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Popkultur

Zeitsprung: Ab 23.12.1964 kann Beach Boy Brian Wilson für zehn Jahre nicht auf Tour gehen.

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Foto: Michael Ochs Archives/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 23.12.1964.

von Victoria Schaffrath und Christof Leim

Herausragende kreative Leistungen und mentale Probleme gehen oft Hand in Hand. Wenige Menschen beweisen das so eindrucksvoll wie Brian Wilson von den Beach Boys. Am 23. Dezember 1964 erleidet er einen Nervenzusammenbruch, der eine weitreichende Kettenreaktion auslöst. Im heutigen Zeitsprung schauen wir uns deren Ursprung sowie ihre Konsequenzen an.

Hört hier die größten Hits der Beach Boys: 

Eigentlich läuft es bei den Beach Boys 1964 grandios: Die Surf-Rocker erfreuen sich durch Songs wie Surfin’ U.S.A. oder der Weihnachtssingle Little Saint Nick größter Beliebtheit und machen in den Staaten so ziemlich alle Hallen voll. Für Brian Wilson, den eher dünnhäutigen kreativen Kopf der Bande, stellt das ständige Touren psychisch eine große Herausforderung dar, der er ultimativ nicht standhalten kann. Kurz vor Jahresende kommt es zum Kurzschluss.

Mehr als Weihnachtsstress

Auf einem Flug von Los Angeles nach Houston in Texas bahnt sich der Stress seinen Weg. Nach einigen Minuten in der Luft beginnt Wilson, zu weinen und zu kreischen. Umstehende versuchen, den Multiinstrumentalisten zu beruhigen, bleiben jedoch erfolglos. Der junge Mann schmeißt sich schließlich auf den Boden des Gangs und schluchzt vor sich hin. Gitarrist Al Jardine erinnert sich: „Wir hatten wirklich Angst um ihn, weil er sich so aufregte. Er hatte offenbar einen Nervenzusammenbruch und keiner von uns hatte so etwas schon mal gesehen.“

Über Auslöser können die Kollegen und die Presse später nur mutmaßen; manche Stimmen behaupten, die Blicke von Wilsons frisch gebackener Ehefrau Marilyn Richtung Bandmitglied Mike Love waren schuld. So oder so: Was der Produzent da durchmacht, hört sich nach mehr als einer Panikattacke an. Nach dem Flug versucht er verzweifelt, zurück nach Los Angeles zu reisen, lässt sich schließlich aber darauf ein, ins Hotelzimmer einzuchecken. Dort angekommen, verfällt er in einen Zustand, den der Detours-Sänger Ron Foster beobachtet: „Er starrte einfach in die Luft. Er war nicht unhöflich, wies uns nicht an zu gehen oder so. Er starrte einfach in die Ecke, so, als wäre er gar nicht da.“ 

Nur der erste Streich

Ob Wilson das für den Abend geplante Konzert überhaupt spielt, bleibt unklar; danach zieht er jedenfalls einen radikalen Schlussstrich unter den Terminkalender. Er blickt 1971 faktisch auf die Entscheidung zurück: „Ich hatte keine Wahl. Ich war mental und emotional am Ende und hatte keine Chance, mich einfach mal hinzusetzen, nachzudenken und mich auszuruhen.“ Auf der Bühne ersetzt ihn erst Glen Campbell, dann stößt Bruce Johnson zur Band. 

 

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Brian publicity photos: 1960s and 1980s #publicityphoto #1966 #1988 #brianwilson

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Wilson braucht mehr als zehn Jahre, bis er sich einer weiteren Tour mit den Beach Boys gewachsen fühlt. Die frei gewordene Zeit nutzt der Perfektionist einerseits zum Songwriting und für Studioaufnahmen, erschafft bahnbrechende Werke wie Good Vibrations und das Album Pet Sounds. Die Folgeplatte Smile muss die Band kurz vor Veröffentlichung allerdings knicken, denn andererseits befindet sich Wilson mental in einer Abwärtsspirale.

Das Experimentieren mit Marihuana, LSD und Kokain führt bei dem ohnehin paranoiden Musiker zum absoluten psychischen Erschöpfungszustand. Gegen Ende der Sechziger lässt er sich das erste Mal in die Psychiatrie einweisen, es folgt ein bis heute andauernder Kampf gegen das volle Spektrum mentaler Probleme. Der Nervenzusammenbruch im Dezember 1964 bildet das erste Glied einer Kette aus Drogen- und Alkoholproblemen, vom LSD ausgelösten Halluzinationen und Wilsons sehr komplexer Beziehung zum Therapeuten Eugene Landy, die der Film Love & Mercy 2015 wunderbar aufbereitet.

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