------------

Popkultur

Ist der Beatles-Klassiker „Yesterday“ der beste Song, der je geschrieben wurde?

Published on

Beatles

Der in Danny Boyles neuester Komödie aufgestellten These, dass es sich bei Yesterday um „einen der größten Songs, der jemals geschrieben wurde“, handelt, hätte die verstorbene US-Legende Chuck Berry ganz klar zugestimmt.

von Martin Chilton

Berrys Hits wie Maybellene, Roll Over Beethoven oder auch Johnny B. Goode hatten die jungen Beatles während ihrer Anfangszeit sehr stark geprägt, und der Yesterday-Songwriter McCartney sollte die Aufnahmen des US-Rock & Rollers später sogar mit „lebensverändernden Gedichten“ vergleichen. Wenige Jahre vor seinem Tod wurde Berry in einem Interview gefragt, ob er einen Song von einem anderen Künstler nennen könne, den er gerne selbst komponiert hätte. „Das wäre Yesterday“, sagte er dem US-Sender Fox 2. „Ich wünschte, ich hätte den Song Yesterday geschrieben. Er hatte immensen Einfluss auf mein Leben, und der Songtext zeichnet die Entwicklung meines eigenen Lebens nach.“

Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT

Im gleichnamigen Film Yesterday gerät der junge Singer/Songwriter Jack Malik (gespielt von Himesh Patel) in einen seltsamen Unfall – und muss danach feststellen, dass er der einzige Mensch auf der Welt ist, der sich noch an die Musik der Beatles erinnern kann. Zunächst weist der junge Musiker aus Suffolk noch auf die Originalversionen hin („Ich hab den nicht geschrieben, das war Paul McCartney.“), doch schon bald verzichtet er auf diesen Hinweis und gibt sich selbst als Autor von Stücken wie Yesterday aus, weil ihm klar wird, dass der Schwindel so oder so nicht auffliegen wird…

Was also macht diesen melancholischen Hit so einzigartig? Was genau macht den am häufigsten gecoverten Song der Musikgeschichte eigentlich so zeitlos?

Die Melodie von Yesterday stammt vom Dachboden

Ende 1964 wohnte der damals 21-jährige Paul McCartney gerade in der Wimpole Street in London, Hausnummer 57: Der Musiker war Dauergast im Haus von Richard und Margaret Asher, mit deren Tochter Jane er gerade zusammen war. Zusammen mit seiner Teenager-Freundin teilte er sich zwar nur eine winzig kleine Kammer unter dem Dach, aber McCartney hatte es trotzdem geschafft, ein Klavier dort unterzubringen, das nun gleich neben dem Fenster stand. „Das war das Klavier, an dem ich saß, als ich quasi gerade aus dem Bett gefallen war und dann die Akkordfolge von Yesterday entdeckte“, wie er 1981 berichten sollte.

Beatles go 2019! Hier könnt ihr euch den Yesterday-Soundtrack anhören:

„Beim Aufwachen hatte ich diese grandiose Melodie im Kopf gehabt. Ich dachte mir: Das klingt ja toll. Mal sehen, wie sie aufgebaut ist. Also stand ich auf, setzte mich sofort ans Klavier und fand die Töne G, dann Fis-Moll-7 – und weiter über B und E-Moll, worauf schließlich wieder das G folgt. Eine vollkommen logische Vorwärtsbewegung. Ich mochte diese Melodie sofort, aber weil sie mir ja im Traum gekommen war, konnte ich kaum fassen, dass ich sie selbst geschrieben hatte. Ich sagte mir: Nein, etwas Derartiges habe ich doch noch nie komponiert. Aber ich hatte die Melodie nun mal; echt magisch war das.“

Zunächst hieß das Stück Scrambled Egg – Rührei

Erst einmal hatte McCartney also bloß diese Melodie, nichts weiter. Er versuchte es mit witzigen Songtexten – wobei z.B. der Reim „Scrambled egg/Oh my baby, how I love your legs“ herauskam. Und so dauerte es noch einige Monate, bis Yesterday 1965 schließlich komplett war. Auch während der Arbeit am Film Help! spielte McCartney ihn andauernd: „Das ging soweit, dass ich ihm irgendwann drohte: ‘Wenn du den verdammten Song noch ein einziges Mal spielst, lasse ich das Klavier von der Bühne entfernen!’“, erinnert sich Regisseur Richard Lister. „‘Entweder du machst ihn jetzt fertig, oder du vergisst ihn einfach.’“


Jetzt in unserem Shop erhältlich:

Himesh Patel
OST Yesterday
(2LP)
Hier bestellen

Den Songtext verfasste Paul im Auto

Seine Freundin hatte schlummernd neben McCartney gelegen, als dem die Melodie zu Yesterday gekommen war, und sie saß wiederum schlafend auf dem Beifahrersitz, als ihm während einer „langen, heißen“ Fahrt durch Portugal im Juni 1965 die berühmten Zeilen („Yesterday, all my troubles seemed so far away“) einfielen. Sie fuhren gerade zu einer Villa, die Bruce Welch gehörte, dem Gitarristen von The Shadows. „Plötzlich kam mir die Idee, die Strophen jeweils mit diesen Ein-Wort-Intros zu beginnen“, so McCartney, der zwar sonst oft gemeinsam mit John Lennon arbeitete, hier aber alles im Alleingang erledigte. „Das ist Pauls Song und Pauls Baby“, kommentierte Lennon 15 Jahre später. „Gute Arbeit. Wunderschön – und ich hatte nie den Wunsch, ihn selbst komponiert zu haben.“

Die Idee mit den Streichern fand er zunächst voll daneben

McCartney verriet später, dass sie bei den Aufnahmen in den EMI Studios im Juni 1965 eine ganze Reihe von Anläufen brauchten, bis der Sound wirklich saß. Als George Martin dann die Idee in den Raum warf, mit Streichern zu arbeiten, habe McCartney davon zunächst gar nichts hören wollen, wie der Produzent später erzählte: „Ich will doch keinen Mantovani!“ Und so habe Martin dann ein klassisches Quartett als Begleitung von McCartneys Akustikgitarre vorgeschlagen. „Das wiederum fand er durchaus interessant“, so Martin, der das Arrangement für die Geiger Tony Gilbert und Sidney Sax, den Bratschisten Kenneth Essex und die Cellisten Peter Halling und Francisco Gabarro ausarbeitete.

Fünf Fehler in Beatles Songs, die ihr heute noch hören könnt!

Die zweiminütige Single ging sofort durch die Decke

Wenige Tage nach dem Ende der Aufnahmen in den Londoner Studios traf der Cellist Gabarro in der Kantine auf McCartney: „Da haben wir einen Hit mit Yesterday“, sagte der Autor – der damit goldrichtig liegen sollte. Nach der Veröffentlichung am 13. September 1965 schoss Yesterday in etlichen Ländern an die Spitze der Charts; unter anderem gab’s Erstplatzierungen in Belgien, Holland, Norwegen, Schweden, den USA und Großbritannien. Bei den Ivor Novellos gab’s hinterher den Preis als „Outstanding Song“ des Jahres und dazu jede Menge Airplay: Laut dem Rough Guide To The Beatles lief Yesterday allein in den USA in den ersten 30 Jahren mehr als sieben Millionen Mal.

Schätzungsweise 3.000 Coverversionen existieren

McCartneys Hit schaffte es auch ins Guinness Book: als der am häufigsten gecoverte Popsong aller Zeiten. Inzwischen sollen es mehr als 3.000 Coverversionen sein – Rekord! Etliche Ikonen der Musikgeschichte haben sich an Yesterday gewagt und ihre eigene Version eingesungen – unter anderem Elvis Presley, Frank Sinatra, Shirley Bassey, Aretha Franklin, Michael Bolton, Max Bygraves, Sammy Davis Jr., Perry Como, Judy Collins, John Denver, Neil Diamond, Placido Domingo, Val Doonican, Tom Jones, Brenda Lee und Barry Manilow. Stilistisch war alles von Klassik bis Jazz, von Country über Soul bis zum Pop-Update dabei.

Auch Singer/Songwriter-Legenden wie James Taylor und Bob Dylan gefiel der Song. Letzterer wurde 1968 von George Harrison unterstützt, der Gitarre und Background-Gesang zu Dylans Cover beisteuerte. Lennon hingegen sang Yesterday bloß auf einer Party, und auch McCartneys Band Wings nahm schließlich noch eine Live-Version auf, die auf Wings Over America zu hören ist.

Gar nicht so leicht, Yesterday in etwas Neues zu verwandeln

In ein zeitloses Country-Duett verwandelten Willie Nelson und Merle Haggard den Song, und neben ganz unterschiedlichen Pop-Reinkarnationen von Acts wie Boyz II Men, S Club 7 und Wet Wet Wet ließen sich auch 12 Cellisten der Berliner Philharmoniker auf die McCartney-Komposition ein. Nicht zu vergessen die Jazz-Varianten, denn auch Größen wie Oscar Peterson und Sarah Vaughan nahmen ihre eigene Interpretation von Yesterday auf. Die womöglich beste Jazz-Aufnahme stammt dabei von Count Basie. Auf seinem 1966 bei Verve Records veröffentlichten Album Basie’s Beatles Bag sitzt der Meister selbst am Klavier und Gastsänger Bill Henderson glänzt am Mikrofon.

Die Ballade wirklich in etwas Neues zu verwandeln, sie ganz anders und aufregend klingen zu lassen, ist dabei gar nicht so leicht – was wohl vor allem daran liegt, dass Yesterday so wunderbar schlicht und gradlinig aufgebaut ist. Zwei der größten, bewegendsten Interpretationen stammen von Soul-Sängern: Die Version von Ray Charles geht einfach nur unter die Haut, während Marvin Gaye für seine elegisch-anmutige Aufnahme aus dem Jahr 1970 auch mit Gospel flirtet.

Yesterday im gleichnamigen Kinofilm

Der aus der BBC-Serie EastEnders bekannte Schauspieler Himesh Patel bekam die Hauptrolle im Film Yesterday letztlich, weil seine Interpretation des Titelsongs bei den Probeaufnahmen einfach zu umwerfend war. Sie sei einfach nur „rein“, so Regisseur Boyle über den 28-jährigen Schauspieler, der schon seit 15 Jahren Gitarre spielt. „Er schafft es, die Songs der Beatles wieder neu klingen zu lassen. Sie wirken einerseits noch immer vertraut – aber zugleich auch irgendwie fremd und anders.

„Yesterday“: So klingen die Beatles im Jahr 2019!

Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT

Popkultur

Der Boss kommt: Bruce Springsteen spielt drei Deutschlandkonzerte!

Published on

Bruce Springsteen
Foto: Jamie Squire/Getty Images

2023 wird ein guter Sommer: Bruce Springsteen & The E Street Band kommen nächstes Jahr im Juni und Juli für drei Open-Air-Shows nach Deutschland. Freuen können sich Düsseldorf, Hamburg und München.

von Björn Springorum

Es sind die ersten Live-Dates von Bruce Springsteen und seiner E Street Band seit Abschluss der „The River“-Tour von 2016, mit der er in München und Berlin Halt machte: Für den Sommer 2023 haben der Boss und seine Kollegen jetzt eine endlich mal wieder eine ordentliche Europatour angekündigt. Und zu feiern gibt es viel: Seit ihrer letzte Reise durch die Alte Welt sind mit Western Stars und Letter To You bereits zwei neue, ganz hervorragende Springsteen-Platten erschienen.

Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT

 

„Ich kann es kaum erwarten, die Bühne mit der legendären E Street Band zu teilen“

Hier die genauen Daten für Deutschland:

21.06.2023 Düsseldorf, Merkur Spiel Arena

15.07.2023 Hamburg, Volksparkstadion

23.07.2023 München, Olympiastadion

Im deutschsprachigen Ausland kommen zudem Zürich (13. Juni) und wien (18. Juli) in den Genuss einer Audienz beim Boss. Der Vorverkauf für alle Shows startet am 3. Juni 2022, um zehn Uhr morgens. Springsteen selbst kommentiert diese frohe Kunde wie folgt: „Nach sechs Jahren freue ich mich, endlich wieder unseren großartigen und loyalen Fans zu begegnen. Ich kann es kaum erwarten, die Bühne mit der legendären E Street Band zu teilen. Wir sehen euch da draußen im nächsten Sommer und darüber hinaus!“

Die aktuell E-Street-Band-Besetzung liest sich derzeit wie folgt: Roy Bittan (Piano, Synthesizer) Nils Lofgren (Gitarre), Patti Scialfa (Gitarre, Gesang), Garry Tallent (Bass), Stevie Van Zandt (Gítarre, Gesang), Max Weinberg (Drums), Soozie Tyrell (Violine, Gitarre, Gesang), Jake Clemons (Saxophon) und Charlie Giordano (Keyboards).

Allgemeiner Vorverkaufsstart:

Fr., 03.06.2022, 10:00 Uhr

www.livenation.de/artist-bruce-springsteen-and-the-e-street-band-1975

www.ticketmaster.de

Du willst nichts mehr in der Rockwelt verpassen? Melde dich hier für unseren Newsletter an und werde regelmäßig von uns über die wichtigsten Neuigkeiten, die spannendsten Geschichten sowie die besten Veröffentlichungen und Aktionen informiert!

Zeitsprung: Am 3.5.1984 erscheint „Dancing In The Dark“ von Bruce Springsteen.

Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
Continue Reading

Popkultur

Zeitsprung: Am 24.5.1974 erscheint „Diamond Dogs“ von David Bowie.

Published on

Diamond Dogs

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 24.5.1974.

von Timon Menge und Christof Leim

Mit seinem achten Studioalbum Diamond Dogs hat David Bowie am 24. Mai 1974 eine seiner wechselhaftesten, aber auch interessantesten Platten veröffentlicht. Als eine der Vorlagen dient der berühmte Roman 1984 von George Orwell. Ein paar Kompromisse musste Bowie allerdings eingehen.

Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT

Hört hier Diamond Dogs:


Als David Bowie Anfang 1974 zu seinem achten Wurf ansetzt, liegt die Beerdigung seiner wohl bekanntesten Kunstfigur Ziggy Stardust gerade einmal ein halbes Jahr zurück. Für Diamond Dogs kramt der britische Musiker den Charakter schon wieder hervor, wenn auch unter dem Namen Halloween Jack. Zumindest sind optische Ähnlichkeiten nicht von der Hand zu weisen. Die Geschichte beginnt allerdings bei einer der berühmtesten Dystopien aller Zeiten.



Heute wissen wir: George Orwells Jahrhundertwerk 1984 wurde von der Realität in vielerlei Hinsicht nicht nur ein-, sondern sogar überholt. Zu Beginn der Siebziger treibt David Bowie eine Begeisterung für den gesellschaftskritischen Roman um, sogar auf die Bühne möchte er das Buch bringen. Weil er nicht die nötigen Rechte dazu erhält, setzt er auf einen alternativen Plan und will das fremde Material mit seinen eigenen Vorstellungen einer postapokalyptischen Welt verschmelzen. Das Ergebnis: Songtitel wie 1984 oder Big Brother. Später mischt er die Ideen dann doch mit thematisch weiter gefassten Entwürfen, wodurch sich das Album zu einer komplexen und bunt gemischten Sache entwickelt.

Bowie während der Tour zu Diamond Dogs im Juni 1974 – Pic: Promo/MainMan

Auf der Plattenhülle sieht man Bowie als Fantasiewesen, zur Hälfte Mensch, zur Hälfte Hund. Nach Erscheinen löst diese Zeichnung des belgischen Malers Guy Peellaert eine Kontroverse aus, denn öffnet man das komplette Cover, kommen in der Urfassung die Genitalien des Geschöpfes zum Vorschein. Das geht natürlich nicht, also wird das Album schnell wieder vom Markt genommen und die entsprechende Stelle übermalt. Heute wechseln Originalexemplare für mehrere Tausend Euro den Besitzer.



Musikalisch orientiert sich die Platte teilweise am Glam der vorherigen Kompositionen Bowies. Mit Songs wie Rock ‘n‘ Roll With Me, 1984 oder Sweet Thing/Candidate/Sweet Thing (Reprise) liefert der Ausnahmekünstler allerdings auch einen Vorgeschmack auf die kommenden Jahre. Für letzteres Lied bedient er sich erstmals der Cut-Up-Technik, die vor allem von Autor Williams S. Burroughs bekannt gemacht wurde. Bei dieser Methode werden Texte in ihre Bestandteile zerlegt, um sie anschließend neu zusammenzusetzen — ein Vorgehen, das Bowie weitere 25 Jahre begleiten soll und viele seiner Songs prägt.



Mit Diamond Dogs schafft Bowie gerade rechtzeitig den schrittweisen Absprung vom Glam Rock, der in den Jahren danach zu einer Talfahrt ansetzt, von der er sich nicht mehr erholt. Laut eigener Aussage handelt es sich bei Diamond Dogs um noch deutlich mehr, nämlich ein „sehr politisches Album. Mein Protest. Es entspricht mir mehr als all meine bisherigen.“ In den britischen und in den kanadischen Charts erreicht die Scheibe Platz eins, in den USA Platz fünf — zu jener Zeit Bowies Bestwert.

Zeitsprung: Am 12.11.1964 setzt sich David Bowie für den Schutz langhaariger Männer ein.

Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
Continue Reading

Popkultur

„The Wall“ als Film: Roger Waters’ holpriger Weg ins Kino

Published on

Pink Floyd spielen "The Wall"
Foto: Rob Verhorst/Redferns/Getty Images

Als Pink Floyd im Jahr 1979 ihr monumentales Konzeptalbum The Wall vorlegen, denkt Mastermind Roger Waters schon längst über eine Verfilmung der Geschichte nach. Genau dazu kommt es wenig später auch — allerdings auf großen Umwegen, mit viel Streit und einem enttäuschenden Ergebnis.

Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
von Timon Menge

Hier könnt ihr euch The Wall von Pink Floyd anhören:

Mitte der Siebziger hängt der Haussegen bei Pink Floyd mächtig schief. Frontmann Roger Waters reißt Stück für Stück die kreativen Belange an sich, Gitarrist David Gilmour fühlt sich deshalb übergangen. Keyboarder Richard Wright kommt ohnehin zu kurz, doch die Schuld dafür gibt sich der typische Klassenstille später selbst. Als sich die Musiker auch noch um Tantiemen streiten und Gilmour zum ersten Mal Papa wird, übernimmt Waters noch mehr künstlerische Kontrolle. Quasi im Alleingang schreibt er das Konzeptalbum The Wall, das eine Kette von Ereignissen nach sich zieht. Da wären zum Beispiel der Rauswurf von Keyboarder Wright oder die aufwändige The Wall-Tour. Waters hat mit der Platte aber noch etwas anderes vor: Er möchte die Geschichte als Film auf die große Leinwand bringen.

The Wall: ein autobiografisch angehauchtes Meisterwerk

Die Handlung von The Wall lässt tief in Waters’ eigene Biografie blicken: Rockmusiker Pink leidet unter dem Tod seines Vaters im Zweiten Weltkrieg, unter seiner überfürsorglichen Mutter und unter seinem Dasein als Rockstar, der sich zunehmend von seinem Publikum isoliert fühlt — genau wie Waters während der ersten Pink-Floyd-Stadion-Shows im Rahmen der In The Flesh-Tour. Auch Schulprobleme aus der Kindheit und schwierige Liebesbeziehungen machen Pink zu schaffen. So demütigt ein Lehrer ihn zum Beispiel, indem er Pinks Gedichte laut vor der Klasse vorliest. Später findet der Rockstar heraus, dass ihn seine Frau betrügt und versucht, den Schmerz mithilfe eines Groupies und schließlich mit Drogen zu bekämpfen. Jede Enttäuschung sorgt für „another brick in the wall“, die Pink um sich errichtet. Am Ende laufen all seine negativen Erfahrungen zusammen.

Einen Film plant Waters schon vor der Produktion des Albums. Live-Aufnahmen sollen darin vorkommen, genauso wie Animationen aus dem Pinsel von Gerald Scarfe, der schon die LP von The Wall gestaltete. Auf dem Regiestuhl sollen Alan Parker und Michael Seresin sitzen, Waters möchte als Pink vor die Kamera treten. Doch dann kommt alles anders: Waters eignet sich nicht als Schauspieler, stattdessen übernimmt Boomtown-Rats-Frontmann Bob Geldof die Rolle. Der erzählt seinem Manager im Taxi noch, wie bescheuert er den Film findet — nicht wissend, dass Roger Waters’ Bruder am Steuer des Wagens sitzt. Live-Mitschnitte von Pink Floyd ergeben nach Waters’ Ausscheiden aus dem Cast keinen Sinn mehr, Seresin verlässt das Projekt daraufhin komplett. Übrig bleiben Parker, Waters und Scarfe. Harmonisch verläuft die Zusammenarbeit der Drei allerdings nicht …

Viel Ego, viel Film

Immer wieder geraten Musiker Waters, Regisseur Parker und Animateur Scarfe aufgrund ihrer Egos aneinander. Parker beschreibt den Filmprozess sogar als „eine der schlimmsten Erfahrungen meines kreativen Lebens“. Scarfe wiederum gibt in einem Interview mit dem Pink-Floyd-Magazin Floydian Slip zu Protokoll, er habe während der Dreharbeiten stets eine Flasche Whiskey im Gepäck gehabt. „Ich saß gegen neun Uhr morgens in meinem Auto und hatte eine Flasche Jack Daniel’s auf dem Beifahrersitz“, so Scarfe. „Ich trinke nicht viel, aber damals musste ich morgens einen Schluck nehmen, weil ich wusste, was auf mich zukam, und dass ich mich in irgendeiner Weise stärken musste.“ Roger Waters selbst genießt die Arbeit am The-Wall-Film auch nicht gerade, bezeichnet sie aber schlicht als „sehr zermürbende und unangenehme Erfahrung“.

Marching Pink Floyd GIF - Find & Share on GIPHY

Die Premiere des Streifens geht am 23. Mai 1982 in Cannes über die Bühne, drei Wochen später folgt die Erstaufführung in London. David Gilmour und Nick Mason erscheinen als Gäste, Geldof und Scarfe lassen sich die Premiere natürlich ebenfalls nicht entgehen — genauso wenig wie Pete Townshend von The Who, Roger Taylor von Queen und Sting von The Police. Richard Wright bleibt wegen seines Rauswurfs zuhause. Zwölf Millionen US-Dollar kostet der The-Wall-Film unterm Strich, fast das Doppelte spielt er ein. Eigentlich handelt es sich bei dem Streifen also um einen Erfolg, doch Roger Waters ist nicht zufrieden. „Ich war am Ende ein bisschen enttäuscht“, verrät er 1988 in einem Interview. „Ich habe keinerlei Sympathie für den Hauptcharakter empfunden. Der Film war so ein Feuerwerk für die Sinne, dass ich als Zuschauer gar keine Chance hatte, mich richtig darauf einzulassen.“

„Was zum Teufel war das?“

Regie-Legende Steven Spielberg soll ein wenig direktere Worte gefunden haben und nach der Premiere in Cannes gefragt haben: „Was zum Teufel war das denn?“ The-Wall-Regisseur Parker behauptet später, dass ihn diese Reaktion gefreut habe: „In der Tat, ‚Was zum Teufel war das?‘ Niemand hatte so etwas bisher gesehen — eine wilde Mischung aus Live-Action, Storytelling und Surrealismus.“ Heute hat die The-Wall-Verfilmung ihren festen Platz in der Popkultur, nicht zuletzt aufgrund der charakteristischen Animationen von Scarfe. Zu den Sternstunden der Pink-Floyd-Geschichte zählt der Streifen aber sicher nicht.

Du willst nichts mehr in der Rockwelt verpassen? Melde dich hier für unseren Newsletter an und werde regelmäßig von uns über die wichtigsten Neuigkeiten, die spannendsten Geschichten sowie die besten Veröffentlichungen und Aktionen informiert!

Die Alben von Pink Floyd im Ranking — die besten Platten der Prog-Legenden

Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
Continue Reading

Latest Music News

Top Stories

Don't Miss