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Popkultur

Die musikalische DNA von Bilderbuch

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Sorry, dass ihr es auf die Art erfahren musst, aber: Nein, Wanda sind nicht die geilste Band der Welt (aus Österreich). Sondern Bilderbuch. Genau, die mit den vielen Autos und noch mehr Autotune, die mit dem Funk und den überdrehten Videos. Die ehemaligen Klosterschüler, die als Teenager ihre eigene Band gründeten und kein Englisch konnten, weshalb sie sich einen beliebigen deutschen Namen zulegten, der bis heute funktioniert. Denn Bilderbuch sind Bild und Buch, das heißt grell und smart in einem. Die Art Band, die sich jahrelang den Arsch abspielt und von der dann trotzdem alle denken, sie käme aus dem Nirgendwo.


Hört euch hier die musikalische DNA von Bilderbuch in einer Playlist an und lest weiter:


Bilderbuch haben in jeglicher Hinsicht ihren eigenen Stil gefunden, ob nun musikalisch, visuell oder in den wilden auf Denglisch vorgetragenen Texten von Maurice Ernst, dem wasserstoffperoxiden Sprachrohr der Band. Bilderbuch sind aber eben auch mehr als ihr sorgsam konstruiertes Image. »Stimmung und Gefühl geht über das perfekte Popbild«, wird Ernst nicht müde, zu betonen. Zugleich lamentiert er, dass das heute eben nicht mehr so selbstverständlich sei wie früher. Wenn wir uns also die musikalische DNA der geilsten Band der Welt (aus Österreich) anschauen, dann wandert unser Blick schnell in die Vergangenheit.


1. Prince – If I Was Your Girlfriend

Fangen wir also bei der Legende aus dem Paisley Park an: Prince. Der hatte vorgemacht, dass sich Funk mit elektronischer Musik vermischen lässt und trotzdem Sex-Appeal dabei herumkommt. Ernst sieht in Prince ein »Riesenvorbild«, einen der wenigen »Künstler, die sich über einen längeren Zeitraum immer wieder verändert und trotzdem qualitativ Hochwertiges abgeliefert« haben. Ein Anspruch, der deutlich aus dem Werk von Bilderbuch spricht, die auf jedem ihrer drei Alben anders klangen als zuvor oder danach. Nebenbei kratzen Bilderbuch wie auch Prince – Selbstbekenntnis: »I’m not a woman / I’m not a man / I’m something you’ll never understand« – gehörig an den gängigen Männlichkeitsvorstellungen, welche die Indie-Szene noch bis heute bestimmen. Wir drehen dann mal If I Was Your Girlfriend auf – Gruß und Bussi an die Brudis von Wanda!


2. David Bowie – Lady Stardust

À propos Gestaltenwandler, à propos angekratzte Männlichkeitsbilder: David Bowie ist natürlich ebenso zu einem der Vorbilder Bilderbuchs zu zählen. Ernst nennt ihn in einer Reihe mit Prince als einen Ausnahmekünstler. »Natürlich gibt es Ausrutscher, Phasen, die jetzt nicht so cool sind, aber die Rezeption verändert sich ja auch. Vor vier Jahren hätte ich noch gesagt: Scary Monster von Bowie, das ist ein Schas«, gab er in einem Interview zu und fügte hinzu, dass er früher vor allem auf Bowies Überalbum The Rise And Fall Of Ziggy Stardust And The Spiders From Mars im Player rotieren ließ. Er begreift aber Bowie als sich wandelndes Gesamtkunstwerk und sieht auch seine Band in dieser Tradition. »David Bowie hat so viele Stimmen und so viele Weisen, sich auszudrücken«, schwärmte er. »Ich habe auch mehr als eine Stimme. Ich singe mal Kopfstimme, mal wieder tief, habe auf jedem Album versucht, meine Stimme ein wenig zu verändern, sie weiterzutreiben und dann auf Altes zurückzugreifen.« Und wenn schon auf Altes zurückgreifen, dann aber auch auf die richtigen Klassiker, oder?


3. Falco – Vienna Calling

Der größte Bowie-Fan Österreichs ist Ernst aber damit noch lange nicht. Ein noch viel größerer nämlich fand sich im exaltiertesten Funkverteidiger des Landes: Falco. Der modelte sein eigenes Image in Anfangsjahren nach dem großen Idol, fand aber auch schnell zu seiner eigenen Existenz. Mit seiner Hip Hop-Affinität, seinem glamourösen Auftreten und seinen textlichen Spagaten zwischen Wiener Schmäh und US-amerikanischem Rap muss Falco doch Modell für den Bilderbuch-Style gestanden haben, oder? Von wegen! »Natürlich gibt es Gemeinsamkeiten, aber auch riesige Unterschiede«, ließ sich Ernst genervt von den ständigen Vergleichen zitieren. »Mit Falco ist das so eine Sache in Österreich. Er ist einfach ein Synonym für Popstar.« Eins aber gibt doch zu: »Nur diese Attitüde, das Selbstverständnis, einen Popsong hinzuknallen, der einfach kompromisslos sagt: ‚Da sind wir!‘ Das ist Falco, das ist wie Punk.« In der Hinsicht ist der ständige Vergleich eben doch ein Kompliment.


4. Kanye West – Monster (feat. Jay-Z, Rick Ross, Nicki Minaj & Bon Iver)

Vor allem können wir auch mal fünf gerade sein lassen und Falco in diese Liste aufnehmen, weil Rap ohne ihn vermutlich nicht so schnell im deutschsprachigen Raum angekommen wäre. Rap, Hip Hop, R’n’B sowie Trap sind Spielarten, die Bilderbuch ebenfalls in ihren wilden Stilmix integrierten. Nehmen wir Autotune: Das wurde als musikalisches Stilmittel von Cher bekannt gemacht, von T-Pain verfeinert und von Kanye West perfektioniert, bevor sich Crews zwischen Atlanta und dem Hanuschplatz draufstürzten. Kanye West ist eines der erklärten Vorbilder der Band und der Hip Hop-Ansatz ein essentieller Bestandteil des Bilderbuchschen Arbeitsprozesses. »Man bringt einfach zusammen, was einem gefällt«, sagt Ernst über den Arbeitsprozess seiner Band. »Ich würde sagen, es hat etwas mit R’n’B zu tun, mit Soul, es ist sehr amerikanische Musik.« Und was ist amerikanischer als Kanye Wests My Beautiful Dark Twisted Fantasy? Ernst schwärmt vor allem von Nicki Minajs – sonst für ihn eine »grenzwertige Künstlerin« – Feature-Auftritt auf Monster. Da komme ihre schöne Seite zum Vorschein. Die haben Bilderbuch zwischen all dem Glam und Glitter schließlich auch.


5. Bon Iver – Woods

Wer genau hinhört, wird auf Monster noch eine Stimme wiedererkennen: die von Bon Iver. Die sensibelste als Folk-Seelchen hatte Kanye Wests Interesse ebenfalls mit krassem Autotune-Einsatz geweckt. Der Song Woods von der EP Blood Bank war eine absolute Kuriosität, denn die Stimmangleichungssoftware schien mit der um Authentizität buhlenden Singer/Songwriter-Ästhetik des Genres doch so gar nicht zu vereinbaren. Das aber gerade macht den Clou von Justin Vernons neueren Songs aus und das steht ebenso im Zentrum von Bilderbuchs musikalischem Ansatz, die unter anderem für Vernons Album 22, A Million lobende Worte fanden. Alle Vorwürfe der Inszenierung prallen deswegen auch Bilderbuch ab. So wie der Autotune fester Bestandteil von Bon Ivers Sound geworden ist, so ist ihre überzogene Selbstdarstellung Ausdruck davon, wie sie selbst sind. Klingt paradox, ist es aber nicht.


6. The Strokes – Last Nite

Wo wir schon bei Authentizitätsfragen waren: Rock-Musik war immer die letzte Bastion des Echten und Handgemachten. Aber wie authentisch sind eigentlich ein paar US-amerikanische Kids, die sich auf einer feinen Privatschule in der Schweiz kennenlernen und eine Band gründen? Auch die Frage wollen und können wir hier nicht beantworten. Die einen auf dem Internat, die anderen in der Klosterschule – das ist noch nicht alles, was The Strokes mit Bilderbuch eint. Tatsächlich begannen Bilderbuch ihre bescheidene Karriere zu Teenagerzeiten damit, die Songs der Band nachzuspielen, die mit ihrem Album Is This It im Jahre 2001 die richtigen Fragen stellten und eine beispiellose Erfolgsgeschichte schrieben. Bilderbuch mussten da schon mehr ackern, es sollte sich aber ebenso auszahlen. Und vielleicht erspart ihnen die harte Arbeit auch das Schicksal der späten Strokes, die zunehmend in der Bedeutungslosigkeit versanken… Dann doch lieber Champagner im Jacuzzi schlürfen!


7. Ja, Panik – DMD KIU LIDT

Nicht nur The Strokes wie auch britischer Indie Rock von Oasis bis zu den Arctic Monkeys waren für Bilderbuch prägend. Auch der Einfluss einer anderen österreichischen Band auf das Quartett lässt sich nicht leugnen. Ja, Panik versetzten spätestens 2011 mit ihrem Album DMD KIU LIDT (spricht sich übrigens Die Manifestation des Kapitalismus in unserem Leben ist die Traurigkeit aus) die Indie-Welt in helle Aufregung. Da war plötzlich eine Band, die den Protestsong zu retten schien, vor Glanz und Gloria aber trotzdem nicht zurückschreckte! Ja, Panik waren damit auch eine der wegbereitenden Bands des revitalisierten Austropop-Crazes, dem Bilderbuch höchst kritisch gegenüber stehen: Nein, nur weil sie da herkommen, wollen sie darauf nicht reduziert werden. Dennoch: Was deutschsprachigen Rock angeht, bleiben sie lieber im Süden. »Die Bands der Hamburger Schule, die waren so kalt«, sagte Ernst. Zumal Ja, Paniks politischer Anspruch dem von beispielsweise Tocotronic in nichts nachstehen mag, der emphatische Stil der Landsmänner den Zappelphilippels von Bilderbuch schon eher reingehen wird. Die übrigens verpacken ihre Gesellschaftskritik lieber in Zweideutigkeiten. Das auf ihrem letzten Album besungene Magic Life findet schließlich in der Festung Europa statt und das wissen sie auch.


8. UB40 – Red, Red Wine

Die zwei österreichischen Acts – Falco und Ja, Panik – in dieser Liste haben eine Gemeinsamkeit, die ihnen Bilderbuch zugutehalten: ihre Haltung. Und Haltung ist nun mal nicht auf Herkunft herunterzubrechen, sondern ebenso international wie der Musikgeschmack der Bilderbuch-Boys. »Wir sind sehr offen und konsumieren jegliche Musik von ZZ Top bis zur ärgsten Jamaika-Mucke. Das ist uns so ein bisschen wurscht«, zuckt Ernst gerne die Schultern. »Und wenn du dann das alles zueinanderfügst, dann kriegst du wieder Bilderbuch raus.« Auf die Stichelei eines Interviewers, dass Bilderbuch dann schnell mal nach UB40 und ihrem Blue-Eye-Reggae-Hit Sunshine Reggae klängen, antwortete Ernst wie aus der Pistole geschossen: »Du hast schon recht. Wobei du dir auch mal die drei Hits von UB40 anhören musst. Die sind super geil. Das ist natürlich auch in den Dreck gezogen worden. Logischerweise, weil es eben totgespielt wurde und ein bisschen unsympathisch ist. Und trotzdem muss man sagen: Hey, das törnt schon richtig an, irgendwie.« Überraschende Worte – aber typisch Bilderbuch: Da wird sich nicht geschämt, da werden Zugeständnisse gemacht.


9. Tina Turner – Don’t Give Up (live with David Bowie)

Dass dann Ernst bei einer Show im österreichischen Radio einen Tina Turner-Song auflegt, überrascht da eigentlich nicht mehr. Vor allem nicht, wenn ein alter Bekannter dabei ist: David Bowie. Als Turner und Bowie 1984 gemeinsam Don’t Give Up aufnahmen, war zwar noch keines der Bandmitglieder geboren und Ernst gibt offen zu, dass sie ihre Kindheit nicht in geschmackssicheren Elternhäusern verlebt haben. Aber irgendwann kommen eben alle auf die Achtziger – und was ist denn schon der größte Bezugspunkt von Bilderbuch, wenn nicht die Hairspray-Dekade? Na, klar: Die Zukunft, oder die »Future«, wie Ernst gerne sagt. Der Weg in die führt aber meistens mit einem kleinen Umweg durch die Vergangenheit über die Gegenwart. Und Don’t Give Up ist doch letztlich die beste Losung für eine zukunftsorientierte Band, oder nicht?


10. Casper – Auf und davon

Gegenwart ist das Stichwort. In den vergangenen Jahren haben Bilderbuch in der zeitgenössischen Musiklandschaft ihre Spuren hinterlassen. Cloud Rap österreichischen Zungenschlags, der wild mit Autotune experimentiert etwa wurde von ihnen vorbereitet. »Wer Schick Schock kennt, der kennt unseren Song Barry Manilow und das ist ja im Prinzip der erste Cloud Rap-Song, den es in Österreich gegeben hat«, brüstete sich Ernst. »Von der Struktur, von der Sprache, Autotune. Diese Drugginess, dieser R’n‘B im Song, auch der Sprachwechsel im Song.« Na, wenn er das sagt! Einen Rapper, wenngleich einen deutschen, hat zumindest das Video Karibische Träume dermaßen inspiriert, dass er die wilde Husky-Jagd auch in einem seiner Videos auftauchen ließ. Caspers Auf und davon blieb aber bei weitem nicht das einzige Zugeständnis der Rap-Szene an Bilderbuch. Juicy Gay zum Beispiel hat sich den Track Sweetlove geschnappt und kaum mehr getan, als ein paar Lines darüber zu legen. »Aber wir nehmen das hin und freuen uns, dass er was macht. Weil wir realistisch sind. Solange das nicht ein Riesenhit wird, braucht sich da niemand anscheissen«, so Ernst. Und eh: Ist doch schön, einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen.


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