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Popkultur

Die musikalische DNA von Björk

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Björk, das wissen viele gar nicht, kommt überhaupt nicht aus Island. Weil Island zu dieser Erde gehört und Björk nur unserem Weltall entstammen kann. Ist doch klar, oder? Aber Spaß beiseite. Kaum ein Popstar hat sich dermaßen allen Konventionen entgegen gestemmt und ist dabei so konsequent geblieben wie Björk. Von Anfang an war sie neugierig, visionär und unabhängig und hat sich das bis heute erhalten. Vor allem aber hat sie die vielleicht schönsten, intimsten und manchmal, ja, verstörendsten Songs aller Zeiten geschrieben.

Hört euch hier die besten Songs von Björk an und lest weiter:

Was Björk von vielen anderen unterscheidet, ist ihre Kollaborationsfreude. Aufgewachsen in einer Kommune, fing sie zuerst in Punk-Bands an, bevor sie mit den Sugarcubes weltbekannt wurde. Im Laufe ihrer Solokarriere holt sie sich wieder und wieder spannende Figuren aus der Welt der elektronischen Musik ins Studio. Immer schon musste sie sich allerdings dagegen wehren, in ihrer Rolle als Produzentin unterschätzt zu werden: „Auf Vespertine zum Beispiel habe ich 80 Prozent der Beats geschrieben und Matmos kamen erst gegen Ende der Aufnahmen hinzu“, sagte sie in einem Interview. „80 Prozents meines Schreibprozesses geschieht komplett allein. Ich schreibe draußen meine Melodien und am Computer produziere ich viel. Das ist sehr eigenbrötlerisch, aber ich mag das so.“

Obwohl Björk also oftmals nicht für ihre Verdienste als Produzentin anerkannt wurde, so hält sie sich dennoch nie mit Lob gegenüber ihren eigenen Idolen zurück. Der Avantgarde-Komponist Karlheinz Stockhausen, die Band Kraftwerk, der Ambient-Pionier Brian Eno und der verstorbene Techno-Produzent Mark Bell nennt sie ebenso als Haupteinflüsse wie die Komponistin Meredith Monk, das Jazz-Genie Sun Ra oder Philip Glass. Mit einem Blick auf Björks musikalische DNA zeigt sich uns ein noch wesentlich breiteres Spektrum. So manches davon klingt wie Björk: nicht von dieser Welt…

1. Tina Charles – I Love To Love

Von wegen Debut: Das dem Titel nach erste Album Björks war eigentlich ihr zweites. Warum sie ihre eigentliche Debüt-LP allerdings nur ungern als solche ansieht, wird mit Blick auf den Hintergrund schnell klar. Im Jahr 1976 – gerade erst zehn Jahre alt war sie – sang Björk Guðmundsdóttir bei einer Schulaufführung den funkigen Schlager I Love To Love von Tina Charles. Ihre Lehrer schickten eine Aufnahme davon an die örtliche (und zu dieser Zeit auf der Insel: einzige) Radiostation.

Nachdem das Tina Charles-Cover der kleinen Künstlerin über den isländischen Äther gefunkt wurde, bot ihr das Label Fálkinn prompt einen Plattenvertrag an. Im Dezember 1977 erschien Björk kurz nach dem zwölften Geburtstag der Sängerin, die darauf Songs von unter anderem den Beatles und Stevie Wonder auf ihrer Muttersprache interpretierte. Obwohl sich Björk selbst von diesen juvenilen ersten Gehversuchen distanziert, handelt es sich bei der Platte um ein seltenes Sammlerstück, von dem zahlreiche Bootlegs kursieren. Wer die Platte gehört hat, weiß, dass es sich dabei keinesfalls um ein Highlight der Musikgeschichte handelt. Das einzigartige Stimmtalent der jungen Sängerin wird darauf allerdings schon mehr als deutlich.

2. Joni Mitchell – The Boho Dance

Dass Björk ihr Talent zu kultivieren begann und sich selbst als Songwriterin versuchte, kann vor allem einer Frau zugeschrieben werden. Nein, nicht ihrer Mutter! Denn die unterstützte die Tochter zwar redlich, hatte aber nicht den passenden Geschmack. Nach der Scheidung ihrer Eltern zog die junge Björk gemeinsam mit ihr in eine Kommune in Reykjavík, wo vor allem Hippie-Musik und Rock von Jimi Hendrix, Eric Clapton oder Deep Purple auf dem Programm stand. Björk gefiel das aber überhaupt nicht. Eine geistesverwandte Künstlerin fand sie stattdessen in Joni Mitchell, die ihrer Aussage nach in Island überhaupt nicht als die Hippie-Ikone bekannt war, als die sie international gehandelt wurde.

Mitchell wurde stattdessen zu Björks ganz persönliche feministische Ikone. „Die meiste Musik dieser Zeit wurde von Männern gemacht und die wenigen Songwriterinnen hatten auf der Bühne ebenfalls Männer hinter sich stehen“, erinnerte sie sich in einem ihrer seltenen Interviews. „Im Vergleich dazu schuf Joni ihr eigenes musikalisches Universum mit einem weiblichen Grundton, einer weiblichen Energie und Weisheit, Mut und Einbildungskraft. Ich fand das sehr befreiend.“ Kein Wunder, dass sie Mitchell noch heute neben Sängerinnen wie Abida Parveen oder Chaka Khan als Vorbild nennt und ihr 2007 eine Coverversion des Songs The Boho Dance widmete. Ein Song voller Gefühl, Energie, Weisheit, Mut und Einbildungskraft.

3. The Slits – So Tough

Dass sich die aufstrebende Künstlerin selbst im liberalen Umfeld einer Hippie-Kommune noch eingeengt fühlte, sagt viel über ihren kreativen Freiheitsdrang aus. Kein Wunder, dass die Punk-Bewegung für sie wie ein Segen kam. Statt Flowerpower lautete der Schlachtruf der Teenagerin „No Future!“. Der Soundtrack dazu war divers: Auch New Wave- und Post-Punk-Gruppen wie Sixouxsie and the Banshees, Wire, Joy Division und Killing Joke fanden sich später in ihrem Plattenregal. Dass sie im Geiste von Punk ihre eigenen Bands gründete, war da kaum weiter verwunderlich. Ihre erste hieß Spit and Snot und umfasste ausschließlich weibliche Mitglieder.

Einer der Haupteinflüsse des rebellierenden Backfischs waren zweifelsohne die Slits. Als Punk-Band der ersten Stunde standen sie für eine dezidiert weibliche Revolution gegen den Rock-Chauvinismus der siebziger Jahre ein. Nicht nur die rohe, unpolierte Energie ihrer legendären Peel Sessions wird Björk damals aus der Seele gesprochen haben. Auch die wilden Experimente der Band im Verlauf der achtziger Jahre waren in jeglicher Hinsicht vorbildlich. Björk selbst wechselte schon bald zu unter anderem einer Jazz Fusion-Band und dem Projekt Gott, das sich bald in Kukl umbenennen sollte. Hier perfektionierte sie ihren markanten Gesangsstil, in dem ihre Punkvergangenheit bis heute nachhallt.

4. Kate Bush – Sat In Your Lap

Die Folk-Ikone auf der einen Seite, die Punks von den Slits auf der anderen: Nein, an weiblichen Stifterfiguren mangelte es Björk keinesfalls. Eine vielleicht noch revolutionärere oder zumindest visionärere Musikerin fand sie indes in Kate Bush. Der Einfluss der Britin, deren Album The Dreaming Björk neben Steve Reichs Tehillim, Nicos Desertshore und anderen einmal als eines ihrer liebsten bezeichnete, machte sich jedoch nur schleichend in ihrem Leben bemerkbar. „Was ich vielleicht mehr und mehr verstehe, derweil ich älter werde, ist, dass Musik wie die von Kate Bush mich sehr beeinflusst hat“, gab sie 2015 zu Protokoll.

Im selben Jahr huldigte sie der Kollegin im Rahmen eines überraschenden DJ-Sets bei der Geburtstagsfeier des New Yorker Indie-Labels Tri Angle damit, die Vocals von Lord of the Reedy River – seinerseits als B-Seite der The Dreaming-Single Sat In Your Lap erschienen – mit den krachigen, esoterischen Sounds ihrer Protegés Arca und Lotic zu mixen. Eine ungewöhnliche Kombination in dem Set, welches sie scherzhaft als ihr „tune-tinder“ bezeichnete. Damit machte sie aber auf eine oft übersehene Traditionslinie aufmerksam: Kate Bush hat nicht nur als Songwriterin mit Konventionen gebrochen, sondern auf Alben wie Hounds Of Love als eine der ersten Pop-Sängerinnen ungewöhnliche elektronische Experimente veranstaltet.

5. 808 State – Magical Dream (feat. Vanessa Daou)

Elektronische Musik, ob nun von Pionieren wie Karlheinz Stockhausen oder Brian Eno, wurden im Laufe der achtziger Jahre für die Isländerin immer wichtiger. Ende des Jahrzehnts wurde der ursprünglich in der US-amerikanischen Stadt Chicago entwickelte Acid House-Sound nach England importiert. Und dort bildete sich in rasender Zeit eine Szene, welche die Dance Music für immer verändern sollte. Das kam auch in Island an, wo Björk – zu dieser Zeit Sängerin der Band Sugarcubes und selbst auf dem Weg, eine international gefeierte Musikerin zu werden – die psychedelischen Klänge begierig aufsog.

808 State aus Manchester gehörten zu Pionieren der Acid House-Bewegung in Großbritannien. Benannt nach der legendären Roland-Drummachine TR-808, veröffentlichten sie nach ihrer Debüt-LP Newbuild aus dem Jahr 1988 zwei Jahre später ihre wohl bekannteste Platte, 90. Dass sich ihre Musik, obwohl sie auf den Dancefloor von Clubs wie der legendären Hacienda zugeschnitten war, noch gut mit Vocals vereinbaren ließ, zeigte der Opener Magical Dream, über den die Sängerin Vanessa Daou mit entrückter Stimme von luziden Träumereien berichtete. Nichts gegen Daou, aber wir mögen Björks eigene Beiträge zu 808 State-Tracks wie Oops dann doch lieber.

6. Massive Attack – Blue Lines

Acid House war einer der stilistischen Eckpunkte von Björks (zweitem) Debütalbum Debut, das 1993 erschien. Als „die einzige Form von Pop-Musik, die wahrhaft modern ist“, beschrieb sie damals die virile Dance Musik-Szene. Kein Wunder, dass sich Graham Massey von 808 State nicht lang bitten ließen, als Björk ihn für die Aufnahmen ihres Zweitwerks Post zu sich ins Studio holen wollte. Er war indes nicht der einzige, der seinen kreativen Input beisteuern durfte. Auch Massive Attack-Produzent Nellee Hooper war dabei. Ebenso Tricky, welcher der Bristolischen Band 1991 seine Stimme für den Titeltrack ihres Debüts Blue Lines geliehen hatte, waren dabei.

Massive Attack waren die Speerspitze eines neuen Sounds, der heute unter dem Namen Trip Hop bekannt ist. Im Niemandsland zwischen Hip Hop, Dub, verkifftem Jazz und Pop angesiedelt, war der Sound des Projekts dem von Björk geistesverwandt. Schon auf ihrem Debütalbum hatte Björk mit Hooper zusammengearbeitet und mit seiner Hilfe ihren ersten großen Hit gelandet: Human Behaviour. Und ihre Beschäftigung mit dem damals noch jungen Genre bewies, dass Björk sensibel auf neue Trends oder besser gesagt musikalische Innovationen reagierte. Denn um Trends hat sie sich noch nie geschert. Schließlich ging es Björk immer schon um nichts weniger als die Zukunft.

7. LFO – LFO (Leeds Warehouse Mix)

Denn Zukunft, das bedeutete in Björks musikalischem Kosmos schon immer: unbegrenzte Freiheit. Derweil sich Trip Hop vor allem als Soundtrack für verräucherte Sonntagnachmittage auf der heimischen Couch anbot, beschäftigte sie sich auch weiterhin mit der Clubmusik ihrer Zeit. Mitte der neunziger Jahre soll sich die Musikerin in Londoner Clubs die Nächte auf Raves um die Ohren geschlagen haben. Der futuristische Sound dieser Zeit wurde maßgeblich von Projekten wie LFO geprägt, deren Mitglied Mark Bell zu einem der engsten musikalischen Vertrauen und größten Inspirationsquellen Björks werden sollte.

Der 2014 verstorbene Produzent war auch an den Aufnahmen von Homogenic beteiligt, mit dem Björk eine krasse Zäsur unter ihr bisheriges Schaffen setzte. Abstrakter und visionärer klang sie zuvor nie. Auch dank Bell, der beispielsweise dem Song Jóga seinen unheimlichen Charakter verlieh. Die mächtigen Noise-Kaskaden, die darauf mit denen von Björk selbst geschriebenen Streicherpassagen einen beeindruckenden Kontrast erschufen, stammten aus seiner Feder. Derweil Songs wie All Is Full Of Love insbesondere des ikonischen Videos wegen noch relativ Pop-kompatibel waren, so klang Jóga im wahrsten Sinne des Wortes Avantgarde, soll heißen: seiner Zeit weit voraus.

8. Antony and the Johnsons – You Are My Sister

Jóga wie auch andere Songs von Homogenic und dessen Nachfolger Vespertine lebten von dem kontrastreichen Miteinander von futuristischen elektronischen Klängen und akustischen Elementen. Es ist genau diese Mischung aus Techno-Optimismus und menschlicher, manchmal sogar allzumenschlicher Intimität, die Björks Musik und ihre gesamte künstlerische Vision ausmacht. Zentral dabei war immer schon ihre Stimme, die zwischen sanftem Flüstern und gepresstem Kreischen alle emotionalen Facetten auslotete. Mit Medúlla setzte sie ihrem Hauptinstrument ein überwältigendes Denkmal: Fast das komplette Album ist a capella produziert worden.

Neben Einflüssen aus der modernen klassischen Musik und Beatboxing sowie ethnischen, polyphonen Gesangsformen finden sich darauf auch Gäste wie Robert Wyatt, Mike Patton und Tanya Tagaq versammelt. 2007 folgte mit Volta ein eher klassisches Björk-Album, auf dem ebenso eine ganze besondere Stimme zu hören war. Anohni – damals noch vor allem durch die Arbeit mit Antony and the Johnsons bekannt – sang auf zwei Stücken mit und kehrte auch 2015 für die Aufnahmen von Vulnicura zurück, nachdem Björk wiederum auf dem Antony and the Johnsons-Album Swanlights zu Gast war. Sie sei sehr eingeschüchtert gewesen, gab Anohni zu, als sie Björk das erste Mal traf. Mittlerweile aber verbindet die beiden ein enges Band – weit über die Musik hinaus. Schwestern im Geiste, quasi.

9. Arca – Urchin

Die vielleicht engste und intimste Zusammenarbeit bisher allerdings durfte Björk eigenen Aussagen zufolge mit Arca erleben. Alejandro Ghersi ist wohl einer der unverhofftesten Shooting Stars der letzten Jahre. Seine Karriere begann er wie Björk schon zu Teenage-Zeiten. In Caracas, der Hauptstadt seines Heimatlands Venezuela, macht er sich als Nuuro einen Namen, benannte sich aber bald um und veröffentlichte 2012 erstmals unter dem neuen Pseudonym seine von Hip Hop und avantgardistischen Soundexperimenten beeinflusste Musik. Das rief Kanye West auf den Plan, der Rest ist mittlerweile bekannt. FKA Twigs, Kelela und eben auch Björk schwören auf die Produzentenqualitäten des eigensinnigen Arcas.

Björk beschreibt ihr Verhältnis zu dem wesentlich jüngeren Ghersi als „die stärkste musikalische Beziehung“, die sie jemals erleben durfte. „Es ist eine Form von Synergie, in der zwei Menschen ihr Ego verlieren“. Neben anderen Newcomern wie Lotic und The Haxan Cloak war Arca an der Produktion ihres Albums Vulnicura beteiligt, begleitete sie auf der dazugehörigen Tour und kehrte für ihr 2017 erscheinendes Album Utopia hinter die Regler zurück. „Das letzte Album haben wir als Hölle bezeichnet“, sagte Björk zu der Platte, die sie selbst als ihr „Tinder-Album“ bezeichnete. „Deswegen geht es jetzt ins Paradies. Utopia!“ Denn wenn die beiden schon gemeinsam die Hölle durchlaufen haben, dürfen sie danach ja wohl die Freuden des guten Lebens zusammen genießen.

10. Radiohead – Everything In Its Right Place

Natürlich gebe es noch mehr über Björk zu erzählen. Und umso mehr über die Musik, die sie im Laufe ihrer Karriere beeinflusst hat. Das ist doch das Tolle an ihr: Dass sie alle Kategorien sprengt. Genauso schwierig würde es sich gestalten, die Spuren zu vermessen, die Björk selbst in der Musikgeschichte hinterlassen hat. Wer kann allen Ernstes sagen, nicht auf die eine oder andere Art von ihr inspiriert worden zu sein? Eben: eigentlich niemand. Und zu den Fans der Isländerin gehören selbst Künstler*innen und Bands, die ihrerseits als große Erneuerer in die Popgeschichte eingingen. Beispielsweise Radiohead, die parallel zu Björk ähnlich radikal mit den Konventionen brachen.

Sänger Thom Yorke bezeichnete Björks Unravel von ihrem dritten Album Homogenic als „einen der schönsten Songs“, die er „je gehört hat“ und war auch sonst voller Bewunderung für die Kollegin. Schließlich kam es im Jahr 2000 zu einer legendären Kollaboration zwischen den beiden. Für den Soundtrack zum Film Dancer In The Dark mit Björk in der Hauptrolle sangen sie das Duett I’ve Seen It All ein und wurden dafür sogar für einen Oscar nominiert. Wie so häufig im Laufe ihrer Karriere entsprang bei Björk aus gegenseitigem Respekt eine kreative Beziehung – von der sich im Übrigen so manche mehr wünschten: Knapp 2000 Menschen haben eine augenzwinkernde Petition unterschrieben, in der die beiden aufgefordert werden, auf ein Date zu gehen

Björk – 10 ikonische Momente ihrer Karriere

 

Popkultur

Zeitsprung: Am 1.2.1950 kommt Mike Campbell, Gitarrist von Tom Petty, zur Welt.

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Foto: Larry Hulst/Michael Ochs Archives/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 1.2.1950.

von Frank Thießies und Christof Leim

Am 1. Februar 1950 erblickt Mike Campbell das Licht der Welt, der später als Gitarrist, Songschreiber und Produzent Karriere machen sollte. Von seiner emotionalen, stets songdienlichen Saitenarbeit und Kompositionskunst profitierten nicht nur Tom Petty (und die Heartbreakers), sondern auch Rockgrößen wie Stevie Nicks, Roy Orbison, Don Henley und Bob Dylan. Wir gratulieren dem Heartland-Rocker zu seinem heutigen Geburtstag!

Hier könnt ihr euch die größten Hits von Tom Petty And The Heartbreakers anhören:

Kein Versumpfen

1950 in Panama City, Florida geboren und in Jacksonville aufgewachsen, greift Campbell im Alter von 16 Jahren erstmals zur Gitarre. Als Einfluss erweisen sich subtilere Sechs-Saiten-Stars wie Scotty Moore (Elvis Presley), Luther Perkins (Johnny Cashs Tennessee Three) und George Harrison, außerdem hinterlassen Bob Dylans Folk-Verständnis und der psychedelischen Rock der Byrds Eindruck. So geprägt unternimmt Campbell zusammen mit einem gewissen Tom Petty ab Anfang der Siebziger erste ernstzunehmende musikalische Gehversuche. Ihre Band Mudcrutch kann im regionalen Umkreis Erfolge verzeichnen, der Umzug von Florida nach Los Angeles 1974 sowie der erste Plattenvertrag fruchten indes noch nicht so wie zunächst gedacht. Also lösen sich Mudcrutch auf. Aus ihrer Asche entsteht 1976 die Formation Tom Petty And The Heartbreakers. 

Hoch hinaus 

Nach zwei Platten (Tom Petty And The Heartbreakers, You’re Gonna Get It!), die man eher unter „Achtungserfolge“ verbuchen kann, erfolgt für Petty, Campbell und den Rest schließlich 1979 mit dem Album Damn The Torpedos (alles dazu hier) der große Mainstream-Durchbruch. Der von Roots zu Rock bis hin zu Pop schwingende Sound der Band trifft den Massengeschmack und ist Ausdruck eines archetypischen Amerikas zwischen Diners und Sägewerken, Fabriken und Roadhouse Bars. Bis zum Jahre 2014 wird Campbell mit Petty und den Heartbreakers 13 Studioalben aufnehmen und (zuletzt primär) die heimatlichen Bühnen der USA bereisen. 

Dabei ist Bandleader Petty nicht der einzige, der auf Mike Campbells Gitarrentalent und Künste als gelegentlicher Co-Songwriter baut. Mit der stimmgewaltigen Fleetwood-Mac-Magierin Stevie Nicks kollaboriert Campbell seit deren Solodebüt Bella Donna (1981) auf sämtlichen ihrer acht Album-Alleingänge. Ebenso greift der Gitarrist für Building The Perfect Beast (1984)von Don Henley in die Saiten und fungiert zudem als Co-Komponist und -Produzent von dessen Über-Hit The Boys Of Summer.

Der Gaststar

Ab Mitte der Achtziger ist Campbell gerne gesehener Studiogast bei Größen wie Bob Dylan, Roy Orbison und Joe Cocker. Mitte der Neunziger akquiriert ihn Produzent Rick Rubin zusammen mit Petty und den anderen Heartbreakers für Johnny Cashs American-Aufnahmereihe als Begleitband. Doch Campbell fühlt sich nicht nur dem Rock- und Country-Adel (und damit im Laufe seiner Karriere nahezu allen einstigen musikalischen Helden) verpflichtet. Auch die Punklegenden Bad Religion zeigen sich vom musikalischen Minimalismus des Mannes begeistert und laden ihn 2004 und 2010 zu Gastbeiträgen auf jeweils einem Song ein. Oder wie es Bad-Religion-Gitarrist Brett Gurewitz formuliert: „Mike Campbell ist mein Held, auch wenn er es immer peinlich findet, wenn ich das sage. Er mag nicht für seine Soli berühmt sein, aber er spielt einfach immer genau das richtige – genau das, was ein Song braucht.“

Das Leben nach Tom Petty

Das mit Tom Pettys überraschendem Tod am 2. Oktober 2017 zwangsläufig eingeläutete Ende seiner Stammband bricht Mike Campbell wie Heartland-Rock-Fans allerorts das Herz. Umso mehr freut, dass Campbell musikalisch schon bald die Flucht nach vorn antritt. Nachdem er zunächst von 2018 bis 2019 (neben Neil Finn von Crowded House) Fleetwood Macs eigentlichen Leadgitarristen Lindsey Buckingham auf deren Welttournee vertreten hat, zieht es Campbell mit eigener Band zurück ins Rampenlicht. Mit The Dirty Knobs, einer Kapelle, die er schon seit gut 15 Jahren parallel zu seinen Aktivitäten mit den Heartbreakers unterhält, veröffentlicht der Umtriebige am 20. März 2020 das erste Album Wreckless Abandon. Der Sound? Natürlich Roots-geschulter, amerikanischer Classic Rock mit hochmelodischer Sechziger-Pop-Sensibilität. Wobei Campbell sowohl am Mikro als auch optisch in Pettys Fußstapfen zu treten scheint. 

Damit bleibt uns, dem Gitarristen an seinem Ehrentag alles erdenklich Gute sowie noch eine ganze Reihe an weiteren musikalischen Höhenflügen zu wünschen!

Zeitsprung: Am 23.5.1979 geht Tom Petty pleite — absichtlich.

 

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Zeitsprung: Am 31.1.1970 werden Grateful Dead in New Orleans verhaftet.

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Grateful Dead Jerry Garcia
Foto: Kypros/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 31.1.1970.

von Bolle Selke und Christof Leim

1970 nehmen die Grateful Dead eine wichtige Rolle in der US-amerikanischen Gegenkultur ein. Vielleicht verhaftet sie „das Establishment“ deswegen am 31. Januar in New Orleans. Vielleicht wurden auch tatsächlich Drogen gefunden. Fest steht: Die Erfahrung inspiriert die Musiker zu einer Strophe ihres Kultsongs Truckin‘.

Hier könnt ihr euch American Beauty von Grateful Dead anhören:

Mardi Gras, Bourbon Street, der Blues – seinen Ruf als entspannte und lockere Stadt hat New Orleans den Beinamen „The Big Easy“ (etwa Die große Unbeschwertheit“) eingebracht. Umso überraschter dürften Grateful Dead gewesen sein, als die Polizei am 31. Januar 1970 eine Razzia in ihrem Hotel durchführt und fast die komplette Band wegen Drogenbesitzes festnimmt.

Eine abgekartete Sache“

Nach dem ersten von zwei geplanten Auftritten im The Warehouse mit der Vorgruppe Fleetwood Mac kehrt Bandleader Jerry Garcia mit seinen Mitmusiker und der Crew ins Hotel zurück – und wird von der Polizei erwartet. Fast die gesamte Reisegruppe wird auf der Stelle verhaftet. Manager Lenny Hart erzählt die Geschichte kurz nach der Verhaftung dem Rolling Stone: „Das war schon eigenartig. Es roch nach einer abgekarteten Sache. Denn die Bullen haben bereits gewartet, als die Band vom Konzert zurückkam. Die Polizisten hatten einen Haftbefehl, und sie hatten die Hotelzimmer schon durchsucht. Bei keinem der Leute wurde etwas gefunden außer den Sachen, für die es Rezepte gab. Alles, was die Beamten aufgespürt haben wollen, soll bereits im Hotel gewesen sein, aber keiner der Band weiß, woher das Zeug stammt. Es war nicht ihr Stoff. Grateful Dead sind normalerweise sehr cool und vorsichtig.“

Grateful Dead

Trinken halt nicht nur Früchtetee: Grateful Dead circa 1970 (Foto: Robert Altman/Michael Ochs Archives/Getty Images)

Nun sind Jamrocker aus Kalifornien nicht gerade dafür bekannt, nur Früchtetee zu trinken. Dass die ins Visier der Behörden geraten, überrascht niemanden. Allerdings wollen die Polizisten es den Musikern besonders schwer machen: Sie fesseln Band und Crew mit Handschellen aneinander und lassen sie für Pressefotos vor dem Gebäude Parade stehen. Hart meint: „Die Cops genossen es, ihr Ding durchzuziehen. Am Ende mussten die Verhafteten acht Stunden im Gefängnis verbringen. Obwohl die Kaution sofort da war, wurden sie so lange belästigt. “

„Acid-König festgenommen“

Alle 19 Personen, die bei der Razzia erwischt werden, fangen sich eine Anklage wegen Besitzes von Marihuana, LSD, Barbituraten, Amphetaminen oder anderer verbotener Substanzen ein. Das kann damals in Louisiana zu einer Strafe von fünf bis 15 Jahren Gefängnis führen. Keine Kleinigkeit also. Die Behörden nageln  die komplette Band samt Crew und einigen lokalen Helfern fest – nur die Keyboarder Ron „Pigpen“ McKernan und Tom Constanten, die keine Drogen nehmen, kommen davon. Allerdings lässt dieser Vorfall für die beiden das Faß zum Überlaufen bringen: Kurz darauf reichen sie ihre Kündigungen ein. Bonuspunkte sammelt die Polizei von New Orleans durch die Festnahme von Owsley Stanley, damals nicht nur Techniker der Gruppe, sondern auch ein bekannter LSD-Produzent. „Acid-König festgenommen!“ prahlen die lokalen Zeitungen.

„Hippies. Oh Junge!“

Ganz überraschend kommt das harte Vorgehen nicht: Bereits ein paar Wochen früher hatten die befreundeten Jefferson Airplane Ähnliches erlebt, als sie auf Tour im selben Hotel weilten. Grateful Dead wurden entsprechend schon bei der Ankunft am Flughafen gewarnt, dass sie Probleme bekommen könnten. All dies gibt der Band das Gefühl, übers Ohr gehauen worden zu sein. Jerry Garcia selbst sagt dazu: „Sie hatten großen Spaß mit uns, die Südstaaten-Cops. Sie hatten genau das, was sie wollten: Hippies. Oh Junge!“

Hier könnt ihr das Statement von Jerry Garcia dazu anhören:

Nachdem die langhaarige Reisegruppe die Kaution von 37.500 Dollar hinterlegt hat, immerhin die gesamte Gage des Abends, geht ihnen das Geld aus. Also spielen sie eine zusätzliche Show in New Orleans und überreden Fleetwood Mac, ebenfalls zu bleiben. Die zusätzlichen Einnahmen helfen bei den Rechtskosten auf. Die meisten Anklagen werden schließlich fallengelassen, aber der Vorfall wird für alle Ewigkeit im Song Truckin‘ festgehalten, einem der erfolgreichsten Grateful-Dead-Stücke:

„Busted, down on Bourbon Street / Set up, like a bowlin’ pin / Knocked down, it gets to wearin’ thin / They just won’t let you be, no.“

Zeitsprung: Am 19.3.1919 verlangt ein Axtmörder Live-Jazz in New Orleans.

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55 Jahre „White Light/White Heat“: The Velvet Underground auf Speed

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The Velvet Underground
Foto: Michael Ochs Archives/Getty Images

Auf ihrem zweiten Album zeigten sich The Velvet Underground von ihrer experimentierfreudigsten Seite; sogar noch stärker als auf ihrem legendären Debüt. Doch der avantgardistische Ansatz von Multiinstrumentalist John Cale stieß in der Band nicht nur auf Gegenliebe. Nach White Light/White Heat musste er gehen.

von Timon Menge

Hier könnt ihr euch White Light/White Heat von The Velvet Underground anhören:

Mit ihrem bahnbrechenden Debütalbum leisteten The Velvet Underground und die Kölner Sängerin Nico einen unabdingbaren Beitrag zur Geschichte der Rockmusik. Doch schon kurz nach der Veröffentlichung kam es zum Streit. Die Verkaufszahlen blieben hinter den Erwartungen der Gruppe zurück; als Folge musste Manager und Produzent Andy Warhol gehen. Auch Nico nahm ihren Hut und und schlug den Weg als Solokünstlerin ein. The Velvet Underground bestanden fortan aus Songschreiber Lou Reed, Klangexzentriker John Cale sowie aus der Rhythmusabteilung mit Sterling Morrison und Maureen Tucker. An den Schiebereglern im Studio saß nur noch Tom Wilson, der für das Debüt noch mit Warhol zusammengearbeitet hatte. Doch trotz aller Widrigkeiten setzt die Band ihren Weg fort. In unserer heutigen Geschichte endet das mit einer Kündigung.

White Light/White Heat: The Velvet Underground auf Speed (buchstäblich)

Es dauert nur wenige Monate, bis das neue Line-up zum ersten Mal gemeinsam im Studio steht, um das zweite Album von The Velvet Underground aufzunehmen. Diesmal geht es noch ein wenig experimenteller zur Sache. Die Gruppe orientiert sich an ihrem Live-Sound, der dank Musikgenie John Cale von reichlich Improvisation und Punk-Attitüde geprägt ist. Letzterer ebnen The Velvet Underground den Weg, ebenso wie dem Noise Rock, denn Ende der Sechziger ist beides noch nicht existent. Inhaltlich ändert sich nicht viel: Lou Reed und Co. widmen sich Themen wie Sex, Transvestitismus und Drogen. Was Rauschmittel betrifft, stehen diesmal Amphetamine im Vordergrund, deren aufputschende Wirkung im Slang auch „White Heat“ genannt wird. Um Heroin geht es aber auch.

Besonders präsent ist der 17-minütige Song Sister Ray, den Lou Reed und seine Mitstreiter*innen in nur einem einzigen Take aufnehmen. Über den Inhalt sagt Reed: „Es kommen acht Charaktere darin vor, ein Typ wird umgebracht, und niemand unternimmt etwas. Der Text basiert auf einer Geschichte von Ausschweifung und Verfall. Ich mag die Vorstellung, dass Sister Ray ein transvestitischer Heroinhändler ist. Es geht um einen Haufen Dragqueens, die ein paar Matrosen mit nach Hause nehmen, sich zudröhnen und gerade eine Orgie feiern, als die Polizei auftaucht.“ Toningenieur Gary Kellgren hat während der Aufnahme nach einigen Minuten genug und verlässt das Studio mit den Worten: „Sagt mir Bescheid, wenn ihr fertig seid.“

Andy Warhol ist doch wieder mit von der Partie

Als Manager und Produzent hatten The Velvet Underground ihren ehemaligen Kollegen Andy Warhol zwar vor die Tür gesetzt, doch am Artwork wirkt die Popart-Legende auch dieses Mal mit. So handelt es sich bei dem auf dem Cover abgebildeten Totenkopf um ein Tattoo von Joe Spencer, dem Hauptdarsteller aus Warhols Film Bike Boy. Warhol ist es, der das Motiv vorschlägt; Reed sucht anschließend das passendste Negativ aus der Bike Boy-Filmrolle aus. Die weitere Bearbeitung übernimmt ein Herr namens Billy Name, der zu Warhols legendärer Factory gehört. Ein alternatives Cover aus Großbritannien zeigt 1971 einige leuchtend weiße Spielzeugsoldaten, doch dieses Motiv hatten The Velvet Underground nie abgesegnet.

Musikhistorisch betrachtet gehört White Light/White Heat zu den wichtigsten Platten, wenn es um die Entwicklung des Punk und des Noise geht. Das liegt nicht zuletzt an John Cales klangexperimenteller Herangehensweise, die White Light/White Heat ganz schön sperrig wirken lässt. Lou Reed und der Rest der Band wünschen sich allerdings einen poppigeren Sound. Genau ein Jahr nach den Aufnahmesessions setzen sie Cale vor die Tür, holen stattdessen Doug Yule an Bord und nehmen die Arbeit an ihrem dritten Album The Velvet Underground auf. Der wichtigste Leitfaden: Die Platte soll keine zweite White Light/White Heat werden. Das ist The Velvet Underground gelungen. Doch diese Geschichte erzählen wir an einem anderen Tag.

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„The Velvet Underground & Nico“: Avantgardistische Bewusstseinserweitung

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