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Popkultur

Oasis, Guns N‘ Roses, Amy Winehouse: Die legendär schlechtesten Konzerte aller Zeiten

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Foto: Marc Marnie/Redferns/Getty Images

Selbst Rockstars haben mal einen richtig schlechten Tag. Blöd nur, dass bei denen nicht nur die Kollegen*innen zuschauen, sondern gleich die halbe Welt. Eine Chronik betrüblicher Patzer, absurder Vorkommnisse und berauschter Totalausfälle.

von Björn Springorum

Niemand ist perfekt!

Es ist immer wunderbar leicht, sich zum/zur Kritiker*in aufzuschwingen. Das zu zerreden, was sich andere mit Blut, Schweiß und Tränen aufgebaut haben. Mit ein wenig Empathie sollte man eigentlich immer im Hinterkopf behalten: Niemand ist perfekt, auch nicht unsere Helden des Rock‘n‘Roll. Deswegen verzeihen wir ihnen ja auch das eine oder andere. Aber eben nicht alles. Manches Konzert ging nämlich so derart in die Hose, dass es weder diesen Namen noch den Eintrittspreis verdient hat. Wir haben uns mal aufgemacht und aus Archiven, von Zeitzeugen*innen und mittels Bild- und Tonaufnahmen einige der schlechtesten Konzerte aller Zeiten zusammenzutragen. Das Fazit: Manchmal sind auch die Größten der Großen einfach nur Menschen. Tut ja auch mal gut.

Oasis

Los Angeles, Whisky A Go Go, 1994

Oasis sind längst ein Synonym für Drogen, Skandale und handfeste Streitereien. Ihre Karriere verläuft derart steil und schickt die Band aus Manchester so schnell in die Stratosphäre, dass jeder förmlich auf den tiefen Fall wartet. 1994, wenige Wochen nach der Veröffentlichung des triumphalen Debüts Definitely Maybe, landen sie für ihre fest eingeplante US-Eroberung in den Staaten, jung, überheblich, reich, unberechenbar und nonstop auf Kokain. Am 24. September 1994 sollen sie im Whisky A Go Go im Los Angeles spielen, dem vielleicht wichtigsten Club der Rock-Geschichte, in dem The Doors, The Who oder Led Zeppelin unsterblich wurden. Oasis haben natürlich dasselbe vor. Blöd nur, dass sie anstatt Kokain, das sie ja tragischerweise gewohnt waren, Crystal Meth in die Finger bekommen und das Zeug grammweise wegschnupfen. Derangiert ist also gar kein Ausdruck, als Liam Gallagher auf die Bühne stolpert und erst mal verkündet, dass der Rest der Band nicht kommen würde. Natürlich kommen sie doch, damals taten sie das noch, aber eine gute Idee ist das dennoch nicht. Was folgt, ist ein Konzert, das so schlecht ist, dass es im Grunde als absurdes Theater durchgeht. Bass-Amps schmoren durch, Liam legt sich mit dem Publikum an, Noel spielt irgendwas anderes als der Rest der Band. Danach geraten Liam und Noel so heftig aneinander, dass Noel gleich nach dem desaströsen Auftritt nach San Francisco abhaut und die Band für zwei Wochen verlässt. Doch am Erfolg in Amerika, und das ist das wirklich Erstaunliche, änderte das nicht das Geringste!

Der Beweis:

Amy Winehouse

Serbien, Tuborg Festival, 2011

Über Sucht macht man keine Witze. Und über Künstler*innen, die an ihrer eigenen Abhängigkeit zugrunde gegangen sind, schon gar nicht. Dennoch ist Amy Winehouses desolater Auftritt beim serbischen Tuborg Festival am 18. Juni 2011 in so ziemlich jeder Hinsicht das Sinnbild der gestürzten Künstlerin, das man sich immer wieder in Erinnerung rufen sollte: Vollkommen betrunken und druff, kaum in der Lage, sich auf den Beinen halten, geschweige denn zu singen oder sich an Texte zu erinnern. Diese Performance mit ihren weltbewegenden Leistungen nur wenige Jahre zuvor zu vergleichen, macht unheimlich betroffen, denn auch wenn sie sich kommerziell auf dem Höhepunkt ihrer Karriere befindet, ist auch ihr Drogenmissbrauch auf seinem Zenit angekommen. Eine Tragödie, die jeder heranrasen sieht wie einen Falschfahrer, aber niemand verhindern kann. Das merkt man auf dem Publikum an, das hier und da zwar verärgert, vor allem aber besorgt reagiert. 90 Minuten lang zieht sich diese gründliche Demontage, bis Winehouse und ihre sichtlich erleichterte Band endlich die Bühne verlassen. Ein Weckruf war es für sie dennoch nicht: Die kleine Frau mit der großen Stimme stirbt nur einen Monat später.

Der Beweis:

Guns N’ Roses

San Francisco, Warfield Theater, 2006

Die Liste von Zwischenfällen bei Guns-N‘-Roses-Konzerten allein könnte uns viele Jahre beschäftigen. Ein besonders beleidigendes, freches und frustrierendes Exempel, wie man seinen eigenen Ruf und seine auf unerklärliche Weise immer noch anwesenden Fans mit Füßen treten kann, liefert Axl Rose 2006 in San Francisco. Gut, es steht Guns N‘ Roses drauf, aber statt Slash, Izzy, Steven oder Duff kommen irgendwelche anderen Kerle mit Axl Rose auf die Bühne. Natürlich schlanke zwei Stunden zu spät, die erste Gunners-Show in der kalifornischen Bay Are seit 13 Jahren ist ja auch nichts Besonderes. Was folgt, ist ein beschämender Beweis dafür, dass es manchmal einfach besser wäre, nie wieder aufzutreten. Nach ein paar Songs befiehlt er seiner Band mitten in Sweet Child O‘ Mine, den Song zu stoppen, damit die Security einen Fan nach draußen komplementieren kann, der ihm dem Mittelfinger gezeigt hat. Angeblich. Und das ist erst der Anfang: Rose setzt sich ans Piano, klimpert fünf Minuten lang inkohärentes Zeug, bevor er einen der Tontechniker in Grund und Boden brüllt und in bezichtigt, die Show zu ruinieren. Schönes Beispiel für die Verwandlung von Doctor Jekyll in Mister Rose.

Der Beweis:

Kings Of Leon

St. Louis, Verizon Amphitheatre, 2010

Nicht immer sind Drogen, Egos oder Bruderzwist der Auslöser für miserable Performances. Manche Show wird auch durch die unbeherrschbare Unwägbarkeit der lokalen Fauna ruiniert. So müssen die Kings Of Leon 2010 in St. Louis etwas erleben, das man sich so nicht mal ausdenken und labile Musikeregos durchaus ankratzen kann. Am 23. Juli geht die Band auf die Bühne des Verizon Amphitheatre – und als hätten die zahlreichen versammelten Tauben nur darauf gewartet, lassen sie wie auf Kommando ihre Ladung direkt über den Musikern ab. Drei Songs lang versuchen die Kings noch ganz professionell und nonchalant, die Show trotz dieser eindeutigen Publikumsmeinung von oben durchzuziehen, doch als Bassist Jared Followil ein wenig davon in den Mund bekommt, flieht die Band von der Bühne. Verständlicherweise. Man kann als Band eben nicht von jeder Tierart gemocht werden.

Der Beweis:

The Stone Roses

Reading Festival, 1996

1996 sind die Glanzzeiten der Stone Roses vorüber. Unerreichbar fern scheinen die goldenen Tage, als man 1990 vor fast 30.000 Leuten auf Spike Island in Chesire auftrat, die erste Hälfte der Neunziger verbrachten die Britpop-Vorreiter mit gerichtlichen Auseinandersetzungen mit ihrem Label. Zwar konnte man Ende 1994 mit Second Coming doch noch ein erfolgreiches zweites Album nachlegen, doch als Gitarrist und Songschreiber John Squire die Band verließ, ahnte niemand etwas Gutes. Aziz Ibrahim übernahm und macht seine Sache in Reading nicht mal schlecht. Die Leistung von Sänger Ian Brown ruft allerdings bis heute puren Unglauben in den Menschen hervor. So schlecht und schief, soweit die landläufige Meinung, kann man nicht mal absichtlich singen. Das Konzert vom August 1996 ist so legendär mies und bezeichnend, dass sich die Band nur wenige Wochen darauf auflöst. Er hätte doch auch einfach sagen können, dass er keinen Bock mehr hat.

Der Beweis:

Der Sound des neuen Jahrtausends: Diese Alben werden 20 Jahre alt

 

Popkultur

40 Jahre „Nebraska“: Als Bruce Springsteen durch Zufall zum einsamen Cowboy wurde

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Bruce Springsteen
Foto: Bill Marino/Getty Images

Vor 40 Jahren nimmt Bruce Springsteen Demos auf, die er eigentlich mit seiner E Street Band einspielen will. Er entscheidet sich dagegen – und veröffentlicht mit Nebraska sein vielleicht bestes Album.

von Björn Springorum

 

Hier könnt ihr euch Nebraska von Bruce Springsteen anhören:

Die Fabeln der Arbeiterklasse und der Mythos Amerikas sind Tropen, ohne die Bruce Springsteens Kanon auseinanderfallen würde. Immer schon haben ihn die Geschichten der vermeintlich einfachen Leute mehr interessiert als alles andere. Die Folklore der Menschen, die die Vereinigten Staaten von der Ostküste westwärts erschlossen und aufgebaut haben, die Arbeiter an den Docks, den Schienen, in den Minen.

Im Oktober 1980 veröffentlicht der Boss mit The River ein vielbeachtetes Doppelalbum voller jener Themen. Ein ganzes Jahr ist er damit auf Tour, vor allem in den USA, taucht auf den langen Fahrten über die Highways erneut tief ein in den Mythos des Wilden Westens. Die Eindrücke, Begegnungen und Erfahrungen inspirieren ihn in seinem Zuhause in New Jersey zu neuer Musik. Er verwendet vor allem die akustische Gitarre, eine Mundharmonika oder ein Tambourin für die Demo-Aufnahmen, die er als Grundlage für die eigentliche Studioarbeit mit seiner E Street Band nutzen will.

Drei Akkorde für ein Halleluja

Doch der folkloristische, pure, rohe Charme der oftmals mit drei Akkorden auskommenden Stücke bringt etwas in ihm zum Schwingen. Zwar arbeitet er im April 1982 mit seiner Band an Rock-Versionen dieser Song; das Ergebnis, das sagt ihm jedoch nicht zu. Für ihn fehlt den Songs im Bandkontext der verwunschene Americana-Kontext, die Seele des Landes, aus dem er sie schöpfte. Er und sein Manager Jon Landau entscheiden, diese spärlich instrumentierten Songs vom Rest zu trennen und aus ihnen eine Springsteen-Soloplatte mit Namen Nebraska zu machen. Aus den als Electric Nebraska bekannten Sessions sollen dennoch acht Songs für den Nachfolger Born In The U.S.A. von 1984 hervorgehen. Unproduktiv ist echt anders.

Eine magische Nacht

Im Grunde ist Nebraska somit ein Album, das am 3. Januar 1982 erschaffen wird. In den Abend- und Nachtstunden nimmt Bruce Springsteen wie entfesselt 15 Demos auf. Die meisten davon landen auf Nebraska. „Ich war immer nur so lang im Studio, weil das Komponieren so viel Zeit brauchte“, so sagte Springsteen mal. „Deswegen besorgte ich mir einen kleinen Vierspurrekorder, um schon mal grobe Songs aufzunehmen, die ich dann der Band zeigen würde. Ich hatte also dieses Tape wochenlang mit mir dabei, bis ich merkte: Das ist kein Demo, das ist das Album.“

Bis heute ist Nebraska ein einnehmendes, sehnsüchtiges Fernweh-Folk-Album voller Antihelden, tragischer Geschichten und amerikanischer Weite. Es lebt vom kargen Charme und von einem Schwermut, den man in dieser Intensität noch nicht von Springsteen vernommen hat. Passt zu den Themen: Die Songs drehen sich um einfache Menschen, vom Pech verfolgt oder in die Kriminalität abgerutscht. Im Titelsong geht es um den Mörder Charles Starkweather auf dem Weg zum elektrischen Stuhl, im abschließenden Reason To Believe brechen zumindest vereinzelte Sonnenstrahlen durch die tiefhängenden Wolken über den Great Plains.

Hommage an Atlantic City

Keine Inspiration braucht er natürlich für Atlantic City, Ode und Brandbrief an die einstmalige Casino- und Strandhochburg am Atlantik. Die Stadt ist wie ein pars pro toto für den Mythos der untergegangenen USA, ein einstmals glanzvoller Boardwalk, jetzt weitgehend verlassen, heruntergekommen. Im Song singt Springsteen mit Verzweiflung in der brechenden Stimme von einem Liebespaar, das nach Atlantic City flüchtet, wo er aufgrund seiner Schulden in der organisierten Kriminalität versinkt. Es sind Songs wie dieser, von dem sich die Killers zu ihrem Akustikalbum Pressure Machine inspirieren lassen.

Nebraska ist auch 40 Jahre später ein Monument und Springsteens wahrscheinlich bestes Album. Bis Western Stars (2019) ist es das einzige Album, das nicht auf einer eigenen Tournee vorgestellt wird. Es war ihm wohl immer zu düster.

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Zeitsprung: Am 4.6.1984 erscheint „Born In The U.S.A.“ von Bruce Springsteen.

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Popkultur

Review: „The End, So Far“ verschafft Slipknot neun neue Leben

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Slipknot
Foto: Venla Shalin/Getty Images

Das verflixte siebte Studioalbum wird bei Slipknot zur Wasserscheide: Nach zuletzt eher homöopathischen Änderungen im brachialen Soundbild stellen Corey Taylor und seine Maskencrew mit The End, So Far die Weichen für die Zukunft. Ihre beste Platte ist es nicht. Aber zweifellos eine beeindruckende.

von Björn Springorum

Hier könnt ihr euch The End, So Far anhören:

Das Ende naht. Vielleicht nicht für Slipknot als Band. Aber definitiv für die Strukturen, in denen sich die Seelenstripper aus Iowa bisher bewegten: The End, So Far ist das letzte Album der Band für ihr Label Roadrunner und trägt das Ende der 25-jährigen Partnerschaft bereits im Titel.

Den Fans dürfte das egal sein. Für Slipknot geht dennoch eine Ära zu Ende. Und anstatt ein halbgares neues Album oder gar eine Best-Of auf den Markt zu werfen, um aus dem Vertrag zu kommen, geht man richtig in die Vollen. The End, So Far ist zwar nicht das brutalste, das heftigste, das härteste Album, das Slipknot jemals gemacht haben; das muss es aber auch gar nicht sein, dafür warne schließlich Iowa und Co. Zuständig.

Synthies, Chöre, klarer Gesang

Die siebte Platte porträtiert eine Band, die älter geworden ist. Und das endlich auch selbst anerkennt. Man umkreist solangsam die 50, da muss man nicht mehr so tun, als sei man 28. Deutlich wird das sofort: Der Opener Adderall ist der vielleicht untypischste Slipknot-Song aller Zeiten: Getrieben von flirrenden Synthies, Chören und durchgehend klarem Gesang, erinnert die Nummer eher an David Bowie oder an Tool.

Slipknot achten sorgfältig und gewissenhaft auf Dynamik, auf Songreihenfolge und Stimmungsbilder. Sie sind eine Albumband, groß geworden in Zeiten, in denen man Platten noch ganz hörte. Dem werden sie auch mit The End, So Far gerecht. Mehr denn je breiten Slipknot ihre irisierenden Flügel aus, decken so viele musikalische Gefilde ab wie nie zuvor. Klar ist die Platte auch brutal, in einem Song wie H377 sogar so durchgehend, kompromisslos und nervenzerfetzend knallhart wie auf ihrem tollwütigen Exorzismus Slipknot. Überwiegend steht jedoch eine Balance zwischen abgründiger Härte und trostspendenden Momenten auf der Agenda.

Grunge-Gefühle

Slipknot wissen längst, wie man Dynamik ausschöpft und präzise einsetzt. Die tosenden, grollenden Abriss-Monumente wirken wenn überhaupt, dann noch heftiger als auf früheren, eher durchgebolzten Werken. Melancholische, schwebende Momente wie die Alternative-Rock-Nummer De Sade zeigen zwischendrin aber eben immer wieder, dass man Dämonen und mentalen Horror auch ohne durchgehendes Metal-Inferno verhandeln kann. Hölle, bei Acidic kommen sogar Grunge-Gefühle auf!

Das Vermächtnis der Toten

Einen mehr als ordentlichen Job macht der neue Percussionist und Drummer Jay Weinberg. Er versucht gar nicht erst, in die XXL-Fußstapfen von Joey Jordison zu trommeln, füllt sein dynamisches, tightes Spiel aber dennoch mit mancher Referenz an den 2021 verstorbenen Drummer – voller Respekt und Demut. Es ist der sensible und richtige Weg, die tragische Geschichte einer Band zu verhandeln und weiterzutragen: Nach Paul Gray ist Joey Jordison schon das zweite Mitglied, das Slipknot zu Grabe tragen mussten.

Das Vermächtnis der Toten lebt auch auf The End, So Far fort. Ein Album voller Schatten, gespenstischer Melodien und gurgelnder Härte. Nicht alle Songs sind Treffer, manche verlieren sich in Post-Rock-Wolkengebilden und unpassenden Ausbrüchen. Unterm Strich bleibt aber eine knappe Stunde eindrucksvolles Flexen von einer Band, die ungebrochen vor Evolution, Kreativität und Aufbruchstimmung steht. Und endgültig keine Lust mehr hat, Konventionen zu pflegen oder Erwartungen zu erfüllen.

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Slipknot: Von Masken-Weirdos zu globalen Superstars

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Popkultur

30 Jahre „Küssen verboten“: Als die Prinzen zu Königen wurden

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Die Prinzen
Foto: Hulton Archive/Getty Images

Sie gründen sich noch zu DDR-Zeiten und werden gleich nach der Wende zu gesamtdeutschen Popstars: Vor 30 Jahren verkünden die Prinzen mehrstimmig: Küssen verboten! Ohrwurm in drei, zwei eins…

von Björn Springorum

Hier könnt ihr euch das Küssen verboten anhören:

Alles beginnt im Knabenchor. Mehr oder weniger alle späteren Mitglieder der Prinzen singen sich erst mal in ostdeutschen Chören die Seele aus dem Leib – Sebastian Krumbiegel, Wolfgang Lenk sowie Henri Schmidt etwa im weltweiten Leipziger Thomanerchor. Was man eben so macht in der DDR. Daraus entsteht eine erste Band mit dem unglücklichen Namen Die Herzbuben. Der Versuch: Mit A-capella-Stücken erfolgreich werden.

Annette Humpe greift ein. Zum Glück

Das klappt zwar ganz gut, aber das große Problem ist: Immer wieder verlieren Die Herzbuben Mitglieder, weil sie sich aus der DDR absetzen. Es dauert also noch bis nach der Wende, bevor die Geschichte endlich Fahrt aufnehmen kann. Zu verdanken ist das übrigens Annette Humpe, die mit Ideal große Erfolge feiern konnte und mit Blaue Augen einen gewaltigen Hit komponiert hatte. Sie wird auf die Band aufmerksam, erkennt das Potential und verfrachtet sie im November 1990 zu Anselm Kluge für erste Aufnahmen in dessen Studio. Ihr ist auch zu verdanken, dass man den Namen Die Herzbuben ablegt und sich auf Die Prinzen einigt. Mit den Wildeckern wollte man dann auch nicht unbedingt verwechselt werden.

Danach geht es schnell: Schon die erste Single Gabi und Klaus wird 1991 zum Erfolg, das Debüt Das Leben ist grausam kann sich mehr als eine Million Mal verkaufen und bringt sie auf Tour mit Udo Lindenberg. Danach soll natürlich schnell ein Nachfolger her. Deutschland ist nach David Hasselhoffs Niedersingen der Mauer wiedervereint und dürstet nach deutschsprachiger Popmusik, die Prinzen sind als ostdeutsche Band in den alten und neuen Bundesländern der absolute Verkaufsschlager.

Auch Olli Dittrich mischt mit

Ihr Rezept – A-capella-Gesang trifft Pop mit teils hintersinnigen, teils albernen Texten – trifft den unbeschwerten Zeitgeist, der nach all dem Drama einfach mal eine gute Zeit haben will. Nur ein Jahr nach dem Erstling sind Die Prinzen mit Küssen verboten zurück. Diesmal produziert Annette Humpe gleich das komplette Album und hilft der Band beim Texten, zusätzliche Unterstützung bei den Lyrics kommt von Comedian Olli Dittrich – so etwa der Text zu Kleines Herz.

Aufgenommen wird im Frühjahr 1992 in den Boogie Park Studios im Hamburg, am 28. September erscheint das zweite Album der Prinzen. Und wird ein ähnlich großer Erfolg: Es verkauft sich über 800.000 Mal, was damals drei Goldene Schallplatten bedeutet. Neben dem großen Erfolg der Single Küssen verboten ist es vor allem der von Sebastian Krumbiegel verfasste Song Bombe, der einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Anders als die humorigen, leichten Songs der Leipziger postieren sich Die Prinzen mit fast schon punkiger Attitüde klar gegen Rechtsextremismus.

Gegen rechte Gewalt

Gemeinsam mit Annette Humpe spielen sie Bombe live beim „Heute die! Morgen du!“-Festivals gegen rechte Gewalt in Frankfurt vor 150.000 Zuschauern. Als der Song im Februar 1993 als Single erscheint, gehen viele besorgte Eltern auf die Barrikaden. So viel Sex und Kritik ist man von den Prinzen nicht gewohnt. Dem Erfolg schadet es nicht. Im Gegenteil: Die große Tournee zu Küssen verboten wird zum Durchmarsch, zu den fast 60 Konzerten in den größten Hallen des Landes kommen über 200.000 Besucher.

In nur zwei Jahren sind Die Prinzen von einer ostdeutschen A-Capella-Seltsamkeit zu einer der größten Popbands des Landes geworden. Wieder vergeht nur ein Jahr, bis sie diese Erfolgsgeschichte mit Alles nur geklaut fortsetzen werden. Nicht übel für so ein paar Typen aus dem Knabenchor…

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Zeitsprung: Am 31.10.1965 probt die DDR-Jugend den Beat-Aufstand.

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