------------

Popkultur

Die musikalische DNA von Cream

Published on

Fto: Chris Walter/WireImage/GettyImages

Wenige Sekunden nach Gründung von Cream wäre es fast zu einem Unfall gekommen, der die Karriere des Trios für immer vereitelt haben könnte. Nach einem Gig der Band Bluesbreakers waren deren Gitarrist, ein gewisser Eric Clapton, und ein Schlagzeuger namens Ginger Baker auf dem Weg zurück nach London, als Baker dem Kollegen vorschlug, eine Band zu gründen. Der sagte prompt zu, hatte aber eine Bedingung: Jack Bruce sollte dabei sein. Das überraschte Baker dermaßen, dass er fast die Kontrolle über den Wagen verlor! Denn grün waren sich die beiden, die zuvor schon zusammen in Bands gespielt hatten, keineswegs. Und das ist nur milde ausgedrückt: Angeblich soll Baker Bruce mit einem Messer bedroht haben, um ihn aus einer Band zu schmeißen!

Hört euch hier das Album Wheels Of Fire von Cream an und lest weiter:

Clapton aber bekam seinen Willen und der Rest ist Musikgeschichte. Innerhalb von nur zwei kurzen Jahren avancierten Cream – so benannt, weil sich darin die crème de la crème der britischen Blues- und Jazz-Szenen vereinte – zu einer der erfolgreichsten Rock-Bands ihrer Zeit. Ihr drittes Album Wheels Of Fire brach alle bis dato aufgestellten Erfolgsrekorde und auch ihr Einfluss auf andere Rock-Bands jeglicher Couleur kann kaum unterschätzt werden. Der Prog Rock von Yes oder Rush? Ohne Cream nicht denkbar. Led Zeppelin, Deep Purple, Black Sabbath? Sie alle nannten Cream als Inspiration. Selbst in den Südstaaten der USA wurden Cream für ihren eklektischen Sound gefeiert und beeinflussten Bands wie die Allman Brothers Band und Lynyrd Skynyrd.


Jetzt in unserem Store erhältlich:

Frank Zappa - Cream - BBC Sessions
Cream
Cream – BBC Sessions
(2LP Deluxe)

HIER BESTELLEN


Das Ende der Band wurde aber ebenso schnell besiegelt wie die spontane Gründung auf der Autofahrt nach London. Baker klagte in Interviews über Hörprobleme und die alten Zankereien zwischen ihm und Sänger Bruce flammten wieder auf – sehr zum Leidwesen Claptons, der zwischen ihnen vermitteln mussten. Und das obwohl er selbst gehörig kriselte! Positiv gesprochen machten Cream allerdings genau dann Schluss, als sie eigentlich alles erreicht hatten. Welche Musik sich in ihre musikalische DNA einschrieb und den Cream-Sound so einzigartig machte, das erfahrt ihr bei uns.

1. Howlin’ Wolf – Spoonful

Cream waren nicht nur – pardon – allererste Sahne, sie bewiesen ebenso selbst insbesondere in Sachen Blues den allerbesten Geschmack. Auf ihrem Debütalbum legte die dezidiert als gleichberechtigtes Songwritertrio angelegte Supergroup ihre Einflüsse offen dar. Ironischerweise war eine Coverversion allerdings nicht auf der US-Version von Fresh Cream enthalten: Mit dem 1960 von Howlin’ Wolf aufgenommenen Spoonful interpretierten die Drei ein Stück des Delta-Blues-Masters Willie Dixon neu, einem der produktivsten Songwriter seiner Zeit. Während der ebenfalls von Cream gecoverte Robert Johnson zu dieser Zeit bereits seine verdiente Aufmerksamkeit erhalten hatte, konnten Cream ihrem Idol noch zusätzliche Aufmerksamkeit einbringen. Wen würde es nicht glücklich machen, den eigenen Held endlich ins verdiente Spotlight zu rücken? Zugleich aber bewiesen Cream mit ihrer Coverversion ebenso, wie weit ihre musikalische Vorstellungskraft reichte: Die im Filmore eingespielte Live-Version des kargen Stücks uferte auf fast 17 Minuten aus! Nachzuhören ist die umwerfende Jam-Session auf Wheels Of Fire. Ihre Wurzeln im Blues waren für Cream lediglich die Basis für Größeres.

2. The Modern Jazz Quartet – The Golden Striker

Nicht zuletzt klangen Cream dermaßen einzigartig, weil sie auch dezente Jazz-Noten in ihre Musik einfließen ließen. Hauptverantwortlich dafür war Jack Bruce, dessen Spiel deutlich von den Großen des Genres geprägt war und der im Laufe seiner Karriere einige Jazz-Platten aufnahm. Das bereitete ihm zu Uni-Zeiten sogar Probleme: Nachdem er ein Stipendium für Cello und Komposition an der Royal Scottish Academy of Music and Drama gewonnen hatte, kam er für seine Mitgliedschaft in Jim McHargs Scotsville Jazz-Band in Schwierigkeiten, weil die Akademie ihren Schüler nicht Jazz spielen sehen wollte. Sie fanden es raus und sagten mir: ‚Entweder hörst du auf oder verlässt die Uni.‘ Also verließ ich die Uni“, erinnerte sich Bruce trocken in einem Interview. Während seiner Uni-Zeiten noch kam er allerdings mit der Musik von The Modern Jazz Quartet in Berührung. „The Golden Striker war die erste Platte, die ich während meines Studiums der klassischen Musik kaufte“, erinnerte sich der Bassist im Frühjahr 2014 im britischen Express. „Obwohl sie eine Jazz-Gruppe waren, spielten sie in einem vorzüglichen klassischen Stil und ich fand es großartig!“ Anders als seine Uni sah Bruce keinen Unterschied zwischen den beiden Welten – das machte ihn auch als Musiker aus.

3. Koola Lobitos – Highlife Time

Ein weiteres zentrales Element des Cream-Sounds war natürlich das druckvolle Drumming Ginger Bakers, der sich ebenfalls als Jazzer betrachtete und mit der Lautstärke seiner Band so seine Schwierigkeiten hatte. Baker ist eben ein Mann fürs Feine, auch wenn er beispielsweise mit dem Song Toad eines der frühesten Beispiele für Schlagzeug-Soli in der Rock-Geschichte für sich verbuchen kann. Eine ganz besondere Leidenschaft aber hat der aufbrausende Drummer für die Afrobeat-Rhythmen von Fela Kuti, mit dem er sogar gemeinsam auf Tour ging, als er nach dem Ende von Cream für einige Jahre nach Nigeria zog. Felas Rhythmussektion wurde indes von Tony Allen perfektioniert, dem Ausnahmedrummer des Genres. Bevor sie gemeinsam mit Kutis Band Africa ‘70 über 30 (!) Alben aufnahmen, spielten beide Mitte bis Ende der siebziger Jahre in der Band Koola Lobitos, welche den nigerianischen Highlife-Sound mit Jazz zusammenführte. „Tony Allen motzte die Band auf“, sagte Baker später über den Kollegen und Africa ‘70. „Er hatte nahezu komplette Kontrolle über die gesamte Situation.“ Ein Drummer mit Vorbildfunktion also: Baker schließlich musste seine jamwütigen Kollegen nicht selten zur Räson bringen.

4. The Beach Boys – Wouldn’t It Be Nice

Es fällt nicht gerade schwer zu verstehen, warum Baker mit seinem Bandkollegen Jack Bruce nie zurechtkam. Charakterlich waren beide an ganz verschiedenen Polen angesiedelt. Anders als der hitzige Baker hat der reservierte Bruce ein Faible für Pop-Musik. Den Cream-Song I Feel Free aus dem Dezember 1966 hätte es wohl nicht ohne die Pet Sounds-LP der Beach Boys gegeben, welche früher im Jahr die Pop-Musik revolutioniert hatte. „Es hatte dieselbe Auswirkung wie Sgt. Pepper“, erinnerte sich Baker. „Es war so frisch und kreativ. Es zeigte uns, was im Rahmen eines Pop-Songs alles möglich war und trieb meine Ambitionen an, I Feel Free zu schreiben.“ Vielleicht werden es insbesondere die komplexen Harmonien von Ohrwürmern wie Wouldn’t It Be Nice gewesen sein, die Bruce den Mut dazu verliehen. Zur Freude Claptons wohl, denn der wollte lieber bei der Gitarre bleiben anstatt zu singen. Es half aber nichts und alle mussten am Mikro aushelfen – schließlich galt es sich mit den Beach Boys zu messen!

5. Big Bill Broonzy – Hey Hey

Warum Clapton lieber schweigen wollte? Na, die „Slowhand“ hatte schließlich den Takt zu halten. Allein, weil einer seiner größten Helden aus Anfangstagen einen strammen Beat vorlegte. „Sein Rhythmus, er ist einfach so perfekt“, stöhnte Clapton begeistert beim Hören von Big Bill Broonzys Hey Hey. Auf der Aufnahme des Songs nämlich ist neben der Stimme und dem Gitarrenspiel des 1958 verstorbenen Blues-Pioniers noch ein anderes Instrument zu hören: sein Fuß! Der klopft mit der Ruhe und Genauigkeit eines Metronoms den Takt mit. So steppt Talent! Zumal Broonzy selbst mit einer Akustikgitarre bewaffnet noch einen Raum für sich gewinnen konnte – während Clapton zu Cream-Zeiten auf hohe Verstärkertürme und auf Anschlag aufgerissene Lautstärkeregler setze. Sehr zum Leidwesen seines Kollegen am Schlagzeug natürlich. Die Akustikgitarre meisterte er aber schlussendlich ebenso. Sein Unplugged-Album gehört zu einem Höhepunkt der Rockgeschichte. Darauf zu hören: Ein Cover von Hey Hey. Wer genau hinhört, wird im Hintergrund ein stetes Tapsen hören…

6. Albert King – Oh, Pretty Woman

Wie seine Bandkollegen war auch Clapton allerdings schon immer ein Freund von musikalischen Grenzüberschreitungen, wie nicht allein seine Annäherung an Reggae und andere Genres bewies. Dem Blues allerdings blieb er dabei stets treu – manchmal sogar zu sehr! Creams Durchbruchsalbum Disraeli Gears verblendet die neue britische Psychedelik von Bands wie Pink Floyd mit US-amerikanischem Blues, durchgehend originell aber daran war nur die Mischung an sich. Beim Opener Strange Brew nämlich bediente sich Clapton frech und frei an Albert Kings Oh, Pretty Woman, dessen Gitarrensolo er Note für Note nachspielte! King wird es dem jungen Kollegen aber wohl nachgesehen haben, denn tatsächlich teilten sich die beiden viele Zeit später mit anderen Blues-Giganten wie B. B. King und Etta James die Bühne. Puh, noch mal Glück gehabt… Zumal es nicht das einzige Mal bleiben sollte, das eine Clapton-Band sich von King mehr als nur Inspiration lieh: Das Gitarrenriff von Layla etwa basiert auf der Melodie von Kings As Years Go Passing By! Der Übeltäter war in dem Falle nicht Clapton, sondern der während der Aufnahmensessions zu Derek & The Dominos gestoßene Duane Allman.

7. Bond + Brown – Lost Tribe

Albert King sollte die Band aber noch weiter begleiten. Tatsächlich findet sich auf ihrem Überalbum Wheels Of Fire ein – diesmal offizielles – Cover von seinem Stück Born Under A Bad Sign. Das nahmen die Drei auf Bitten ihrer Plattenfirma auf, die ebenso King unter Vertrag hatten. Nicht ganz freiwillig also, aber mit großem Erfolg. Sogar bei ihrer Aufnahme in die Rock and Roll Hall Of Fame im Jahr 1993 spielten sie das Stück. Mit Wheels Of Fire deutete sich ein Stilwechsel an, der Folgen haben sollte. Komplexere Taktarten waren angesagt, der Sound wurde opulenter. Es war ein Album, zu dem Clapton ausnahmsweise recht wenig beitrug und zu dem Baker und Bruce jeweils drei beziehungsweise vier Stücke beisteuerten. Bruce’ schrieb seine Songs zusammen mit dem Lyriker Pete Brown, der schon die Texte zu I Feel Free und anderen Stücken verfasst hatte. Manche Fans handeln Brown deshalb als inoffizielles viertes Mitglied der Band, tatsächlich aber kann auch er auf eine eigene musikalische Karriere mit Bands wie Piblotko, The Interoceters und anderen zurückblicken. Nach dem Ende von Cream fand er sich unter anderem mit dem Keyboarder Graham Bond zusammen, mit dem er gemeinsam ein Album mit dem vielsagenden Titel Two Heads Are Better Than One einspielte. „Jack und ich hatten immer diese Chemie, eine Telepathie, genau zu wissen, was gebraucht wurde“, verlautbarte er vor wenigen Jahren mysteriös über seine Zusammenarbeit mit Bruce. Eine Symbiose, der seine Kollaboration mit Bond in nichts nachsteht!

8. The Band – Tears Of Rage

Wheels Of Fire markierte zugleich jedoch den Anfang vom Ende der zu diesem Zeitpunkt noch so jungen Band. Das letzte gemeinsame Jahr war ein beschwerliches und anstrengendes für die drei Mitglieder. Clapton insbesondere driftete auf eine kreative Krise zu, die in einer Rolling Stone-Rezension von Jon Landau gipfelte, in welcher dieser den Gitarristen abfällig als einen „Meister des Blues-Klischees“ bezeichnete. Das saß! Dazu kam seine Frustration mit den Live-Auftritten der Band. Angeblich hörte er während eines Gigs einfach auf zu spielen – und seine Kollegen bemerkten es über die irrwitzige Lautstärke der Marshall-Türme hinter ihnen überhaupt nicht! Es stand fest: Clapton wollte sich neu orientieren. Halt fand er in der Musik Bob Dylans und insbesondere deren früherer Band mit dem nüchternen Namen The Band. Deren Album Music From Big Pink soll seine Welt regelrecht auf den Kopf gestellt haben. „Ich wurde sehr, sehr unzufrieden mit meinem eigenen Kram“, erinnerte er sich Jahrzehnte später in einem Interview. „Ich habe dieses Album gehört und dachte mir: ‘Das ist es. Da hätte Musik hingehen sollen und endlich ist genau das passiert.‘“ Besonders reizte Clapton das Miteinander von Einflüssen aus schwarzen und weißen Musiktraditionen, die einzigartige Mischung aus Blues und Folk. Schon der Albumopener Tears Of Rage scheint eine perfekte Synthese aus psychedelischen Rock-Elementen, dezenten Bluegrass-Noten und einer gehörigen Portion Soul. Kein Wunder, dass sich Clapton sofort in die Platte verliebte! „Sie wussten ganz genau, was sie wollten.“ Anders als seine eigene Band also.

9. The Beatles – Let It Be

Lasst es sein! Das haben vielleicht auch einige Menschen der maroden Band geraten, als sie sich an die katastrophalen Aufnahmen ihres letzten Albums mit dem sprechenden Titel Goodbye machten. Darauf zu hören war auch das Gitarrenspiel eines ominösen Gasts: Als L’Angelo Misterioso, als mysteriöser Engel, war der Rhythmusgitarrist in den Credits der Platte genannt, welcher auch als Ko-Songwriter involviert war. Dahinter verbarg sich niemand anderes als George Harrison. Clapton und er kannten sich bestens, hatte das Cream-Mitglied doch auf dem White Album der Beatles mit einem Gitarrensolo auf Harrisons Song While My Guitar Gently Weeps einen Auftritt und war ebenso auf Harrisons erster Solo-Platte Wonderwall Music zu hören. Im Folgejahr übrigens, kurz nach der Auflösung von Cream, sah es auch bei den Beatles nicht zum Besten bestellt aus: Während der Aufnahmen von Let It Be verließ Harrison sogar für einige Tage die Band. Kein großes Drama für John Lennon, der bereits einen Ersatzgitarristen im Hinterkopf hatte. Ihr könnt bestimmt erraten, welchen…

10. Jimi Hendrix – 1983… (A Merman I Should Turn To Be)

Zwei Jahre nur existierten Cream, nahmen lediglich vier Alben auf und doch kann ihr Einfluss auf spätere Generationen nicht unterschätzt werden. Die crème de la crème der britischen Rock-Szene begeisterte nicht nur Fans in aller Welt, sondern ebenso zahllose Bands. Ein ganz besonderer Musiker sollte schneller vom Fan zum ebenbürtigen Konkurrenten aufsteigen, als es den ehrgeizigen Cream und vor allem ihrem Gitarristen lieb war: Jimi Hendrix war bereits auf den ersten Konzerten der Band zugegen und improvisierte sogar bei einem Auftritt im Oktober 1966 gemeinsam mit der Band über Howlin’ Wolfs Killing Time – in doppelter Geschwindigkeit! Zu viel für Clapton, der prompt die Bühne verließ und noch viel später aufgelöst den Kollegen Chas Chandler fragte: „Ist der immer so verfickt gut?“ Chandlers Antwort ist nicht überliefert, wir können sie uns aber denken: Ja, ist er. Hatten Cream schon mit Feedback experimentiert und mit protzigen Verstärkertürmen um Aufmerksamkeit geheischt, setzte Hendrix dem noch ganze andere Feinheiten entgegen. Wah-Wah-Pedale, psychedelische Soundeffekte und aufwändige Studiospielereien machten seinen Sound einzigartig. Ginger Baker übrigens freundete sich mit dem früh verstorbenen Genie sogar an und hatte noch Jahrzehnte später nur warme Worte für ihn übrig. „Jimi trug seine Band. Er trug sie allein. Da hatten die anderen kaum einen Anteil dran.“ Vielleicht hätte es einen dermaßen entschiedenen Bandleader bei Cream gebraucht, die über ihren Egos zerbrachen.

Ein kaputtes Fahrrad und fünf weitere Anekdoten aus dem Leben von Ginger Baker

Popkultur

Wednesday und The Cramps: Wie das Addams-Family-Spin-off den Psychobillys zu neuer Berühmtheit verhilft

Published on

The Cramps
Foto: Peter Noble/Getty Images

Erst kürzlich verschaffte die Netflix-Serie Stranger Things dem Kate-Bush-Hit Running Up That Hill einen dicken Popularitätsschub. Nun rückt das Addams-Family-Spin-off Wednesday einen weiteren großen Song der Achtziger in den Fokus: Goo Goo Muck von The Cramps. Auslöser ist ein wunderlicher Tanz — der nun auf TikTok viral geht.

von Timon Menge

Hier könnt ihr euch Psychedelic Jungle von The Cramps anhören:

Mit dem Addams-Family-Spin-off Wednesday hat Netflix zum Jahresende nochmal einen echten Hit gelandet. Mehr als 50 Millionen Haushalte streamten die Serie, was etwa 341 Millionen geguckten Stunden entspricht. Kein Wunder: Die Story ist unterhaltsam, der Cast weiß zu überzeugen und die verlässliche Handschrift von Regie-Legende Tim Burton ist unverkennbar. Doch auch in musikalischer Hinsicht hat Wednesday einiges zu bieten. Ob der Score von Danny Elfman oder Nothing Else Matters und Paint It Black auf dem Cello: Ohne ihre großartige Musik wäre die Serie nur halb so toll. Ganz besonders gilt das für eine Szene, die das Internet inzwischen im Sturm erobert hat und die auf TikTok von Millionen von Menschen nachgeahmt wird: Wednesdays skuriller Tanz zu Goo Goo Muck von The Cramps.

Wednesday und The Cramps: ein Tanz mit Folgen

Die Choreografie stammt von Wednesday-Schauspielerin Jenna Ortega höchstpersönlich, wie sie im Interview mit TV Guide verrät: „Das war interessant, vor allem, weil ich keine Tänzerin bin. Tim [Burton] hat mir komplett vertraut und mir freie Hand gelassen. Es war toll, aber auch beängstigend.“ Inspirieren lässt sich Ortega zum einen von Goth-Ikone Siouxsie Sioux von Siouxsie Sioux And The Banshees. Doch auch bei anderen Gehilfen bedankt sie sich via Twitter:

Lene Lovich prägte als Solokünstlerin die New-Wave-Szene; Denis Lavant ist der Name eines französischen Schauspielers, der für seinen Slapstick-haften, akrobatischen Stil bekannt ist und auch gerne mal skurille Tanzeinlagen in seine Performances einbaut. Doch wer war noch gleich Lisa Loring?

Der Geist der Addams Family tanzt mit

Bei Loring handelt es sich um keine geringere als die Originaldarstellerin von Wednesday aus der Sechziger-Sitcom The Addams Family. Auch sie wird in Ortegas Tanz gewürdigt, wie hier zu sehen ist:

Es handelt sich dabei allerdings nicht um den einzigen Bezug zur Original-Sitcom von früher. Auch Addams-Familienvater Gomez (John Astin) tanzt quasi mit:

Die letzte Referenz („Bob Fosse’s Rich Man’s Frug“) ist eine Szene aus dem Film Sweet Charity (1969) von Regisseur und Choreograph Bob Fosse:

Auf TikTok ist Wednesdays Tanzeinlage längst zu einem viralen Hit mutiert. Millionen von Menschen ahmen die schräge Choreographie in dem sozialen Netzwerk nach, darunter Berühmtheiten wie Kim Kardashian. Bleibt noch eins: der Song im Hintergrund.

The Cramps in Wednesday: ein später Hit

Von 1976 bis 2009 und darüber hinaus standen und stehen The Cramps für eine eigenwillige Mischung aus New Wave, Goth, Psychobilly, Surf Rock und Punk. Ihre größten Erfolge feierte die US-amerikanische Gruppe in den Achtzigern, als Frontmann Lux Interior, Gitarristin Poison Ivy und Schlagzeuger Nick Knox fantastische Alben wie Psychedelic Jungle (1981) und A Date With Elvis (1986) veröffentlichten.

Von ersterem stammt auch der Song Goo Goo Muck, zu dem Wednesday ihren eigenartigen Tanz performt. (Es handelt sich dabei um ein Cover von Ronnie Cook & The Gaylads.) Inhaltlich ist die Nummer mindestens zweideutig: So könnte man den Song als Metapher für Teenager-Liebe verstehen; es könnte allerdings auch um einen Vampir auf nächtlichem Beutezug gehen. Zwischen diesen beiden Stühlen fühlt sich Wednesday offenbar wohl.

Wie so oft zieht der Internet-Hit einen ganzen Rattenschwanz an Reaktionen nach sich. Auf Spotify ist Goo Goo Muck schon seit vielen Tagen der meistgestreamte Song der Cramps. Um mehr als das 50-fache sollen sich die Zugriffszahlen in den USA erhöht haben, wie NME berichtet. Man kann also durchaus sagen, dass ausgerechnet die scheintote Addams Family der Nummer nach über 40 Jahren neues Leben eingehaucht hat. „Wir haben den Song eine Woche vor dem Drehtermin ausgesucht“, erzählt Jenna Ortega im Interview. „Zwei Nächte vor dem Termin habe ich gemerkt, dass ich mir noch gar keinen Tanz dazu überlegt habe.“ Dass es sich bei der Choreographie um einen Schnellschuss handelt, merkt man nicht im Geringsten. Andernfalls würden ihn keine Millionen von Menschen auf TikTok zelebrieren.

Du willst nichts mehr in der Rockwelt verpassen? Melde dich hier für unseren Newsletter an und werde regelmäßig von uns über die wichtigsten Neuigkeiten, die spannendsten Geschichten sowie die besten Veröffentlichungen und Aktionen informiert!

Kate Bush: 10 der wichtigsten Stücke der großartigen Sängerin und Songschreiberin

Continue Reading

Popkultur

Zeitsprung: Am 8.12.1984 verschuldet Vince Neil den Tod des Hanoi-Rocks-Schlagzeugers.

Published on

Foto: Paul Natkin/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 8.12.1984.

von Timon Menge und Christof Leim

Weil die Alkoholvorräte bei einer Privatparty nicht ausreichen, möchten Mötley-Crüe-Frontmann Vince Neil und Hanoi-Rocks-Schlagzeuger Nicholas „Razzle“ Dingley für Nachschub sorgen. Neil setzt sich trunken ans Steuer seines italienischen Sportwagens. Dann kommt es zur Katastrophe.

Hier könnt ihr die größten Hits von Hanoi Rocks anhören: 

1984 tourt die finnische Band Hanoi Rocks zum ersten Mal durch die USA, gemeinsam mit den damals übergroßen Mötley Crüe. Um diesen Umstand zu feiern, lassen es sich die Musiker bei einer Party im Haus von Mötley-Frontmann Vince Neil mächtig gut gehen. Sprich: Der Alkohol fließt in Strömen. Als die Vorräte aufgebraucht sind, beschließen Neil und Hanoi-Rocks-Schlagzeuger Nicholas „Razzle“ Dingley, für Nachschub zu sorgen. Neil setzt sich ans Steuer, obwohl er bereits gut geladen hat.

Auf einer der kurvenreichen Straßen Hollywoods verliert der Sänger die Kontrolle über seinen Sportwagen und rammt zwei andere Autos. Der Fahrer des ersten bleibt glücklicherweise unverletzt, doch im zweiten Wagen sitzen Lisa Hogan und Daniel Smithers, die sich mehrere Knochen brechen und Hirnschäden davontragen. Lisa Hogan liegt bis zum Ende des Monats im Koma. Neil selbst kommt mit ein paar gebrochenen Rippen und einigen Kratzern davon, doch Dingley hat Pech. Er wird nach dem Unfall ins South Bay Hospital eingeliefert, wo er um 7:12 Uhr Ortszeit für tot erklärt wird. Er wurde gerade einmal 24 Jahre alt. 

„Ich hätte ins Gefängnis gehen müssen.“

In Neils Blut wird anschließend ein Blutalkoholspiegel von 1,7 Promille festgestellt. Das Urteil: „vehicular manslaughter“, also Totschlag. Die Strafe hält sich in Grenzen: Zu gerade einmal 30 Tagen Gefängnis wird er verurteilt — und sitzt nur die Hälfte davon tatsächlich ab. Zwei Jahrzehnte später gibt er in einem Interview mit der US-Zeitschrift Blender Folgendes zu Protokoll: „Nach Razzles Tod stellte ich einen Scheck über 2,5 Millionen US-Dollar wegen fahrlässiger Tötung aus. Ich hätte ins Gefängnis gehen müssen. Das wäre definitiv verdient gewesen, aber ich habe nur 30 Tage im Knast verbracht, wurde dort flachgelegt und habe Bier getrunken — wegen der Macht des Geldes. Das ist beschissen.“ Zusätzlich zur Gefängnisstrafe muss Neil 200 Sozialstunden ableisten.

Hanoi-Rocks-Gitarrist Andy McCoy erinnert sich 2006 in einem Interview mit dem Metal Express folgendermaßen an den Abend: „Ich war da. Razzle und Vince verschwanden einfach, also suchten ich und Tommy Lee nach den beiden. Dann sind wir an der Unfallstelle vorbeigefahren und ich fragte Tommy, welche Farbe das Auto hatte, mit dem die zwei losgefahren sind. Wir fuhren nämlich gerade an einem verdammten Unfall mit einem roten Sportwagen vorbei. Dann sah ich Razzles Hut auf der Straße.“

„Jeder hat unter der ganzen Sache gelitten.“

Im Jahr 2011 äußert sich Hanoi-Rocks-Frontmann Michael Monroe auf sleazeroxx.com zu dem Vorfall: „Es gab diesen Unfall, und leider hat er unseren Schlagzeuger das Leben gekostet. Zu Vince Neil habe ich nichts zu sagen. Es war ein Unfall. Was passiert ist, ist passiert, und das lässt sich nicht mehr ändern. Jeder hat unter der ganzen Sache gelitten.“

Vince Neil widmet seinem verstorbenen Kollegen das nächste Mötley-Crüe-Album Theatre Of Pain (1985), beigesetzt wird Razzle auf der Isle Of Wight. Nach seinem Tod lassen sich die Hanoi Rocks zunächst nicht unterkriegen und engagieren Trommler Terry Chimes von The Clash, um eine bereits geplante Tour in Europa über die Bühne zu bringen. Kurz danach löst sich die Gruppe allerdings auf und findet erst 2001 wieder zusammen.

Die Hanoi Rocks 1984 in ganzer Pracht. Ganz rechts: Razzle. R.I.P. – Pic: Mike Prior/Redferns

Zeitsprung: Am 23.12.1987 stirbt Nikki Sixx von Mötley Crüe – für zwei Minuten.

 

Continue Reading

Popkultur

Apple Boutique: Vor 55 Jahren versuchen sich die Beatles erfolglos als Einzelhändler

Published on

Apple Boutique
Foto: Evening Standard/Hulton Archive/Getty Images

Selbst in Sachen Einzelhandel waren die Beatles ihrer Zeit voraus: Ihre Apple Boutique in London kann als Vorläufer des modernen Concept Stores gelten. 1967 ging diese Rechnung aber noch nicht auf – und die Beatles verloren Millionen.

von Björn Springorum

Das wilde Jahr 1967 neigt sich dem Ende zu. Die psychedelische Rockmusik ist diesseits und jenseits des Atlantik explodiert, The Doors, Jimi Hendrix, Jefferson Airplane, The Byrds und Cream haben wegweisende Alben veröffentlicht. Getoppt wird das Ganze – natürlich – von den Beatles, die mit Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band eines der besten Alben aller Zeiten veröffentlicht haben.

Ein psychedelischer Garten Eden

Im Sommer läuft in ganz London gefühlt kein anderes Album, 23 Wochen lang behauptet es sich an der Spitze der britischen Charts. Den Summer of Love verbringen die Beatles mit Filmprojekten und ihrer Reise ins indische Bangor, bis der Tod von Brian Epstein am 27. August 1967 alle rosaroten Wolken platzen lässt. Hinter den Kulissen sind aber längst Dinge im Gange, die die Band auch ohne ihren Manager und Mentor weiterlaufen lässt – der Flop-Film Magical Mystery Tour und ihr eigener Store, die Apple Boutique.

Die soll laut Harrison ein „psychedelischer Garten Eden“ sein und erstreckt sich auf drei Stockwerke. Hinter dem grandiosen Street-Art-Bild auf der Fassade steckt das niederländische Designkollektiv The Fool, die George Harrisons Frau Pattie Boyd der Band vorgestellt hat. Schon in den Monaten vor der Eröffnung der Boutique gestalten The Fool Artworks, Outfits, Sets und Instrumente für die Beatles, für aus heutiger Rechnung über 1,5 Millionen Euro verwandeln sie die Fassade des historischen Townhouses in der Baker Street 94 an zwei Novembertagen in ein psychedelisches Kunstwerk.

Bowie und Clapton kommen zur Eröffnung

Mit dem Store dahinter versuchen die Beatles, den Einzelhandel ebenso zu revolutionieren wie die Musik. Ihr sehr visionäres Konzept: Alles, was es in diesem Laden gibt, steht zum Verkauf. „Ein hübscher Ort, an dem hübsche Menschen hübsche Dinge kaufen können“, so beschreibt Paul McCartney das Konzept, das man von zeitgeistigen Concept Stores kennt. An der Baker Street im Jahr 1967 ist das neu.

Der Laden öffnet am 7. Dezember 1967 erstmals seine Tore. Schon zwei Tage zuvor laden John Lennon und George Harrison zu einer Launch Party, bei der zwar Paul McCartney und Ringo Starr fehlen (sie weilen in Liverpool respektive Rom), aber dafür jede Menge Berühmtheiten und Bohemiens in das psychedelische Wunderland strömen, um Kleidung, Accessoires, Bücher und Schmuck zu bestaunen – darunter David Bowie, Eric Clapton und Harrisons Frau Pattie Boyd.

Getrunken wird Apfelsaft

Auf den Einladungen steht geschrieben: „Kommt um 7:46. Modenschau um 8:16.“ Und zumindest zur Eröffnungsparty kommen sie. The Fool, die auch viele Designs für die Beatles, die Hollies oder Procol Harum realisiert haben, ziehen wie ein psychedelischer Wanderzirkus mit Instrumenten durch die Boutique, alle schlürfen Apfelsaft, weil der Store keine Schanklizenz hat. Vielleicht gibt es andere Dinge zum Konsumieren… Es ist ja immerhin 1967.

Apple Boutique

Foto: E. Milsom/Evening Standard/Hulton Archive/Getty Images

Zwei Tage später eröffnet die Boutique offiziell, gemanaged von Lennons Freund Peter Shotton und Pattie Boyds Schwester Jenny Boyd. Doch die Sache wird zum legendären finanziellen Desaster. Taschendiebstähle geraten außer Kontrolle, selbst Angestellte stecken sich reihenweise Sachen ein, so wirklich weiß niemand, womit die Kunden den Laden betreten oder wieder verlassen haben. Zur Anzeige gebracht wird kein Diebstahl: Das passt einfach nicht in den Freigeist des Konzepts.

Antikapitalistische Einzelhändler

Auch sonst läuft es schleppend: Baker Street ist einfach zu weit vom Londoner Mode-Epizentrum entfernt, die Apple Boutique fährt hohe Verluste ein. Mitte 1968 sind das schon mehr als 200.000 Britische Pfund (heute mehr als vier Millionen Euro) und die Beatles entscheiden, den Laden am 31. Juli 1968 – kein Jahr nach der Eröffnung – zu schließen. Für McCartney ist der Shop dennoch ein Erfolg. „Den größten Verlust machten wir damit, alles zu verschenken“, sagt er in einem Statement zur Schließung. „Aber das war unsere freie Entscheidung. Wir wollten verschenken, nicht verkaufen.“

Die wahren Gründe liegen natürlich auch darin, dass die Beatles keine Geschäftsleute sein wollen. Sondern Musiker, Filmemacher, Entertainer. Am Tag der Schließung öffnen die Beatles die Boutique ein letztes Mal für die Menschen, die zu Hunderten gierig in den Laden strömen, sich alles unter den Nagel reißen und Randale machen. Die Polizei muss eingreifen und beendet dieses abstruse Kapitel der Beatles-Geschichte relativ unrühmlich.

Schon im Mai 1968 hatte man die Fassade weiß übermalt und das Wort Apple kursiv darauf geschrieben – ein ähnlich drastischer Übergang wie bei den Artworks von Sgt. Pepper’s und The Beatles. 1974 wird das Gebäude abgerissen. Aber da gibt es die Beatles schon lange nicht mehr.

Du willst nichts mehr in der Rockwelt verpassen? Melde dich hier für unseren Newsletter an und werde regelmäßig von uns über die wichtigsten Neuigkeiten, die spannendsten Geschichten sowie die besten Veröffentlichungen und Aktionen informiert!

Wie „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ die Musikwelt veränderte

Continue Reading

Latest Music News

Top Stories

Don't Miss