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Popkultur

Zeitsprung: Am 20.1.1975 veröffentlicht Bob Dylan „Blood On The Tracks“.

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Foto: Cover

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 20.1.1975.

von Bolle Selke und Christof Leim

Blood On The Tracks, Dylans 15. Album, erscheint am 20. Januar 1975. Viele Kritiker bezeichnen die Platte nach anfänglichem Mäkeln und Murren als eine seiner besten, wenn nicht die Beste. Für die Aufnahmen verkriecht er sich im September 1974 vier Tage im alten Studio A, seinem Lieblingsort für Aufnahmen in New York, und schafft eines der größten, teilweise dunkelsten Alben seiner Karriere, eine Zehn-Lieder-Studie in romantischer Verwüstung, ebenso schön wie düster. Und fast hätte sie ganz anders geklungen.

Hier könnt ich euch die Scheibe anhören:

Am ersten Tag macht er sich lange vor dem Eintreffen seiner Begleitmusiker alleine an die Arbeit und nimmt zunächst alleine Lieder mit der Akustikgitarre auf – eine Art Freewheelin’ Bob Dylan für die Siebziger mit gefühlvollen Versionen der intimeren seiner neuen Songs. Nachmittags treffen dann die Musiker ein, die ihn begleiten sollen; da hat der Chef bereits elf Stücke im Kasten. Anschließend nimmt er fünfzehn weitere auf, diesmal mit voller Bandbegleitung, einschließlich fünf Versionen von Idiot Wind – in jeder Hinsicht eine epische Summe für einen Tag im Studio. Nach dem Ende der vier Tage sollen die besten der Akustik-Solosongs und der Bandsongs auf das neue Album, das den Titel Blood On The Tracks tragen wird. Doch es erscheint dem Meister zu düster…

So persönlich wie universell

Als großer Einfluss auf die Songs von Blood On The Tracks hat sich der Malunterricht erwiesen, den Dylan beim New Yorker Künstler Norman Raeben nimmt. Der agiert als strenger Lehrmeister, aber er vermittelt seinen Schülern auch das Gefühl, dass das Leben selbst die Kunst darstellt, und dass ihre Kreationen nur das Nebenprodukt dieser Erfahrung sind, in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft koexistieren. Das beeindruckt Dylan stark. Dem Rolling Stone erzählt er 1978 über Raebens Einfluss auf sein Songwriting: „Er hat meinen Verstand, meine Hand und mein Auge so zusammengefügt, dass ich bewusst tun konnte, was ich unbewusst empfunden habe.“ 

Vielleicht deshalb wirkt Dylan auf Blood On The Tracks so persönlich wie universell, indem er zwar für sich selbst spricht, aber auch für uns alle. Die Worte, die Musik, der Tonfall drücken Bedauern, Melancholie und ein Gefühl unvermeidlichen Abschieds aus, vermischt mit schlauem Humor, Wut und einfacher Freude. So kann man das großartige Idiot Wind als hartes, kaltblütiges, persönliches Gedicht über den Zorn des Überlebenden lesen. Es mag aber auch die Hymne für jeden sein, der sich überfallen, schlecht behandelt, abgespeist, vertröstet, gedemütigt oder gehasst fühlt. 

Autobiografisch oder Tschechow-Album?

Inhaltlich besteht das Album fast ausschließlich aus Trennungsliedern: Die Ehe mit Sara Lownds scheint damals ihrem Ende entgegen zu gehen, Erinnerungen an die Beziehung zu seiner frühen Muse Suze Rotolo und die Liaison mit Ellen Bernstein von seiner Plattenfirma Columbia Records könnten eine Rolle gespielt haben. Dylan selbst schreibt in seinem Buch Chronicles Vol. 1, er habe immer ein Album aus Geschichten des russischen Dichters Anton Tschechow machen wollen. So wird Blood On The Tracks offiziell zu Dylans Tschechow-Album, was den Künstler davor bewahrt, Unterstellungen zu seinem Privatleben kommentieren zu müssen. Ganz glauben will man dem Meister nicht. So sagt auch sein Sohn Jakob im Interview: „Wenn ich Blood On The Tracks höre, höre ich, wie sich meine Eltern unterhalten.“

Dylan und seine Sara Lownds zu besseren Zeiten 1969 / Bild: Evening Standard/Hulton Archive/Getty Images

Tatsächlich erblickt die ursprüngliche angedachte Version von Blood On The Tracks nie das Licht der Welt: Weil Dylan schlussendlich mit der dunklen Stimmung insgesamt nicht zufrieden ist und einen kommerziellen Misserfolg befürchtet, begibt er sich im Dezember 1974 nach Minnesota und überarbeitet quasi in letzter Minute mit anderen Musikern die Hälfte der zehn Tracks. Das führt zu einer wesentlichen Änderung des Tons: Trauer und Wehmut machen an vielen Stellen einer lebhaften, festlichen Atmosphäre Platz. Blood On The Tracks in neuer Version erscheint am 20. Januar 1975, verkauft sich sehr gut und erreicht sogar die Spitze der Billboard-Charts.

Da die ursprüngliche Fassung der Musik ihren Weg an die Öffentlichkeit findet und später als Bootlegs durch die Welt kursiert, schließen manche Fans diese anfängliche melancholischere Variante ins Herz. Offiziell erscheinen diese Lieder dann 2019 auf Bootleg Series Vol. 14 – More Blood, More Tracks.

Die ursprüngliche, düstere Variante von „Blood On The Tracks“ erscheint erst Jahrzehnte später

Bob Dylan: Aufnahmesession mit Johnny Cash erscheint als „Bootleg Series“

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