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Popkultur

Interview mit David Crosby: „Crosby, Stills & Nash waren ein einziger Konkurrenzkampf“

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David Crosby
Foto: Axelle/Bauer-Griffin/FilmMagic/Getty Images

Kurz vor seinem 80. Geburtstag veröffentlichte David Crosby am 23. Juli sein siebtes, herrlich entspanntes Soloalbum For Free. Benannt wurde es nach einem Joni-Mitchell-Song, geschrieben mit seinem Sohn. Ein Gespräch über seine Muse, die Wiedervereinigung mit seinem Sohn und diese eine Sache mit Phoebe Bridgers.

von Björn Springorum

Hier könnt ihr For Free hören:

Beginnen wir in den Siebzigern, als du auf deinem Segelboot Mayan vor San Franciso lebtest. Wie dürfen wir uns das vorstellen?

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Im Grunde führte ich ein ganz normales Leben, zumindest nach meinen Vorstellungen. (grinst) Ich lebte eben nur nicht in einem Haus, sondern auf einem Boot in der Bucht von San Francisco. Viel mehr hat mich allerdings das Segeln geprägt. Ich segle seit über 60 Jahren und sehe die Welt mit komplett anderen Augen. Als Segler kommst du der Natur auf eine einzigartige Weise nah. Das verlässt dich nie wieder. Der Ozean hat es nicht auf dich abgesehen. Aber wenn du ihn nicht respektierst, dann verputzt er dich zum Frühstück. So viel Freude und Glück mit der Ozean gegeben hat, so viel harte Arbeit musste ich auch investieren, um jedes Mal wieder an Land zu kommen. Das sorgt nach tausenden gesegelten Meilen für eine gewisse Demut.

„Joni ist für mich die beste Singer/Songwriterin ihrer Zeit.“

Und für gute Songs: Die Mayan soll Patin gestanden haben für Klassiker wie Wooden Ships.

Das Wasser inspiriert dich auf eine vollkommen andere Weise als das Land. Ich wünsche mir oft, ich hätte das Boot nicht verkauft.

Höre ich da Bedauern?

Nein, so weit würde ich nicht gehen. Mir geht’s ja gut. Ich meine, ich bin fast 80 und mache immer noch Musik.

Dein neues Album For Free ist nach einem ganz wunderbaren Joni-Mitchell-Song benannt, den du auf der Platte nicht zum ersten Mal coverst. Wieso hat es dir ausgerechnet dieser Song so angetan?

Ich habe dieses Lied bisher dreimal gecovert. Und der Grund ist ebenso offensichtlich wie gut: Ich liebe dieses Lied. Ich liebe, wofür es steht, ich liebe einfach alles daran. Joni ist für mich die beste Singer/Songwriterin ihrer Zeit.

Hast du ihr diese neue Version schon gezeigt?

Nein, keine Ahnung, ob sie sie schon gehört hat. Ich frage sie bei nächster Gelegenheit mal. Wir sehen uns nicht allzu häufig, aber vor einiger Zeit hat sie mich mal zum Abendessen zu sich nach Hause eingeladen. Wir sind nicht mehr so eng, wie wir es mal waren, aber es macht mich traurig zu sehen, wie schlecht es ihr geht. Seit ihrem Aneurysma muss sie alles neu lernen. Ich denke nicht, dass sie jemals wieder Gitarre oder Piano spielen wird. Aber ich wünsche ihr das Beste und denke oft an sie.

„Es hat mich damals auch gestört, als The Who ihre Gitarren zertrümmert haben.“

Auf deinem neuen Album singt die texanische Künstlerin Sarah Jarosz den Song mit dir im Duett. Sie war noch gar nicht auf der Welt, als Joni Mitchell den Song schrieb. Ist das nicht ein schöner Gedanke?

Wem sagst du das. Sie ist der Grund, weswegen der Song überhaupt auf dem Album ist und weswegen das Album diesen Namen trägt. Sie ist eine fantastische Sängerin, eine fantastische Songwriterin und eine fantastische Musikerin. Als ich hörte, was sie mit Jonis Arrangements machte, konnte ich nicht widerstehen.

Viele hätten nach der Geschichte mit Phoebe Bridgers und deiner Kritik an der auf der Bühne zerschmetterten Gitarre gedacht, du hältst nichts von jüngeren Musikerinnen.

So ein Quatsch! Ich stehe dazu: Ein Instrument zu zerstören, ist einfach dämlich, ganz egal, wer es tut. Ich kenne Phoebe Bridgers ja nicht mal und habe nicht sie persönlich angegriffen. Es hat mich damals auch gestört, als The Who ihre Gitarren zertrümmert haben oder als Hendrix seine angezündet hat. Das hat doch alles nichts mit der Musik zu tun.

Seit einiger Zeit spielst du gemeinsam mit deinem Sohn James Raymond, den du 1962 zur Adoption freigegeben und erst als erwachsenen Mann kennengelernt hast. Hat das deine Herangehensweise an die Musik verändert?

Immens sogar. For Free zeigt, wie sehr James gewachsen ist. Ich meine, er hat I Won’t Stay For Long geschrieben, den mit Abstand besten Song des Albums. Ich kann gar nicht sagen, wie stolz mich das macht – zumal ich genau so streng mit ihm ins Gericht gehe wie mit mir. Und das ist sehr streng. For Free ist ebenso sein Album wie es meines ist. Ein wunderbares Gefühl.

„Wenn du alt wirst, geht dir als Songwriter für gewöhnlich die Luft aus.“

Wie funktioniert ihr gemeinsam?

Na ja, ich liebe ihn, das ist doch schon mal ein Anfang. (lacht) Wir haben eine ganz besondere Chemie, die die Kommunikation mühelos gestaltet. Also, einerseits verstehe ich durchaus, wieso wir so gut funktionieren, andererseits haut es mich immer noch um, wenn ich merke, wie gut es ist.

Wie leicht fällt dir nach 60 Jahren als Songwriter eigentlich ein Song?

Sehr leicht. Das liegt aber auch daran, dass ich mit anderen Menschen schreibe. Wenn du alt wirst, geht dir als Songwriter für gewöhnlich die Luft aus. Du hast keine Ideen mehr, keine Impulse, und bist froh, wenn du noch einen anständigen Song im Jahr hinbekommst.

Meinst du da jemanden Bestimmtes?

Nein, da nenne ich jetzt keine Namen. Ich jedenfalls habe schon früh gemerkt, dass es sehr beflügelnd sein kann, wenn man mit anderen Menschen schreibt. Was die Auswahl angeht, bin ich zwar unfassbar wählerisch, aber die wenigen Menschen, denen ich mich mein Songwriting anvertraue, bereichern mich. Sie helfen mir dabei, auch mit fast 80 Jahren noch Lust auf neue Musik zu haben.

„Alles, was ich heute mache, ist von einem Geist der Zusammenarbeit und Freundschaft geprägt.“

Lässt sich deine Muse von deiner Umgebung beeinflussen?

Ein Stück weit sicherlich, aber ich bin eher anfällig für Menschen und Begegnungen. Natürlich wirkt sich meine Umgebung auf meine schöpferische Kraft aus, weil die Natur um einen herum immer auch die Stimmung verändert. Aber der menschliche Faktor ist unübertroffen.

Obwohl es bei Crosby, Stills & Nash irgendwann ja nicht mehr so gut geklappt hat.

Aber als es geklappt hat, war es unübertroffen.

Kann man denn überhaupt mit anderen Musiker*innen befreundet sein? Oder geht es am Ende des Tages doch nur um den Konkurrenzkampf?

Crosby, Stills & Nash waren ein einziger Konkurrenzkampf. Jeder wollte der Größte, der Beste sein. Jede einzelne Minute jedes einzelnen Tages. Natürlich ging das nicht gut, aber das heißt nicht, dass es generell ausgeschlossen ist. Im Gegenteil: Alles, was ich heute mache, ist von einem Geist der Zusammenarbeit und Freundschaft geprägt.

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Warum es keine Reunion von Crosby, Stills And Nash geben wird

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Popkultur

Zeitsprung: Am 22.5.2001 erscheint das erste Bon Jovi-Livealbum „One Wild Night“.

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Bon Jovi

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 22.5.2001."

von Christof Leim

Keine Frage: Bon Jovi dominieren den Hard Rock der Achtziger. Mit Slippery When Wet (1986) und New Jersey (1989) liefern sie zwei Nummer-eins-Alben hintereinander ab, daneben empfehlen sie sich als fleißige und mitreißende Liveband, die fast pausenlos durch die größten Hallen und Stadien in aller Welt tourt. Alleine die Konzertreise für Slippery dauert 15 Monate (von Juli 1986 bis Oktober 1987), danach hängen die Herren für New Jersey nochmal unfassbare 16 Monate (von Oktober 1988 bis Februar 1990) dran. Einen (offiziellen) Konzertmitschnitt dieser glorreichen Zeit sucht man allerdings vergebens.

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Hier könnt ihr in One Wild Night: Live 1985-2001 reinhören:

Klickt auf „Listen“ für das ganze Album.

Die erste „richtige“ Liveplatte erscheint nämlich erst viel später, am 22. Mai 2001. Da hat sich die Welt der Rockmusik schon weitergedreht, Grunge und Crossover sind gekommen und wieder gegangen. Bon Jovi haben mehrjährige Pausen eingelegt, Soloalben veröffentlicht und sich immer mehr zu einer erwachsenen Rockband entwickelt, die Springsteen stilistisch näher steht als Kiss und Aerosmith. Zuletzt brachten sie im Sommer 2000 das Album Crush auf den Markt, eine weitestgehend entspannte, oft balladeske Angelegenheit. Als Liveband aber lassen sie weiter nichts anbrennen und füllen immer noch die Stadien.


Für One Wild Night: Live 1985-2001 beschränken sich die Musiker nicht auf die Aufzeichnungen einer Show oder einer Tour, sondern stellen Songs aus drei Phasen ihrer Karriere zusammen: von aktuellen Konzerten im Jahr 2000 und Shows von der Mitte der Neunziger, als junge Rockhörer auf ganz andere Sounds standen, sowie von einem Gig in Tokio 1985. (Ja, die Herren sind schon früh ordentlich rumgekommen.) Aufnahmen aus den ganz großen Jahren, also von den Megatouren zu Slippery und New Jersey, fehlen sonderbarerweise.



Mit der Songauswahl decken Bon Jovi dabei alle Phasen ihrer Karriere ab; es finden sich die offensichtlichen Hits (Livin’ On A Prayer, Bad Medicine et al.), locker-flockiges Neunziger-Zeug (Something For The Pain, Something To Believe In) und damals neues Material wie Just Older oder It’s My Life. Als alte Schätzchen gibt es den ersten Hit Runaway vom 1984er-Debütalbum und In And Out Of Love vom oft (und zu Recht) vergessenen Zweitwerk 7800° Fahrenheit.



Interessant wird es bei den Coverversionen: Im südafrikanischen Johannesburg lassen Bon Jovi eine treibende Version von Neil Youngs Rocking In The Free World vom Stapel, bei I Don’t Like Mondays singt sogar Bob Geldof mit. (Für die Komplettisten: Diese Aufnahme wurde schon auf der Doppel-CD-Variante von These Days (1995) veröffentlicht; drei Mitschnitte aus Zürich gibt es ebenfalls auf der The Crush Tour-DVD. ) Bei der letzten Nummer schließlich, dem titelgebenden One Wild Night 2001 handelt es sich um einen Remix eines Tracks von Crush. Diese neue Version wird auch als Single ausgekoppelt, ebenso der alte Gassenhauer Wanted Dead Or Alive.



Alles in allem repräsentiert die Platte gut den musikalischen Stand der Gruppe zur Jahrtausendwende. Bon Jovi erweisen sich als souveräne Liveband mit guten Gesängen und einem Frontmann, der die Menge anzuspornen weiß. Natürlich klingen unsere Helden mittlerweile im Vergleich zur ungestümen Hardrockerei der Achtziger ein gutes Stück erwachsener. Was vor allem heißt: Der Chef schreit nicht mehr so viel, und die Gitarre macht weniger „Brett“. Das Album erscheint am 22. Mai 2001 und schlägt sich recht wacker in den Charts mit hohen Platzierungen in Europa (Platz 3 in Deutschland) und einem 20. Rang in den USA. Der nächste Konzertmitschnitt Inside Out lässt dann wieder bis 2012 auf sich warten, aber das ist eine andere Geschichte…

Zeitsprung: Am 28.4.1989 heiratet Jon Bon Jovi seine Jugendliebe – heimlich.

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Popkultur

„Hot Space“ verwandelt Queen vor 40 Jahren in eine Dance Pop-Band

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Queen
Foto: Kent Gavin/Mirrorpix/Getty Images

Vor 40 Jahren erschien Hot Space — jenes Queen-Album, das im Werk der legendären Band so richtig aus der Reihe tanzt. Betonung auf: Tanzt, denn hier regiert nicht heroischer Rock, sondern Disco. Bei vielen gilt die Platte als ungeliebter Ausreißer — wird ihr da Unrecht getan?

 von Markus Brandstetter

Hier könnt ihr Hot Space hören:

Es gab Zeiten, da betonten Queen noch extra, keinerlei Synthesizer in ihrer Musik zu verwenden. Im Juni 1981 gab’s dann aber eine ordentliche Kehrtwende in dieser Sache, denn als die Band ins Studio ging, um an ihrem neuen Longplayer zu arbeiten, wurden Synthesizer ein tragendes Element. Mehr noch: Queen vollzogen in den Augen vieler eine unverständliche Wandlung, denn plötzlich regierten Disco, Dance, R&B und Funk den Sound des britischen Quartetts. Damit nicht genug: Queen setzten sogar Drumcomputer ein — und die stets omnipräsente Leadgitarre von Brian May ordnete sich einer anderen Funktion unter.

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Roger Taylor sagt: John Deacon ist schuld

Geht es nach Schlagzeuger Roger Taylor, war es Bassist John Deacon, der die ersten musikalischen Impulse in diese Richtung setzte. „John war schon immer R&B-orientiert, unser Bassist, der Another One Bites The Dust schrieb, … was sich als die meistverkaufte Platte des Jahres herausstellte. Und ich glaube, das war der Song, der uns in diese Richtung katapultiert hat“, sagte Taylor damals — legte dann aber gleich nach, dass die Band mittlerweile der Meinung war, es etwas übertrieben zu haben. „Ich denke, wir sind zu weit gegangen und haben zu viel getan. … Jeder in der Band empfindet das jetzt so“, so Taylor.

Allerdings ist es nicht Deacon, dem im Nachhinein von der Band (minus Mercury) der schwarze Peter zugeschoben wurde — sondern Freddie Mercurys damaliger Manager Paul Prenter. Der war zwischen 1977 und 1984 für Freddies persönliche Angelegenheiten zuständig und übte in den Augen Taylors etwas zu viel Einfluss auf seinen Klienten aus. Und zwar so sehr, dass Taylor meinte, Prenter wollte Queen nach Gaybar klingen lassen. Eine Erklärung der etwas anderen Art hatte einer der Produzenten, Reinhold Mack, parat: Prenter habe Rockmusik gehasst — und habe Mercury regelrecht im Ohr gelegen.

Auch an die Aufnahmesessions an sich erinnert sich die Band nicht unbedingt gerne: Besonders die Aufnahmen in München (als zweiter Ort fungierte Montreux) zogen sich in die Länge. Die Band pflegte laut Brian May einen ungesunden Party-Lebensstil der in Orientierungslosigkeit resultierte.

Disaster und „Disco sucks“

Dass viele Fans und Kritiker*innen enttäuscht waren, ist wenig überraschend — denn Hot Space war definitiv eine Abkehr von dem, was die Band davor gemacht hatte. Der ehemalige Manager der Band, Jim Beach, sprach in der 2011 erschienenen Doku Queen: Days Of Our Lives sogar von einem regelrechten Desaster und erinnerte sich Fans, die mit „Disco sucks“-Banner zu Konzerten der Band kamen.

Das empfanden allerdings längst nicht alle so: Denn Michael Jackson verehrte das Album, bezeichnete es sogar als Inspiration für seinen Megaseller Thriller. Natürlich, bei Hot Space hat man es mit einem Ausreißer zu tun, einem Experiment einer etablierten Band, das längst nicht jeder gut fand und für viele sogar eine regelrechte Enttäuschung war. Und tatsächlich, in den nachhaltigen Queen-Kanon hat es daraus nur ein einziges Stück geschafft: das mit David Bowie in einer spontanen Session in Montreux entstandene Under Pressure, das für die Band in Großbritannien zum Nummer-eins-Hit wurde. Auch hier waren wieder Deacon und seine unglaublich eingängige Basslinie (wie schon bei Another One Bites The Dust) ausschlaggebend.

Zwei Jahre später kehrten Queen mit The Works wieder zu alter Form zurück. Hot Space geht auf alle Fälle als Experiment der Band in die Geschichte ein — als eines, das Teile der Band wohl gerne wieder rückgängig gemacht hätten, das aber auf alle Fälle ein kurzweiliges und interessantes Album ist, das dem damaligen Zeitgeist Rechnung trägt. Was Queen auch genügend Fans vorgehalten haben.

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25 Jahre „OK Computer“: Wie Radiohead den Prog neu erfinden

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Radiohead
Foto: Jim Steinfeldt/Michael Ochs Archives/GettyImages

Das Label geht von einem Flop aus, die Band setzt alles auf eine Karte: 1997 veröffentlichen Radiohead ihr drittes Album OK Computer. Die Bedenken sind unbegründet: Das Album wird zum kommerziellen Erfolg und gilt heute als eine der besten Platten aller Zeiten. Die ganze Geschichte der modernen Prog-Rhapsodie.

von Björn Springorum

Hier könnt ihr Ok Computer hören:

Es ist 1997, und in Großbritannien hat man so langsam aber sicher genug von Britpop. Die anfängliche Euphorie ist verfolgen, die Aufregung rund um den Battle Of Britpop von 1995 längst vergessen, die Sperenzchen und Eskapaden der Gebrüder Gallagher öde. Sicher, Be Here Now ist ein weiterer Oasis-Megaseller, doch die britische Rockmusik sehnt sich insgeheim nach einer neuen Marschrichtung. Die kommt von Radiohead – von wem auch sonst, wie man aus heutiger Sicht treffsicher urteilen würde. Mit ihrem dritten Album OK Computer sorgen sie nicht nur für einen der ganz großen Klassiker der intelligenten Rockmusik; sie erfinden mal so eben den Prog neu und führen die Musik des Königreichs mit sicherer Hand gen neues Jahrtausend.

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Desillusioniert in den Staaten

Das war damals selbst ihnen nicht zuzutrauen. Oder doch? Schauen wir uns mal ihre bemerkenswerte Karriere bis zum Release von OK Computer an: Ihr Debüt Pablo Honey erscheint 1993, ein schroffes und kratziges Rock-Album, das mit Creep ihren ersten Megahit enthält, ansonsten aber noch in die Kategorie „ausbaufähig“ fällt. Das nehmen Radiohead sehr ernst. Die Band, die sich 1985 an einer Jungenschule im ländlichen Oxfordshire gründet, wird durch Presse, Radio und Fernsehen gereicht, eine desillusionierende USA-Tour besiegelt fast das Schicksal der Band.

The Bends, ihr zweites Album von 1995, zeigt eine merklich gereifte, angekratzte, bittere Band. Die nackte Emotion, die Verletzlichkeit und die Verzweiflung machen die Platte zu einer der definitiven Scheiben der Neunziger. Lange Touren mit R.E.M. oder Soul Asylum durch Nordamerika, Europa und Japan folgen, wieder merkt die Band, dass sie echt nicht für die Straße gemacht ist, dass Touren zermürben, aufreiben, aushöhlen. Dennoch kommt es auf der Tour zu einer folgenschweren Begegnung mit Brian Eno. Für seinen Charity-Sampler nehmen Radiohead am 4. September 1995 die Nummer Lucky auf – in fünf Stunden.

Diese spontane, impulsive, unmittelbare Arbeitsweise löst etwas aus in der Band. Das ist bitter nötig, immerhin steht sie gerade vor dem riesigen Problem, einem sehr erfolgreichen Album einen Nachfolger zu bescheren. Sie beginnen im Juli 1996 die Aufnahmen in ihrem eigenen Canned Applause Studio, treten aber trotz der anfänglichen Inspiration auf der Stelle, kommen nicht vorwärts. Da erscheint die Einladung von Alanis Morissette, mit ihr durch die Staaten zu touren, natürlich verlockend. Was die Band nicht wissen kann: Diese Tour wird OK Computer überhaupt erst möglich machen. Bei einem Konzert erhalten sie Besuch von Regisseur Baz Luhrmann, der gern einen Radiohead-Song in seinem kommenden Film Romeo und Julia haben würde.

Wo sind die Hits?

Exit Music (For A Film), Radioheads wunderschöner Beitrag zum Shakespearschen Drama, wird zur Initialzündung für die Metamorphose. Sänger Thom Yorke sagte später mal: „Das war unsere erste Aufnahme, bei der mich jede Note berauschte. Darauf konnte ich stolz sein, das konnte ich laut aufdrehen und dennoch jede Sekunde genießen.“ Der Rest geht schnell: Sie quartieren sich in St Catherine’s Court ein, einem historischen Anwesen bei Bath, breiten sich in dem elisabethanischen Haus aus und nutzen Treppenhäuser oder Korridore für die Aufnahmen. Zwischen September 1996 und März 1997 entsteht dort ein Album, das erst mal zum Schreckgespenst für ihr damaliges Label Parlophone wird. Dort erwartet man natürlich ein zweites The Bends, ein Alternative-Rock-Manifest für eine verlorene Generation oder mit anderen Worten: Singles, Hits und klingende Kassen.

Da machen Radiohead aber nicht mit. Sie entschieden sich, alles auf eine Karte zu setzen, geben die 100.000 Pfund Vorschuss ihres Labels für Equipment aus und produzieren das Album mit Unterstützung von Haus-und-Hof-Produzent Nigel Godrich selbst. Mit anderen Worten: Radiohead steigen schon jetzt aus den Mechanismen des Marktes aus und nehmen ihr Schicksal selbst in die Hand. Nach der Seelensuche von The Bends richten sie ihren Blick nach außen und schreiben eine fast schon dystopische Rhapsodie, ein Album, das viel von dem vorweg nimmt, was im neuen Jahrtausend auf die Welt zurollt: soziale Entfremdung, Isolation, Konsumismus und das aussaugende Leben in der Großstadt.

Die Wiedergeburt des Prog

Musikalisch steht der nächste Quantensprung an. Wo die meisten anderen guten Bands zwischen Pablo Honey und The Bends mindestens noch eine weitere Platte gebraucht hätten, um eine ähnliche Entwicklung hinzulegen, liegen zwischen The Bends und OK Computer mindestens zwei Alben. Mit traumwandlerischer Sicherheit bewegen sich Radiohead durch ihren mitternächtlichen Garten aus Rock, Prog, Pop und Electronica, ein fließendes, inhärent nachdenkliches, kunstfertig geschmiedetes Album. Kurz: ein Werk, dem ein Creep oder ein Fake Plastic Trees fehlt. Die Plattenfirma ist schockiert, weiß nicht, was sie mit dieser Musik anfangen soll. Sie setzt die Verkaufsprognose von mehreren Millionen auf eine halbe Million herab.

Und wird eines besseren belehrt: OK Computer, das ist schon der damaligen Presse klar, ist eine Wasserscheide. Lange Songs, komplexe Arrangements, eine Vielzahl an Instrumenten: Radiohead beleben den Prog neu. Ihnen gelingt das Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band der Neunziger, ein musikalisches und lyrisches Meisterwerk, so voller Assoziationen, doppelter Böden, Schichten und Ebenen, dass man wochenlang darin abtauchen kann. Inspiriert von Bitches Brew, dem gewagten Album von Miles Davis, Ennio Morricone, Can, Pet Sounds oder dem besten Pop-Song aller Zeiten, A Day In The Live, gelingt Radiohead eine Preziose, ein seltenes Kunstwerk.

Entstanden nach einer Periode der Instabilität und Unsicherheit, erwachsen Radiohead aus ihrem Kokon und machen einfach das, was sich in diesem Moment richtig anfühlt: Musik, und das überwiegend zusammen. 80 Prozent von OK Computer sind live entstanden. Hätte ihre Plattenfirma Recht behalten, hätten Radiohead das 21. Jahrhundert nicht mehr als Band erlebt. So bescheren sie den späten Neunzigern das wichtigste Album, revitalisieren mal so ganz nebenbei den Prog und bereiten der Rockmusik den Weg ins neue Jahrtausend.

Und dennoch ist das 1997 nur der Anfang: 2000 werden Radiohead mit Kid A vollkommen den Verstand verlieren. Im streng positiven Sinne, versteht sich.

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10 Songs, die die Rockmusik verändert haben – Teil 3

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