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Popkultur

„Redemption Song“: Die Entstehungsgeschichte von Bob Marleys zeitloser Akustikhymne

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Bob Marley
Foto: Adrian Boot

Es ist einer von diesen Songs, die wirklich jede*r kennt, ja, die jede*r sogar dem Künstler zuordnen kann – selbst Menschen, die sich eigentlich kaum für Musik interessieren: der Redemption Song. Bob Marleys größte und zugleich sanfteste Hymne.

von Ian McCann

Einzig seine Gitarre und ein paar Zeilen, die der Reggae-Sänger kurz vor seinem Tod an uns gerichtet hat, um uns den bisherigen Gang der Menschheitsgeschichte ins Gedächtnis zu rufen. Und um uns etwas an die Hand zu geben, das auch nach seinem frühen Tod bleiben sollte. Wie sehr Bob Marleys Perspektive und sein ganzer Ansatz seither in der musikalischen Landschaft fehlen, beweist ein flüchtiger Blick ins Netz, wo auch vier Jahrzehnte später unzählige Menschen seine Songs hören, um darin Trost und Inspiration zu finden.

„Befreit euch aus der mentalen Unfreiheit“

Die Idee, dass Musik eine erlösende, befreiende Kraft haben kann, ist dabei jahrhundertealt. Der „arme Sünder“, der im Songtext von Amazing Grace (aus den 1770ern) schließlich erlöst wird und so der Hölle entkommt, findet seine Rettung in einem Song – „wie süß der Klang“! Das grausame Verbrechen, das er davor begangen hatte, taucht auch in Marleys Redemption Song auf: Der Autor von Amazing Grace war Kapitän eines Sklavenschiffs gewesen. Marley wiederum war ein Nachfahre jener Sklav*innen, die nach der Entdeckung der Neuen Welt über den Atlantik gebracht worden waren. Seine Songs waren Befreiungsschläge, sie waren sein Sprachrohr – erst durch sie wurde er zu jemandem. Bob Marley wusste sehr wohl, dass es auch mentale Unfreiheit gibt, dass ein Freiheitsversprechen nicht automatisch bedeutet, jener anderen, mentalen Sklaverei entkommen zu sein.

Seht hier das brandneue Video für den Redemption Song:

Da Bob Marley den Redemption Song ausnahmsweise als Solostück aufgenommen hat, ihm die eigene Akustikgitarre als Begleitung genügt, wird der Song häufig als Ausnahme in seinem Backkatalog eingestuft. Dabei ist die Instrumentierung keineswegs überraschend: Wie die meisten seiner Zeitgenoss*innen, war auch Marley vom Folk-Boom der frühen Sechziger beeinflusst. Er kannte den Sound von Bob Dylan, und seine Band The Wailers machte aus dessen Like A Rolling Stone schließlich ihren eigenen Rolling Stone.

Wer im damaligen Jamaika im Besitz einer Akustikgitarre war – ganz egal, wie ramponiert das Instrument war, ja, ob es sich womöglich bloß um einen Selbstbau aus einer Zigarrenkiste handelte –, konnte sich durchaus glücklich schätzen. Überhaupt ein solches „Werkzeug“ zu haben, um sich damit auszudrücken, war Luxus. Als Songschreiber setzte Marley häufig auf seine Akustikgitarre – so entstanden immer wieder auch ruhigere Stücke auf diesem Instrument. Erst als er 1973 seinen Vertrag bei Island Records unterzeichnete und sich damit dauerhafte Bandunterstützung leisten konnte, spielten die Akustiksongs eine immer kleinere Rolle.

Gegen die geistige Unfreiheit

Auch der Songtext von Redemption Song ist streng genommen nichts Ungewöhnliches: Inhaltlich bewegt sich Marley in jenem Rahmen, in dem viele Reggae-Songs anzusiedeln sind. Auch hatte er Verbindungen in die USA und zu Kolleg*innen in Jamaika, die in jenen Tagen ganz ähnliche Dinge zum Ausdruck brachten: Das Konzept der geistigen Unfreiheit, der mentalen Sklaverei, tauchte 1977 zum Beispiel auch in Bob Andys Song Ghetto Stays In The Mind auf – und Marley hatte schon in den Sechzigern zusammen mit Andy im Studio One gearbeitet. Die Kernaussage: Wer lange Zeiträume gegen etwas ankämpfen muss, den begleitet dieser Kampf für den Rest des Lebens.

Hört hier Uprising von Bob Marley & The Wailers:

Auch James Brown, ein wichtiger Einfluss für Marley in den Sechzigern, hatte ein Album mit dem Titel Revolution Of The Mind versehen; dazu hatte er seine Anti-Drogen-Single King Heroin, in der er Abhängigkeit mit Sklaverei gleichsetzt, mit diesen Worten ausklingen lassen. Toots & The Maytals, denen zwar nie ein derart großer Durchbruch vergönnt war, obwohl ihre Karriere sonst viele Parallelen zu Bob Marley & The Wailers aufweist, hatten schon 1973 ihren bewegenden Redemption Song veröffentlicht: ein Ruf nach Erlösung, eine Suche nach den richtigen Worten, die Gott gefallen könnten.

Konkret sollte Bob Marley eine Rede von Marcus Garvey zitieren: Die Worte „Emancipate yourself from mental slavery… none but ourselves can free our minds“ stammen aus einer Rede, die der Aktivist, Philosoph und Panafrikanist mit jamaikanischen Wurzeln im Jahr 1937 gehalten hatte. Bobs Label-Kollege Burning Spear sollte sich später immer wieder auf Garveys Thesen beziehen – wie auch auf die Musik von Mr. Marley. Und dann hatte Bob Marley selbst schon im Jahr 1978 in der Heimat die ähnlich betitelte Single Blackman Redemption veröffentlicht, die letztlich in dieselbe Kerbe schlug wie sein späterer Akustik-Klassiker. Kurzum: Sein Redemption Song war alles andere als eine Ausnahme. Er stand ganz klar in der jamaikanischen Musiktradition, auch wenn das Arrangement deutlich anders klang als die meisten Reggae-Stücke…

Ein letzter großer Wurf

Ein sehr ernstes Anliegen war sein Redemption Song schon deshalb, weil Bob Marley an diesem Punkt wusste, dass ihm nicht mehr viel Zeit auf der Erde blieb. Im Sommer 1977 war ein bösartiges Melanom unter seinem Fußnagel entdeckt worden. Die von den Ärzt*innen vorgeschlagene Amputation kam für ihn nicht in Frage, und er machte einfach weiter: ging auf Tour, schrieb Songs, machte Aufnahmen. Zwei Jahre später sah er ausgemergelt aus. Man sah ihm an, dass die Krankheit auf dem Vormarsch war. Von der Energie, der Ausstrahlung, die er noch Mitte des Jahrzehnts gehabt hatte, war nicht mehr viel übrig. Auch seine Gedanken umkreisten nun immer häufiger den Tod. Laut seiner Frau Rita quälten ihn in jenen Tagen starke Schmerzen, und er habe in seinen Songs „viele Gedanken über den eigenen Tod verarbeitet – ganz besonders sogar in diesem Stück.“

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Die ersten Aufnahmen von Redemption Song machte Marley noch zusammen mit The Wailers: Allein im Jahr 1980 entstanden 15 verschiedene Versionen mit seinen angestammten Musikern. Dazu gab’s eine Akustikversion und etliche Varianten mit abgeänderten Texten – spezielle Versionen für die in Jamaika verbreiteten Sound Systems. So waren einige dieser Versionen auch richtig tanzbar, ihr Beat ging fast schon in Richtung Ska.

Der Vorschlag, auf die Akustikversion zu setzen, weil gerade das Weglassen sie noch eindringlicher machte, kam von dem Mann, der Bob zu Island Records geholt hatte, dem Gründer und Labelboss Chris Blackwell. Bob stimmte ihm zu – und sie beide lagen damit goldrichtig: Dieser Song brauchte kein Beiwerk, kein großes Arrangement. So wurde eine Akustikaufnahme von Redemption Song zum Abschlusstrack von Uprising, dem letzten Album von Bob Marley & The Wailers, das zu Lebzeiten des Sängers erscheinen sollte. Es war ein letzter großer Wurf, Marleys musikalisches Testament.

Keine Angst

Der Redemption Song vereint seine Gefühle über den eigenen, schon so nah bevorstehenden Tod mit Gedanken über die Sklaverei, besonders deren Auswirkung auf die mentale Grundeinstellung der nachfolgenden Generationen, über Religion und das Schicksal („We’ve got to fulfil the book“) – und er ist ganz direkt an die Fans gerichtet: Habt keine Angst, lautet die Kernaussage. Dein Leben wird nicht von den Mächten dieser Welt bestimmt, nicht von der ganzen Zerstörung, dem Bösen. Deine Bestimmung liegt nicht in den Händen der Mächtigen, sondern allein in denen des Allmächtigen. Kann sein, dass deine Helden und Heldinnen verlieren und sterben, dass du unterdrückt wirst, das Gefühl hast, nichts dagegen tun zu können, dass immerzu Schlechtes geschieht, aber das Universum ist sehr viel größer als das. Schließe dich einfach diesem Song an: Es liegt in deiner Macht, deinen Geist und die eigene Seele zu befreien. Du kannst erlöst werden.

Als Stück, das im Albumkontext wirklich perfekt zur Geltung kommt, geht der Redemption Song sofort unter die Haut – weshalb die Message seither unzählige Menschen rund um den Globus erreichen sollte. Seinen Kampf gegen den Krebs verlor Marley elf Monate nach der Veröffentlichung von Uprising, im Mai 1981. Er war erst 36 Jahre alt. Seine Aufnahmen und sein öffentliches Bild setzen seither das fort, was er zu Lebzeiten begonnen hat: Der Schlusstitel gilt längst als zeitlose Befreiungshymne, als Meilenstein mit einer Message, was der Song auch deshalb werden konnte, weil er kein bisschen nach erhobenem Zeigefinger klingt. Ein todkranker Mann, aufgewachsen in Armut, erhebt die Stimme zu seiner Gitarre und bringt eine Weisheit dermaßen sanft und gefühlvoll auf den Punkt, dass seine Worte bis heute nachhallen und Gehör finden…

Zeitlose Inspirationsquelle

In der kurzen Zeit, die ihm blieb, sollten noch andere Aufnahmen des Stücks entstehen – ein paar davon zusammen mit The Wailers, viele auch live mitgeschnitten, wobei keine so bewegend ist wie die Aufnahme seines allerletzten Auftritts, der am 23. September 1980 in Pittsburgh stattfand. Zwei Tage davor war er beim Joggen in New York City zusammengebrochen, und jetzt stand dieser Schwerkranke in Pittsburgh auf der Bühne und kündigte „diesen kleinen Song“ an. Dann sind Congas zu hören, so wie in den besten Tagen der Wailers. Die Basstrommel wirkt wie ein Herzschlag in Doubletime, so wie bei den Rasta-Schlagzeugern, deren Ansatz seit Mitte der Sechziger den spirituellen Kern von Marleys Musik ausmachte. Es war ein Auftritt, mit dem er dem Schicksal zu trotzen schien: wirklich zeitlos, unglaublich inspirierend.

Auch in großen Hollywood-Produktionen war Marleys Redemption Song danach immer wieder zu hören. Und natürlich wurde er gecovert und wieder gecovert. Von Joe Strummer, von Stevie Wonder, der ein riesiger Fan von Bob war – und zugleich dessen Vorbild. Von Ian Brown oder auch der Girl-Group Eternal. Von Madonna, von Alicia Keys, nicht zuletzt von John Legend zum Gedenken an Nelson Mandela. Es ist und bleibt die ultimative Hymne für alle, die unter Armut leiden, die unterdrückt werden, die unfrei sind, die Hilfe und Zuspruch brauchen. Man kann davon ausgehen, dass der Redemption Song bis in alle Ewigkeit aktuell sein wird: so lange, wie es Menschen auf der Erde gibt. Menschen, die „diesen kleinen Song“ hören und sich davon berühren und inspirieren lassen.

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