Zeitsprung: Ab 13.5.1985 will das PMRC vor schlimmen Songtexten warnen.

May 8, 2018
in Category: Popkultur



Zeitsprung: Ab 13.5.1985 will das PMRC vor schlimmen Songtexten warnen.

Zeitsprung: Ab 13.5.1985 will das PMRC vor schlimmen Songtexten warnen.

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 13.5.1985.

von Christof Leim

Die Aufkleber auf älteren Platten aus den USA haben viele von uns schon gesehen:„Parental Advisory: Explicit Lyrics“ stand da drauf, also: „Aufpassen, liebe Eltern! Hier gibt’s ganz schlimme Texte!“. Damit sollten Mitte der Achtziger die Eltern amerikanischer Teenager vor verdorbener Rock- und Popmusik gewarnt werden, vor allem im Heavy Metal und HipHop.

Tipper Gore 1985

Dahinter steckt eine Gruppierung namens PMRC, das Parents Music Resource Center, gegründet am 13. Mai 1985 von vier einflussreichen Politikerfrauen um Tipper Gore, der Ehefrau des späteren Vizepräsidenten Al Gore. Und diese PMRC-Ladies wollen die armen Kinder bewahren vor Songs über Sex, Teufel und Drogen und auch vor böser Sprache. Auf die Idee kam Frau Gore, damals 36 Jahre alt, weil ihre elfjährige Tochter sich Darling Nikki von Prince angehört hatte. Im Text dieses Songs geht es um Sex, explizit wird „Masturbation“ erwähnt.

So etwas fanden Tipper Gore und ihre Freundinnen, auch genannt die „Washington Wives“, höchst bedenklich. Worte wie „Pippikackearsch“ und schlimmer, vor allem das immer handliche „Fuck“ sollte dem Nachwuchs nicht zu Ohren kommen. Dazu stellt der PMRC die „Filthy Fifteen“ zusammen, eine Liste der fünfzehn schlimmsten Songs. Darunter befinden sich Lieder von Judas Priest, Mötley Crüe und Venom, aber auch von Prince, Madonna und Cyndi Lauper.


 


Die „Filthy Fifteen“ und das jeweilige „Problem“:

Darling Nikki, Prince (Sex & Masturbation)
Sugar Walls, Sheena Easton (Sex)
Eat Me Alive, Judas Priest (Sex)
Strap On Robbie Baby, Vanity (Sex)
Bastard, Mötley Crüe (Sprache & Gewalt)
Let Me Put My Love Into You, AC/DC (Sex)
We’re Not Gonna Take It, Twisted Sister (Gewalt)
Dress You Up, Madonna (Sex)
Animal (Fuck Like A Beast), W.A.S.P (Sprache & Sex)
High’n’Dry (Saturday Night), Def Leppard (Drogen)
Into The Coven, Mercyful Fate (Okkultismus)
Trashed, Black Sabbath (Drogen)
In My House, Mary Jane Girls (Sex)
Possessed, Venom (Okkultismus)
She Bop, Cyndi Lauper (Sex & Masturbation)

Wenn man sich diese Liste anguckt, kann man eigentlich nur zu einem Schluss kommen: Es gibt ja krasse Texte oder grafische Darstellungen in vielen Genres, die ein Kleinkind nicht hören sollte. Aber das hier ist alles harmloses Zeug.



Man muss allerdings festhalten, dass es dem PMRC nicht um komplette Zensur, also ein Verbot ging. (Diese Feinheit wird meist unterschlagen, ähnlich wie Indizierungen hierzulande manchmal pauschal mit Zensur gleichgesetzt werden. Das stimmt so nicht ganz.) Der PMRC will 1985 vielmehr Platten mit einem Bewertungssystem und/oder Altersfreigaben ähnlich wie bei Filmen versehen: „Ab 18“, „ab 12“, „enthält Sex“, „enthält Gewalt“ und so weiter. Des Weiteren sollen manche Veröffentlichungen nicht öffentlich beworben, verkauft, aufgeführt oder gesendet werden dürfen. Die Meinungsfreiheit wollen Mrs. Gore und ihr Verein – zumindest nach eigenen Aussagen – damit nie in Frage stellen, sondern die Verfügbarkeit solcher Medien für Kinder einschränken und die Eltern informieren. Natürlich reagiert die Musikwelt damals trotzdem und zu Recht äußerst empfindlich auf diese Ideen und argumentiert, dass ein solches System durchaus einer Zensur gleichkommt.



Auf einer Anhörung im US-Senat am 19. September 1985 sprechen sich drei prominente Musiker gegen diesen Quatsch aus: Frank Zappa, Countrysänger John Denver und Dee Snider von Twisted Sister. Trotzdem wird beschlossen, dass vermeintlich schlimme Platten den legendären Aufkleber tragen müssen. Manche Läden verkaufen sie deshalb zwar nicht mehr, aber so wissen die Kids wenigstens, was cool ist.

Natürlich entstehen quasi sofort jede Menge Lieder, in denen sich Bands über Tipper Gore und ihren Kreuzzug lustig machen. Dazu gehören Songs wie Hook In Mouth von Megadeth, Freedom Of Speech von Ice-T, Startin’ Up A Posse von Anthrax, Mother von Danzig, White America von Eminem und Censorshit von den Ramones. Die Hardrocker Warrant veröffentlichen mit Ode To Tipper Gore einfach einen Zusammenschnitt ihrer Bühnenansagen.



Darüber, ob die Aufkleberaktion irgendwas gebracht hat, kann man sich streiten, und Mitte der Neunziger löst sich der PMRC auch auf. Im Rolling Stone findet sich ein schöner Artikel darüber, was aus den „Filthy Fifteen“ geworden ist.

30 Jahre nach der Gründung des PMRC gibt Tipper Gore ebenfalls dem Rolling Stone ein Interview und merkt an: „Ich denke, diese Konversation zwischen Eltern und ihren Kindern ist heute noch genauso relevant wie damals.“ Ganz falsch liegt sie damit nicht, wenn man sich manche Texte etwa im extremen Metal oder vor allem im Rap ansieht. Wie bei Filmen gehört manches tatsächlich nicht in Kinderhände. Aber wegen Darling Nikki oder anderen harmlosen Liedchen über ein bisschen Sex, Rausch und Teufel gleich den Untergang des Abendlandes herbeizukrakelen, war schlicht: Unsinn.

Übrigens hat Frau Gore sich in ihrer sonstigen politischen Arbeit keinesfalls als Extremkonservative erwiesen, sondern sich für Frauen-, Kinder- und LGBT-Rechte stark gemacht und gegen Obdachlosigkeit gekämpft.

Wer sich die "Filthy Fifteen" selbst anhören möchte: Bitte schön.



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