelt

Textlich beschäftigen sich die fünf Musiker um die 30 damals mit dem wilden Leben, das man als international tourende Band so erlebt. Es geht um Sehnsucht nach der Herzdame daheim (Always Somewhere), das Rocken an und für sich (Can’t Get Enough) und natürlich immer wieder um zwischengeschlechtlichen Nahkampf. Another Piece Of Meat handelt jedenfalls nicht vom Grillen. Ja, die Scorpions haben den Rock’n’Roll gelebt, und dazu gehören auch Groupies. Interessanterweise legt der Text des plakativsten Songs die Zeile „Let’s go, don’t put on a show, you’re just another piece of meat“ nicht nur dem Rockstar, sondern auch der Dame in den Mund.



Einen Skandal produziert allerdings das Cover, nicht zum ersten Mal in der Geschichte der Truppe. Man sieht ein Paar in Abendgarderobe auf dem Rücksitz einer Limousine. Die rechte Brust der Frau ist entblößt, von dort spannt sich eine rosa Gummimasse wie ein riesiger Kaugummi bis zur Hand des Mannes. Das Artwork stammt aus der Kreativwerkstatt Hipgnosis um Storm Thorgerson, der vor allem mit Arbeiten für Pink Floyd auf sich aufmerksam gemacht hatte, etwa bei The Dark Side Of The Moon.

Er kommentiert: „Nicht die politisch korrekteste Szene. Ich hielt das für lustig, aber Frauen sehen heute etwas anderes darin.“ An anderer Stelle erklärt er: „Ich habe mir immer vorgestellt, dass sie auf dem Weg zur Oper sind. Er hat einen Kaugummifetisch, und sie lässt ihn gewähren, weil es ihr einfach völlig egal ist. Ich finde das auch ein bisschen albern, aber ich mag das Cover.“ Die Album-Rückseite zeigt das gleiche Paar, lachend, beide halten ein Bild der Band in den Händen. Die linke Brust ist nun zu sehen.



Natürlich bekommen in den USA manche Leute bei allem, was mit Sex zu tun hat, Anfälle von Schnappatmung, weswegen spätere Pressungen ein neutrales Cover (blauer Skorpion auf schwarzem Grund) tragen. Klaus Meine blickt 2010 in einem Interview zurück: „Wir haben nicht damit gerechnet, dass das ein Problem in den Staaten werden würde. Das ist nur Sex und Rock’n’Roll. Sonderbar, weil uns während Achtziger ausgerechnet in den USA vor der Bühne ständig Brüste gezeigt wurden, aber nirgendwo sonst.“

Den Verkaufszahlen tut das alles keinen Abbruch, so dass die Scorpions nach der Veröffentlichung neben Europa erneut Japan betouren können und auch lange durch die USA kreuzen. Mit Lovedrive etablieren sie sich als internationale Künstler und legen die Grundlage für ihre erfolgreichste Ära in klassischer Besetzung. In den folgenden Jahren scheppert es dann mit Animal Magnetism (1980) und Blackout (1982) gewaltig, und spätestens mit Love At First Sting (1984) steht das Quintett am oberen Ende der Hard-Rock Nahrungskette. Aber darüber unterhalten wir uns ein andermal…



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