10 Jahre „Ceremonials“: Florence + the Machine und der Pakt mit den sieben Teufeln

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Vor zehn Jahren veröffentlichen Florence + the Machine ihr dramatisch wallendes, kerzenbeschienenes zweites Album Ceremonials. Das düster-opulente Barock-Pop-Ritual ist die Fortführung dessen, was Kate Bush mit Wuthering Heights entfesselt hat. Und berauscht bis heute.

von Björn Springorum

Hier könnt ihr Ceremonials von Florence + the Machine hören:

Ende der Zweitausender geistert ein Name immer öfter durch die Popkultur. Florence Welch. Ohne auch nur ein Album mit ihrer Band Florence + the Machine veröffentlicht zu haben, erzeugt dieser Name nicht nur in Indie-Kreisen einen Buzz, der die vollkommen unbekannte Band auf große Festivals wie Reading und Glastonbury oder auf die Bühne mit Blur und Duran Duran bringt. Die geheimnisvolle Aura um die Band und ihre astrale Sängerin mit den roten Haaren sickert ins kollektive Bewusstsein lange bevor die Band 2009 ihr irrlichterndes Debüt Lungs veröffentlicht.

Der Klang schlagender Kirchturmglocken

Lungs ist ein Erfolg, ein überbordender Fiebertraum der Florence Welch, auf dem sie sich manchem Dämon ihrer Vergangenheit stellt, durch ihre entfesselte, enthemmte Musik aber wahrscheinlich gleich ein paar neue Dämonen heraufbeschwört. Bei aller packenden Intensität ist Lungs aber eben auch kein kohärentes Werk, zusammengestückelt aus Songs und Ideen der letzten Jahre und stellenweise noch hörbar geprägt von Welchs Vorliebe für dreckige Garage-Punk-Bands.

Das alles ändert sich 2011. Ceremonials, der schwierige Nachfolger zu einem erfolgreichen Debüt, ist eine dunkle und schwere Messe voller Gravitas, gotischem Glanz, Abgründen und sinistrer Pracht. Die Gitarren wurden zugunsten eines Sounds zurückgeschraubt, den Welch mit schlagenden Kirchturmglocken vergleicht, mit Gospel und mit Poesie – eine sakrale und erhabene, klassische Stimmung, die nach dunklen Korridoren, Kerzen und langen Gewändern klingt. Oder eben: Barocker Pop in seiner reinsten, verschwenderischsten Form.

Pop-Drama in fünf Akten

Ursprünglich möchte Florence Welch das Album Violence nennen, nach einem ihrer Lieblingsworte. Es passt zur Durchschlagskraft und zur ungebremsten Emotion, die uns aus den Songs entgegenschlägt. Welch singt furchtlos, selbstbewusst und doch verletzlich, schafft es allein mit ihrer Stimme, ein Shakespeare-Drama in fünf Akten zu erzählen. Sie singt von der Liebe, ja. Aber dezidiert anders als noch auf Lungs Mittlerweile Mitte 20, erweitert sie die Palette um das ewige Eros-Gegenstück, den Tod, aber auch um innere Abgründe, Naturwissenschaften, Philosophie oder persönliche Reflexionen auf ihre Heldinnen Frids Kahlo und Virginia Wolf.

Produziert wird Ceremonials wieder von Paul Epworth, der der Band schon bei Lungs mit Rat und Tat zur Seite steht und für Adeles James-Bond-Song Skyfall einen Oscar bekommt. Doch das Spannende: Eigentlich will die Plattenfirma Island Records, dass die Band mit einer Riege steriler Multi-Platin-Produzenten arbeitet, um ein ordentliches amerikanisches Pop-Album aufzunehmen. Wer auch immer da im Entscheidungssessel saß, der hat die Band nicht mal im Ansatz verstanden und man kann nur froh sein, dass sich Florence + the Machine doch wieder Epworth anvertraut haben.

Ritual in der Abbey Road

Sie ziehen sich ins Abbey Road Studio zurück und geben sich ganz der Magie der Musik hin. Kerzen brennen, Räucherstäbchen glimmen und der Legende nach tragen Welch und Epworth sogar denselben Haarschmuck, um sich einer rituellen Stimmung hinzugeben und das Weltliche zugunsten des Arkanen auszuschalten. Mit Erfolg: Ceremonials ist eine rauschhafte Reise durch Klangkathedralen, die vom bedeutungsschwangeren Opener Only If For A Night über den Exorzismus Shake It Out, den ahnungsvollen Gospel What The Water Gave Me, das wogende, beschwörende Seven Devils oder das umwerfende, hoch strebende No Light, No Light zu keiner Sekunde an nächtlicher Intensität nachlässt. Ein zeitloses Pop-Nokturn, gekrönt von einem Covermotiv, das Florence Welche im Gatsby-Look der Zwanziger zeigt, als wäre sie ein Mensch gewordenes Jugendstilporträt.

Zehn Jahre später hat das Album nichts von seiner jenseitigen Stimmung, seiner sakralen Aura und seiner Bedeutsamkeit verloren. Ein junger Klassiker, der den Status der Band mehr als nur zu ebnen weiß und sich mittlerweile mehr als zwei Millionen Mal verkauft hat – und nicht weniger als die Reinkarnation von Kate Bushs Pomp und Drama im 21. Jahrhundert, verkörpert von einer Sängerin, wie es sie so kein zweites Mal gibt.

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