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Popkultur

Die 10 besten Protestsongs der Musikgeschichte

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Von kompromisslosen Berichten über Rassenhass und knallharten Tiraden gegen Ungerechtigkeit bis hin zu Forderungen nach Gleichberechtigung und sogar Stadionhymnen mit unterschwelliger Botschaft – die besten Protestsongs beschäftigen sich nicht nur mit den Fragen ihrer Zeit, sondern überdauern Generationen und werden zu zeitlosen politischen Statements. Heutzutage ist Hip-Hop wohl das politisch engagierteste Genre, aber in der Vergangenheit kamen die besten Protestsongs auch aus dem Jazz, Folk, Funk und Rock.

Viele hätten einen Platz auf dieser Liste verdient, aber hier sind zehn der besten Protestsongs der Musikgeschichte.

von Jamie Atkins

 

1. Billie Holiday: Strange Fruit (1939)

Strange Fruit ist ein Gedicht von Abel Meeropol – einem weißen, jüdischen Lehrer und Mitglied der Kommunistischen Partei. Es wurde 1937 veröffentlicht und legte den brutalen Rassismus offen, der in Amerika zu dieser Zeit grassierte. Im Grunde war es eine nüchterne, aber sehr kraftvolle Beschreibung eines Fotos, das Meeropol gesehen hatte und auf dem ein Lynchmord zu sehen war. Mit einer krassen Wortwahl stellt er die Idylle der Südstaaten gegen ungeschönte Beschreibungen von schwarzen Leichen, die an Baumästen hängen. Später vertonte er das Gedicht und das Ergebnis schockiert die Hörer auch heute noch.

Als Billie Holiday 1939 anfing, den Song im Club Café Society live zu singen, hatte sie zuerst Angst vor Anfeindungen und Repressalien. Aber Strange Fruit verschlug dem Publikum regelmäßig die Sprache, und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Sie durfte den Song immer erst am Ende ihres Sets spielen, wenn die Bar geschlossen wurde und der Raum schon abgedunkelt war. Holiday war sich der Wirkung des Songs bewusst und wollte ihn unbedingt aufnehmen. Sie sprach mit ihrem Label Columbia, aber dort hatte man Angst vor den Auswirkungen und gab ihr stattdesen die Erlaubnis, den Song für ein anderes Label aufzunehmen. Commodore stellte sich der Aufgabe und veröffentlichte Holidays Version. Sie verkauften eine Million Exemplare und rückten damit die unfassbare Grausamkeit und das Leid, das der Rassenhass verursachte, ins öffentliche Bewusstsein. Egal, wie oft man es hört, Strange Fruit klingt immer noch wie eine Warnung aus einer Vergangenheit, die noch gar nicht so weit zurückliegt.

2. Woody Guthrie: This Land Is Your land (1944)

Wer hätte gedacht, dass sein Song, der so tief in der amerikanischen Seele verwurzelt ist wie Woody Guthries ‘This Land Is Your Land’, ursprünglich lediglich als Antwort auf einen anderen Song gemeint war. Guthrie war zunehmend genervt von der Selbstgefälligkeit, wie er es empfand, von Irving Berlins Song ‘God Bless America’, dem man sich Ende der 1930er Jahre kaum entziehen konnte, weil Kate Smiths Version ständig im Radio lief. Also verfasste er eine Antwort, die die Schönheit der Natur der Vereinigten Staaten feierte und gleichzeitig das Konzept von privatem Grundbesitz in Frage stellte und die Armut und Ungleichheit in Amerika anprangerte. Die Melodie basierte auf dem Carter Family-Song ‘When The World’s On Fire’, der seinerseits auf das baptistische Loblied ‘Oh, My Loving Brother’ zurückging. Guthrie nannte den Song ‘God Blessed America’ und ursprünglich endeten die Strophen nicht mit “This land was made for you and me”, sondern mit “God blessed America for me”.

1944 nahm Guthrie ein Demo von dem Song auf. Dabei änderte er den Titel und ließ die politisch eindeutigste Strophe weg. Trotzdem entwickelte ‘This Land Is Your Land’ bald eine Eigendynamik und der Song wurde zu einer Art patriotischer Hymne, die am Lagerfeuer, bei Demos und in Schulen gesungen wurde. Wie alle großartigen Protestsongs, bewegt er auch heute noch die Menschen: Die intensive Performance von Pete Seeger und Bruce Springsteen bei Präsident Barack Obamas Amtseinführung im Jahr 2009 ist ein beeindruckender Beweis für seine immer noch andauernde Strahlkraft.

3. Bob Dylan: Masters Of War (1963)

Viele von Dylans frühen Abstechern ins politische Songwriting ließen Raum für Interpretationen. Aber auf Masters Of War redet der damals 21-Jährige nicht lange um den heißen Brei herum. Anlässlich der Veröffentlichung des dazugehörigen Albums The Freewheelin’ Bob Dylan sagte er zu Nat Hentoff von Village Voice: “Ich habe bisher noch nie etwas derartiges geschrieben… Ich singe normalerweise keine Lieder in denen ich Leuten den Tod wünsche, aber diesmal ist es eben so passiert. Dieser Song ist ein Verzweiflungsschlag, ein Greifen nach dem letzten Strohhalm, ein Gefühl der Hilflosigkeit.”

Es ist ein wütender Song. Es war des Gefühl der Machtlosigkeit angesichts der politischen Entwicklungen und der Tendenz der USA, sich aus fadenscheinigen Gründen in die internationale Politik – wie Kuba, Vietnam, Irak – einzumischen, das Dylan zu schaffen machte. 2001 erklärte er in einem Interview mit USA Today, dass es ein “pazifistischer Song gegen den Krieg” war und fügte hinzu: “Es ist kein Antikriegssong. Er richtete sich gegen das, was Eisenhower am Ende seiner Präsidentschaft als militärisch-industriellen Komplex bezeichnete. Diese Stimmung lag in der Luft und ich setzte mich damit auseinander.”

Das tat er. Dylan hatte die Fähigkeit, seinen Finger auf den Puls der Zeit zu legen und schrieb einige der besten Protestsongs der frühen 60er-Jahre. Und trotz des bitterbösen Zorns wurde Masters Of War von zahlreichen Künstlern gecovert – von den Staple Singers bis Cher. Und seine Wirkung lässt immer noch nicht nach. Sogar Ed Sheeran coverte den Song 2013 für die ONE Campaign gegen die weltweite Armut.

4. James Brown: Say It Loud – I’m Black And I’m Proud (1968)

Bis 1968 hatte James Brown Black Music schon mehrmals maßgeblich beeinflusst, aber mit seinem in dem Jahr erschienenen Say It Loud – I’m Black And I’m Proud äußerte er sich zum ersten Mal zur Bürgerrechtsbewegung. Und wie immer sprengte er dabei alles bisher Dagewesene: Bis dahin war der Tonfall der Bürgerrechtsbewegung eher als eine Bitte um Gleichberechtigung zu beschreiben. Browns Song allerdings war voller Trotz und Stolz. Er bittet nicht höflich darum, akzeptiert zu werden, sondern fühlt sich vollkommen wohl in seiner Haut.

Der Song ging auf Platz 10 der Billboard-Charts und diente als Blaupause für das Funk-Genre. Ähnlich wie Stevie Wonder-Klassiker in den 70ern war Say It Loud – I’m Black And I’m Proud ein politischer Song, der auch auf den Tanzflächen einschlug. Ein Knaller, der kein bisschen schüchtern war und viele Generationen beeinflusst hat.

5. Crosby, Stills, Nash & Young: Ohio (1970)

Ein altes Sprichwort sagt, das sein Bild mehr sagt als tausend Worte. Das Foto des Studenten John Filo, welches später auch im Magazin Life gedruckt wurde, hat außerdem einen der besten Protestsongs alle Zeiten inspiriert. Das Foto entstand direkt nachdem ein Ohio National Guard auf eine Gruppe von Studenten geschossen hatte, die am 4. Mai 1970 an der Kent State University gegen den Vietnamkrieg protestieren. Es zeigt die Demonstrantin Mary Vecchio, die schockiert und mit offenem Mund über der Leiche des Studenten Jeff Miller kniet und realisiert, was gerade passiert ist.

Als Neil Young das Foto sah, war er erschüttert. David Crosby gab ihm eine Gitarre und Young legte all seine Wut in diesen Song. Mit Ohio zog er eine Linie in den Sand, mit der er ‘uns’ und ‘sie’ trennte. Mit Textpassagen wie “Soldiers are cutting us down/Should have been done long ago” reflektierte er die protestfeindliche Stimmung in Teilen der amerikanischen Öffentlichkeit. In der Aufnahme von Crosby, Stills, Nash & Young wirkte der Song noch stärker: Er ist impulsiv und brodelt bis zu seinem Höhepunkt, als Crosby entsetzt und wütend schreit: “Why?” Nur die allerbesten Protestsongs durchbrechen ihr ursprüngliches Thema und lassen sich auf alle möglichen Szenarien übertragen. Ohio ist ein solcher Song.

6. Robert Wyatt: Shipbuilding (1982)

Als der Produzent Clive Langer Elvis Costello eine jazz-lastige Klaviermelodie vorspielte, zu der er keinen passenden Text fand, hatte der Falkland-Konflikt zwischen Großbritannien und Argentinien 1982 gerade erst begonnen. Costellos Text, aus dem später der Song Shipbuilding entstand, beschäftigt sich mit den möglichen Auswirkungen des Konflikts auf die traditionell vom Schiffbau geprägten Gegenden im Vereinigten Königreich. Er sinniert darüber nach, ob eine Kehrtwende im Abstieg der Schiffsindustrie gegen die potentiellen Verluste im Krieg aufgewogen werden könnte (“Is it worth it?/A new winter coat and shoes for the wife/And a bicycle on the boy’s birthday”) und er blickt mit großer Sensibilität auf die Entscheidungen, die Menschen treffen, wenn ihnen die Hände gebunden sind (“It’s all we’re skilled in/We will be shipbuilding”).

Der Song wurde quasi schon für Robert Wyatt geschrieben und er singt ihn perfekt. Sein nachdenklicher Gesang passt perfekt zu dem zwiespältigen Text. Später gab Wyatt zu bedenken, dass der Song als “die Glorifizierung der Arbeiterklasse als ‘unsere Jungs’” gelesen werden könnte, “wie sie die Konservativen gerne einsetzten, wenn sie sie in eine Uniform stecken wollten”.

7. The Specials: Free Nelson Mandela (1984)

Mit Free Nelson Mandela bewies Jerry Dammers (Gründer der englischen Ska-Band The Specials), dass politische Songs gleichzeitig tanzbar sein und zum Nachdenken anregen konnten. Free Nelson Mandela klang fröhlich und positiv und die Leute tanzten … zu einer inoffiziellen Hymne der internationalen Anti-Apartheid-Bewegung. Dass ein Song mit so einer klaren und kompromisslosen politischen Aussage ein Hit werden kann, erwartet man nicht unbedingt. Aber in Großbritannien erreichte Free Nelson Mandela Platz 6 der Charts und auch in anderen Ländern, einschließlich Südafrika, war er sehr erfolgreich.

Als Free Nelson Mandela erschien, war Mandela schon 20 Jahre wegen Sabotage und Umsturzversuchen in Haft, aber der Song wurde einer der besten Protestsongs der 80er, machte den Namen Nelson Mandela bekannter und erreichte Menschen, die sich vielleicht nicht wahnsinnig für die Weltpolitik interessierten und deshalb nicht mit seiner Geschichte vertraut waren. Der Song ermutigte sie dazu, sich mit der Situation zu beschäftigen und mehr zu erfahren. Am Tag von Mandelas Freilassung im Jahr 1990 war der Song überall zu hören – eine freudige Ode an die Freiheit.

8. Bruce Springsteen: Born In The USA

Das Album Born In The USA machte Bruce Springsteen in seiner Heimat zu einem absoluten Superstar, aber vielen entgingen die gar nicht besonders subtilen Untertöne in seinem triumphal-klingenden Titeltrack. Die Originalversion des Songs, die Springsteen während der Sessions zu dem 1982 erschienenen Album Nebraska aufnahm, ist eine verirrte und rasselnde solo Rockabilly-Version, die viel besser zum Tonfall des Textes passt. Es ist die Geschichte eines Kriegsveterans aus Vietnam, der Schweirigkeiten hat, in ein bürgerliches Leben zurückzufinden und sich von der Regierung alleingelassen fühlt.

Andererseits ist die Version, zu der so viele, die nicht richtig hingehört haben, ihre Fäuste in den Himmel recken, die vielleicht effektivere, denn so erreichte die subversive Botschaft ein Publikum, das ihm in seiner ursprünglichen Form wohl keine Aufmerksamkeit geschenkt hätte.

9. Public Enemy: Fight The Power (1989)

Nach der Veröffentlichung ihres bahnbrechenden Albums It Takes A Nation Of Millions To Hold Us Back im Jahr 1988 waren die Hip-Hop Vorreiter Public Enemy die heißeste Band auf dem Planeten – geradeaus, musikalisch spannend und mit einem Finger am Puls der aktuellen Entwicklungen im schwarzen Teil Amerikas. Regisseur Spike Lee war in einer ähnlichen Position, als er She’s Gotta Have It und School Daze geschrieben und gedreht hatte. Beide Filme richteten sich direkt an ein schwarzes Publikum und machten auch keinen Hehl daraus.

Als Lee am Drehbuch zu seinem mit Spannung erwarteten Film Do The Right Thing arbeitete, wusste er schon, dass Public Enemy auf dem Soundtrack sein mussten. Der Film beschäftigte sich mit den Spannungen zwischen den ethnischen Gruppen in den Straßen New Yorks und Hank Shocklee vom Produktionsteam der Band, The Bomb Squad, sagte: “Ursprünglich wollte Spike, dass wir eine Hip-Hop Version des religiösen Songs Lift Every Voice And Sing aufnahmen. Da bat ich ihn, das Fenster aufzumachen und seinen Kopf rauszustrecken. ‘Was hörst du, Mann? Wenn da ein Auto mit offenen Fenstern an dir vorbeifährt, hörst du garantiert nicht jedesmal “Lift Every Voice And Sing”’. Wir mussten etwas machen, was die Straße widerspiegelte.”

Und das taten sie. Fight The Power ist eine explosive Collage aus Funk, Lärm und aggressiven Beats – das perfekte Fundament für den unverwechselbaren Text von Frontmann Chuck D & Co. Mit Zeilen wie “’Cause I’m black and I’m proud/I’m ready and hyped plus I’m amped/Most of my heroes don’t appear on no stamps”. Chuck selbst sagte, dass dies ihr wichtigster Song war, da er die sozialen und psychologischen Kämpfe zeigte, die die schwarzen Jugendlichen in Amerika jeden Tag auszutragen hatten.

10. Kendrick Lamar: Alright (2015)

In den Wochen vor Erscheinen von Kendrick Lamars Meilenstein To Pimp A Butterfly im März 2015 wurden die Vereinigten Staaten von zahlreichen Unruhen erschüttert. Im November 2014 hatte die Entscheidung, den Polizisten, der Michael Brown erschossen hatte, nicht anzuklagen, im ganzen Land zu Protesten geführt. Im selben Monat wurde der 12-jährige Tamir Rice auf offener Straße von der Polizei erschossen, weil er eine Spielzeugpistole in der Hand hielt. Die Black Lives Matter-Bewegung wurde jeden Tag stärker und als To Pimp… veröffentlicht wurde, machten die Demonstranten den Song Alright und seinem Ruf nach Hoffnung durch Solidarität und Widerstand, zu ihrer Hymne.

Auch unabhängig davon wurde Alright schnell zu einer Hymne und ist einer der besten Protestsongs seiner Zeit. Außerdem ist es ein beeindruckender Beleg für die Bedeutung der sozialen Medien für die Verbreitung einer Botschaft, denn Videos von Demonstranten, die fröhlich Kendricks Refrain “We gon’ be alright” sangen, verbreitete sich in null Komma nichts um den Globus. Damit unterstrich er einmal mehr, welchen Einfluss die Musik immer noch auf die Politik haben kann.

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Popkultur

„Screaming Life“: Als Soundgarden mit ihrer ersten EP den Turbomodus einlegten

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Soundgarden
Foto: Alison S. Braun/CORBIS/Corbis via Getty Images

1987 brodelt der Grunge-Kessel in Seattle bereits gewaltig. Nirvana finden gerade zusammen, genau wie Alice In Chains. Doch eine Gruppe ist ihren Mitstreitern schon einen Schritt voraus. Am 1. Oktober 1987 bringen Soundgarden ihre erste EP Screaming Life raus. Vom Mainstream halten sie sich aber lieber noch ein bisschen fern.

von Timon Menge

Hier könnt ihr euch die beiden Soundgarden-EPs Screaming Life und Fopp anhören:

Genau genommen beginnt die Geschichte von Soundgarden bereits 1984. Zu jener Zeit bewegen sich Bassist Hiro Yamamoto und der trommelnde Sänger Chris Cornell unter dem Namen Shemps durch die Musikszene von Seattle. Als Yamamoto aussteigt, kommt Kim Thayil an Bord. Mit ihrem alten Bassisten bleibt die Gruppe trotzdem in Kontakt, was sich später auszahlen soll. Als die Geschichte von Shemps endet, treffen sich Yamamoto und Cornell nämlich wieder zum Jammen. Thayil stößt auch dazu und mit diesem Line-up gründen die drei Musiker eine Band, deren Namen wir alle kennen: Soundgarden.

Die ersten Schritte

Den Bandnamen entleiht das Trio einer Klangskulptur namens A Sound Garden, die auf dem Campus der National Oceanic And Atmospheric Administration in Seattle zu finden ist. Damit sich Cornell voll auf den Gesang konzentrieren kann, holen die Musiker Schlagzeuger Scott Sundquist an Bord. Ab da touren Soundgarden umher und erspielen sich in ihrer Umgebung einen Ruf als hervorragende Live-Band. 1986 nehmen sie für den Sampler Deep Six drei Songs auf: Heretic, Tears To Forget und All Your Lies. Stück Nummer zwei soll für die Gruppe später noch einmal eine Rolle spielen.

Auf der Zusammenstellung befinden sich Soundgarden in bester Gesellschaft. So sind auch Malfunkshun und Melvins auf dem Sampler zu finden. Weil es mit Soundgarden langsam bergauf geht, übernimmt Cornells zukünftige Frau Susan Silver das Management der Gruppe. Sundquist wird der Zeitaufwand zu groß und er möchte wieder mehr bei seiner Familie sein, weshalb er 1986 aussteigt. Auf seinen Hocker setzen Soundgarden den Trommler, der das klassische Line-up der Band vervollständigen soll: Matt Cameron. Wenig später startet die Truppe erst so richtig durch.

Screaming Life: Der Weg zur ersten Soundgarden-EP

Als Soundgarden wieder einmal live spielen, steht auch Radio-DJ Jonathan Poneman im Publikum. Er fasst einen Entschluss: Nicht nur, dass er der Band ihre erste Veröffentlichung sponsern möchte. Nein, er steckt gleich 20.000 US-Dollar in das Label Sub Pop. Betrieben wird die Plattenschmiede von Bruce Pavitt, einem Kumpel von Soundgarden. 1987 erscheint die erste Single Hunted Down; auf der B-Seite gibt es das Stück Nothing To Say zu hören. Außerdem erscheinen beide Nummern auf einer weiteren Compilation.

Der Radiosender KCMU, bei dem Poneman als DJ arbeitet, veröffentlicht zu jener Zeit einen Sampler namens Bands That Will Make Money und verschickt ihn an zahlreiche Plattenfirmen. Die wiederum zeigen brennendes Interesse an Soundgarden. Auf Gegenseitigkeit beruht das nicht: Obwohl die Band jede Menge Angebote bekommt, bleibt sie zunächst ihrem Label Sup Pop treu — und genau dort erscheint am 1. Oktober 1987 Screaming Life, die erste EP der Band. Darauf enthalten: das vorhin bereits erwähnte Stück Tears To Forget, die beiden Songs von der ersten Single sowie drei neue Stücke.

Ein Prediger vom Flohmarkt-Tonband

Eine nette Anekdote verbirgt sich hinter dem letzten Song Hand Of God: Kurz bevor die Aufnahmen für die EP beginnen, findet Produzent Jack Endino auf einem Flohmarkt einige Tonbänder. Darauf zu hören ist ein christlicher Prediger der frühen Fünfziger Jahre. Als Frontmann Chris Cornell das mitbekommt, hat er den Geistesblitz, den Mitschnitt in den Song Hand Of God einzubauen. Wie der Prediger auf der Tonaufnahme heißt, finden Soundgarden und Endino allerdings nicht mehr heraus, weil die Etiketten zu unleserlich sind.

Spätestens nach der Veröffentlichung ihrer ersten EP Screaming Life öffnen sich für Soundgarden alle Türen. Die Labels stehen Schlange, die Fans sowieso. „Jeder hat die EP geliebt“, verrät Frontmann Cornell 1989 in einem Interview. Doch obwohl sie alle Möglichkeiten der Welt haben, unterschreiben Soundgarden einen Plattenvertrag mit dem relativ kleinen Label SST Records. Dort veröffentlichen sie am 31. Oktober 1988 ihr erstes Album Ultramega OK. Das verläuft nicht unbedingt reibungslos, doch das ist wie so oft eine andere Geschichte.

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Mitglieder von Nirvana, Pearl Jam und Soundgarden formen neue Band!

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Popkultur

Zeitsprung: Am 1.10.1984 erweisen sich die Ramones als „Too Tough To Die“.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 1.10.1984.


von Peter Hesse und Christof Leim

Nach sieben Alben haben die Ramones sich ein bisschen verirrt, deshalb wollen sie mit Too Tough To Die zurück zum Sound der Anfangstage. Der Titel kommt dabei nicht von ungefähr, denn im Vorjahr wäre Johnny beinahe totgeschlagen worden. Am 1. Oktober 1984 erscheint die Platte.

Hier könnt ihr das Album anhören:

Keine Frage, die ersten Alben der Ramones sind legendär, stilprägend und großartig. Aber mit dem Beginn der Achtziger liegen die Nachfolger wie Blei in den Regalen. End Of The Century (1980) und Pleasant Dreams (1981) können weder künstlerisch noch  kommerziell überzeugen. Dabei hatte die Plattenfirma Sire wegen stagnierender Verkaufszahlen, mangelnder Präsenz im Radio und ausbleibender Chartsnotierungen sogar große Namen als Produzenten engagiert, etwa Motown-Legende Phil Spector. Doch damit schoß sich die Band ins eigene Bein: Die Ramones klangen nicht mehr wie sie klingen sollen. Zu glatt, zu poppig, zu verschnörkelt (zumindest, wenn Ramones-Maßstäbe anlegt). Nach Subterranean Jungle (1983) überwirft sich die Gang noch mit ihrem Drummer Marky, weil dessen Sauferei aus dem Ruder läuft. So kann es nicht weiter gehen. Gabba, Gabba, „Hey, was sollen wir jetzt machen?“

Einfacher ist besser

Mit Too Tough To Die wollen die New Yorker sich wieder stärker an ihren Vorbildern orientieren, also an The Who, den Kinks, den Beach Boys, Stooges, MC5 und dem amerikanischen Rock’n’Roll der Fünfziger. Das heißt: Einfache Harmonien und Strukturen sowie das völlige Fehlen von Soli, Intros oder Übergängen. Außerdem darf es darf ruhig wieder schneller und härter klingt. Zum Glück übernimmt das ausgeschiedene Gründungsmitglied Tommy Ramone erneut die Produktion, die er anpackt wie auf dem Debüt von 1976. Im Songwriting orientieren sich die Musiker ebenfalls an ihren Wurzeln.

 

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Die Aufnahmen für die neue Platte gehen trotzdem nicht leicht von der Hand, weil das Quartett in Wirklichkeit wie eine Freakshow agiert. Joey Ramone ist nach wie vor ein hippiehafter und unpünktlicher Träumer mit Zwangsstörungen. (Wenn er etwa in einem Hotel vor einem Aufzug steht, kann er den Etagenknopf nicht drücken – und wartet so lange, bis jemand kommt und das für ihn übernimmt.) Zwar fungiert Dee Dee in Sachen Songwriting weiter als das Kreativgenie, doch um seine Geister zu wecken, liegen nicht selten eimerweise Drogen auf dem Tisch. Und der neue Drummer Richie Ramone ist zwar am Schlagzeug eine saubere Taktmaschine, wird aber im Bandgefüge nicht gleichwertig behandelt. Stattdessen gibt man ihm stets zu verstehen, nur ein kleiner Angestellter im Ramones-Universum zu sein. Über allem schwebt Gitarrist Johnny Ramone, der mit militärischer Strenge, erzkonservativem Weltbild und vielen Kontrollmechanismen dafür sorgt, dass die Band nicht aus dem Ruder läuft. Einfach passiert bei diesem Quartett gar nichts, und so soll die neue Platte entstehen.

Fast verhängnisvolle Schlägerei

Leider steckt auch hinter dem Albumtitel Too Tough To Die eine wahre, leider unschöne Geschichte: In den frühen Morgenstunden des 15. August 1983, gerät Johnny in eine gewalttätige Auseinandersetzung vor seiner Wohnung im New Yorker East Village mit einem anderen Musiker, der mit Johnnys Freundin unterwegs ist. Anscheinend herrscht Uneinigkeit, wie offen die Beziehung zwischen der Dame und dem Gitarristen sein soll. Nach Zeitungsberichten startet Ramone (der eigentlich John Cummings heißt) deshalb einen Kampf – und erleidet einen lebensgefährlichen Schädelbruch. Es folgen eine Notoperation und eine mehrmonatige Pause.

Das Album erscheint schließlich am 1. Oktober 1984 mit einem markanten Cover, das die Silhouetten der Musiker in blauem Nebel zeigt. Wie der Fotograf George DuBose später berichtet, war das so gar nicht geplant: Schlussendlich erwies sich eine Fehlfunktion seiner Kamera als Glücksfall.

Ziel nicht erreicht

Zu den bekanntesten Liedern der Scheibe gehören Mama’s Boy, Too Tough To Die und Wart Hog, mit Durango 95 gibt es das einzige Ramones-Instrumental, und bei zwei Nummern singt Dee Dee. Amüsant fällt auch das Intro von Danger Zone aus, denn dabei fragt einer der Rocker: „Welchen Song spielen denn?“ 

Insgesamt klingt die Scheibe wieder roher und ursprünglicher. Doch trotz dieser Bemühungen wird sie nicht der große Wurf. Da helfen die schöne Melodie und der knackige Refrain der von Eurythmics-Kopf Dave Stewart produzierten Singleauskopplung Howling at the Moon (Sha-La-La) auch nicht. (Die Keyboards dazu spielt übrigens Benmont Tench von Tom Petty & The Heartbreakers.) Viele Kritiker und Fans vermissen in den Texten vor allem den typisch augenzwinkernden Ramones-Humor, der auf ihren frühen Alben so wichtig und witzig war. Die politisch und gesellschaftskritisch gefärbten Zeilen wie in Danger Zone oder Planet Earth wirken zu unbeholfen, bemüht und wenig glaubhaft. Es soll noch ein paar Jahre dauern, bis die Perlen dieses Albums, zum Beispiel I’m Not Afraid of Life oder Durango 95, für die Ewigkeitslisten entdeckt werden.

Zeitsprung: Am 6.8.1996 spielen die Ramones ihre letzte Show

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Zeitsprung: Am 30.9.1984 starten Kiss ihre problematische „Animalize“-Tour.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 30.9.1984."

von Christof Leim

Mit ihrem neuen Album Animalize können Kiss 1984 endlich wieder die Massen begeistern, nachhaltige Ruhe kommt allerdings weiterhin nicht ins Boot. Am 30. September 1984 startet die Welttour, doch der neue Gitarrist Mark St. John hat geschwollene Finger…

Hier könnt ihr Animalize anhören:

Mit Heaven’s On Fire landen Kiss 1984 einen mittelgroßen Hit. Endlich mal wieder. Die Single vom zwölften Kiss-Album Animalize erfreut sich großzügiger Einsätze im Rockradio und verschafft der Band nach vergleichsweise mageren Jahren wieder eine Platinauszeichnung. (Mehr zu dieser Phase der „Kisstory“ könnt ihr hier und hier nachlesen.) Jetzt steht die obligatorische Welttour an.

Auf der Platte hatte Mark St. John gespielt, der zweite neue Leadgitarrist in drei Jahren. Unproblematisch lief das nicht, weil St. John sich eines vor allem auf Geschwindigkeit und Virtuosität basierenden Stils befleißigt, der nicht so ganz zum basischen Hard Rock der Band passt. (Das zumindest erzählt Frontmann Paul Stanley in seiner Autobiografie Face The Music. Man darf aber annehmen, dass Kiss schon wussten, wenn sie da engagieren. In den Achtzigern ging es eben inspiriert von „König Edward“ Van Halen oft um instrumentale Pyrotechnik.) Aber immerhin: Kiss sind offiziell wieder vollzählig, die Platte läuft, und der ohne Zweifel musikalisch kompetente Mark Norton (wie St. John eigentlich heißt) spielt im Videoclip zu Heaven’s On Fire mit. Dann könnte es ja eigentlich ohne Drama und personelle Verwirrung vorwärts gehen, oder? Nicht ganz.

Tragische Probleme mit den Fingern

Als die Tour am 30. September 1984 im britischen Brighton startet, muss St. John/Norton aussetzen, denn er leidet mittlerweile unter reaktiver Arthritis (auch: Reiter-Krankheit), die seine Arme und vor allem Finger anschwellen lässt. Aus der personellen Konstanz wird also nichts. Für ihn übernimmt erstmal der New Yorker Bruce Kulick, der vorher unter anderem mit der Bat Out Of Hell-Tour von Meat Loaf unterwegs gewesen war. Die Kiss-Chefs kennen ihn über seinen Bruder Bob Kulick, der bereits 1973 mal vorgespielt und später heimlich im Studio ausgeholfen hatte. Bruce übernimmt sogar ebenfalls und auch inkognito ein paar Soloparts auf Animalize. Dabei erhält er schon den kryptischen Hinweis, sich erstmal nicht die Haare abzuschneiden…


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Der europäische Teil der Animalize World Tour dauert bis 5. November 1984 und beinhaltet auch sechs Shows in Deutschland (München, Offenbach, Nürnberg, Hannover, Düsseldorf, Ludwigshafen). Weil Kiss in den vergangenen Jahren kleinere Brötchen gebacken hatten und keiner mit dem Erfolg des Albums gerechnet hat, werden für die Termine die Bühnenaufbauten der Unmasked-Tour von 1980 (das war die mit Iron Maiden) einfach umdekoriert: Leopardenflecken und Tigerstreifen auf die Verstärker, fertig ist die visuelle Umsetzung des Animalize-Covers. Als Vorgruppe in Europa rockt übrigens eine Nachwuchsband aus New Jersey namens Bon Jovi mit, die sich nach eigenen Aussagen sehr genau anschaut, was die Veteranen so machen. Bei der ersten Show am 30. September stehen gleich fünf neue Songs auf der Kiss-Setlist, danach werden Burn Bitch Burn und Get All You Can Take nie mehr live gespielt. Ab 15. November geht es weiter für fünfeinhalb Monate quer durch Nordamerika, diesmal mit einem neuen und üppigeren Bühnenset. Als Supports fungieren Queensrÿche, W.A.S.P., Krokus und Dokken. 

Werbeanzeige für die US-Tour 1984: Dass hier noch das Line-up von 1983 abgebildet ist, zeigt die allgemeine Verwirrung zur Mannschaftsaufstellung von Kiss damals.

Kurzes Gastspiel, trauriges Ende

Eigentlich hat Mark St. John mit dem Job als Kiss-Leadgitarrist ja das große Los gezogen. Doch der unglückliche Flitzefinger spielt schlussendlich nur zweieinhalb Konzerte mit: Am 27. November steht er in Baltimore, Maryland für ein paar Songs auf Bühne, an den folgenden beiden Tagen für das ganze Set, danach muss Kulick wieder übernehmen. Weil es St. John gesundheitlich nicht besser geht, wird Bruce Kulick am 8. Dezember 1984 offiziell als neuer Sologitarrist verkündet. Seinem kurzzeitigen Vorgänger ergeht es in den Folgejahren nicht gut: Musikalische Projekte unter anderem mit Ex-Kiss-Trommler Peter Criss zünden nicht, Geschichten über Drogenprobleme machen die Runde, 2006 kommt St. John/Norton sogar zeitweilig ins Gefängnis, wo er in einer gewalttätigen Auseinandersetzung schwer verletzt wird. Wenige Monate später, am 5. April 2007, stirbt er mit 51 Jahren, auch an den Folgen der Attacke. Traurig.

Endlich mal Ruhe im Personalbüro: Ab Ende 1984 gehört Bruce Kulick (2.v.r.) offiziell zu Kiss und bleibt auch für zwölf Jahre.

Für Kiss geht die Show weiter, die Tour erweist sich als die erfolgreichste seit Jahren. Am 8. Dezember schneiden sie das Konzert in Detroit (Rock City) mit und veröffentlichen es als Animalize Live Uncensored. In dem Video regieren die Achtziger mit schreiend bunten Klamotten, anzüglichem Ansagen, Soloeinlagen aller Mitglieder und einem ziemlich flotten, quasi metallischen Tempo bei allen Songs.

Generell geht es jetzt aufwärts: Mit dem Lineup Paul Stanley, Gene Simmons, Eric Carr und Bruce Kulick kommt für ein paar Jahr endlich mal Stabilität ins Bandgefüge, und auch das nächste Album Asylum (1985) bekommt ein schickes Platinmäntelchen. Aber einfach bleiben die Achtziger für unsere Helden nicht. Mehr dazu erzählen wir ein andermal.

Warum Kiss das Make-up wieder anlegen mussten

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