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Popkultur

Legenden der Langstrecke: Die besten Doppelalben aller Zeiten

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Die großen Geschichtenerzähler der Rockmusik wurden oftmals von strikten 45-Minuten-Regiment der LP regiert. Dann kam Bob Dylans Blonde On Blonde – und die Tore ins wundersame Reich des Doppelalbums waren aufgestoßen. Doppelt hält eben doch besser – das scheint besonders für das Jahr 1979 zu gelten.

von Björn Springorum

1. Bob Dylan – Blonde On Blonde (1966)

Die Ursuppe aller Doppelalben: Als Bob Dylan 1966 Blonde On Blonde veröffentlicht, läutet er unbewusst eine neue Ära ein. In einer Zeit, in der das Album als Kunstform durch Bands wie die Beatles gerade erst Fuß fasst, sprengt Dylan in einer beispiellos kreativen Ära seines Schaffens diese Dimensionen mit der bis dato längsten Veröffentlichung eines Pop-Musikers: 14 Songs in 72 Minuten, Sad-Eyed Lady Of The Lowlands gar als einziger Song der Seite vier, das ist der grandiose, irrwitzige, größenwahnsinnige Abschluss seiner Folk-Rock-Trilogie aus Bringing It All Back Home, Highway 61 Revisited und Blonde On Blonde. Aufgenommen mit stellaren Nashville-Musikern, war Dylan nach Meinung vieler nie besser. Und definitiv nie einflussreicher für seine Kolleg*innen.

 2. The Beatles – The Beatles (1968)

Welches ist das beste Album der Beatles? Sgt. Pepper? Rubber Soul? Revolver? Jede Antwort ist richtig. Auf die Frage, welches das genialste Beatles-Album ist, kann es allerdings nur eine Antwort geben: Dieses hier, das weiße. Auf den ersten Blick eine chaotische, ohne Kontrolle mäandernde Kollektion trippiger Songs, Jams und Improvisationen, entspinnt sich mit viel Zeit ein endlos geflochtenes Band faszinierender, ineinander fließender Stücke, ein postmodernes Kunstwerk, seiner Zeit um Jahrzehnte voraus. Einfach ist das nicht, im Gegenteil. Unzugänglicher klangen die Beatles nie. Hier hören wir einer Band dabei zu, wie sie langsam auseinanderfällt.

3The Rolling Stones – Exile On Main St. (1972)

Irgendwie schaffen es die Stones auf ihrem unvergleichlichen Epos Exile On Main St., all ihre Vorzüge in bestem Licht zu zeigen. Der verkommene, schmutzige Bar-Sound, der stampfende Blues, der Sex, der Gospel und die Obsession, eingefangen von einem entfesselten Keith Richards, der auf diesem schroffen Doppelalbum unsterbliche Riffs im Minutentakt schnitzt. Selten klang die Band so enthemmt, so unter Strom, so fokussiert wie hier. Das kann selbst die etwas schlammige Produktion nicht kaputt machen.

 4. The Who – Quadrophenia (1973)

Doppelalbum von The Who, da würde man beim Kreuzworträtsel wahrscheinlich zuallererst an Tommy denken. Dabei ist es The Whos zweite Rockoper, die durch ihre Reihe, Gelassenheit und das unfassbare Songwriting von Pete Townshend im Vordergrund stehen müsste. Die nonchalant poetische Geschichte des Mods Jimmy, seine Probleme mit Arbeit, Mädchen, Drogen und verfeindeten Rockern, hat Dreck unter den Fingernägeln und bildet das Rückgrat eines Doppelalbums, das mit Songs wie Sea And Sand oder dem ungekrönten Epos aller The-Who-Songs, Doctor Jimmy bis heute nichts von seiner Kraft verloren hat. Das Album besitzt eine solche Anziehungskraft, es müssten eigentlich Planeten drumherum kreisen.

5.Genesis – The Lamb Lies Down On Broadway (1974)

Zu ihrer ganzen imposanten Größe schwangen sich Genesis in den Siebzigern immer dann auf, wenn ihnen die perfekte Verschmelzung von Pop, Prog und barocker Opulenz gelang. Im Grunde also genau so wie auf The Lamb Lies Down On Broadway. Das Doppelalbum vereint alle Insignien der Band, bringt Peter Gabriels fantastische Texte mit zwölfsaitigen Gitarren, 7/8-Takten und Mellotron zusammen. Kunstfertig und anspruchsvoll, klar, aber dabei mindestens so eingängig wie die Genesis mit Phil Collins am Mikrofon. Das Konzeptalbum über einen New Yorker Graffiti-Künstler, der in eine andere Ebene der Realität gesaugt wird und dort allerlei Bekanntschaft mit Wesen wie aus einem bizarren Terry-Gilliam-Film macht, ist Peter Gabriels letzter Einsatz für Genesis. Und ein unersetzlicher Meilenstein mit einigen ihrer stärksten Melodien.

6. Led Zeppelin – Physical Graffiti (1975)

Die titanische Größe von Led Zeppelin wird vielleicht am besten ersichtlich, wenn man sich mal anschaut, welche Songs es zunächst nicht auf ihre Alben geschafft haben. The Rover zum Beispiel, ein liegengebliebenes Outtake, in den frühen Siebzigern für nicht gut genug befunden. Unnötig zu erwähnen, dass jede andere Band für einen solchen Song getötet hätte! Auf Physical Graffiti macht das Riff-Fest dann doch noch sein Debüt – gemeinsam mit ein paar anderen vormals ungeliebten Kindern. Der Grund: Die Band hatte zu viel gutes Material für eine LP und entschied sich, das Ganze mit ein wenig Hilfe alter Songs auf Langstrecke zu bringen. Physical Graffiti ist das letzte echte Hard-Rock-Album der Band, ein beeindruckender Klassiker, der mit In My Time Of Dying oder Kashmir zwei der monumentalsten Epen enthält, die der Rock jemals hervorgebracht hat.

7. Stevie Wonder – Songs In The Key Of Life (1976)

Ein Doppelalbum so voller Leben, süffiger Songs, elektrisierender Arrangements und Spielfreude, dass es auch 45 Jahre nach seiner ersten Veröffentlichung nichts von seiner Frische und klanglicher Brillanz verloren hat. Ein Füllhorn aus Funk, Pop und Soul, geadelt mit dem unwiderstehlichen Groove von Sir Duke oder dieser unfassbaren Harfe in If It‘s Magic. Wenn es jemals ein Doppelalbum über alle Seiten des Lebens gab, dann dieses hier.

8. Fleetwood Mac – Tusk (1979)

Ein perfektes Album veröffentlicht zu haben, ist Fluch und Segen zugleich. Der Ruhm, das Geld, der Einfluss, die Bestätigung, sie sind zwar reichlich vorhanden. Aber wie zur Hölle soll man einen ebenbürtigen Nachfolger zu Papier bringen? Fleetwood Mac finden sich 1978 in einer ganz ähnlichen Lage wieder: 1977 veröffentlichen sie mit Rumours ein makelloses, wegweisendes, prägendes Album und müssen jetzt im Studio nachlegen. Also schlagen sie einen gänzlich anderen Weg ein und lassen die Songwriting-Magie von Lindsey Buckingham, Christine McVie und Stevie Nicks völlig frei mäandern. Die Kohärenz von Rumours geht dadurch natürlich flöten. Dafür kommt Fleetwood Macs Entsprechung des weißen Albums der Beatles dabei heraus: Überbordend kreativ, seltsam, nicht immer zu verstehen, aber durchwirkt von einem schwer greifbaren Zauber.

9. The Clash – London Calling (1979)

Manchmal finden sich Bands in einer Phase ungeahnter Kreativität wieder, in denen die großen Songs nur so aus den Köpfen purzeln. In den späten Siebzigern war es auch bei The Clash soweit: London Calling ist ihr Abgesang auf die Siebziger, ihre Grabrede auf ein schwieriges Jahrzehnt, auf dem Joe Strummer den Punk-Begriff so weit dehnt wie es geht. Reggae, Rock, Rockabilly, Pop und gefühlt alles dazwischen, geeint von bockstarken Liedern, von denen der ikonische Titelsong nicht mal der beste ist.

10. Pink Floyd – The Wall (1979)

Vielleicht ist The Wall das beste Doppelalbum aller Zeiten. Es ist zumindest das überlange Werk der Rockgeschichte, das am dichtesten wirkt, am durchdachtesten. Magier Roger Waters schöpft aus den Vollen, was Lyrik, Aufnahme, Experimentierfreude und Bombast angeht, als komponiere er wie besessen an seinem eigenen Requiem. Vollgepackt mit einigen ihrer größten Songs (Hey You, Comfortably Numb), befeuert von antifaschistischen und antiautoritären Slogans und gekreuzt aus verdrogter Psychedelik und zeitlosem Rock-Narrativ: Der für alle Zeit perfekte Mix aus surrealer Erzählung und meisterhaftem Handwerk.

11. The Smashing Pumpkins – Mellon Collie And The Infinite Sadness (1995)

Der Siegeszug der CD machte es dem Doppelalbum als Kunstform schwer. Urplötzlich passten 80 Minuten Musik auf eine Scheibe, die damals schon vier Vinyl-Seiten ausgefüllt hätte. Werke wie Mellon Collie And The Infinite Sadness beweisen aber eindrucksvoll, dass es auch weiterhin Geschichten gibt, für die man einfach etwas weiter ausholen muss. Die Dritte der Smashing Pumpkins bringt es auf über zwei Stunden, ein Emo-Manifest, das unzählige Teenagerkrisen der Neunziger vertont hat und der erste ernsthafte Versuch einer Neunziger-Rockband war, an die großen Doppelalben der Siebziger anzuknüpfen.

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Popkultur

Wednesday und The Cramps: Wie das Addams-Family-Spin-off den Psychobillys zu neuer Berühmtheit verhilft

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The Cramps
Foto: Peter Noble/Getty Images

Erst kürzlich verschaffte die Netflix-Serie Stranger Things dem Kate-Bush-Hit Running Up That Hill einen dicken Popularitätsschub. Nun rückt das Addams-Family-Spin-off Wednesday einen weiteren großen Song der Achtziger in den Fokus: Goo Goo Muck von The Cramps. Auslöser ist ein wunderlicher Tanz — der nun auf TikTok viral geht.

von Timon Menge

Hier könnt ihr euch Psychedelic Jungle von The Cramps anhören:

Mit dem Addams-Family-Spin-off Wednesday hat Netflix zum Jahresende nochmal einen echten Hit gelandet. Mehr als 50 Millionen Haushalte streamten die Serie, was etwa 341 Millionen geguckten Stunden entspricht. Kein Wunder: Die Story ist unterhaltsam, der Cast weiß zu überzeugen und die verlässliche Handschrift von Regie-Legende Tim Burton ist unverkennbar. Doch auch in musikalischer Hinsicht hat Wednesday einiges zu bieten. Ob der Score von Danny Elfman oder Nothing Else Matters und Paint It Black auf dem Cello: Ohne ihre großartige Musik wäre die Serie nur halb so toll. Ganz besonders gilt das für eine Szene, die das Internet inzwischen im Sturm erobert hat und die auf TikTok von Millionen von Menschen nachgeahmt wird: Wednesdays skuriller Tanz zu Goo Goo Muck von The Cramps.

Wednesday und The Cramps: ein Tanz mit Folgen

Die Choreografie stammt von Wednesday-Schauspielerin Jenna Ortega höchstpersönlich, wie sie im Interview mit TV Guide verrät: „Das war interessant, vor allem, weil ich keine Tänzerin bin. Tim [Burton] hat mir komplett vertraut und mir freie Hand gelassen. Es war toll, aber auch beängstigend.“ Inspirieren lässt sich Ortega zum einen von Goth-Ikone Siouxsie Sioux von Siouxsie Sioux And The Banshees. Doch auch bei anderen Gehilfen bedankt sie sich via Twitter:

Lene Lovich prägte als Solokünstlerin die New-Wave-Szene; Denis Lavant ist der Name eines französischen Schauspielers, der für seinen Slapstick-haften, akrobatischen Stil bekannt ist und auch gerne mal skurille Tanzeinlagen in seine Performances einbaut. Doch wer war noch gleich Lisa Loring?

Der Geist der Addams Family tanzt mit

Bei Loring handelt es sich um keine geringere als die Originaldarstellerin von Wednesday aus der Sechziger-Sitcom The Addams Family. Auch sie wird in Ortegas Tanz gewürdigt, wie hier zu sehen ist:

Es handelt sich dabei allerdings nicht um den einzigen Bezug zur Original-Sitcom von früher. Auch Addams-Familienvater Gomez (John Astin) tanzt quasi mit:

Die letzte Referenz („Bob Fosse’s Rich Man’s Frug“) ist eine Szene aus dem Film Sweet Charity (1969) von Regisseur und Choreograph Bob Fosse:

Auf TikTok ist Wednesdays Tanzeinlage längst zu einem viralen Hit mutiert. Millionen von Menschen ahmen die schräge Choreographie in dem sozialen Netzwerk nach, darunter Berühmtheiten wie Kim Kardashian. Bleibt noch eins: der Song im Hintergrund.

The Cramps in Wednesday: ein später Hit

Von 1976 bis 2009 und darüber hinaus standen und stehen The Cramps für eine eigenwillige Mischung aus New Wave, Goth, Psychobilly, Surf Rock und Punk. Ihre größten Erfolge feierte die US-amerikanische Gruppe in den Achtzigern, als Frontmann Lux Interior, Gitarristin Poison Ivy und Schlagzeuger Nick Knox fantastische Alben wie Psychedelic Jungle (1981) und A Date With Elvis (1986) veröffentlichten.

Von ersterem stammt auch der Song Goo Goo Muck, zu dem Wednesday ihren eigenartigen Tanz performt. (Es handelt sich dabei um ein Cover von Ronnie Cook & The Gaylads.) Inhaltlich ist die Nummer mindestens zweideutig: So könnte man den Song als Metapher für Teenager-Liebe verstehen; es könnte allerdings auch um einen Vampir auf nächtlichem Beutezug gehen. Zwischen diesen beiden Stühlen fühlt sich Wednesday offenbar wohl.

Wie so oft zieht der Internet-Hit einen ganzen Rattenschwanz an Reaktionen nach sich. Auf Spotify ist Goo Goo Muck schon seit vielen Tagen der meistgestreamte Song der Cramps. Um mehr als das 50-fache sollen sich die Zugriffszahlen in den USA erhöht haben, wie NME berichtet. Man kann also durchaus sagen, dass ausgerechnet die scheintote Addams Family der Nummer nach über 40 Jahren neues Leben eingehaucht hat. „Wir haben den Song eine Woche vor dem Drehtermin ausgesucht“, erzählt Jenna Ortega im Interview. „Zwei Nächte vor dem Termin habe ich gemerkt, dass ich mir noch gar keinen Tanz dazu überlegt habe.“ Dass es sich bei der Choreographie um einen Schnellschuss handelt, merkt man nicht im Geringsten. Andernfalls würden ihn keine Millionen von Menschen auf TikTok zelebrieren.

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Popkultur

Zeitsprung: Am 8.12.1984 verschuldet Vince Neil den Tod des Hanoi-Rocks-Schlagzeugers.

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Foto: Paul Natkin/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 8.12.1984.

von Timon Menge und Christof Leim

Weil die Alkoholvorräte bei einer Privatparty nicht ausreichen, möchten Mötley-Crüe-Frontmann Vince Neil und Hanoi-Rocks-Schlagzeuger Nicholas „Razzle“ Dingley für Nachschub sorgen. Neil setzt sich trunken ans Steuer seines italienischen Sportwagens. Dann kommt es zur Katastrophe.

Hier könnt ihr die größten Hits von Hanoi Rocks anhören: 

1984 tourt die finnische Band Hanoi Rocks zum ersten Mal durch die USA, gemeinsam mit den damals übergroßen Mötley Crüe. Um diesen Umstand zu feiern, lassen es sich die Musiker bei einer Party im Haus von Mötley-Frontmann Vince Neil mächtig gut gehen. Sprich: Der Alkohol fließt in Strömen. Als die Vorräte aufgebraucht sind, beschließen Neil und Hanoi-Rocks-Schlagzeuger Nicholas „Razzle“ Dingley, für Nachschub zu sorgen. Neil setzt sich ans Steuer, obwohl er bereits gut geladen hat.

Auf einer der kurvenreichen Straßen Hollywoods verliert der Sänger die Kontrolle über seinen Sportwagen und rammt zwei andere Autos. Der Fahrer des ersten bleibt glücklicherweise unverletzt, doch im zweiten Wagen sitzen Lisa Hogan und Daniel Smithers, die sich mehrere Knochen brechen und Hirnschäden davontragen. Lisa Hogan liegt bis zum Ende des Monats im Koma. Neil selbst kommt mit ein paar gebrochenen Rippen und einigen Kratzern davon, doch Dingley hat Pech. Er wird nach dem Unfall ins South Bay Hospital eingeliefert, wo er um 7:12 Uhr Ortszeit für tot erklärt wird. Er wurde gerade einmal 24 Jahre alt. 

„Ich hätte ins Gefängnis gehen müssen.“

In Neils Blut wird anschließend ein Blutalkoholspiegel von 1,7 Promille festgestellt. Das Urteil: „vehicular manslaughter“, also Totschlag. Die Strafe hält sich in Grenzen: Zu gerade einmal 30 Tagen Gefängnis wird er verurteilt — und sitzt nur die Hälfte davon tatsächlich ab. Zwei Jahrzehnte später gibt er in einem Interview mit der US-Zeitschrift Blender Folgendes zu Protokoll: „Nach Razzles Tod stellte ich einen Scheck über 2,5 Millionen US-Dollar wegen fahrlässiger Tötung aus. Ich hätte ins Gefängnis gehen müssen. Das wäre definitiv verdient gewesen, aber ich habe nur 30 Tage im Knast verbracht, wurde dort flachgelegt und habe Bier getrunken — wegen der Macht des Geldes. Das ist beschissen.“ Zusätzlich zur Gefängnisstrafe muss Neil 200 Sozialstunden ableisten.

Hanoi-Rocks-Gitarrist Andy McCoy erinnert sich 2006 in einem Interview mit dem Metal Express folgendermaßen an den Abend: „Ich war da. Razzle und Vince verschwanden einfach, also suchten ich und Tommy Lee nach den beiden. Dann sind wir an der Unfallstelle vorbeigefahren und ich fragte Tommy, welche Farbe das Auto hatte, mit dem die zwei losgefahren sind. Wir fuhren nämlich gerade an einem verdammten Unfall mit einem roten Sportwagen vorbei. Dann sah ich Razzles Hut auf der Straße.“

„Jeder hat unter der ganzen Sache gelitten.“

Im Jahr 2011 äußert sich Hanoi-Rocks-Frontmann Michael Monroe auf sleazeroxx.com zu dem Vorfall: „Es gab diesen Unfall, und leider hat er unseren Schlagzeuger das Leben gekostet. Zu Vince Neil habe ich nichts zu sagen. Es war ein Unfall. Was passiert ist, ist passiert, und das lässt sich nicht mehr ändern. Jeder hat unter der ganzen Sache gelitten.“

Vince Neil widmet seinem verstorbenen Kollegen das nächste Mötley-Crüe-Album Theatre Of Pain (1985), beigesetzt wird Razzle auf der Isle Of Wight. Nach seinem Tod lassen sich die Hanoi Rocks zunächst nicht unterkriegen und engagieren Trommler Terry Chimes von The Clash, um eine bereits geplante Tour in Europa über die Bühne zu bringen. Kurz danach löst sich die Gruppe allerdings auf und findet erst 2001 wieder zusammen.

Die Hanoi Rocks 1984 in ganzer Pracht. Ganz rechts: Razzle. R.I.P. – Pic: Mike Prior/Redferns

Zeitsprung: Am 23.12.1987 stirbt Nikki Sixx von Mötley Crüe – für zwei Minuten.

 

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Popkultur

Apple Boutique: Vor 55 Jahren versuchen sich die Beatles erfolglos als Einzelhändler

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Apple Boutique
Foto: Evening Standard/Hulton Archive/Getty Images

Selbst in Sachen Einzelhandel waren die Beatles ihrer Zeit voraus: Ihre Apple Boutique in London kann als Vorläufer des modernen Concept Stores gelten. 1967 ging diese Rechnung aber noch nicht auf – und die Beatles verloren Millionen.

von Björn Springorum

Das wilde Jahr 1967 neigt sich dem Ende zu. Die psychedelische Rockmusik ist diesseits und jenseits des Atlantik explodiert, The Doors, Jimi Hendrix, Jefferson Airplane, The Byrds und Cream haben wegweisende Alben veröffentlicht. Getoppt wird das Ganze – natürlich – von den Beatles, die mit Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band eines der besten Alben aller Zeiten veröffentlicht haben.

Ein psychedelischer Garten Eden

Im Sommer läuft in ganz London gefühlt kein anderes Album, 23 Wochen lang behauptet es sich an der Spitze der britischen Charts. Den Summer of Love verbringen die Beatles mit Filmprojekten und ihrer Reise ins indische Bangor, bis der Tod von Brian Epstein am 27. August 1967 alle rosaroten Wolken platzen lässt. Hinter den Kulissen sind aber längst Dinge im Gange, die die Band auch ohne ihren Manager und Mentor weiterlaufen lässt – der Flop-Film Magical Mystery Tour und ihr eigener Store, die Apple Boutique.

Die soll laut Harrison ein „psychedelischer Garten Eden“ sein und erstreckt sich auf drei Stockwerke. Hinter dem grandiosen Street-Art-Bild auf der Fassade steckt das niederländische Designkollektiv The Fool, die George Harrisons Frau Pattie Boyd der Band vorgestellt hat. Schon in den Monaten vor der Eröffnung der Boutique gestalten The Fool Artworks, Outfits, Sets und Instrumente für die Beatles, für aus heutiger Rechnung über 1,5 Millionen Euro verwandeln sie die Fassade des historischen Townhouses in der Baker Street 94 an zwei Novembertagen in ein psychedelisches Kunstwerk.

Bowie und Clapton kommen zur Eröffnung

Mit dem Store dahinter versuchen die Beatles, den Einzelhandel ebenso zu revolutionieren wie die Musik. Ihr sehr visionäres Konzept: Alles, was es in diesem Laden gibt, steht zum Verkauf. „Ein hübscher Ort, an dem hübsche Menschen hübsche Dinge kaufen können“, so beschreibt Paul McCartney das Konzept, das man von zeitgeistigen Concept Stores kennt. An der Baker Street im Jahr 1967 ist das neu.

Der Laden öffnet am 7. Dezember 1967 erstmals seine Tore. Schon zwei Tage zuvor laden John Lennon und George Harrison zu einer Launch Party, bei der zwar Paul McCartney und Ringo Starr fehlen (sie weilen in Liverpool respektive Rom), aber dafür jede Menge Berühmtheiten und Bohemiens in das psychedelische Wunderland strömen, um Kleidung, Accessoires, Bücher und Schmuck zu bestaunen – darunter David Bowie, Eric Clapton und Harrisons Frau Pattie Boyd.

Getrunken wird Apfelsaft

Auf den Einladungen steht geschrieben: „Kommt um 7:46. Modenschau um 8:16.“ Und zumindest zur Eröffnungsparty kommen sie. The Fool, die auch viele Designs für die Beatles, die Hollies oder Procol Harum realisiert haben, ziehen wie ein psychedelischer Wanderzirkus mit Instrumenten durch die Boutique, alle schlürfen Apfelsaft, weil der Store keine Schanklizenz hat. Vielleicht gibt es andere Dinge zum Konsumieren… Es ist ja immerhin 1967.

Apple Boutique

Foto: E. Milsom/Evening Standard/Hulton Archive/Getty Images

Zwei Tage später eröffnet die Boutique offiziell, gemanaged von Lennons Freund Peter Shotton und Pattie Boyds Schwester Jenny Boyd. Doch die Sache wird zum legendären finanziellen Desaster. Taschendiebstähle geraten außer Kontrolle, selbst Angestellte stecken sich reihenweise Sachen ein, so wirklich weiß niemand, womit die Kunden den Laden betreten oder wieder verlassen haben. Zur Anzeige gebracht wird kein Diebstahl: Das passt einfach nicht in den Freigeist des Konzepts.

Antikapitalistische Einzelhändler

Auch sonst läuft es schleppend: Baker Street ist einfach zu weit vom Londoner Mode-Epizentrum entfernt, die Apple Boutique fährt hohe Verluste ein. Mitte 1968 sind das schon mehr als 200.000 Britische Pfund (heute mehr als vier Millionen Euro) und die Beatles entscheiden, den Laden am 31. Juli 1968 – kein Jahr nach der Eröffnung – zu schließen. Für McCartney ist der Shop dennoch ein Erfolg. „Den größten Verlust machten wir damit, alles zu verschenken“, sagt er in einem Statement zur Schließung. „Aber das war unsere freie Entscheidung. Wir wollten verschenken, nicht verkaufen.“

Die wahren Gründe liegen natürlich auch darin, dass die Beatles keine Geschäftsleute sein wollen. Sondern Musiker, Filmemacher, Entertainer. Am Tag der Schließung öffnen die Beatles die Boutique ein letztes Mal für die Menschen, die zu Hunderten gierig in den Laden strömen, sich alles unter den Nagel reißen und Randale machen. Die Polizei muss eingreifen und beendet dieses abstruse Kapitel der Beatles-Geschichte relativ unrühmlich.

Schon im Mai 1968 hatte man die Fassade weiß übermalt und das Wort Apple kursiv darauf geschrieben – ein ähnlich drastischer Übergang wie bei den Artworks von Sgt. Pepper’s und The Beatles. 1974 wird das Gebäude abgerissen. Aber da gibt es die Beatles schon lange nicht mehr.

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