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Popkultur

Formatverwandlungen & immer neue Coverstars: So wandelte sich das Album-Packaging in den letzten 60 Jahren

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Album Packaging

Auf die Frage, wie ein Album visuell und haptisch auszusehen hat, wurden in den letzten sechs Jahrzehnten immer neue Antworten gefunden. Offiziell von der Recording Academy in Betracht gezogen wird das Thema seit 1959, als der erste Grammy in der Kategorie „Best Recording Package“ verliehen wurde – an Frank Sinatra.

von Martin Chilton

Angeblich soll er selbst die Rolle des Art Directors für sein Album Frank Sinatra Sings For Only The Lonely übernommen haben, auf dem ein Porträt von Nicholas Volpe zu sehen war: Mr. Ol’ Blue Eyes als trübselige Harlekinfigur, mit Clowns-Make-up und viel Schatten drum herum. Die Stimmung war ziemlich passend gewählt, wo Sinatra doch gerade erst die Trennung von Ava Gardner hinter sich hatte.

Die Innovationen der Sechziger

Das erste prämierte Artwork war zwar durchaus gut gemacht, aber die eigentliche Verpackung der Musik – das Album-Packaging und die Art der Designelemente – war recht gewöhnlich. Doch in den Sechzigern sollte sich auch in diesem Bereich vieles tun, wobei die Beatles ganz klar wegweisend waren: Unvergessen ist das Design von Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band aus dem Jahr 1967. Die Rückseite ganz in Rot gehalten, dazu nur ein kleines Foto der Fab Four, quasi als Fußnote, wobei die Songtexte über die gesamte Rückseite, also auch über das Foto liefen. Lyrics auf einem (Back-)Cover hatte es davor noch nie gegeben! Und es waren die Beatles selbst, die darauf bestanden, obwohl ihre Publishing-Firma arge Bedenken hatte, dass sich die Bonus-Bleiwüste schlecht auf die Verkaufszahlen auswirken könnte, vor allem auf die der Notenverkäufe. (Für das kürzlich veröffentlichte Super Deluxe Boxset wurde das Frontcover sogar in 3D als Lenticular-Artwork erweitert.)

Im Jahr drauf erregten die Beatles sogar noch mehr Aufsehen mit der Aufmachung ihrer Hits: Dieses Mal war der Entwurf dermaßen radikal, dass das Design dem dazugehörigen, ursprünglich gleichnamigen Album sogar einen bis heute gebräuchlichen Alternativ- und Spitznamen bescheren sollte: The White Album. Das Cover der 2LP im Gatefold-Sleeve hatte Richard Hamilton so gestaltet, dass die Vorderseite einfach nur glänzend weiß war, dazu war ihr Bandname in den Karton geprägt. Außerdem gab’s einen Stempel mit einer Seriennummer – wobei Ringo Starr sich die Nummer 0000001 sicherte, die im Jahr 2015 für 790.000 US-Dollar versteigert werden sollte.

Überhaupt waren die Beatles ihrer Zeit in Sachen Promotion und Marketing meilenweit voraus: Zwischen 1963 und 1969 veröffentlichten sie jedes Jahr eine exklusive Weihnachtsaufnahme auf Flexi-Disc – jene biegsamen, billigeren Vinyl-Varianten, die später oft Zeitschriften beigelegt wurden –, die sie an die Mitglieder ihrer Fanclubs verschickten. Die Idee, solche Vinyl-Giveaways auch Publikationen beizulegen, kam zuerst in Japan auf, und manchmal nutzten Bands das Format, um so seltene Tracks zu veröffentlichen: Elvis Costellos 23 Minutes Over Brussels beispielsweise, oder auch Adam Ants Version von YMCA (woraus hier ANTS wurde) erschienen als Flexi-Discs. Obwohl dieses Format inzwischen weitestgehend verschwunden ist, gibt es hin und wieder doch noch Promo-Kampagnen auf biegsamem Vinyl – Freedom At 21 zum Beispiel, ein Stück von Jack Whites Blunderbuss-Album, erschien im Jahr 2012 in diesem Format.

Kreative Innovationsschübe

Da inzwischen immer mehr Verlage, Labels und Musiker*innen neue Wege gingen und sich kreativ zeigten, wuchs auch die Zahl der Verpackungsformate immer weiter: Stereotomy von The Alan Parsons Project kam im durchsichtigen Plastik-Sleeve, und das Artwork fürs Second Album von Curved Air hatte gleich fünf Schichten in verschiedenen Farben. Eine Sache war dabei immer wieder ein Thema: 3D-Cover. Vorreiter waren hier The Rolling Stones mit Their Satanic Majesties Request. Das Frontcover des Gatefold-Sleeves zierte ein 3D-Bild, wobei es auf der Innenseite richtig schön psychedelisch wurde (siehe auch das Deluxe Boxset zum 50. Jubiläum). Noch weiter gingen die Stones für Sticky Fingers: Hier hatte das Sleeve einen echten Reißverschluss, unter dem eine Unterhose (aus Stoff) verborgen war – und die Worte „THIS PHOTOGRAPH MAY NOT BE – ETC“ zusammen mit dem Verweis auf den Schöpfer: Andy Warhol.

Es gab auch Fälle, in denen das Werk und die gesellschaftlichen Umstände ein neues Design nahelegten: Unfinished Music No.1: Two Virgins von John Lennon und Yoko Ono war dermaßen umstritten, dass es in einer braunen Papiertüte verkauft werden musste – die beiden waren einfach zu unbekleidet.

Auch das Originalvinyl von Jefferson Airplanes Bark (1971) kam im braunen Papiertüten-Look daher: Neben dem „JA“-Logo (was an die Supermarkt-Kette A&P angelehnt war) war das Bild eines Fischkopfs mit menschlichen Zähnen zu sehen, schön eingewickelt und verschnürt. Das beigelegte Lyric-Sheet war rosa und sah aus wie ein Bestellzettel vom Schlachter.

Fast schon religiös verehrt wurden die Arbeiten von Larry Shaw, der sich bei Stax Records um Packaging und Artwork kümmerte. Von ihm stammt beispielsweise das ikonische Cover von Isaac Hayes’ Black-Moses-Album (1971), das seit rund fünf Jahrzehnten zu den größten Coverdesigns der Musikgeschichte gezählt wird. Während Hayes hier die Moses-Rolle übernehmen durfte, ließ sich das Sleeve der 2LP so ausfalten, dass man ein riesiges Kreuz von 1,20m Höhe und 90cm Breite erhielt.

Design-Ikonen

Manchmal reicht ein* brillante*r Designer*in, um ganz neue Impulse zu setzen und größere Veränderungen ins Rollen zu bringen. Der Fotograf Dennis Morris, der in den Jahren davor ikonische Bilder von den Sex Pistols und Bob Marley gemacht hatte, wurde 1979 von Public Image Ltd. als Album-Designer beauftragt. Als er dann sagte, er wolle statt des regulären Albumformats drei 45rpm-Singles in eine Metallbox packen – daher auch der Titel Metal Box –, war man beim Label zunächst sehr skeptisch, weil die Kosten einfach zu hoch schienen. Morris jedoch machte in London eine Firma ausfindig, die Filmdosen produzierte, und die Größte passte perfekt zum Vinylformat: „Also haben wir einfach einen Restposten aufgekauft“, erinnerte sich Dennis später, „und haben dann das PiL-Logo aufgeprägt. War dadurch hinterher viel billiger als erwartet.“

Die Produktionskosten waren natürlich immer wieder ein wichtiger Faktor: Das Album Ogdens’ Nut Gone Flake von Small Faces erschien 1968 zunächst in einer ganz besonderen Verpackung – nämlich als überdimensionierte Tabakdose. Allerdings war das dann doch etwas zu luxuriös, zu teuer, und nicht nur das: Die Dosen rollten auch regelmäßig aus den Regalen der Plattenläden und fielen auf den Boden. Also gab’s danach nur noch die eckige Variante im Gatefold-Sleeve.

Jahre später entpuppte sich Mark Farrows Arbeit für die Rockband Spiritualized als bahnbrechend: Das Design zu Ladies And Gentlemen We Are Floating In Space bescherte ihm 1997 eine ganze Reihe von Preisen. Sein Entwurf basierte auf einem Satz, den Sänger Jason Pierce gleich im ersten Design-Meeting gesagt hatte: Musik sei letztlich „Medizin für die Seele“, so Pierce. Also erschien das Album apothekenkonform in einer so genannten Blisterverpackung, wie sonst Tabletten also, und für die Linernotes war natürlich reichlich Platz auf dem Beipackzettel, wo sonst die Nebenwirkungen aufgelistet sind.

Auch Design-Bruchlandungen gab’s gelegentlich: Craig Brauns Entwurf für Alice Coopers School’s Out, bei dem sich das Sleeve so ausklappen ließ, dass es wie ein Schultisch aussah, beinhaltete neben dem Vinyl auch ein paar Shorts. Viel Aufwand – was besonders ärgerlich war, als sich herausstellte, dass die Produktion vorzeitig eingestellt werden musste, weil die Verpackung zu leicht brennbar war.

Die Ära der Deluxe-Boxsets

Schon vor ein paar Jahren hat schließlich die Ära der Deluxe-Editionen und Boxsets begonnen, und den Sammler*innen wurden da immer neue Specials und Innovationen präsentiert – zusammen mit viel Bonusmaterial: Badmotorfinger beispielsweise, der Soundgarden-Klassiker von 1991, kam 25 Jahre später mit gleich sieben Discs daher – und das Logo war beweglich und batteriebetrieben.

2018 waren es Guns N’ Roses, deren „Locked N’ Loaded“-Edition von Appetite For Destruction noch sehr viel weiter ging: Das 12-Zoll-Format wurde hier zum dreidimensionalen Holzwürfel erweitert, dazu gab’s ein aufwendiges Design aus Lederimitat und diverse Specials von Kopftuch und Ring bis hin zu Lithografien für jeden Song, Münzen, Ticketnachdrucke und, und, und. Mehr Bonusmaterial geht eigentlich gar nicht.

Während manche Boxsets eher das Konzeptionelle unterstreichen (z.B. die „End Of The World“-Edition von Ryan Adams’ Prisoner), setzen andere eher auf Effekte: The Complete Early Years von Motörhead kam beispielsweise im Schädeldesign mit rot leuchtenden Augen.

Neue Wege, neue Formate

In den letzten Jahren hat kaum eine Band so viel mit neuen Formaten und Medien herumexperimentiert wie The Flaming Lips. So erschien eine EP im Jahr 2011 auf einem USB-Stick, der wiederum in einem essbarem Fruchtgummischädel steckte – wobei man erst 3,5 Kilo Gummizeug verzehren musste, um die Songs zu entpacken. Da die Edition sofort ausverkauft war, setzten sie noch einen drauf: Drei weitere Songs kamen als nächste EP, wieder auf USB, aber nun in einem Fruchtgummifötus verborgen. 2014 veröffentlichte Julian Casablancas (The Strokes) sein Soloalbum Tyranny auch auf einem USB-Stick, nur war dieses Modell zugleich ein Feuerzeug.

Auf der Jagd nach Originalität war jedoch keiner so radikal und wortgetreu wie der Wu-Tang Clan – denn es gab wirklich nur eine einzige Kopie von The Wu: Once Upon A Time In Shaolin, das 2014, nun ja, nicht wirklich für die Allgemeinheit erscheinen sollte. 31 Tracks, verpackt in einer Silber-Nickel-Schatulle des Künstlers Yahya. Für rund 5 Millionen US-Dollar ging das gute Stück an einen dubiosen Freund von Mr. Trump, der wenig später zu mehreren Jahren Haft verklagt werden sollte.

In den kommenden Jahrzehnten erwarten uns viele digitale Innovationen, die auch in den Bereich Design und Packaging überschwappen werden – man denke etwa an Motion Graphics. Wie innovativ man bis heute mit Papier und Karton sein kann, bewies dabei erst kürzlich der Designer Jonathan Barnbrook, der für David Bowies letztes Album Blackstar den Grammy in der Kategorie „Best Packaging“ abräumte: Weil sich im ausgeschnittenen Stern auf dem Albumcover nach Sonnenbelichtung tatsächlich ein Sternenhimmel abzeichnete.

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Popkultur

Eine Nacht im Bordell: Die lieblose Hochzeit von Ike und Tina Turner

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Ike & Tina Turner
Foto: Michael Ochs Archives/Getty Images

Die Ehe von Ike und Tina Turner war durch zahlreiche Tiefpunkte geprägt. Aggression, körperliche Gewalt, Betrug: Von süßem Eheleben kann wohl kaum die Rede sein. Doch wie kam es eigentlich zu der Hochzeit? Und was zur Hölle dachte sich Ike, als er Tina in der Hochzeitsnacht in ein Bordell schleppte?

von Timon Menge

Hier könnt ihr euch einige der größten Hits von Ike & Tina Turner anhören:

Mit mehr als 100 Millionen verkauften Platten gehört Tina Turner zu den erfolgreichsten Künstlerinnen aller Zeiten. Ike Turner hat im Lauf seiner jahrzehntelangen Karriere keine 100 Millionen Platten verkauft. Stattdessen war er kokainsüchtig und hat Tina verprügelt. Dass die beiden unter diesen Umständen ein Paar waren, ist kaum zu glauben. Am 26. November 1962 gaben sich Ike und Tina sogar das Ja-Wort und heirateten. Es war der unschöne Beginn einer unschönen Ehe, die trotz aller Schwierigkeiten 14 Jahre andauerte. Doch wie kam es dazu? Wie sah der Hochzeitstag aus und wie gestaltete sich die Zeit als Ehepaar? Ein Rückblick.

Ike und Tina Turners Hochzeit: Tina hat Angst, nein zu sagen

Als sich Ike und Tina kennenlernen, ist Tina gerade einmal 17 Jahre alt. Sie sieht ihn 1956 bei einem Auftritt seiner Band Kings Of Rhythm, später tritt auch sie der Gruppe bei. Schon bald geht das Duo unter dem Namen Ike And Tina Turner Revue auf Tour. Tina steht mit ihren energiegeladenen Auftritten im Zentrum der Show. Ikes Aggression und seinen Jähzorn lernt sie zu jener Zeit bereits kennen. Dennoch entwickelt sich der sieben Jahre ältere Musiker zu einer Art Mentor für Tina und die beiden landen gemeinsam ihre ersten Hits. Als Ike ihr einen Antrag macht, weiß Tina, dass eine Hochzeit nicht die beste Idee wäre — doch sie hat Angst, nein zu sagen.

Für die Hochzeit reisen Ike und Tina ins damals schon schmucklose Tijuana hinter der US-amerikanisch-mexikanischen Grenze. In dem Ort, der zu jener Zeit vor allem für seine günstigen Bordelle und Express-Hochzeiten bekannt ist, unterschreiben Ike und Tina einen Wisch in einem schmuddligen Hinterzimmer und sind fortan verheiratet. Kein „Ja, ich will“, keine Glückwünsche. Nur ein Stück Papier. „Ich hatte damals nicht viel Hochzeitserfahrung“, gibt Tina im Interview mit der britischen Daily Mail zu Protokoll. „Doch ich wusste, dass Hochzeiten irgendwie emotional und glücklich sein sollten.“ Ike hat allerdings andere Pläne für den Abend — und schleppt Tina in ein Bordell.

Eine Hochzeitsnacht im Bordell

„Man kann sich nicht vorstellen, was er für ein Mensch war“, erzählt Tina im Interview. „Ein Mann, der seine Frau gleich nach der Vermählung zu einer pornografischen Live-Sex-Show mitnimmt. Ich habe dort gesessen, ihn aus dem Augenwinkel beobachtet und mich gefragt: ‚Findet er das wirklich gut? Wie kann er nur?’ Es war alles sehr hässlich. Der männliche Darsteller war unattraktiv und scheinbar impotent, und das Mädchen … Nun, sagen wir einfach, dass das Ganze eher gynäkologisch war, weniger erotisch. Ich habe mich elend gefühlt und war den Tränen nahe, aber es gab kein Entkommen. Wir sind nicht gegangen, bis Ike fertig war — und er hatte dort viel Spaß.“

Nach der Hochzeit redet sich Tina die Ehe schön. „Am nächsten Tag habe ich vor den Leuten geprahlt“, berichtet die Sängerin. „Ich habe gesagt: ‚Ratet mal, was passiert ist! Oh, Ike hat mich mit nach Tijuana genommen, wir haben gestern geheiratet!‘ Ich habe mir eingeredet, dass ich glücklich war, und für kurze Zeit war ich es auch. Für mich hatte der Gedanke, verheiratet zu sein, eine Bedeutung. Für Ike war es eine weitere Transaktion.“ Die Ehe des Paares ist von Ikes Gewaltausbrüchen und seiner Drogensucht überschattet. Ganze 14 Jahre geht es so, bevor Tina im Jahr 1976 die Scheidung einreicht. Seit 2013 ist sie mit Musikmanager Erwin Bach verheiratet und lebt in der Schweiz.

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Popkultur

15 Jahre Kapitulation: Tocotronics „Statement gegen diese schreckliche Emo-Kultur“

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Tocotronic
Foto: Jakubaszek/Getty Images

Mehr Musiktheater als Musik: Mit Kapitulation legen Tocotronic 2007 den zweiten Teil ihrer Berlin-Trilogie vor. Und zementieren ihren Ruf als magische Gitarrenvisionäre der Gesellschaftstheorie.

von Björn Springorum

hier könnt ihr euch Kapitulation anhören:

Nach dem Klassiker Pure Vernunft darf niemals siegen gönnen sich Tocotronic 2006 eine Pause von sich selbst. Seit dem Debüt Digital ist besser 1995 haben sie sieben Platten veröffentlicht, ein hohes Tempo, dazu Konzerte, Festivals in halb Europa und den USA. Urlaub steht dennoch nicht Agenda für die Propheten der Hamburger Schule: Sänger und Prediger Dirk von Lowtzow, Bassist Jan Müller und der recht neue Gitarrist Rick McPhail vollenden Soloplatten, verwirklichen sich abseits der mittlerweile gefestigten Pfade von Deutschlands wichtigster Rockband.

Der ahnungsvolle Geist der Rockmusik

Diesen Ruf hat man sich mit viel harter Arbeit und unglaublicher Musik erarbeitet. Spätestens seit K.O.O.K. (1999) sind die Diskursrocker von der lauten, verzerrten Schrammelband zum ahnungsvollen Geist geworden, zu beschwörenden Gitarrenalchemisten, deren Musik eine tiefe Magie entströmt und deren Texte eher vergeistigte Mantren im Geiste eines Michel Focault sind, durchzogen von griffigen Slogans, die die Band auf zahlreiche Tattoos oder Jutebeutel gebracht hat.

2007 setzen sie im Studio Chez Chèrie in Berlin-Neukölln ihre mit Pure Vernunft darf niemals siegen begonnene Berlin-Trilogie fort – eine Hommage an David Bowie freilich, eine Verbeugung vor den ganz großen Denkern der Rockmusik. Zu denen zählen Tocotronic auch. Aus der einstigen Studi-Band mit Cordhose, Trainingsjacke und Seitenscheitel ist ein Phänomen geworden, ein gesellschaftliches Ereignis. Einige Jahrzehnte nach Ton, Steine, Scherben gibt es wieder eine deutsche Band, die weiß, wo die Wunden der Gesellschaft liegen, und zielgenau den Finger hineinlegt.

Musik gegen den Optimierungswahn

Tocotronic tun das auf Kapitulation indes keineswegs laut, markig oder aufbrausend. Konträr zur militärischen Symbolik in Albumtitel und vielen Texten nehmen die Musiker in wenigen Tagen ein Album gegen den Optimierungswahn unserer Zeit auf – live und in fiebrigen Sessions. Kapitulation als Ultima Ratio gegen Pragmatismus und Effizienz. „Kapitulation ist eine Verführung zur Geistesabwesenheit“, wird die Zeit dazu sagen. Von Lowtzow konkretisiert das 2007 in einem Interview mit der taz: „Es ist in Vergessenheit geraten, dass es einmal eine künstlerische Strategie gab, nichts zu tun. Und die möchten wir formulieren als Antithese zu diesem Leistungsimperativ, der neuerdings in dieser Gesellschaft herrscht. Das Unproduktive wird unterschätzt.“

Wie Herman Melvilles Bartleby sind auch Tocotronic im Müßiggang zuhause – bei aller gefühlten Effizienz ihrer vielen Alben und Touren mache man als Band anscheinend „nur ein Fünftel von dem, was andere machen.“ Das Mantra „Ich möchte lieber nicht“ geistert auch durch dieses Album, eine kurze griffige Geste der Entsagung. Musikalisch indes möchten sie. Und wie: Tocotronic verwandeln sich auf Kapitulation weiter in diese entrückte Rock-Band, der ein schwer fassbarer, beschwörender, kafkaesker Zauber innewohnt. Zwölf Songs, zwölf Indie-Schmuckkästchen, denen man sich auch heute nur schwer entziehen kann. Zeitlos im besten Sinne ist das, was Tocotronic hier machen, längst in einer ganz eigenen Liga und nicht nur in Deutschland einzigartig. Das hypnotische Mein Ruin, der Befehl Verschwör dich gegen dich, die zarte Antithese zu glücklichen Pärchen-Eskapismus-Balladen, Harmonie ist eine Strategie oder der wüste Ausbruch Sag alles ab, der dann natürlich mit einer Extraportion Trotz als Single ausgekoppelt wird: Hier kann man einer der schlausten Bands Deutschlands in den Kopf schauen. Musik als Unterricht.

Immer noch Punk

Da ist der Wechsel vom dichtgemachten Hamburger Indie-Label L’Age D’Or zum Major Vertigo nur konsequent: Diese Band ist längst viel zu wichtig, um sie nicht größtmöglich zu inszenieren. Punks bleiben Tocotronic im Herzen dennoch. Sie zielen gegen das System, klinken sich aus aus den Erwartungshaltungen, die man an das Individuum stellt. Zudem möchte Vordenker und Texter von Lowtzow Kapitulation auch als „Statement gegen diese schreckliche Emo-Kultur“ verstanden wissen. Gejammer gibt es bei den Hamburgern nicht. Punk ist das schon eher. Wenn auch 2007 längst nicht mehr mit Tempo, Geschwindigkeit und Schrammeleien.

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Popkultur

45 Jahre „Slowhand“: Eric Claptons furioses Comeback nach Heldensturz und Heroin

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Eric Clapton
Foto: Michael Ochs Archives/Getty Images

Wer ein Album mit einem Hattrick aus Cocaine, Wonderful Tonight und Lay Down Sally eröffnet, hat ein Comeback verdient: Vor 50 Jahren feuert Eric Clapton seine Karriere neu an und liefert mit Slowhand den definierenden Moment seiner Laufbahn als Solitär.

von Björn Springorum

Hier könnt ihr euch Slowhand anhören:

Das Blöde an Gitarrenhelden und musikalischen Heiligen ist ja: Sie weilen derart hoch oben in himmlischen Sphären, dass so ein Fall ganz schön tief sein kann. In den Siebzigern passiert genau das Eric Clapton. Nachdem er ab 1963 erst durch die Yardbirds, dann durch die Bluesbreakers, Cream, Blind Faith und Derek And The Dominoes zu einem der fleißigsten, besten und berühmtesten Gitarristen der Sechziger wurde, versucht er es 1970 solo. Muss ja so kommen, viel mehr kann Clapton im Bandkorsett nicht erreichen.

Heldensturz und Heroin

Die Karriere läuft einigermaßen an, wird aber von Drogen und gebrochenen Herzen torpediert. Er verfällt zu gleichen Teilen George Harrisons Frau Pattie Boyd und dem Heroin, zieht sich zurück, macht einen desolaten Auftrott bei Harrisons Concert For Bangladesh. Einer der strahlenden, mythischen Helden der Sechziger, so scheint es, wurde gestürzt. 1974 kämpft er sich aus der Dunkelheit zurück und veröffentlicht, jetzt mit Boyd an seiner Seite, sein Comeback 461 Ocean Boulevard. Der Trick: Mehr Songs, weniger Experimente.

Der Plan geht auf, doch die Nachfolgewerke There’s One in Every Crowd (1975) und No Reason To Cry (1976) sind wieder vergleichsweise ziellos und aufgebläht. Merkt er selbst und verschanzt sich mit seiner fast durchgehend US-amerikanisch besetzten Liveband im Mai 1977 in den Londoner Olympic Studios, wo sein fünftes Soloalbum Slowhand entsteht. Es soll sein definierendes Kapitel als Solitär werden. Und das hat direkt mit seinen Mitmusiker*innen zu tun: Sie bringen den originär amerikanischen Blues und Soul, dem Clapton seit Tag eins nacheifert, auf sein Album – mühelos, authentisch und mit unkompliziertem Groove. „Ich als Engländer kann mich diesem Sound nur annähern“, sagt Clapton mal dazu. „Doch die Band ist eine Tulsa-Band. Die kann gar nicht anders.“

Clapton und der Anti-Drogen-Song

Slowhand, benannt nach dem Spitznamen, den er 1964 vom Yardbird-Manager Giorgio Gormelsky bekam, beherzigt die Lektionen von 461 Ocean Boulevard, gibt sich eingängig, radiofreundlich und bleibt mit Ausnahme des Neunminüters The Core in allen Songs unter der Fünf-Minuten-Marke. Außerdem wagt Clapton deutlich mehr Eigeninitiative und packt viel weniger Cover-Songs als sonst auf die Platte. Einer wird dann aber gleich zu seinem infamen Signature-Song: Seine Interpretation von J.J. Cales Cocaine wird in Argentinien zensiert und in Folge vieler negativer Stimmen in den nächsten Jahren sehr selten live gespielt. Irgendwie konnte Eric Clapton niemanden davon überzeugen, dass wir es hier mit einem Antidrogensong zu tun haben. Na ja… „If your day is gone, and you want to ride on, cocaine – don’t forget this fact, you can’t get it back, cocaine“ klingt jetzt nicht gerade sehr kritisch.

Unaufdringlich virtuos

Was Slowhand auszeichnet, ist diese unaufdringliche Virtuosität. Clapton muss niemandem mehr etwas beweisen und macht einfach das, was er kann: Die Gitarre zum Strahlen bringen. Mit Wonderful Tonight spendiert er dem Album zudem einen seiner bekanntesten Songs – eine Ode an Pattie Boyd, inspiriert von ihrem gemeinsamen Besuch eines Paul-McCartney-Konzerts 1976. Sweet. Die dritte große Nummer nach Cocaine und Wonderful Tonight ist natürlich der Country-Kracher Lay Down Sally, den Clapton gemeinsam mit Backgroundsängerin Macy Levy und Gitarrist George Terry schreibt. Gemeinsam formen sie das Triptychon, das Slowhand eröffnet und fast eigenmächtig zum Erfolg führt.

Slowhand inszeniert eine Band, die ganz genau weiß, was sie tut. Die ganz genau weiß, dass sie starkes Material in einigen hellen Momenten im Studio eingespielt hat. Der lockeren Klasse der Songs schadet nicht mal, dass Clapton laut Produzent Glyn Johns fast durchgehend alkoholisiert war. Aufrecht erhalten kann Slowhand dieses gute Blatt jedoch nicht: Die nächsten Platten sind allesamt halbherzige Versuche. Erst mit dem von Phil Collins produzierten August (1986) geht es langsam wieder bergauf, gekrönt von MTV Unplugged (1992), das ihn endgültig konsolidierte.

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