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Popkultur

Bob Dylan lud ins Shadow Kingdom — und begeistert – eine Konzertkritik

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Foto: Dave J Hogan/Getty Images for ABA

Bob Dylan gab seinen Anhängern via (vorab aufzeichnetem) Livestream die erste Konzertaudienz seit Dezember 2019. Und die war großartig.

von Markus Brandstetter

Der Countdown läuft

Noch wenige Minuten bis zu Shadow Kingdom, Bob Dylans erstem Streamingkonzert, zu dem die Songwriterlegende über den Streamingdienst Veeps lud. Als der Countdown endlich auf Null ist, erscheint aber nicht Dylan am Monitor – sondern ein weiterer Countdown, diesmal tickt eine Uhr dazu. Gut, ein wenig Verspätung gehört zum Konzert-Feeling — wobei Dylan sonst ja eigentlich recht pünktlich beginnt. Sei’s drum. Im Live-Chat, der sich erst zu Showbeginn ausschalten lässt, begrüßt sich die Bob-Community erstmal gegenseitig, Songwünsche werden bekanntgegeben, als ob Dylan hier mitlesen würde.

Dann ist es endlich soweit

Das Konzert beginnt – mit dem Stück When I Paint My Masterpiece, betitelt wird das Konzert mit „The early Songs of Bob Dylan“. Es ist alles in Schwarz-Weiß gehalten, Überblendungen lassen die Bühnenaufstellung surreal wirken. Die Location ist eine Art Salon, vielleicht auch ein Speakeasy ein illegales Lokal, in dem man zu Zeiten der US-amerikanischen Prohibition im Untergrund trank.

Dylan wird von einer vierköpfigen Band bestehend aus Kontrabass, Gitarre, Mandoline und Akkordeon begleitet. Auch Dylan spielt immer wieder Gitarre. Die Band trägt geschlossen Mund-Nasenschutz — eine Referenz an die Jetzt Zeit und die Umstände, als Kontrast dazu gibt es das beherzt rauchende (und trinkende) „Publikum“ — vermeintlich ein halbes Dutzend Leute, die später nicht nur vor, sondern auch neben und hinter Dylan sitzen, wir sind schließlich in der Kneipe.

Und nein, natürlich ist das alles andere als ein Live-Stream. Die Location (zumindest der Platz der Band) wechselt, das Licht wechselt, Dylans Outfit wechseln. Viel mehr versprüht Shadow Kingdom den Charme eines Musikvideos oder einer Sequenz in einem Kinofilm. Die Setlist, soviel ist gleich klar, ist phänomenal.

Apropos phänomenal

Das trifft auch auf den Meister selbst zu. Dylan klingt großartig. Es scheint, als hätte die ungewohnt lange Tourpause seiner Stimme wirklich gut getan. Wenn er nicht Gitarre spielt, steht er breitbeinig am Mikrofon, der Anzug — pardon, die Anzüge sitzen wie gewohnt.

Alles an Shadow Kingdom ist phänomenal: Die Arrangements, die Performances, die Atmosphäre, die Songs, die Band — und natürlich Dylan. Wer bei den Shows gut und gerne auf Dylans neuere Stücke, allen voran die Sinatra- und Songbook-Covers verzichten konnte, bekommt hier eine grandiose Setlist der früheren Dekaden serviert. Das „Early“ in „The early years of Bob Dylan“ trifft es nur bedingt — klar, bei so vielen Dekaden Karriere zählt bald mal was zur Frühphase, es wäre aber auch earlier gegangen, hätte er gewollt.

Dylan spielt Songs etliche Songs von Blonde On Blonde, von Highway 61 Revisited, Planet Waves, Oh Mercy, allesamt in intimer Akustikversion. Auch wenn er immer noch gerne mehrere Zeilen in einer einzigen Unterbringt, Dylans Performance erinnert sogar stellenweise einigermaßen an den originalen Gesangslinien. Nach nur einer Stunde ist Shadow Kingdom schon wieder vorbei. Den Abschluss macht der Song It’s All Over Now, Baby Blue. Neuere Dylan-Songs bleiben völlig aus, die Stücke des 2020 erschienenen und hochgelobten Albums Rough And Rowdy Ways warten weiterhin auf ihre Livepremiere. Dass Bob Dylan nicht mit einem regulären Streaming-Konzert daherkommen würde, war abzusehen — mit Shadow Kingdom erschuf er einen sehr atmosphärischen, grandiosen, man könnte fast sagen Konzertfilm.

Dass man ihn, im Gegensatz zu den meisten Live-Konzerten, bei denen Dylan gerne etwas abgewandt oder im Schatten steht, gut sehen konnte, machte das ganze nur interessanter.

Die Setlist von Shadow Kingdom

1. When I Paint My Masterpiece
2. Most Likely You Go Your Way and I’ll Go Mine
3. Queen Jane Approximately
4. I’ll Be Your Baby Tonight
5. Just Like Tom Thumb’s Blues
6. Tombstone Blues
7. To Be Alone With You
8. What Was It You Wanted
9. Forever Young
10. Pledging My Time
11. Watching the River Flow

12. It’s All Over Now, Baby Blue

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