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Popkultur

Alice Cooper im Interview: „Rock’n‘Roll ist endlich wieder da, wo er hingehört”

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Foto: Grant Lamos IV/Getty Images

Alice Cooper klingelt um Mitternacht. Nicht an der Tür, aber am Telefon. Standesgemäße Uhrzeit für den einzig wahren Schock-Rocker, den man weder vorstellen muss noch kann – und eigentlich reicht die unvergessene Huldigung in Wayne‘s World, um seinen Status begreiflich zu machen. Wer es genauer wissen will, wird erfahren, dass ihm Salvador Dalí ein Hologramm widmete, er ein Charakter in einem Marvel-Comic war und auch schon mal eine Simpsons-Halloweenfolge schrieb. Jetzt feiert das Monster des Rock‘n‘Roll sein 50. Bühnenjubiläum. Vor seiner anstehenden Arenatournee sprachen wir mit der grauen Schock-Rock-Eminenz Vincent Damon Furnier (71) über das Altern, den Rock‘n‘Roll, die Kunst des Gruselns und seine Hollywood Vampires.

von Björn Springorum

Erst kürzlich gerieten Sie mal wieder in die Schlagzeilen der Boulevardpresse weil Sie einen angeblichen Todespakt mit ihrer Frau geschlossen haben sollen. Steckt man Sie also bis heute in diese morbide Schublade, Mr. Cooper?

Das ist doch wirklich zum Haare raufen, nicht wahr? Ich denke auch, es muss damit zu tun haben, dass ich für viele Leute immer noch der Boogeyman bin. Als sie mich in dem Interview fragten, was nach 43 Ehejahren passieren würde, wenn meine Frau oder ich sterben würden, dann sagte ich: Wir machen eh immer alles zusammen, also wahrscheinlich auch das. Ich wollte nur ausdrücken, dass wir wahrscheinlich eh nebeneinander in dem Flugzeug sitzen, das abstürzt. Das nächste, was ich in den Zeitungen lese, war: Todespakt! Und seither muss ich allen erklären, dass es eigentlich gar nicht so gemeint war. Na ja, ich bin nun mal Alice Cooper… [lacht dröhnend]

Zeitsprung: Am 25.8.1982 kann sich Alice Cooper nicht an sein neues Album erinnern.

Dabei schocken die News heutzutage eigentlich viel mehr als ein Rocker mit schwarz geschminkten Augen, oder?

Ich liebe, was Shock-Rock in den Siebzigern war. Er hat die Leute wirklich schockiert, hat ihnen Angst gemacht. Aber Sie haben schon Recht: Heute ist CNN weitaus schockierender als Marilyn Manson, Alice Cooper und Rob Zombie zusammen. Damals steckte ich meinen Kopf in eine falsche Guillotine und ließ mich zum Schein köpfen. Heute ist das Internet voller Videos, in denen Terroristen das tatsächlich tun. Das ist schockierend!

Sie hatten es allerdings nicht immer leicht, als Sie noch der Schrecken der Musikwelt waren…

Sagen wir es so: Heute zumindest ist es deutlich einfacher als damals. Das liegt daran, dass ich zu einer Tradition geworden bin. Wenn Alice Cooper in die Stadt kommt, ist das fast so, als wenn der Cirque de Soleil kommt. Ich gehöre zu den USA wie Halloween. Niemand sperrt mehr seine Kinder weg, wenn ich komme. Liegt natürlich auch an der Generation: Wenn du heute um die 70 bist, bist du wahrscheinlich Beatles-Fan. Früher warst du in dem Alter Sinatra-Fan. Rock‘n‘Roll ist ganz schön alt geworden. Bei Konzerten habe ich heute Großeltern, Eltern und Kinder im Publikum. Und alle stehen auf Hard Rock! Alle sind mit dieser Musik aufgewachsen, das gab es noch nie.

Wie unterscheidet sich der Alice Cooper solo eigentlich vom Alice Cooper bei den Hollywood Vampires?

Bei einer Alice-Cooper-Show verwandle ich mich in Alice. Ein fiktiver Charakter, der nicht mit dem Publikum interagiert. Bei den Vampires sieht das ganz anders aus. Wir starteten die Band ja als Tribut an all unsere toten Freunde, mit denen wir herumhingen und tranken. Jim Morrison, Jimi Hendrix, John Lennon… Wenn wir also einen Song von den Doors spielen, erzähle ich irgendeine Anekdote über die Doors. Alice Cooper würde so etwas nie tun! Soll heißen: Bei den Vampires habe ich ein klein wenig mehr Freiheit und kann mir mehr erlauben.

Sie feiern ja dieser Tage Ihrem 50. Bühnengeburtstag. Wie fühlt sich das an?

Das kann ich Ihnen sagen: Als wir unsere erste Platte veröffentlichten, gaben uns die Leute zwei Wochen. Niemand sah Potential in uns. Damals waren Buffalo Springfield und solche Sachen angesagt, es war das Jahr von Woodstock und all diesem Kram. Schlappe 50 Jahre und 28 Platten später haben wir dann so langsam allen gezeigt, dass sie falsch lagen. [lacht] Mir ging es immer nur darum, ein Rock‘n‘Roll-Entertainer zu sein wie Mick Jagger. Das bedeutet: Man reißt sich den Arsch auf für gute Songs und gute Shows. Wenn du das tust, wirst du durchhalten. Du darfst dein Publikum nie enttäuschen.

Hätten Sie gedacht, dass sich die Kunstfigur Alice Cooper 50 Jahre halten würde?

Man darf ja nicht vergessen: In diesen Zeiten starben all unsere Freunde mit 27. Für uns war es also schon ein Wunder, dass wir überhaupt mal 30 wurden. An ein Leben mit über 70 wagte damals nicht mal jemand zu denken. Im Rock‘n‘Roll war ein solches Alter vollkommen utopisch! Jetzt sind wir über 70, und meiner Meinung nach bin ich besser als ich je war.

Zeitsprung: Am 12.7.1994 veröffentlicht Alice Cooper „The Last Temptation“.

Ihre Gedanken zur Zukunft des Rock‘n‘Roll?

Alles verläuft zyklisch. Als wir vor zwei Jahren mit den Vampires bei den Grammys spielten, waren wir die einzige Hard-Rock-Band im Bühnenprogramm. Alles andere war Kram wie Ariana Grande. Mir zeigt das, dass wir wieder die Outlaws sind. Wir sind nicht mehr Mainstream wie wir in den Achtzigern waren. Das ist großartig, denn Rock‘n‘Roll war nie dazu vorgesehen, Mainstream zu sein. Rock‘n‘Roll ist für die Außenseiter, die Rebellen, die Outlaws. Rock‘n‘Roll ist also alles andere als tot. Er ist endlich wieder da, wo er hingehört. Die nächste Rebellion läuft.

Alice Cooper geht im September und Oktober auf Ol’ Black Eyes is Back-Tour (Gast: Black Stone Cherry):

  • 11. September 2019 Mannheim, SAP Arena
  • 13. September 2019 Berlin, Max-Schmeling-Halle
  • 18. September 2019 Stuttgart, Porsche-Arena
  • 23. September 2019 Hamburg, Barclaycard Arena
  • 30. September 2019 Leipzig, Arena
  • 1. Oktober 2019 München, Olympiahalle

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