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Popkultur

Die musikalische DNA von ABBA

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People Need Love lautete das erste offizielle Lebenszeichen eines Quartetts, das der Welt für das darauffolgende Jahrzehnte eine ganze Menge Liebe bieten sollte. Agnetha Fältskog, Björn Ulvaeus, Benny Andersson und Anni-Frid Lyngstad waren – oder besser: sind – ABBA. Die Vier aus Schweden sind nicht nur eine der kommerziell erfolgreichsten Bands aller Zeiten, sie haben sich auch für immer tief in unserem kulturellen Bewusstsein eingenistet. Ob Money, Money, Money oder Mamma Mia, ob The Winner Takes It All oder natürlich Waterloo und Dancing Queen – ABBA geht immer!

 Hört euch hier die musikalische DNA von ABBA an:

ABBA mussten während ihrer Karriere einige Widrigkeiten durchleben. Große Tourneen beispielsweise waren schlecht umzusetzen, weil sie sich nicht mit Flugangst oder Elternschaft vereinbaren ließen. Doch die Vier machten aus der Not kurzerhand eine Tugend und sorgten mit ihrem verbissenen Perfektionismus dafür, dass die Pop-Welt revolutioniert wurde. Das Musikvideo als Format? Maßgeblich mitgeprägt von ABBA. Live-Streams von Konzerten? ABBA waren eine der ersten Bands, die dieses Konzept im Fernsehen durchsetzten. Aufwändige Bühnenkostüme? Von ABBA perfektioniert – und zwar aus steuerlichen Abschreibegründen! Im Studio sah es selbstverständlich ähnlich aus. Jeder Ton musste sitzen! Zum Leidwesen ihrer Crew… Aber das ist eine andere Geschichte.


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Der Sound von ABBA änderte sich mit der Zeit. Manche mögen es auf das Ende der Ehen zwischen Fältskog und Ulveaus und Lygstad und Andersson schieben, dass einige Songs in späteren Jahren düsterer klangen. Aber das ist eine sehr einseitige Deutung. Vor allem nämlich ging es dem Quartett stets darum, den perfekten Song zu schreiben. Dazu ließen sie sich von Pop, Rock, Soul und Disco in allen Formen und Facetten inspirieren. Wer könnte da die Übersicht bewahren? Wir wollen es zumindest versuchen und werfen einen Blick auf die musikalische DNA von Agnetha, Björn, Benny und Anni-Frid alias Frida – kurz: ABBA!

1. Bill Haley – Razzle Dazzle

Natürlich kamen ABBA keineswegs aus dem Nichts. Sowohl die Hauptsongwriter Andersson und Ulvaeus wie auch die stimmgewaltigen Fältskog und Lyngstad waren überaus erfolgreich, bevor sie sich zusammenschlossen. Eines von Anderssons frühen Projekten war die Band Quartet Yep, welche sich nach kurzer Zeit in Hep Stars umtaufte. Eine Anspielung auf den Bill Haley Song Razzle Dazzle, in dem es heißt: „Now, here’s a dance everyone can do / It’s the hipsters’ dance / And the square cats’ too / Won’t you take a chance / This is all you do”. Aus „hipsters“ wurde „Hep Stars“.

So einfach und sorglos die Realität des Bandalltags aber beschreibt, so knochig war er für die Hep Stars: Bis zu vier Stunden dauerten ihre Gigsim Durchschnitt! Es lohnte sich aber und die Hep Stars wurden schnell als die „schwedischen Beatles“ bekannt, selbst eine Art Apple gründeten sie mit dem sogenannten Hep House. Die Ambitionen der jungen Rock’n’Roll-Fans sollten sich schnell auszahlen. Schon ein Jahr, nachdem Andersson der Band im Alter von 18 Jahren beigetreten war, feierten sie 1965 ihren ersten Charterfolg mit No Response – es sollten noch einige weitere folgen. 1969 verließ Andersson die Band aber, denn seine Arbeit mit Ulvaeus und Lyngstad schien ihm aussichtsreicher. Der Mann scheint einen guten Instinkt zu haben!

2. The Eagles – Take It Easy

Auch Björn Ulvaeus startete schon im jungen Alter seine Karriere. Er war ebenfalls erst frische 18 Jahre, als er den Hootenanny Singers beitrat, einer Skiffle-Gruppe mit einem gehörigen Folk-Einschlag. Er trug englische Texte bei und konnte sogar einen bescheidenen Erfolg als Solokünstler für sich verzeichnen. Vor allem aber brachten ihn die Tourneen der Band mit den Hep Stars zusammen und er fand einen Komplizen in Andersson. 1966 schrieben sie ihren ersten gemeinsamen Song zusammen, der unter dem Titel Isn’t It Easy To Say von den Hep Stars eingespielt wurde. Die beiden ergänzten sich deshalb so gut, weil sie eine ähnliche Leidenschaft für Rock’n’Roll mitbrachten und dennoch auf verschiedene Stile zurückgreifen konnten.

Für Ulvaeus waren es vor allem Genres wie Dixieland, aber auch Folk und Bluegrass, die ihn begeisterten. „Letztlich hat alles, was ich an Musik jemals mochte, seine Wurzeln und Ursprünge in den USA“, sagte er in einem Interview. Kein Wunder, dass er später die 1971 gegründeten Eagles als seine definitive Lieblingsband bezeichnen sollte! Denn der Eagles-Sound nahm alle diese Elemente mit auf. Der ABBA -Song Eagle aber ist nicht unbedingt als Hommage an die Band zu verstehen, auch wenn Ulvaeus ihm diesen Titel verliehen hat – in Anlehnung an das Buch Die Möwe Jonathan. „Ich wollte das Gefühl von Freiheit und Euphorie einfangen, das ich beim Lesen dieses Buches empfunden habe“, sagte er. Oder mit den Eagles gesprochen: Take It Easy!

3. Aretha Franklin – (You Make Me Feel Like) A Natural Woman

Zwei überaus talentierte Songwriter, die auch noch singen können. Reicht doch für eine erfolgreiche Band, oder? Klar. Nicht aber für eine, die so erfolgreich werden sollte wie ABBA. Agnetha Fältskog war ein paar Jahre jünger als die beiden Männer, mit denen sie die Welt erobern sollte, hatte aber schon viel früher ihren ersten Erfolg. Mit gerade 18 Jahren landete sie ihre erste Nummer Eins in den schwedischen Charts mit einem selbstkomponierten Stück. Vom Stil her erinnerte die Musik anfangs an deutschen Schlager und Fältskog nannte unter anderem die teilweise auf Deutsch singende US-Amerikanerin Connie Francis als frühe Inspiration.

Was Fältskog indes hauptsächlich zu ABBA mitbrachte, war eine Leidenschaft für Soul. Neben der Country-Ikone Marianne Faithful nannte sie so vor allem Aretha Franklin, laut Faithful „die Stimme Gottes“, als einen ihrer wichtigsten Einflüsse. Der Gospel-infizierte Sound von Aretha Franklin, die mit Hits wie Respect, Say A Little Prayer oder (You Make Me Feel Like) A Natural Woman unsterblich wurde, färbte sich eindeutig auf den hymnischen Gesangsstil von Fältskog ab, die zwischen 1968 und 1975 mit fünf Solo-LPs ihre eigenen Songwriterqualitäten bewies und dabei Ulvaeus, Andersson und Lyngstad in abwechselnden Kombinationen im Studio begrüßte. Auch sie hätte die anderen ᗅᗺᗷᗅ-Mitglieder vielleicht nicht unbedingt gebraucht. Umso glücklicher können wir uns schätzen, dass sie doch zusammenfanden.

4. Gian Costello – A Weekend In Portofino

Fältskog feierte mit 18 Jahren ihren Durchbruch, die beiden Bs der Band starteten in diesem Alter ebenfalls ihre Karrieren. Nur Anni-Frid Lyngstad, bekannt als Frida, fing noch früher an: Gerade erst 13 Jahre alt war sie, als sie auf den Bühnen dieser Welt debütierte und sich vor allem im Jazz- und Cabaret-Bereich einen Namen machte, bevor sie kurz darauf die Band Anni-Frid Four gründete. Richtig bekannt wurde sie 1967 mit dem Stück En ledig dag (zu Deutsch etwa: „ein freier Tag“), das auf einem Bossa Nova-Stück des Komponisten und Mundharmonikaspielers Bruno de Filippi basierte, welches von Gian Costello eingesungen wurde.

Wie Fältskog widmete sich Lyngstad am Anfang ihrer Karriere zuerst einem deutlich von Schlagern beeinflussten Stil, bevor sie 1971 mit Benny Andersson zusammenzuarbeiten begann und noch im selben Jahr ihren ersten Nummer-Eins-Hit für sich verbuchen konnte. Nicht das erste Mal, dass sie auf ihre spätere Band-Mates treffen sollte: Ulvaeus hatte sie schon acht Jahre zuvor bei einem Wettbewerb kennengelernt, Fältskog lief ihr bei einer Fernsehauszeichnung ein Jahr nach dem Erfolg von En ledig dag über den Weg. Ab 1972 aber war es vorbei mit den freien Tagen und ABBA machten sich gemeinsam auf den Weg, um den Pop-Zenit zu erklimmen!

5. Sweet – Ballroom Blitz

Während also alle vier Mitglieder von ABBA ihre ganz eigenen Einflüsse in die Band einbrachten, so öffneten sie sich im Laufe ihrer zehnjährigen Schaffenszeit doch immer für aktuelle Entwicklungen. Als die Band im Jahr 1973 eine Einladung für das Melodiefestivalen im Folgejahr erhielt, reichten sie eine Reihe von Songs ein, von denen einer ihrer größten Hits ausgewählt wurde: Waterloo legte den Grundstein für ihren internationalen Megaerfolg und erlaubte es der Band, im Herbst 1974 für ihre erste Europa-Tour aufzubrechen. Dort jedoch traten sie nicht immer vor vollen Häusern auf. Anders in Skandinavien, wo sie Anfang 1975 teilweise 20 000 Menschen anlocken konnten!

Musikalische Inspiration kam damals aber nicht vom europäischen Kontinent, sondern aus Großbritannien. Glam Rock war der Sound der Stunde und hinterließ auch in der Musik von ABBA seine Spuren. „Wenn du dir die Singles anschaust, die wir direkt nach Waterloo veröffentlicht haben, so versuchten wir darauf mehr nach Sweet zu klingen“, gab Ulvaeus selbstkritisch in einem Interview zu Protokoll. „Was natürlich dumm war, weil wir immer eine Pop-Gruppe waren.“ Selbstzweifel hin oder her: Der kleine Spritzer Ballroom Blitz in der Musik der fabelhaften Vier aus Schweden trug immer auch viel zu ihrer Außenwirkung bei. Und das nicht nur musikalisch: Die aufwändigen Kostüme von Agnetha, Björn, Benny und Frida strahlten ebenso wie die markanten Outfits von Sweet in den grellsten Farben. Und obwohl sie den Glam-Sound hinter sich ließen: glamourös blieben ABBA bis zum Schluss!

6. George McCrae – Rock Your Baby

Und was kam nach Glam? Na klar, Disco! Mitte bis Ende der siebziger Jahre steuerte die ursprünglich in der LGBTQ-Community New Yorks ausgebildete Feierkultur ihren Höhepunkt an und schwappte dabei auch nach Europa über. ABBA waren eine der ersten Mainstream-Gruppen aus der alten Welt, die den neuen Dancefloor-Craze in ihre eigene Klangsprache übersetzten. Dancing Queen war eine Hymne auf die Freuden des Tanzens und fiel im Vergleich zu vielen doppeldeutigen Disco-Hits relativ brav aus. Neben dem breitbandigen „Wall Of Sound“-Ansatz des genial-verschrobenen Produzenten Phil Spector nannten Andersson und Ulvaeus unter anderem Dr. John mit seinem Album Dr. John’s Gumbo als Inspiration, während Teile des Stücks an die reichen Harmonien von Delaney & Bonnies Sing My Way Home erinnerten.

Das rhythmische Fundament aber lieferte George McCrae, der zwei Jahre vor der Veröffentlichung von Dancing Queen im Jahr 1974 einen Riesenerfolg mit Rock Your Baby feiern konnte. Andersson und Ulvaeus sollen sich der Legende am ersten Aufnahmetag den Song in Dauerschleife angehört haben, um die Feinheiten seiner Grooves zu studieren – wohlwissend, dass Tanzmusik nicht ihr Spezialgebiet war. Trotzdem gelang es ihnen, mit ihrer Europop-Version des Disco-Feelings den Grundstein für eine europäische Version dieses Sounds zu legen. Und nebenbei noch den Hochzeitstanz schlechthin zu schreiben. Wie so oft brauchte es bei ABBA nur ein offenes Ohr und viel, viel harte Arbeit.

7. The Beach Boys – Do It Again

Von Glam Rock bis Disco, die Einflüsse ABBAs sind mannigfaltig. Im Kern aber handelte es sich bei den vieren jedoch immer um eine Pop-Band. Eine, die ihr Handwerk von den Größten des Genres gelernt hat. Dass die Beach Boys mit ihren meisterhaft eingesetzten Harmonien und fortschrittlichen Studioexperimenten eine echte Vorbildfunktion für die schwedische Truppe inne hielten, zeigte sich allein schon im ABBA-Song On And On And On, der Do It Again von den kalifornischen Sunnyboys zitiert. So eindeutig war die Hommage, dass Beach Boy Mike Love den Song wiederum auf seinem Album Looking Back With Love coverte! Dabei aber blieb es keineswegs: ABBA spielten auch andere Songs von Björn Anderssons erklärter Lieblingsband nach, so zum Beispiel Help Me, Rhonda oder Barabara Ann.

Selbst das Ende der Band bedeutete nicht, dass die Leidenschaft für den Beach Boys-Club abklang: Frida Lyngstad interpretierte Wouldn’t It Be Nice unter dem Titel Skulle de va skönt neu. Eine offenkundige Parallele zwischen den Beach Boys und ABBA liegt darin, wie ihre Musik stets aufgenommen wurde: Als unbekümmert und fröhlich sind beide Bands bekannt. Das aber stimmt nicht ganz! „Die Musik von ABBA ist gar nicht so happy“, sagte Andersson. „Sie klingt vielleicht so, auf ganz merkwürdige Art, aber tief drinnen ist es keine fröhliche Musik. Selbst wenn wir wirklich traurig waren, klangen wir immer triumphierend.“ Ähnliches lässt sich auch über die Beach Boys sagen. Deren Überalbum Pet Sounds nämlich war geprägt von den Selbstzweifeln und dunklen Sehnsüchten ihres Masterminds Brian Wilsons. Wirklich tiefgründige Musik muss eben nicht immer traurig klingen.

8. The Beatles – The Long And Winding Road

Nicht allein die Beach Boys, sondern auch deren zeitweilige Quasi-Konkurrenten von den Beatles setzten neue Maßstäbe für Pop-Musik im Allgemeinen und für ABBA im Speziellen. Björn Ulvaeus gab zu Protokoll, dass es der Erfolg der Fab Four war, welcher ihn und Benny Andersson zur gemeinsamen Arbeit anspornte. Als die Beatles 1963 das erste Mal in Skandinavien Gigs spielten, waren Ulvaeus und Andersson zur selben Zeit mit ihren eigenen Projekten auf Ochsentour. Warum die Beatles die beiden Schweden inspirierten, liegt auf der Hand. Die vier Briten bewiesen, dass selbst eine kleine Skiffle-Band ganz groß rauskommen und unerhörte Musik schreiben kann, die von Millionen geliebt wird.

Was Ulvaeus und Andersson vielleicht schon geschmerzt hat, war die ausbleibende Anerkennung seitens der Kritik. Anders als die Beatles konnten ABBA die elitäre Hörerschaft nie wirklich für sich überzeugen. Immerhin aber zeigten sie sich allemal ähnlich abwechslungsreich im Sound! Auch der kommerzielle Erfolg ließ sich sehen. 2013 konnten ABBA stolz verkünden, mit ihrer Great Hits-Compilation Gold den zweiten Platz der in Großbritannien meistverkauften Alben aller Zeiten eingenommen zu haben. Die Beatles, oder besser gesagt ihr Album Sgt. Pepper’s Lonely Heart Club Band, hatten das Nachsehen und rutschten auf den dritten Platz. „Es fühlt sich unwirklich an, dem besten Album aller Zeiten den Rang abzulaufen“, gab ein perplexer Ulvaeus der Presse gegenüber zu. War aber wahr! Die Long And Winding Road von ABBAs Karriere erreichte hier einen kleinen Höhepunkt. À propos: Wusstet ihr, dass Frida Lyngstad den Beatles-Song desselben Namens gecovert, aber nie veröffentlicht hatte? Überzeugt euch selbst!

9. Genesis – Misunderstanding

Moment! Wenn ABBA den zweiten und die Beatles den dritten Platz auf der Liste der meistverkauften Alben im UK einnehmen – wer steht dann auf Nummer eins? Natürlich Queen, deren Greatest Hits unübertroffen bleibt! Ob das die Schwedentruppe wohl jemals einholen wird? Wir werden es sehen. Tatsächlich aber waren ABBA zumindest musikalisch immer ganz nah an den Rock-Bands ihrer Zeit dran. Ihr Polar Music Studio wurde schließlich nicht ohne Grund von Bands wie Genesis und Led Zeppelin genutzt, die dort Alben wie Duke und In Through The Out Door aufnahmen. Frida Lyngstad kollaborierte 2004 sogar mit dem Deep Purple-(Ex-)Mitglied Jon Lord sowie kurz nach dem Ende ABBAs Phil Collins, der 1982 ihr Soloalbum Something’s Going On produzierte. Dem Titelstück der Platte war die Handschrift des Genesis-Drummers von den sterilen Synthesizer-Sounds hin zum kraftvollen Schlagzeug deutlich anzuhören.

Mit Genesis sollten ABBA im Jahr 2010 erneut aufeinander treffen, zumindest Frida und Benny Andersson. Dann nämlich wurden beide Bands gemeinsam mit den Stooges, The Hollies und Jimmy Cliff in die Rock’n’Roll Hall Of Fame aufgenommen. Dabei hatte Collins in seinen Memoiren kein gutes Haar an den ABBA Jungs gelassen und bezeichnete ihren Manager Stig Andersson sogar frank und frei als „Arschloch“. Auweia! Wie das Wiedersehen hinter den Kulissen wohl ablief? Zumindest mit Frida verstand sich der Brite immerhin bestens. Aber vielleicht konnte er der Band ja verklickern, dass es sich bei allem um ein großes Misunderstanding gehandelt habe…? Wir können nur mutmaßen.

10. Yngwie Malmsteen – Gimme Gimme Gimme

Was wir zumindest wissen: Dass ABBA nicht nur mit Rockern zusammengearbeitet haben, sondern auch von ihnen verehrt werden. Selbst der Vollblut-Hardrocker Yngwie Malmsteen nahm sich für ein Cover einen ihrer Songs zur Brust. Gimme! Gimme! Gimme! (A Man After Midnight) lag wegen seines dramatischen Gitarrenbeginns aber auch auf der Hand, oder? Naja, im Grunde ist es schon überraschend, dass sich Malmsteen einen groovenden Euro-Disco-Song schnappte.

Vielleicht aber haben es dem Schweden vor allem die Flöten- und Streicher-Elemente des Stücks angetan, die er in kreischende Gitarrenlicks und schmetternde Chöre übersetzte? Wie kam es denn nun zu dem ungewöhnlichen Tribut kam? „Ich wurde gebeten, einen schwedischen Heavy Metal-Song zu covern“, gab Malmsteen trocken zu Protokoll. „Und ich wollte aber keinen Heavy Metal-Song nehmen und habe stattdessen ein ABBA-Stück ausgewählt. Ich finde, dass es sehr gut geworden ist.“ Wer würde da schon widersprechen? Wir jedenfalls könnten uns an Metal-ABBA gewöhnen!

10 Songs, die es ohne Abba nicht geben würde

Popkultur

Zeitsprung: Am 1.2.1950 kommt Mike Campbell, Gitarrist von Tom Petty, zur Welt.

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Foto: Larry Hulst/Michael Ochs Archives/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 1.2.1950.

von Frank Thießies und Christof Leim

Am 1. Februar 1950 erblickt Mike Campbell das Licht der Welt, der später als Gitarrist, Songschreiber und Produzent Karriere machen sollte. Von seiner emotionalen, stets songdienlichen Saitenarbeit und Kompositionskunst profitierten nicht nur Tom Petty (und die Heartbreakers), sondern auch Rockgrößen wie Stevie Nicks, Roy Orbison, Don Henley und Bob Dylan. Wir gratulieren dem Heartland-Rocker zu seinem heutigen Geburtstag!

Hier könnt ihr euch die größten Hits von Tom Petty And The Heartbreakers anhören:

Kein Versumpfen

1950 in Panama City, Florida geboren und in Jacksonville aufgewachsen, greift Campbell im Alter von 16 Jahren erstmals zur Gitarre. Als Einfluss erweisen sich subtilere Sechs-Saiten-Stars wie Scotty Moore (Elvis Presley), Luther Perkins (Johnny Cashs Tennessee Three) und George Harrison, außerdem hinterlassen Bob Dylans Folk-Verständnis und der psychedelischen Rock der Byrds Eindruck. So geprägt unternimmt Campbell zusammen mit einem gewissen Tom Petty ab Anfang der Siebziger erste ernstzunehmende musikalische Gehversuche. Ihre Band Mudcrutch kann im regionalen Umkreis Erfolge verzeichnen, der Umzug von Florida nach Los Angeles 1974 sowie der erste Plattenvertrag fruchten indes noch nicht so wie zunächst gedacht. Also lösen sich Mudcrutch auf. Aus ihrer Asche entsteht 1976 die Formation Tom Petty And The Heartbreakers. 

Hoch hinaus 

Nach zwei Platten (Tom Petty And The Heartbreakers, You’re Gonna Get It!), die man eher unter „Achtungserfolge“ verbuchen kann, erfolgt für Petty, Campbell und den Rest schließlich 1979 mit dem Album Damn The Torpedos (alles dazu hier) der große Mainstream-Durchbruch. Der von Roots zu Rock bis hin zu Pop schwingende Sound der Band trifft den Massengeschmack und ist Ausdruck eines archetypischen Amerikas zwischen Diners und Sägewerken, Fabriken und Roadhouse Bars. Bis zum Jahre 2014 wird Campbell mit Petty und den Heartbreakers 13 Studioalben aufnehmen und (zuletzt primär) die heimatlichen Bühnen der USA bereisen. 

Dabei ist Bandleader Petty nicht der einzige, der auf Mike Campbells Gitarrentalent und Künste als gelegentlicher Co-Songwriter baut. Mit der stimmgewaltigen Fleetwood-Mac-Magierin Stevie Nicks kollaboriert Campbell seit deren Solodebüt Bella Donna (1981) auf sämtlichen ihrer acht Album-Alleingänge. Ebenso greift der Gitarrist für Building The Perfect Beast (1984)von Don Henley in die Saiten und fungiert zudem als Co-Komponist und -Produzent von dessen Über-Hit The Boys Of Summer.

Der Gaststar

Ab Mitte der Achtziger ist Campbell gerne gesehener Studiogast bei Größen wie Bob Dylan, Roy Orbison und Joe Cocker. Mitte der Neunziger akquiriert ihn Produzent Rick Rubin zusammen mit Petty und den anderen Heartbreakers für Johnny Cashs American-Aufnahmereihe als Begleitband. Doch Campbell fühlt sich nicht nur dem Rock- und Country-Adel (und damit im Laufe seiner Karriere nahezu allen einstigen musikalischen Helden) verpflichtet. Auch die Punklegenden Bad Religion zeigen sich vom musikalischen Minimalismus des Mannes begeistert und laden ihn 2004 und 2010 zu Gastbeiträgen auf jeweils einem Song ein. Oder wie es Bad-Religion-Gitarrist Brett Gurewitz formuliert: „Mike Campbell ist mein Held, auch wenn er es immer peinlich findet, wenn ich das sage. Er mag nicht für seine Soli berühmt sein, aber er spielt einfach immer genau das richtige – genau das, was ein Song braucht.“

Das Leben nach Tom Petty

Das mit Tom Pettys überraschendem Tod am 2. Oktober 2017 zwangsläufig eingeläutete Ende seiner Stammband bricht Mike Campbell wie Heartland-Rock-Fans allerorts das Herz. Umso mehr freut, dass Campbell musikalisch schon bald die Flucht nach vorn antritt. Nachdem er zunächst von 2018 bis 2019 (neben Neil Finn von Crowded House) Fleetwood Macs eigentlichen Leadgitarristen Lindsey Buckingham auf deren Welttournee vertreten hat, zieht es Campbell mit eigener Band zurück ins Rampenlicht. Mit The Dirty Knobs, einer Kapelle, die er schon seit gut 15 Jahren parallel zu seinen Aktivitäten mit den Heartbreakers unterhält, veröffentlicht der Umtriebige am 20. März 2020 das erste Album Wreckless Abandon. Der Sound? Natürlich Roots-geschulter, amerikanischer Classic Rock mit hochmelodischer Sechziger-Pop-Sensibilität. Wobei Campbell sowohl am Mikro als auch optisch in Pettys Fußstapfen zu treten scheint. 

Damit bleibt uns, dem Gitarristen an seinem Ehrentag alles erdenklich Gute sowie noch eine ganze Reihe an weiteren musikalischen Höhenflügen zu wünschen!

Zeitsprung: Am 23.5.1979 geht Tom Petty pleite — absichtlich.

 

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Popkultur

Zeitsprung: Am 31.1.1970 werden Grateful Dead in New Orleans verhaftet.

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Grateful Dead Jerry Garcia
Foto: Kypros/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 31.1.1970.

von Bolle Selke und Christof Leim

1970 nehmen die Grateful Dead eine wichtige Rolle in der US-amerikanischen Gegenkultur ein. Vielleicht verhaftet sie „das Establishment“ deswegen am 31. Januar in New Orleans. Vielleicht wurden auch tatsächlich Drogen gefunden. Fest steht: Die Erfahrung inspiriert die Musiker zu einer Strophe ihres Kultsongs Truckin‘.

Hier könnt ihr euch American Beauty von Grateful Dead anhören:

Mardi Gras, Bourbon Street, der Blues – seinen Ruf als entspannte und lockere Stadt hat New Orleans den Beinamen „The Big Easy“ (etwa Die große Unbeschwertheit“) eingebracht. Umso überraschter dürften Grateful Dead gewesen sein, als die Polizei am 31. Januar 1970 eine Razzia in ihrem Hotel durchführt und fast die komplette Band wegen Drogenbesitzes festnimmt.

Eine abgekartete Sache“

Nach dem ersten von zwei geplanten Auftritten im The Warehouse mit der Vorgruppe Fleetwood Mac kehrt Bandleader Jerry Garcia mit seinen Mitmusiker und der Crew ins Hotel zurück – und wird von der Polizei erwartet. Fast die gesamte Reisegruppe wird auf der Stelle verhaftet. Manager Lenny Hart erzählt die Geschichte kurz nach der Verhaftung dem Rolling Stone: „Das war schon eigenartig. Es roch nach einer abgekarteten Sache. Denn die Bullen haben bereits gewartet, als die Band vom Konzert zurückkam. Die Polizisten hatten einen Haftbefehl, und sie hatten die Hotelzimmer schon durchsucht. Bei keinem der Leute wurde etwas gefunden außer den Sachen, für die es Rezepte gab. Alles, was die Beamten aufgespürt haben wollen, soll bereits im Hotel gewesen sein, aber keiner der Band weiß, woher das Zeug stammt. Es war nicht ihr Stoff. Grateful Dead sind normalerweise sehr cool und vorsichtig.“

Grateful Dead

Trinken halt nicht nur Früchtetee: Grateful Dead circa 1970 (Foto: Robert Altman/Michael Ochs Archives/Getty Images)

Nun sind Jamrocker aus Kalifornien nicht gerade dafür bekannt, nur Früchtetee zu trinken. Dass die ins Visier der Behörden geraten, überrascht niemanden. Allerdings wollen die Polizisten es den Musikern besonders schwer machen: Sie fesseln Band und Crew mit Handschellen aneinander und lassen sie für Pressefotos vor dem Gebäude Parade stehen. Hart meint: „Die Cops genossen es, ihr Ding durchzuziehen. Am Ende mussten die Verhafteten acht Stunden im Gefängnis verbringen. Obwohl die Kaution sofort da war, wurden sie so lange belästigt. “

„Acid-König festgenommen“

Alle 19 Personen, die bei der Razzia erwischt werden, fangen sich eine Anklage wegen Besitzes von Marihuana, LSD, Barbituraten, Amphetaminen oder anderer verbotener Substanzen ein. Das kann damals in Louisiana zu einer Strafe von fünf bis 15 Jahren Gefängnis führen. Keine Kleinigkeit also. Die Behörden nageln  die komplette Band samt Crew und einigen lokalen Helfern fest – nur die Keyboarder Ron „Pigpen“ McKernan und Tom Constanten, die keine Drogen nehmen, kommen davon. Allerdings lässt dieser Vorfall für die beiden das Faß zum Überlaufen bringen: Kurz darauf reichen sie ihre Kündigungen ein. Bonuspunkte sammelt die Polizei von New Orleans durch die Festnahme von Owsley Stanley, damals nicht nur Techniker der Gruppe, sondern auch ein bekannter LSD-Produzent. „Acid-König festgenommen!“ prahlen die lokalen Zeitungen.

„Hippies. Oh Junge!“

Ganz überraschend kommt das harte Vorgehen nicht: Bereits ein paar Wochen früher hatten die befreundeten Jefferson Airplane Ähnliches erlebt, als sie auf Tour im selben Hotel weilten. Grateful Dead wurden entsprechend schon bei der Ankunft am Flughafen gewarnt, dass sie Probleme bekommen könnten. All dies gibt der Band das Gefühl, übers Ohr gehauen worden zu sein. Jerry Garcia selbst sagt dazu: „Sie hatten großen Spaß mit uns, die Südstaaten-Cops. Sie hatten genau das, was sie wollten: Hippies. Oh Junge!“

Hier könnt ihr das Statement von Jerry Garcia dazu anhören:

Nachdem die langhaarige Reisegruppe die Kaution von 37.500 Dollar hinterlegt hat, immerhin die gesamte Gage des Abends, geht ihnen das Geld aus. Also spielen sie eine zusätzliche Show in New Orleans und überreden Fleetwood Mac, ebenfalls zu bleiben. Die zusätzlichen Einnahmen helfen bei den Rechtskosten auf. Die meisten Anklagen werden schließlich fallengelassen, aber der Vorfall wird für alle Ewigkeit im Song Truckin‘ festgehalten, einem der erfolgreichsten Grateful-Dead-Stücke:

„Busted, down on Bourbon Street / Set up, like a bowlin’ pin / Knocked down, it gets to wearin’ thin / They just won’t let you be, no.“

Zeitsprung: Am 19.3.1919 verlangt ein Axtmörder Live-Jazz in New Orleans.

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Popkultur

55 Jahre „White Light/White Heat“: The Velvet Underground auf Speed

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The Velvet Underground
Foto: Michael Ochs Archives/Getty Images

Auf ihrem zweiten Album zeigten sich The Velvet Underground von ihrer experimentierfreudigsten Seite; sogar noch stärker als auf ihrem legendären Debüt. Doch der avantgardistische Ansatz von Multiinstrumentalist John Cale stieß in der Band nicht nur auf Gegenliebe. Nach White Light/White Heat musste er gehen.

von Timon Menge

Hier könnt ihr euch White Light/White Heat von The Velvet Underground anhören:

Mit ihrem bahnbrechenden Debütalbum leisteten The Velvet Underground und die Kölner Sängerin Nico einen unabdingbaren Beitrag zur Geschichte der Rockmusik. Doch schon kurz nach der Veröffentlichung kam es zum Streit. Die Verkaufszahlen blieben hinter den Erwartungen der Gruppe zurück; als Folge musste Manager und Produzent Andy Warhol gehen. Auch Nico nahm ihren Hut und und schlug den Weg als Solokünstlerin ein. The Velvet Underground bestanden fortan aus Songschreiber Lou Reed, Klangexzentriker John Cale sowie aus der Rhythmusabteilung mit Sterling Morrison und Maureen Tucker. An den Schiebereglern im Studio saß nur noch Tom Wilson, der für das Debüt noch mit Warhol zusammengearbeitet hatte. Doch trotz aller Widrigkeiten setzt die Band ihren Weg fort. In unserer heutigen Geschichte endet das mit einer Kündigung.

White Light/White Heat: The Velvet Underground auf Speed (buchstäblich)

Es dauert nur wenige Monate, bis das neue Line-up zum ersten Mal gemeinsam im Studio steht, um das zweite Album von The Velvet Underground aufzunehmen. Diesmal geht es noch ein wenig experimenteller zur Sache. Die Gruppe orientiert sich an ihrem Live-Sound, der dank Musikgenie John Cale von reichlich Improvisation und Punk-Attitüde geprägt ist. Letzterer ebnen The Velvet Underground den Weg, ebenso wie dem Noise Rock, denn Ende der Sechziger ist beides noch nicht existent. Inhaltlich ändert sich nicht viel: Lou Reed und Co. widmen sich Themen wie Sex, Transvestitismus und Drogen. Was Rauschmittel betrifft, stehen diesmal Amphetamine im Vordergrund, deren aufputschende Wirkung im Slang auch „White Heat“ genannt wird. Um Heroin geht es aber auch.

Besonders präsent ist der 17-minütige Song Sister Ray, den Lou Reed und seine Mitstreiter*innen in nur einem einzigen Take aufnehmen. Über den Inhalt sagt Reed: „Es kommen acht Charaktere darin vor, ein Typ wird umgebracht, und niemand unternimmt etwas. Der Text basiert auf einer Geschichte von Ausschweifung und Verfall. Ich mag die Vorstellung, dass Sister Ray ein transvestitischer Heroinhändler ist. Es geht um einen Haufen Dragqueens, die ein paar Matrosen mit nach Hause nehmen, sich zudröhnen und gerade eine Orgie feiern, als die Polizei auftaucht.“ Toningenieur Gary Kellgren hat während der Aufnahme nach einigen Minuten genug und verlässt das Studio mit den Worten: „Sagt mir Bescheid, wenn ihr fertig seid.“

Andy Warhol ist doch wieder mit von der Partie

Als Manager und Produzent hatten The Velvet Underground ihren ehemaligen Kollegen Andy Warhol zwar vor die Tür gesetzt, doch am Artwork wirkt die Popart-Legende auch dieses Mal mit. So handelt es sich bei dem auf dem Cover abgebildeten Totenkopf um ein Tattoo von Joe Spencer, dem Hauptdarsteller aus Warhols Film Bike Boy. Warhol ist es, der das Motiv vorschlägt; Reed sucht anschließend das passendste Negativ aus der Bike Boy-Filmrolle aus. Die weitere Bearbeitung übernimmt ein Herr namens Billy Name, der zu Warhols legendärer Factory gehört. Ein alternatives Cover aus Großbritannien zeigt 1971 einige leuchtend weiße Spielzeugsoldaten, doch dieses Motiv hatten The Velvet Underground nie abgesegnet.

Musikhistorisch betrachtet gehört White Light/White Heat zu den wichtigsten Platten, wenn es um die Entwicklung des Punk und des Noise geht. Das liegt nicht zuletzt an John Cales klangexperimenteller Herangehensweise, die White Light/White Heat ganz schön sperrig wirken lässt. Lou Reed und der Rest der Band wünschen sich allerdings einen poppigeren Sound. Genau ein Jahr nach den Aufnahmesessions setzen sie Cale vor die Tür, holen stattdessen Doug Yule an Bord und nehmen die Arbeit an ihrem dritten Album The Velvet Underground auf. Der wichtigste Leitfaden: Die Platte soll keine zweite White Light/White Heat werden. Das ist The Velvet Underground gelungen. Doch diese Geschichte erzählen wir an einem anderen Tag.

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„The Velvet Underground & Nico“: Avantgardistische Bewusstseinserweitung

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