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Popkultur

Die musikalische DNA von Björk

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Björk, das wissen viele gar nicht, kommt überhaupt nicht aus Island. Weil Island zu dieser Erde gehört und Björk nur unserem Weltall entstammen kann. Ist doch klar, oder? Aber Spaß beiseite. Kaum ein Popstar hat sich dermaßen allen Konventionen entgegen gestemmt und ist dabei so konsequent geblieben wie Björk. Von Anfang an war sie neugierig, visionär und unabhängig und hat sich das bis heute erhalten. Vor allem aber hat sie die vielleicht schönsten, intimsten und manchmal, ja, verstörendsten Songs aller Zeiten geschrieben.

Hört euch hier die besten Songs von Björk an und lest weiter:

Was Björk von vielen anderen unterscheidet, ist ihre Kollaborationsfreude. Aufgewachsen in einer Kommune, fing sie zuerst in Punk-Bands an, bevor sie mit den Sugarcubes weltbekannt wurde. Im Laufe ihrer Solokarriere holt sie sich wieder und wieder spannende Figuren aus der Welt der elektronischen Musik ins Studio. Immer schon musste sie sich allerdings dagegen wehren, in ihrer Rolle als Produzentin unterschätzt zu werden: „Auf Vespertine zum Beispiel habe ich 80 Prozent der Beats geschrieben und Matmos kamen erst gegen Ende der Aufnahmen hinzu“, sagte sie in einem Interview. „80 Prozents meines Schreibprozesses geschieht komplett allein. Ich schreibe draußen meine Melodien und am Computer produziere ich viel. Das ist sehr eigenbrötlerisch, aber ich mag das so.“

Obwohl Björk also oftmals nicht für ihre Verdienste als Produzentin anerkannt wurde, so hält sie sich dennoch nie mit Lob gegenüber ihren eigenen Idolen zurück. Der Avantgarde-Komponist Karlheinz Stockhausen, die Band Kraftwerk, der Ambient-Pionier Brian Eno und der verstorbene Techno-Produzent Mark Bell nennt sie ebenso als Haupteinflüsse wie die Komponistin Meredith Monk, das Jazz-Genie Sun Ra oder Philip Glass. Mit einem Blick auf Björks musikalische DNA zeigt sich uns ein noch wesentlich breiteres Spektrum. So manches davon klingt wie Björk: nicht von dieser Welt…

1. Tina Charles – I Love To Love

Von wegen Debut: Das dem Titel nach erste Album Björks war eigentlich ihr zweites. Warum sie ihre eigentliche Debüt-LP allerdings nur ungern als solche ansieht, wird mit Blick auf den Hintergrund schnell klar. Im Jahr 1976 – gerade erst zehn Jahre alt war sie – sang Björk Guðmundsdóttir bei einer Schulaufführung den funkigen Schlager I Love To Love von Tina Charles. Ihre Lehrer schickten eine Aufnahme davon an die örtliche (und zu dieser Zeit auf der Insel: einzige) Radiostation.

Nachdem das Tina Charles-Cover der kleinen Künstlerin über den isländischen Äther gefunkt wurde, bot ihr das Label Fálkinn prompt einen Plattenvertrag an. Im Dezember 1977 erschien Björk kurz nach dem zwölften Geburtstag der Sängerin, die darauf Songs von unter anderem den Beatles und Stevie Wonder auf ihrer Muttersprache interpretierte. Obwohl sich Björk selbst von diesen juvenilen ersten Gehversuchen distanziert, handelt es sich bei der Platte um ein seltenes Sammlerstück, von dem zahlreiche Bootlegs kursieren. Wer die Platte gehört hat, weiß, dass es sich dabei keinesfalls um ein Highlight der Musikgeschichte handelt. Das einzigartige Stimmtalent der jungen Sängerin wird darauf allerdings schon mehr als deutlich.

2. Joni Mitchell – The Boho Dance

Dass Björk ihr Talent zu kultivieren begann und sich selbst als Songwriterin versuchte, kann vor allem einer Frau zugeschrieben werden. Nein, nicht ihrer Mutter! Denn die unterstützte die Tochter zwar redlich, hatte aber nicht den passenden Geschmack. Nach der Scheidung ihrer Eltern zog die junge Björk gemeinsam mit ihr in eine Kommune in Reykjavík, wo vor allem Hippie-Musik und Rock von Jimi Hendrix, Eric Clapton oder Deep Purple auf dem Programm stand. Björk gefiel das aber überhaupt nicht. Eine geistesverwandte Künstlerin fand sie stattdessen in Joni Mitchell, die ihrer Aussage nach in Island überhaupt nicht als die Hippie-Ikone bekannt war, als die sie international gehandelt wurde.

Mitchell wurde stattdessen zu Björks ganz persönliche feministische Ikone. „Die meiste Musik dieser Zeit wurde von Männern gemacht und die wenigen Songwriterinnen hatten auf der Bühne ebenfalls Männer hinter sich stehen“, erinnerte sie sich in einem ihrer seltenen Interviews. „Im Vergleich dazu schuf Joni ihr eigenes musikalisches Universum mit einem weiblichen Grundton, einer weiblichen Energie und Weisheit, Mut und Einbildungskraft. Ich fand das sehr befreiend.“ Kein Wunder, dass sie Mitchell noch heute neben Sängerinnen wie Abida Parveen oder Chaka Khan als Vorbild nennt und ihr 2007 eine Coverversion des Songs The Boho Dance widmete. Ein Song voller Gefühl, Energie, Weisheit, Mut und Einbildungskraft.

3. The Slits – So Tough

Dass sich die aufstrebende Künstlerin selbst im liberalen Umfeld einer Hippie-Kommune noch eingeengt fühlte, sagt viel über ihren kreativen Freiheitsdrang aus. Kein Wunder, dass die Punk-Bewegung für sie wie ein Segen kam. Statt Flowerpower lautete der Schlachtruf der Teenagerin „No Future!“. Der Soundtrack dazu war divers: Auch New Wave- und Post-Punk-Gruppen wie Sixouxsie and the Banshees, Wire, Joy Division und Killing Joke fanden sich später in ihrem Plattenregal. Dass sie im Geiste von Punk ihre eigenen Bands gründete, war da kaum weiter verwunderlich. Ihre erste hieß Spit and Snot und umfasste ausschließlich weibliche Mitglieder.

Einer der Haupteinflüsse des rebellierenden Backfischs waren zweifelsohne die Slits. Als Punk-Band der ersten Stunde standen sie für eine dezidiert weibliche Revolution gegen den Rock-Chauvinismus der siebziger Jahre ein. Nicht nur die rohe, unpolierte Energie ihrer legendären Peel Sessions wird Björk damals aus der Seele gesprochen haben. Auch die wilden Experimente der Band im Verlauf der achtziger Jahre waren in jeglicher Hinsicht vorbildlich. Björk selbst wechselte schon bald zu unter anderem einer Jazz Fusion-Band und dem Projekt Gott, das sich bald in Kukl umbenennen sollte. Hier perfektionierte sie ihren markanten Gesangsstil, in dem ihre Punkvergangenheit bis heute nachhallt.

4. Kate Bush – Sat In Your Lap

Die Folk-Ikone auf der einen Seite, die Punks von den Slits auf der anderen: Nein, an weiblichen Stifterfiguren mangelte es Björk keinesfalls. Eine vielleicht noch revolutionärere oder zumindest visionärere Musikerin fand sie indes in Kate Bush. Der Einfluss der Britin, deren Album The Dreaming Björk neben Steve Reichs Tehillim, Nicos Desertshore und anderen einmal als eines ihrer liebsten bezeichnete, machte sich jedoch nur schleichend in ihrem Leben bemerkbar. „Was ich vielleicht mehr und mehr verstehe, derweil ich älter werde, ist, dass Musik wie die von Kate Bush mich sehr beeinflusst hat“, gab sie 2015 zu Protokoll.

Im selben Jahr huldigte sie der Kollegin im Rahmen eines überraschenden DJ-Sets bei der Geburtstagsfeier des New Yorker Indie-Labels Tri Angle damit, die Vocals von Lord of the Reedy River – seinerseits als B-Seite der The Dreaming-Single Sat In Your Lap erschienen – mit den krachigen, esoterischen Sounds ihrer Protegés Arca und Lotic zu mixen. Eine ungewöhnliche Kombination in dem Set, welches sie scherzhaft als ihr „tune-tinder“ bezeichnete. Damit machte sie aber auf eine oft übersehene Traditionslinie aufmerksam: Kate Bush hat nicht nur als Songwriterin mit Konventionen gebrochen, sondern auf Alben wie Hounds Of Love als eine der ersten Pop-Sängerinnen ungewöhnliche elektronische Experimente veranstaltet.

5. 808 State – Magical Dream (feat. Vanessa Daou)

Elektronische Musik, ob nun von Pionieren wie Karlheinz Stockhausen oder Brian Eno, wurden im Laufe der achtziger Jahre für die Isländerin immer wichtiger. Ende des Jahrzehnts wurde der ursprünglich in der US-amerikanischen Stadt Chicago entwickelte Acid House-Sound nach England importiert. Und dort bildete sich in rasender Zeit eine Szene, welche die Dance Music für immer verändern sollte. Das kam auch in Island an, wo Björk – zu dieser Zeit Sängerin der Band Sugarcubes und selbst auf dem Weg, eine international gefeierte Musikerin zu werden – die psychedelischen Klänge begierig aufsog.

808 State aus Manchester gehörten zu Pionieren der Acid House-Bewegung in Großbritannien. Benannt nach der legendären Roland-Drummachine TR-808, veröffentlichten sie nach ihrer Debüt-LP Newbuild aus dem Jahr 1988 zwei Jahre später ihre wohl bekannteste Platte, 90. Dass sich ihre Musik, obwohl sie auf den Dancefloor von Clubs wie der legendären Hacienda zugeschnitten war, noch gut mit Vocals vereinbaren ließ, zeigte der Opener Magical Dream, über den die Sängerin Vanessa Daou mit entrückter Stimme von luziden Träumereien berichtete. Nichts gegen Daou, aber wir mögen Björks eigene Beiträge zu 808 State-Tracks wie Oops dann doch lieber.

6. Massive Attack – Blue Lines

Acid House war einer der stilistischen Eckpunkte von Björks (zweitem) Debütalbum Debut, das 1993 erschien. Als „die einzige Form von Pop-Musik, die wahrhaft modern ist“, beschrieb sie damals die virile Dance Musik-Szene. Kein Wunder, dass sich Graham Massey von 808 State nicht lang bitten ließen, als Björk ihn für die Aufnahmen ihres Zweitwerks Post zu sich ins Studio holen wollte. Er war indes nicht der einzige, der seinen kreativen Input beisteuern durfte. Auch Massive Attack-Produzent Nellee Hooper war dabei. Ebenso Tricky, welcher der Bristolischen Band 1991 seine Stimme für den Titeltrack ihres Debüts Blue Lines geliehen hatte, waren dabei.

Massive Attack waren die Speerspitze eines neuen Sounds, der heute unter dem Namen Trip Hop bekannt ist. Im Niemandsland zwischen Hip Hop, Dub, verkifftem Jazz und Pop angesiedelt, war der Sound des Projekts dem von Björk geistesverwandt. Schon auf ihrem Debütalbum hatte Björk mit Hooper zusammengearbeitet und mit seiner Hilfe ihren ersten großen Hit gelandet: Human Behaviour. Und ihre Beschäftigung mit dem damals noch jungen Genre bewies, dass Björk sensibel auf neue Trends oder besser gesagt musikalische Innovationen reagierte. Denn um Trends hat sie sich noch nie geschert. Schließlich ging es Björk immer schon um nichts weniger als die Zukunft.

7. LFO – LFO (Leeds Warehouse Mix)

Denn Zukunft, das bedeutete in Björks musikalischem Kosmos schon immer: unbegrenzte Freiheit. Derweil sich Trip Hop vor allem als Soundtrack für verräucherte Sonntagnachmittage auf der heimischen Couch anbot, beschäftigte sie sich auch weiterhin mit der Clubmusik ihrer Zeit. Mitte der neunziger Jahre soll sich die Musikerin in Londoner Clubs die Nächte auf Raves um die Ohren geschlagen haben. Der futuristische Sound dieser Zeit wurde maßgeblich von Projekten wie LFO geprägt, deren Mitglied Mark Bell zu einem der engsten musikalischen Vertrauen und größten Inspirationsquellen Björks werden sollte.

Der 2014 verstorbene Produzent war auch an den Aufnahmen von Homogenic beteiligt, mit dem Björk eine krasse Zäsur unter ihr bisheriges Schaffen setzte. Abstrakter und visionärer klang sie zuvor nie. Auch dank Bell, der beispielsweise dem Song Jóga seinen unheimlichen Charakter verlieh. Die mächtigen Noise-Kaskaden, die darauf mit denen von Björk selbst geschriebenen Streicherpassagen einen beeindruckenden Kontrast erschufen, stammten aus seiner Feder. Derweil Songs wie All Is Full Of Love insbesondere des ikonischen Videos wegen noch relativ Pop-kompatibel waren, so klang Jóga im wahrsten Sinne des Wortes Avantgarde, soll heißen: seiner Zeit weit voraus.

8. Antony and the Johnsons – You Are My Sister

Jóga wie auch andere Songs von Homogenic und dessen Nachfolger Vespertine lebten von dem kontrastreichen Miteinander von futuristischen elektronischen Klängen und akustischen Elementen. Es ist genau diese Mischung aus Techno-Optimismus und menschlicher, manchmal sogar allzumenschlicher Intimität, die Björks Musik und ihre gesamte künstlerische Vision ausmacht. Zentral dabei war immer schon ihre Stimme, die zwischen sanftem Flüstern und gepresstem Kreischen alle emotionalen Facetten auslotete. Mit Medúlla setzte sie ihrem Hauptinstrument ein überwältigendes Denkmal: Fast das komplette Album ist a capella produziert worden.

Neben Einflüssen aus der modernen klassischen Musik und Beatboxing sowie ethnischen, polyphonen Gesangsformen finden sich darauf auch Gäste wie Robert Wyatt, Mike Patton und Tanya Tagaq versammelt. 2007 folgte mit Volta ein eher klassisches Björk-Album, auf dem ebenso eine ganze besondere Stimme zu hören war. Anohni – damals noch vor allem durch die Arbeit mit Antony and the Johnsons bekannt – sang auf zwei Stücken mit und kehrte auch 2015 für die Aufnahmen von Vulnicura zurück, nachdem Björk wiederum auf dem Antony and the Johnsons-Album Swanlights zu Gast war. Sie sei sehr eingeschüchtert gewesen, gab Anohni zu, als sie Björk das erste Mal traf. Mittlerweile aber verbindet die beiden ein enges Band – weit über die Musik hinaus. Schwestern im Geiste, quasi.

9. Arca – Urchin

Die vielleicht engste und intimste Zusammenarbeit bisher allerdings durfte Björk eigenen Aussagen zufolge mit Arca erleben. Alejandro Ghersi ist wohl einer der unverhofftesten Shooting Stars der letzten Jahre. Seine Karriere begann er wie Björk schon zu Teenage-Zeiten. In Caracas, der Hauptstadt seines Heimatlands Venezuela, macht er sich als Nuuro einen Namen, benannte sich aber bald um und veröffentlichte 2012 erstmals unter dem neuen Pseudonym seine von Hip Hop und avantgardistischen Soundexperimenten beeinflusste Musik. Das rief Kanye West auf den Plan, der Rest ist mittlerweile bekannt. FKA Twigs, Kelela und eben auch Björk schwören auf die Produzentenqualitäten des eigensinnigen Arcas.

Björk beschreibt ihr Verhältnis zu dem wesentlich jüngeren Ghersi als „die stärkste musikalische Beziehung“, die sie jemals erleben durfte. „Es ist eine Form von Synergie, in der zwei Menschen ihr Ego verlieren“. Neben anderen Newcomern wie Lotic und The Haxan Cloak war Arca an der Produktion ihres Albums Vulnicura beteiligt, begleitete sie auf der dazugehörigen Tour und kehrte für ihr 2017 erscheinendes Album Utopia hinter die Regler zurück. „Das letzte Album haben wir als Hölle bezeichnet“, sagte Björk zu der Platte, die sie selbst als ihr „Tinder-Album“ bezeichnete. „Deswegen geht es jetzt ins Paradies. Utopia!“ Denn wenn die beiden schon gemeinsam die Hölle durchlaufen haben, dürfen sie danach ja wohl die Freuden des guten Lebens zusammen genießen.

10. Radiohead – Everything In Its Right Place

Natürlich gebe es noch mehr über Björk zu erzählen. Und umso mehr über die Musik, die sie im Laufe ihrer Karriere beeinflusst hat. Das ist doch das Tolle an ihr: Dass sie alle Kategorien sprengt. Genauso schwierig würde es sich gestalten, die Spuren zu vermessen, die Björk selbst in der Musikgeschichte hinterlassen hat. Wer kann allen Ernstes sagen, nicht auf die eine oder andere Art von ihr inspiriert worden zu sein? Eben: eigentlich niemand. Und zu den Fans der Isländerin gehören selbst Künstler*innen und Bands, die ihrerseits als große Erneuerer in die Popgeschichte eingingen. Beispielsweise Radiohead, die parallel zu Björk ähnlich radikal mit den Konventionen brachen.

Sänger Thom Yorke bezeichnete Björks Unravel von ihrem dritten Album Homogenic als „einen der schönsten Songs“, die er „je gehört hat“ und war auch sonst voller Bewunderung für die Kollegin. Schließlich kam es im Jahr 2000 zu einer legendären Kollaboration zwischen den beiden. Für den Soundtrack zum Film Dancer In The Dark mit Björk in der Hauptrolle sangen sie das Duett I’ve Seen It All ein und wurden dafür sogar für einen Oscar nominiert. Wie so häufig im Laufe ihrer Karriere entsprang bei Björk aus gegenseitigem Respekt eine kreative Beziehung – von der sich im Übrigen so manche mehr wünschten: Knapp 2000 Menschen haben eine augenzwinkernde Petition unterschrieben, in der die beiden aufgefordert werden, auf ein Date zu gehen

Björk – 10 ikonische Momente ihrer Karriere

 

Popkultur

Zeitsprung: Am 16.8.1994 gedenkt Neil Young Kurt Cobain.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 16.8.1994.

von Thilo Hornschild und Christof Leim

Es muss ein beklemmendes Gefühl sein, in einem Abschiedsbrief zitiert zu werden. Vor allem, wenn ihn Kurt Cobain geschrieben hat, die wohl wichtigste amerikanische Pop-Ikone der Neunziger. Der Sänger, Gitarrist und Songschreiber von Nirvana nimmt sich am 5. April 1994 das Leben – und fügt seiner letzten Botschaft eine Zeile aus Neil Youngs Stück Hey Hey, My My hinzu: „It’s better to burn out than to fade away“. Dieses tragische Ereignis fällt zeitlich in die Produktion von Youngs zwanzigstem Album Sleeps With Angels und beeinflusst den Kurs der Platte maßgeblich.

Hier könnt ihr euch Sleeps With Angels anhören:

 

Musikalisch gerät das Werk recht vielseitig: Vom ätherischen Jam bis zum One-Chord-Rocker zelebriert Young eine klassische Crazy-Horse-Platte. Nebenbei spielt er hier übrigens zum ersten und einzigen Mal Blockflöte. Thematisch fasst er sich allerdings enger, es geht immer wieder um Tod, Selbstmord und Waffen. Interessanterweise lebt Cobain bei der Entstehung der meisten Stücke noch.

Neil Young Anfang der Neunziger – Foto: Greg Allen

Dann erreicht Young die Schocknachricht: „Als er gestorben ist und diesen Brief hinterlassen hat“, berichtet der damals 49-jährige Musiker, „hat mich das tief berührt.“ Tatsächlich stand die Albumproduktion schon kurz vor dem Abschluss, doch dann fliegt Young – während eines Prominenten-Golfturniers – ein Song zu, mit dem er Cobains unzeitiges Ableben zu verarbeiten versucht. Er notiert ihn auf einem Streichholzheftchen: 

He wasn’t worried / At least he wasn’t alone (too late)

He sleeps with angels (too soon) / He’s always on someone’s mind

He sleeps with angels (too late) / He sleeps with angels (too soon)

Am 25. April 1994 nimmt Young den Song in den Complex Studios in Hollywood auf. In typischer Crazy-Horse-Manier entsteht ein wüster Jam von 21 Minuten Länge, der schlussendlich auf 2:44 Min heruntergebrochen und zum Titeltrack des Albums erkoren wird.

Natürlich konnte der kanadische Rocker nicht übersehen, dass mit Cobain etwas nicht stimmte. Neben der öffentlichen Drogensucht, chronischen Magenschmerzen, einem rigiden Tourplan und einer ziemlich exzentrischen Gattin litt der Nirvana-Kopf unter schweren Depressionen, die Songtiteln wie I Hate Myself And I Want To Die eine erschreckende Note verleihen. Wie Young in seiner Autobiografie Waging Heavy Peace verrät, hatte er versucht, Cobain eine andere Perspektive zu vermitteln, ihm den Druck zu nehmen und geraten, nur zu spielen, wenn ihm danach war. (In diesem Interview spricht er darüber.)

Generell zementiert Young auf Sleeps With Angels, der siebten Platte mit den treuen Begleitern von Crazy Horse, seine Patenschaft über die Grunge-Bewegung. Denn Neil Young ist immer schon ein Querdenker gewesen, ein Künstler, der kompromisslos auf seine innere Stimme vertraute. Diese Haltung lässt ihn bei den jungen Musikern gut aussehen; er steht für Integrität und kreativ-dreckiges Gitarrenspiel. 

Sleeps With Angels bildet hier keine Ausnahme und hält alles parat, was man von Neil Young hören möchte. Dazu gehören auch Eigensinnigkeiten wie Tatsache, dass Train Of Love und Western Hero zwar unterschiedliche Texte haben, aber musikalisch völlig identisch ausfallen. Daneben wabert sich das wunderbare Change Your Mind eine Viertelstunde lang meditativ durch hallschwangere Sphären, Piece Of Crap kommt tatsächlich punkig daher und könnte von den Minutemen oder den Meat Puppets stammen.

Es mutet schon bizarr an, dass eine veritable Laurel-Canyon-Hippie-Legende wie Young die Punk-Bewegung mit offenen Armen empfängt, hätte er doch in gewisser Weise durchaus ihr Feindbild verkörpern können. Doch Neil Young schlägt immer einen Haken, wenn es ihm zu eng wird, und zieht hellwach sein eigenes Ding durch. Und es scheint, als wolle er auch nach Sleeps With Angels weiter aufarbeiten, dass er Kurt Cobain nicht helfen konnte: 1995 geht er mit Pearl Jam ins Studio, um Mirrorball einzuspielen. Damit hat der sture Genre-Hopper nun auch noch ein reines Grunge-Album in seiner ohnehin schon eklektischen Diskografie. Sleeps With Angels mag man als Vorstufe davon verstehen.

Depressiv? Hier bekommst du Hilfe: Wenn du selbst depressiv bist oder Selbstmordgedanken hast, kontaktiere bitte umgehend die Telefonseelsorge (www.telefonseelsorge.de). Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhältst du Hilfe von Beratern, die dir Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen können.

Zeitsprung: Am 14.5.1969 erscheint „Everybody Knows This Is Nowhere“ von Neil Young.

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Eine Lektion in Live-Rock: Wie Deep Purple mit „Made In Japan“ einen Volltreffer landeten

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Deep Purple
Titelfoto: Koh Hasebe/Shinko Music/Getty Images

Als Deep Purple am 9. August 1972 in Japan landen, um ihre erste Tour im „Land der aufgehenden Sonne“ zu spielen, wissen die Briten noch nicht, dass sie in den nächsten Tagen eins der legendärsten Live-Alben aller Zeiten einspielen werden. Im Gegenteil: Sie wehren sich sogar ein bisschen dagegen.

von Timon Menge

Hier könnt ihr euch Made In Japan anhören:

Eigentlich möchten Deep Purple gar kein Live-Album veröffentlichen. Doch als die Briten am 15. August 1972 zum ersten Mal in Japan auftreten, lassen sie sich von ihrer Plattenfirma zu einem Mitschnitt überreden. Die Band stellt ein paar Bedingungen: Die Musiker möchten das Equipment selbst aussuchen, genau wie den Produzenten. Außerdem verlangen sie ein Vetorecht, was die Veröffentlichung der fertigen Aufnahmen betrifft. Drei Shows an drei Tagen spielen Deep Purple in ihrer Mark-II-Besetzung — und dabei entsteht nicht weniger als eins der beliebtesten Hard-Rock-Live-Alben aller Zeiten. Doch beginnen wir vorne.

Im Sommer 1972 haben Deep Purple den Rockolymp längst erklommen. Mit Alben wie Deep Purple In Rock (1970), Fireball (1971) und Machine Head (1972) konnte das Mark-II-Line-up drei rockgeschichtsträchtige Platten veröffentlichen. Sowohl in ihrer britischen Heimat als auch in Deutschland und den USA gelangen den Musikern herausragende Erfolge. Sogar in Japan kommen Deep Purple hervorragend an und landen gleich mehrere Hit-Singles in dem ostasiatischen Staat. Kein Wunder also, dass die Briten ins Flugzeug steigen und eine kleine Japan-Tour in Angriff nehmen. Innerhalb kürzester Zeit ist die Konzertreise ausverkauft — und das Label kommt auf eine Idee.

Made In Japan: Das erste Hard-Rock-Live-Album von Deep Purple

Mit Concerto For Group And Orchestra((LINK)) hatten Deep Purple 1969 zwar bereits ein Live-Album veröffentlicht, doch klassischen Hard Rock gibt es auf der Platte nicht zu hören. Den ersten Aufenthalt in Japan möchte Warner Bros. Records deshalb nutzen, um ein Konzert der britischen Band mitzuschneiden. Deep Purple haben daran zunächst wenig Interesse, lassen sich aber überreden und engagieren für die Aufnahmen ihren damaligen Stammproduzenten Martin Birch. Sieben Stücke erscheinen schließlich auf Made In Japan. Von der ersten Show in Osaka am 15. August schafft es nur ein einziger Song auf das Live-Album: Smoke On The Water.

Die restlichen Aufnahmen für Made In Japan entstehen in den beiden Folgetagen in Osaka und Tokio und weichen teils stark von den Studioversionen ab. So nehmen sich Deep Purple für das Stück Space Truckin’ fast 20 Minuten Zeit, während die Variante auf Machine Head keine fünf Minuten dauert. Lazy verlängern die Briten immerhin um mehr als drei Minuten. Überhaupt: Made In Japan lebt davon, dass Deep Purple auf dem Album der ganzen Welt zeigen, dass sie deutlich mehr drauf haben, als nur wiederzugeben, was sie im Studio einspielen. Ob Ritchie Blackmores Virtuosität an der Gitarre oder das faszinierende Orgelspiel von Tastenzauberer Jon Lord: Deep Purple können.

Deep Purple auf dem Höhepunkt ihres Könnens

Zunächst soll Made In Japan ausschließlich in Japan erscheinen und genau davon gehen Deep Purple auch bis zum Schluss aus. Zum Mix erscheinen nur Bassist Roger Glover und Schlagzeuger Ian Paice; der Rest der Band nimmt sich frei. Die Plattenfirma nimmt es mit ihrem Wort allerdings nicht ganz so genau und veröffentlicht Made In Japan entgegen der Abmachung weltweit. Innerhalb kürzester Zeit erobert das Album den Planeten, landet in vielen Ländern unter den Top 10 und spielt sich mitten ins Herz der allermeisten Krachmusikliebhaber*innen. Keyboarder Jon Lord soll später über die Platte sagen: „Die Band war damals auf dem Höhepunkt ihres Könnens.“ Und das glauben wir ihm sofort.

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Tourstress, ein Casinobrand und das nahende Ende von Mark II: Wie Deep Purple unter widrigsten Umständen ihre legendärste Platte “Machine Head” ablieferten

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Zeitsprung: Am 15.8.1969 beginnt das Woodstock-Festival.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 15.8.1969.

von Timon Menge und Christof Leim

Was sich vom 15. bis zum 18. August 1969 im amerikanischen Ort Bethel im Staat New York zugetragen hat, gilt als die Mutter aller Festivals. Mehr als 400.000 Zuschauer strömen während jener vier Tage auf das Woodstock-Gelände, doppelt so viele, wie erwartet. Auf der Bühne zelebrieren Musiker wie Jimi Hendrix und Creedence Clearwater Revival die Hippiekultur — und läuten gleichzeitig ihr Ende ein.

Hier könnt ihr euch einige Auftritte von Woodstock anschauen und anhören:

Der offizielle Name der Veranstaltung lautet Woodstock Music & Art Fair resents An Aquarius Exhibition – 3 Days of Peace & Music. Das Line-Up umfasst hochkarätige Künstler wie Joan Baez, Santana, Grateful Dead, Creedence Clearwater Revival, Janis Joplin, The Who, Jefferson Airplane, Joe Cocker und zum krönenden Abschluss Jimi Hendrix. Immer wieder Mittelpunkt: die Hippiekultur auf ihrem Zenit sowie ausschweifende Kritik am tobenden Vietnamkrieg. So verewigt sich Hendrix beispielsweise mit seiner ganz eigenen Version der US-Nationalhymne in den Musikgeschichtsbüchern.

Entgegen dem Mythos, es habe sich um ein unkommerzielles Friedensfestival gehandelt, verfolgen die Woodstock-Veranstalter vor allem monetäre Interessen. Das äußert sich auch in zahlreichen organisatorischen Missständen, die den Verlauf des Events zwar erschweren, letztlich aber nicht an ihrem Legendenstatus kratzen. Trotz aller Widrigkeiten behält die Welt Woodstock bis heute nicht nur für den ausschweifenden Konsum von Mittelchen wie LSD und Marihuana im Gedächtnis, sondern vor allem für die friedliche Stimmung.

Das Gelände für die Jahrhundertveranstaltung stellt der amerikanische Farmer Max Yasgur zur Verfügung. Im Nachgang erhält er zwar überwiegend Lob für diese Entscheidung, wird allerdings auch stark angefeindet. So erhält er schon im Vorfeld Drohanrufe. Nach dem viertägigen Festival erteilt der örtliche Supermarkt ihm ein Hausverbot, ein paar Monate später verklagen seine Nachbarn ihn sogar und stellen Schadensersatzansprüche, weil die Woodstock-Besucher durchaus Spuren der Verwüstung hinterlassen haben.

Bis heute gilt Woodstock als wichtigstes Festival aller Zeiten. Ob musikalisch, politisch, gesellschaftlich oder popkulturell: Die „3 Days of Peace & Music“ markieren bis heute einen Höhepunkt der Hippiekultur — aber auch in gewisser Weise ihren Tod und das Ende der unbedarften Sechziger. In den Siebzigern erfährt die Musikindustrie endgültig ihre Kommerzialisierung, alles wird professioneller, aber auch schnelllebiger. Vermutlich auch deshalb bleibt Woodstock nach wie vor das, was es jahrzehntelang war: ein Mythos.

Zeitsprung: Am 18.8.1969 beendet Jimi Hendrix das legendäre Woodstock Festival.

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