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Popkultur

Die musikalische DNA von Johnny Cash

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So ein Mensch wie Johnny Cash wird nicht einfach geboren. Nein, so ein Mensch wie Johnny Cash wird gemacht. Mit viel Schweiß, ein bisschen Blut und manchmal auch Tränen. Nach vielen zurückgelegten Kilometern auf verwaisten Autobahnen und endlos scheinenden Eisenbahnlinien. In einsamen Nächten im Kittchen, in einsamen Nächten in anonymen Hotelbetten, in einsamen Nächten im Ehebett. Es braucht viele Schicksals- und Rückschläge, viel Druck von außen, um einen Songwriter wie Johnny Cash zu schmieden. Zugegeben: Manchmal braucht es auch ein bisschen eigene Dummheit und garantiert eine riesengroße Portion Sturheit.


Hör dir hier die musikalische DNA von Johnny Cash als Playlist an und lies weiter:


„Hello, I’m Johnny Cash“, diese lakonische Begrüßungsformel allein zaubert nicht wenigen Musikfans eine Gänsehaut. Es ist ein Status, den sich der Man in Black hart erarbeitet hat. Sein Weg war dabei lang und nicht selten beschwerlich. Verfolgt von seinen eigenen Dämonen – Schnaps und Drogen –, im ständigen Widerstreit mit seinem Glauben und all die Momente, in denen Cash seiner geliebten June das Leben schwer gemacht hat – er hat es sich und seinem Umfeld nie leicht gemacht. Aber der eiserne Wille hat ihn nie verlassen und die Gitarre lag stets griffbereit. Kein Tief, das nicht in einem guten Song verarbeitet werden konnte.

Johnny Cash bleibt uns als vielseitiger Songwriter in Erinnerung, der mit Konventionen gebrochen hat und sich nie etwas vorschreiben ließ. Der sich stets für die richtigen Dinge einsetzte, obwohl er sich selbst nicht immer auf dem rechten Weg befand. Doch auch er hatte seine Helden, auch er hatte Musik, die ihm über die dunkelsten Momente hinweg half. Seine musikalische DNA offenbart uns die Psyche eines Menschen, wie er nicht einfach geboren wird, sondern der gemacht wurde. Durch Tragik, Komik und dem einen oder anderen Kurzen.


1. June Carter – Will You Miss Me When I’m Gone?

Kein Johnny ohne June! 35 Jahre lang teilten sich die beiden Bühne und lange Zeit auch das Bett. Nicht immer war das einfach, vor allem nicht für June. Den schwersten Schicksalsschlag aber musste Johnny im Mai 2003 erleben, als die geliebte Gattin von ihm ging. Er werde ihr bald folgen, soll er gesagt haben – und hatte damit leider recht. June soll ihm noch kurz vor ihrem Tod gesagt haben, dass Cash weiter an Songs arbeiten solle, was dieser auch tat. Die Musik vereinte sie über den Tod hinaus.

„Der Geist von June Carters Liebe zu mir und meine zu ihr liegt heute wie ein Schatten über mir“, sagte Cash bei seinem letzten öffentlichen Auftritt im Juli 2003. „Unsere Verbindung reicht von hier bis in den Himmel. Sie kam wohl nur für einen kurzen Moment von dort herab, um mich hier und heute zu besuchen, um mir die Kraft und Inspiration zu geben, wie sie es immer tat.“ Wie schon die Carter-Familie beziehungsweise June selbst gesungen hatte: „When death shall close these eyelids / And this heart shall cease to beat / And they lay me down to rest / In some flowery bound retreat / Will you miss me? / (Miss me when I’m gone)“ Die Frage können wir mit einem klaren Ja beantworten. Nicht wenige vermuten, dass Johnny an einem gebrochenen Herzen gestorben ist.


2. Hank Williams – I Am Bound For The Promised Land

Was Cash und Carter einte, war nicht allein ihre Kreativität, sondern auch ihr Glaube. In dem von Johnny geschriebenen Film Gospel Road spielte June sogar die Rolle der Maria Magdalena. Seine Religiosität aber bereitete dem Man in Black auch einige Probleme. Er selbst bezeichnete sich als „den größten Sünder überhaupt“ und es fällt wohl schwer, dem mit Entschiedenheit zu widersprechen. I Walk The Line beispielsweise soll er angeblich einerseits als Treueschwur gegenüber Gott geschrieben haben und andererseits als Erinnerung an sich selbst, seiner damaligen Frau Vivian während der Tour treu zu bleiben.

Der Song entstand schon früh in Cashs Karriere, als er sich vorrangig mit Gospel-Songs beweisen wollte. Sam Phillips vom legendären Plattenlabel Sun Records jedoch soll seine Probleme mit religiösen Inhalten gehabt haben. Für Cash spielten Gospel-Stück und Spirituals aber eine mehr als große Rolle nicht nur in seiner moralischen wie künstlerischen Entwicklung, denn die Hymne I Am Bound For The Promised Land – bekannt unter anderem als Hank Williams-Aufnahme – war der erste Song, den er eigenen Aussagen zufolge je gesungen hat. Phillips aber wollte lieber raubeinige Country- oder Rockstücke hören. „Geh nach Hause und sündige, und dann komm mit einem Song zurück, den ich verkaufen kann!“, soll er Cash gesagt haben. I Walk The Line war da wohl der denkbar beste Kompromiss…


3. Carl Perkins – Blue Suede Shoes

Im Sun Records-Umfeld fand sich Mitte der fünfziger Jahre so ziemlich jeder wichtige Songwriter der neuen Generation wieder. Was die erfolgreichsten unter ihnen einte, war die Experimentierfreude. Denn was in den bescheidenen Studios des Labels in Memphis zusammen kam, das war nichts anderes als das Grundrezept für Rock’n’Roll. Dazu gehörte mehr als eine Zutat. Einer der Zöglinge Phillips’ war der Rockabilly-Sänger Carl Perkins, der seine Musik mit Country und Folk anreicherte. Erfolgreich war Perkins nicht wirklich, ein Song aber reichte ihm, um auf ewig in die Geschichtsbücher einzugehen: Blue Suede Shoes.

Heute ist Blue Suede Shoes vor allem in der Version eines anderen Sun Records-Künstlers bekannt, Elvis Presley. Er verhalf Perkins mit seiner Coverversion zu verspätetem Ruhm. Noch jemand aber war viel näher an der Entstehung des Stücks dran: Johnny Cash. Lange bevor Perkins regelmäßiger Gast der Johnny Cash Show wurde und mit Cash gemeinsam The Ballad of Little Fauss and Big Halsey schrieb, soll Perkins den Text seines größten Hits basierend auf einer Anekdote Cashs geschrieben haben. Ein Soldat der Luftwaffe soll den jungen Rekruten angeblafft haben, bloß nicht auf seine blauen Wildlederschuhe zu treten…


4. Elvis Presley – That’s Alright

Wo wir schon beim Rock’n’Roll und Perkins waren, müssen wir natürlich noch näher auf Elvis eingehen. Wusstet ihr, dass der King of Rock eines Tages mit Perkins und Jerry Lee Lewis gemeinsam im Sun Records-Studio Einkehr hielt? Johnny Cash war ebenfalls dabei. Die vier entschieden sich zu einer spontanen Jam-Session, bei der sie vor allem Gospel-Standards performten. Sam Phillips hatte mal wieder den richtigen Riecher und ließ das Tonband laufen. Die Aufnahmen des Million Dollar Quartets wurden allerdings erst viel, viel später veröffentlicht – 1981 erschien die Platte, auf der ganze 17 Stücke zu hören waren.

Kennengelernt hatten sich King und Cash bereits vorher. In seiner Autobiografie schreibt Johnny über die ersten Auftritte des Jungspunds, der damals gerade erst eine Single, den Song That’s Alright, veröffentlicht hatte. „Ich erinnere mich an Elvis’ Show im Eagle’s Nest, als wäre es gestern gewesen. Der Abend war ein totaler Misserfolg, weil es ein Club für Erwachsene war, in den Teenager nicht rein durften. Vivian und ich waren also neben einem guten Dutzend anderer die einzigen Gäste, wir waren vielleicht fünfzehn Leute. Und dennoch dachte ich mir, dass Elvis fantastisch ist.“ Der Eindruck war offensichtlich ein bleibender, denn nur wenig später begeisterte Cash sein Publikum mit einer mehr als gekonnten Elvis-Persiflage.


5. Willie Nelson – Funny How Time Slips Away

Die Episode beweist schon bestens, dass sich der vermeintliche Eigenbrötler Cash prächtig in der Gesellschaft anderer zurecht fand. Keine Frage, mit dem Humor! Hin und wieder halfen ihm andere sogar über kleine Krisen hinweg. In den schnelllebigen achtziger Jahren war der erdige Country-Sound Cashs nicht mehr gefragt. Seine Konzerte wurden zwar noch gut besucht, die Charterfolge blieben allerdings aus. Zumindest solo. Denn mit The Highwaymen fand sich Cash in einer äußerst erfolgreichen Band wieder.

Neben Waylon Jennings und Kris Kristofferson – der selbst Johnny Cash zu seinen großen Vorbildern zählt – war auch Altmeister Willie Nelson bei der Supergroup dabei. Nelsons und Cashs Karrieren sollten sich oft kreuzen, ihr größtes Projekt indes nahmen sie im hohen Alter auf: Ihr Beitrag zur VH1 Storyteller-Serie erschien 1998 bei American Recordings, gehört aber nicht zur klassischen American Recordings-Serie, die Cash an der Seite des Produzentens Rick Rubin zu einem zweiten Frühling verhalf. Auf VH1 Storyteller spielten die beiden Musiker Songs aus ihren jeweiligen Repertoires wie etwa Nelsons Klassiker Funny How Time Slips Away. Wie gut die Chemie zwischen den beiden ist, lässt sich an den lockeren Plaudereien zwischen den live eingespielten Songs nachverfolgen.


6. Woody Guthrie – This Land Is Your Land

Mit den Highwaymen zollte Cash auch einem ganz besonderen Vordenker Tribut: Gemeinsam nahmen die vier Musiker ein Cover von Woody Guthries Deportee (Plane Wreck at Los Gatos) auf. Das bekannteste Stück des Sängers indes ist wohl This Land Is Your Land, welches er 1940 veröffentlicht hatte und das zu den berühmtesten Folk-Songs überhaupt gehört. Wusstet ihr aber, dass This Land Is Your Land wiederum auf einer anderen Komposition basiert? Für seinen Überhit hatte sich Guthrie die Melodie von When The World’s On Fire von der Carter Family geborgt, die ihrerseits eine bekannte Gospelhymne zur Grundlage genommen hatten. Genau: Eben jene Carter Family, zu der Cashs spätere Gattin June gehörte.

Guthrie, auf deren Gitarre legendärer Weise die Worte „This Machine Kills Fascists“ prangten, schrieb This Land Is Your Land als Antwort auf den Songwriter Irving Berlin, dessen jubilatorisches Stück God Bless America dem politisch links ausgerichteten Guthrie im Halse quer stand. Cash nahm das Stück einige Zeit später ebenfalls in sein Repertoire auf. Denn obwohl er nicht unbedingt der Rebell war, für den er vielerorts gehalten wird – im Gefängnis war er häufiger auf der Bühne als hinter Gittern zu sehen –, so teilte er doch seinen sozialpolitischen Ansatz mit dem radikalen Folk-Helden.


7. Ed Lee Natay – Navajo Love Song

Schon 1965 hatten sich Johnny und June in Pete Seegers TV-Show Rainbow Quest öffentlich für die Rechte der indigen Nordamerikaner stark gemacht. Cashs Beschäftigung mit dem Thema ging aber sogar bis in die fünfziger Jahre zurück: 1957 hatte er das Stück Old Apache Squaw geschrieben, in denen er das Leiden der unterdrückten Urbevölkerung thematisierte. Sein Plattenlabel Columbia wollte das Stück aber partout nicht auf seinem Album hören, denn es war ihnen zu radikal. Lieber wollten sie Songs über zufriedene Cowboys hören, die das Land, das nicht ihres war, für sich eroberten. Nicht mit Johnny Cash! 1964, ein Jahr vor seinem Auftritt bei Seeger, veröffentlichte er Bitter Tears: Ballads of the American Indian beim selben Label. Seine Dickköpfigkeit hatte einen ehrbaren Hintergrund. Bitter Tears erzählte brutale Geschichten über die gewaltsame Misshandlungen der indigen Völker wie den Pima, den Lakota oder den Navajo durch die weißen Siedler, die ihnen das Land und damit ihre Lebensgrundlage raubten bis hin zum zweiten Weltkrieg, nach dem indigene Soldaten nicht dieselbe Würdigung erfuhren wie ihre weißen Kameraden.

Dazu suchte Cash die Nähe von Johnny Horton und Peter La Farge, dem Sohn des Politaktivisten Oliver La Farge. Gemeinsam schrieben sie eine Platte, die trotz ihrer ruhigen und melancholischen Grundstimmung einen echten Skandal entfachen sollte. Columbia weigerte sich, das Album zu bewerben und die meisten Radiostationen nahmen dessen Songs nicht in die Rotation auf. Der Redakteur eines Country-Magazins forderte Cash sogar auf, aus der Country Music Association auszutreten: „Du und dein Publikum, ihr seid einfach zu intelligent, um euch mit den gewöhnlichen Country-Leuten, den Country-Künstlern und den Country-DJs abzugeben!“ Ja, das sollte eine Beleidigung sein. Cash ließ sich selbstverständlich nicht davon unterkriegen.


8. Merle Haggard – Okie From Muskogee

Ein echter Johnny Cash lässt sich eben weder von seinem Label noch der Musikpresse unterkriegen. Selbst vor dem Präsidenten der Vereinigten Staaten machte er keine Kompromisse! Als er 1970 Richard Nixon im Weißen Haus einen Besuch abstatten sollte, forderte ihn das Büro des POTUS auf, eine Reihe von Songs zu spielen, darunter A Boy Named Sue, Welfare Cadillac von Guy Drake und Okie From Muskogee, mit dem sich Merle Haggard über die Hippie-Generation lustig machte. Cash lehnte ab und wollte lieber The Ballad Of Ira Hayes von seinem Bitter Tears-Album sowie What Is Truth und den Klassiker Man In Black performen.

Obwohl Cash als Hauptgrund für diese Entscheidung angab, dass er die Fremdkompositionen vorher aus Zeitgründen nicht hätte einstudieren können, so lässt doch zumindest die Wahl von The Ballad Of Ira Hayes vermuten, dass er auch ein politisches Ansinnen hatte. Merle Haggard übrigens konnte selbst auf eine lange Geschichte mit Cash zurückblicken: Sein erstes Cash-Konzert sah er am 1. Januar 1958 in San Quentin. Ihr ahnt es schon: Haggard saß zu dieser Zeit im Kittchen ein! Wie passt das damit zusammen, dass Haggard sich später über Jugendbewegungen lustig machen sollte? Nun ja, Okie From Muskogee kann auch ganz anders verstanden werden, nämlich als satirische Abrechnung mit der konservativen Kleinstadtmentalität. Cash und Haggard kamen zumindest prächtig miteinander aus, wie ein Video aus eben jenem Jahr 1970 zeigt, in dem Cash Haggard wortgewandt bei den Country Music Awards auf der Bühne vorstellt.


9. Nine Inch Nails – Hurt

Bis hierhin durften wir Johnny Cash als einen politisch geradlinigen, gutwilligen und witzigen Menschen erleben, der stets die musikalische Nähe von anderen suchte. Das allein garantierte ihm jedoch nicht den Erfolg. Nach den eher schwierigen achtziger Jahren sah es auch Anfang des nächsten Jahrzehnts nicht sonderlich gut für den alternden Star aus. Für Country schien es in der Zeit von Acid House und Grunge einfach keinen Platz zu geben! Einer aber glaubte an Cash: Ausgerechnet der Rock- und Hip Hop-Produzent Rick Rubin nahm den Country-Helden für sein kurz zuvor umbenanntes Label American Recordings unter Vertrag. Es war eine schicksalsträchtige Entscheidung.

Die Alben der American Recordings-Reihe waren einerseits von einer unter die Haut gehende Intimität geprägt und überraschten andererseits mit ungewöhnlichen Neuinterpretationen bekannter Pop-Songs. Von Tom Waits über Sheryl Crowe hin zu Depeche Mode präsentierte Cash von 1994 bis 2002 wiederholt alte und junge Hits in einem entschlackten Gewand. Keine Frage aber, welches seiner Cover aus dieser Periode am bekanntesten war: Heutzutage denken tatsächlich doch viele, dass Trent Reznors Band Nine Inch Nails einen Cash-Song gecovert hätte und nicht etwa umgekehrt! Cashs Gänsehautversion der verstörenden Drogenballade wurde vor allem für ihr ikonisches Video bekannt, das wie ein Abschied von der Welt angelegt war. Tatsächlich, nicht ein Jahr später ließ der Man in Black seinen letzten Akkord verklingen. Er hinterließ ein Erbe wie kein Zweiter.


10. Bob Dylan – Forever Young

Schon die letzten beiden Stücke in dieser Liste zeigten, dass Cash immer auf dem neuesten Stand war und sich sogar von seinen eigenen Fans inspirieren ließ. In den sechziger Jahren griff er einem strauchelnden Songwriter unter die Arme, der ihn – in den Ohren mancher zumindest – sogar noch überflügeln sollte. Bob Dylan und der ältere Country-Held trafen zuerst Mitte der Sechziger aufeinander und Cash erkannte sofort das unglaubliche Talent des schüchternen Folk-Sängers. Zuerst lud er ihn zu sich auf Bühne ein und kam sogar in Dylans Studio, um gemeinsam einen Song von dessen Country-Album Nashville Skyville einzusingen, für das Cash die Linernotes schrieb.

„Sie waren sehr gute Freunde“, erinnerte sich Cashs Sohn John. „Und obwohl sie nicht viel Zeit miteinander verbrachten, blieben sie es bis zum Ende.“ So war er eben, Johnny Cash – seiner geliebten Frau ein ergebener, wenngleich auch wilder Gatte und ein standhafter Freund, der junges Talent förderte, wo er nur konnte. Das hielt ihn jung, um nicht zu sagen: Forever Young. So lautete der Titel eines Dylan-Stücks, das Cash im Jahr 1994 für die Benefiz-Compilation Red Hot + Country aufnahm. Die Lyrics lesen sich rückblickend beinahe wie eine schöne Widmung an Cash: „May your heart always be joyful / May your song always be sung / And may you stay / Forever young.” Rest in peace, Johnny Cash.


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Meilenstein im Blitztempo: Wie Big Mama Thornton mit „Hound Dog“ einen Grundstein des Rock’n’Roll legte

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Big Mama Thornton
Foto: Jim Barron/Redferns/Getty Images

Geschrieben in 15 Minuten, aufgenommen am nächsten Tag und für immer ein Teil der Rockgeschichte: Mit Hound Dog landete Big Mama Thornton nicht nur ihren größten Hit, sondern leistete auch einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung des Rock’n’Roll. Ein Künstler feierte mit dem Song allerdings noch größere Erfolge.

Hier könnt ihr euch einige der besten Songs von Big Mama Thornton anhören:

„You ain’t nothin’ but a hound dog“: Noch heute steht diese Zeile für die energiegeladenen Anfangstage des Rock’n’Roll. Geschrieben wurde die Nummer allerdings nicht für Elvis Presley, der mit dem Song einen der größten Hits seiner erstaunlichen Karriere landete. Nein, eigentlich komponierten die beiden Songschreiber Jerry Leiber und Mike Stoller das Stück für Willie Mae „Big Mama“ Thornton — und zwar in Rekordzeit. „Für Hound Dog haben wir etwa zwölf bis 15 Minuten gebraucht“, berichtet Leiber 1990 in einem Interview mit dem Rolling Stone. „Der Song ist nicht sonderlich kompliziert.“ Doch wie kam es eigentlich zu der Zusammenarbeit zwischen Leiber, Stoller und Thornton?

Wir schreiben den 12. August 1952. Bandleader und Musikproduzent Johnny Otis hat die 19-jährigen Songschreiber Leiber und Stoller zu sich nach Hause eingeladen, damit sie Big Mama Thornton kennenlernen können. Das Duo hört der Sängerin bei einer Probe zu und Otis fragt, ob die Zwei einen Song für Thornton schreiben können. Noch am selben Nachmittag entsteht Hound Dog. „Sie war eine wunderbare Blues-Sängerin mit einem großartigen anklagenden Stil“, schwärmt Stoller im Rolling-Stone-Interview von Thornton. „Es war aber nicht nur ihr Stil, sondern auch ihr Aussehen, das Hound Dog beeinflusst hat, und uns auf die Idee gebracht hat, dass sie den Song eher brummen soll.“

„Erzähl mir nicht, wie ich den Blues zu singen habe.“

Schon am nächsten Tag steht Thornton im Studio und singt das Stück ein. Die Produktion übernehmen Leiber und Stoller zum ersten Mal selbst. „Wir haben uns Sorgen gemacht, weil der vorherige Schlagzeuger nicht das gleiche Gefühl rüberbrachte wie Otis bei den Proben“, erklärt Stoller in der Autobiografie des Komponistenpaares. „Jerry fragte Johnny, ob er nicht das Schlagzeug einspielen kann. ‚Niemand bringt diesen Groove so auf den Punkt wie du‘, sagte er. Johnny fragte: ‚Und wer betreut die Aufnahme-Session?‘ Stille. ‚Ihr Zwei?‘, fragte er. ‚Die Kids betreuen die Aufnahme?’ Ich sagte: ‚Klar. Die Kids haben es geschrieben. Also lass es die Kids tun.’ Johnny grinste und sagte: ‚Warum nicht?‘“

Bei den Proben geraten die Songschreiber und Thornton aneinander. Leiber und Stoller möchten, dass die Sängerin das Stück ein wenig anders umsetzt, nehmen ihren Mut zusammen und weisen sie darauf hin. Mit ihrer Größe von etwa 1,80 Metern, einem Gewicht von 115 Kilo und zahlreichen Narben im Gesicht macht Thornton ihrem Spitznamen „Big Mama“ alle Ehre, schaut die beiden Komponisten kühl an und sagt: „Weißer Junge, erzähl mir nicht, wie ich den Blues zu singen habe.“ Touché. Trotz der Unstimmigkeiten finden Thornton, Leiber und Stoller einen Kompromiss und erschaffen die Aufnahme, die Generationen an Rock’n’Roll-Musiker*innen beeinflussen wird.

Hound Dog: Ein Rock’n’Roll-Standard für die Geschichtsbücher

Zu diesen Rock’n’Rollern zählt auch ein junger Mann namens Elvis Presley, der zwei Jahre später seinen ersten Hit That’s All Right aufnimmt. Mit seiner Version von Hound Dog landet der „King“ weitere zwei Jahre später einen der größten Erfolge seiner Karriere. Er verändert dazu einiges an dem Stück, ob in musikalischer oder lyrischer Hinsicht. „Alles wirkte unfassbar nervös, zu schnell, zu weiß“, findet Stoller. „Aber wissen Sie, nachdem sich die Single sieben oder acht Millionen Mal verkauft hatte, klang sie besser.“ Die erste Aufnahme des Songs wird immer die von Big Mama Thornton bleiben — und die steht noch heute für die aufregenden Anfangstage des Rock ‘n‘ Roll.

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Die frühen Frauen des Rock’n’Roll: Wichtig, aber übersehen

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Zeitsprung: Am 13.8.1999 veröffentlichen Kiss den Film „Detroit Rock City“.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 13.8.1999.

von Christof Leim

Einmal sind Kiss mit einem Filmprojekt schon auf die geschminkten Nasen gefallen: 1978 verfehlten die damaligen Superstars mit Kiss Meets The Phantom Of The Park ihr Ziel der crossmedialen Weltherrschaft ziemlich deutlich (wie man hier im Detail nachlesen kann). Zwei Dekaden später versuchen sie es erneut: Am 13. August 1999 startet Detroit Rock City in den Kinos – und erweist sich als Comedy-Trash mit viel Siebziger-Vibe…

Detroit Rock City (der Film) schlägt gewissermaßen eine Brücke zwischen zwei Hochphasen von Kiss: Er entsteht 1999, als die Band dank der Reunion der Originalbesetzung wieder zu den größten Geldverdienern im internationalen Rock’n’Roll-Zirkus zählt. Die Handlung des Streifens wiederum spielt 1978, als Kiss vor allem in den USA zu einem kulturellen Phänomen geworden sind und auf einer beeindruckenden Welle des Erfolges reiten. Die Burschen veröffentlichen im September 1978 sogar am gleichen Tag vier Soloalben.

Die Handlung ist schnell umrissen: Vier Kumpels namens Hawk, Lex, Trip und Jam lieben Kiss (wie so ziemliche alle US-Teenager der Siebziger) und spielen sogar in ihrer eigenen Coverband, um ihren Helden zu huldigen. Die wiederum sind für ein großes Konzert in Detroit (wo sonst?) angekündigt, Tickets dafür haben die Jungs bereits am Start – bis die ultrareligiöse Mutter von Jam dahinterkommt und die Eintrittskarten kurzerhand verbrennt. Klar, denn Kiss steht ja bekanntermaßen für „Knights In Satanic Service“.

Also suchen sich die Vier anderweitig Zutritt zur Show und eine Möglichkeit, überhaupt nach Detroit zu kommen. Bis sie Kiss mit Feuer und Explosionen live erleben, müssen sie sich mit Discoschnöseln und Pfarrern rumschlagen, werden vermöbelt, bestohlen, übers Ohr gehauen und zerlegen eine Damentoilette (Ladies Room, get it?). Einer tritt zwischendurch in einem Stripclub auf, der nächste knutscht in einem Beichtstuhl (mit einem Mädel namens Beth, klar), ein anderer wird von einer älteren Lady entjungfert, die von Gene Simmons’ Ehefrau Shannon Tweed gespielt wird. Und Jam geigt seiner konservativen Mutter die Meinung. Dass dazwischen einiges an Mobiliar zu Bruch geht, versteht sich von selbst.

Die Regie übernimmt Adam Rifkin, als Produzent fungiert Gene Simmons, und alle vier Kiss-Musiker treten bei der großen Show am Ende auf. Einige der Schauspieler kennt man ebenfalls: Edward Furlong („Hawk“) spielte in Terminator 2, Natasha Lyonne („Christine“) gehört zur Besetzung von Orange Is The New Black. In den weiteren Hauptrollen: Sam Huntington, Giuseppe Andrews und James DeBello.

Neue cineastische Höhen erklimmt Detroit Rock City damit nicht, sondern erweist sich als überdrehter Klamauk in „bester“ Tradition des Ramones-Streifens Rock’n’Roll High School. Allerdings bietet das bei entsprechender Affinität zu Trash, Seventies und Kiss durchaus einen Unterhaltungswert. Das reicht für einen gewissen Kultstatus, doch geschäftlich ist das Projekt ein formidabler Flop: 17 Millionen US-Dollar soll es gekostet haben, knappe sechs spielt es ein. Nach dem Kinostart am 13. August 1999 kommt schon im Dezember des gleichen Jahres die Homevideo-Variante. 

Der Soundtrack indes macht Spaß, vor allem wegen cooler Coverversionen. So spielen Pantera Cat Scratch Fever (was sogar als Single veröffentlicht wird), Everclear covern The Boys Are Back In Town, Drain STH machen 20th Century Boy zur Doom-Nummer, und die Donnas rocken Strutter. Lediglich der Versuch von Marilyn Manson, sich des AC/DC-Manifests Highway To Hell anzunehmen, darf wegen völliger Seelenlosigkeit als erschreckendes, aber glücklicherweise fast vergessenes Verbrechen der Musikgeschichte betrachtet werden. Dazu gibt es Klassiker von Van Halen, Black Sabbath, Cheap Trick, Bowie und The Sweet, noch zwei Kiss-Gassenhauer (Shout It Out Loud, Detroit Rock City) und sogar einen neuen Song unserer liebsten Schminkemonster. Nothing Can Keep Me From You läuft während der Credits und drückt ordentlich auf die Tränendrüse. Geschrieben hat ihn Hitkomponistin Diane Warren, Paul Stanley singt (ziemlich gut), ansonsten spielt keiner der Band mit. (Es soll lediglich Ex-Gitarrist Bruce Kulick den Bass übernommen haben.) Braucht man nicht.

Überhaupt lässt die Stimmung im Line-up damals schon zu wünschen übrig, nicht zuletzt wegen dieses Films, wie Ace Frehley und Peter Criss in ihren Autobiografien berichten. Vor allem Ace kann es Gene nicht verzeihen, dass eine Szene mit seiner Tochter Monique angeblich absichtlich rausgeschnitten wird. Aber das sind mal wieder andere Geschichten.

Interview: Kiss zum Abschied: „Es wird schmerzhaft und schön!“

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Zeitsprung: Am 12.8.1949 kommt Mark Knopfler (Dire Straits) zur Welt.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 12.8.1949.

von Christof Leim

Songs schreiben kann der Mann. Und ziemlich gut Gitarre spielen. Deshalb erobert Mark Knopfler zuerst als Kopf der Dire Straits die Welt und brilliert danach als Solokünstler. Am 12. August feiert er Geburtstag.

Zur Lektüre gibt’s hier Knopflers Album Down The Road Wherever:

Zunächst will der in Glasgow geborene Mark Knopfler erstmal etwas Vernünftiges machen: Er studiert Journalismus. „Der Plan war, so Geld zu verdienen und Musik als schönes Hobby auszuleben“, erzählt er 2009 in einem Interview. Er arbeitet sogar in diesem Beruf, macht einen Abschluss in Englisch und geht als Dozent an die Universität. Dabei spielt Knopfler aber immer in Bands, die zum Beispiel Brewers Droop oder Café Racers heißen. Vor allem aber schreibt er von Anfang an Songs und entwickelt einen Stil, der sich von anderen unterscheidet: Er benutzt kein Plektrum, sondern spielt seine Gitarre mit den Fingern, was vor allem im Country verbreitet ist und ihm andere Licks als die der gängigen Rockgitarristen ermöglicht. Seine Einflüsse liegen daneben im Rock und Swing, mit bisschen Blues, wie es sich gehört.

Mark Knopfler 1979 – Pic: Klaus Hiltscher/Wiki Commons

So schlägt sich Mark Knopfler Mitte der Siebziger durch die Pubs von London. Er singt und spielt Gitarre, mit dabei sind sein Bruder David an der zweiten Gitarre sowie Bassist John Illsley. Zusammen gründen sie die Band, mit der Knopfler berühmt werden wird: die Dire Straits. Der ersten Demos entstehen 1977, da ist unser Mann schon Ende 20. Auf den ersten Aufnahmen findet sich bereits ein musikalischen Kleinod namens Sultans Of Swing. Kennt man, muss man kennen.

1978 folgt das erste Album Dire Straits, doch ärgerlicherweise gerät die Musikwelt davon nich in Ekstase. Dann allerdings erscheint Sultans Of Swing als Single. Das wunderbare Lied mit dem Text über eine Feierabendband rollt langsam, aber stetig die Charts auf, zunächst in Europa, dann in Nordamerika. Die Dire Straits sind bereit, und sie starten durch: In rascher Abfolge erscheinen Communiqué (1979), Making Movies (1980) und Love Over Gold (1982) und verkaufen sich gut. 

Die Songs darauf stammen samt und sonders von Mark Knopfler, der gerne kleine Geschichten erzählt und eine höchst geschmackvolle Gitarrenarbeit zelebriert. Zwischendurch schreibt er noch Filmmusik, taucht auf einem Bob-Dylan-Album auf, produziert und schreibt Lieder für andere Leute, unter anderem für Private Dancer, das immens erfolgreiche Comeback von Tina Turner 1984.

Richtig ab geht es dann mit Brothers In Arms 1985, das zum internationalen Megahit wird.  Die Songs darauf kennt wirklich jeder: Money For Nothing, Walk Of Life, So Far Away und natürlich das einfühlsame Titelstück. Dire Straits sind jetzt Superstars, allen voran Mark Knopfler. Die nächsten beiden Jahre verbringt die Truppe auf der Straße und fährt einen Erfolg nach dem anderen ein. Dem Chef wird das aber alles zu groß und zu viel. Zunächst gibt es eine Pause, 1988 verkündet Knopfler die Auflösung der Dire Straits.  

Musik machen will er weiterhin, aber eben in kleinerem Rahmen ohne die massiven Erwartungen und Verpflichtungen. Seine nächste Band The Notting Hillbillies jedenfalls widmet sich US-amerikanischer Roots-Musik wie Folk, Blues und Country, alles viel unspektakulärer, vermutlich (oder hoffentlich) genauso befriedigend. Ein Album erscheint 1990, es trägt den schönen Titel Missing…Presumed Having a Good Time. Eine kleine Runde dreht unser Mann mit den Dire Straits aber noch: Im September 1991 kommt mit On Every Street doch noch ein Album, doch unweigerlich folgende Mega-Welttour sorgt dann dafür, dass die Band 1995 endgültig aufgelöst wird.

Mark Knopfler startet darauf eine Solokarriere, seit 1996 erscheinen in lockerer Folge fast ein Dutzend Soloalben: Golden Heart, Sailing To Philadelphia, The Ragpicker’s Dream, Shangri-La, Kill To Get Crimson, Get Lucky, Privateering, Tracker und Down The Road Wherever. Damit feiert er in aller Welt Erfolge, jedoch weit entfernt von der Megalomanie der Achtziger. Zudem kollaboriert er mit unzähligen anderen Künstlern, etwa Emmylou Harris, tourt mit Bob Dylan und beschäftigt sich oft und gerne mit Country. Bei seinen eigenen Konzerten geht es mittlerweile nur um die Musik, große Produktion braucht der Mann nicht mehr. Auf der Bühne trinkt er Tee. Nach einer Dire-Straits-Reunion steht dem musikalischen Kopf der Sinn so gar nicht, nicht mal bei der Einführung der Band in die Rock And Roll Hall Of Fame 2018 taucht er auf.

Songwriter, Meistergitarrist und Geschichtenerzähler: Mark Knopfler 2018 – Pic: Derek Hudson

Sein Privatleben behält Knopfler für sich, Interviews gibt es nicht viele. Er ist zum dritten Mal verheiratet, Vater von vier Kindern, Fan des Newcastle FC und Sammler von Sportwagen. Auf seinen letzten Touren denkt er laut darüber nach, sich zur Ruhe zu setzen und kündigt explizit sogar seinen Abschied von der Bühne, spielt aber nach eigenen Aussagen zu gerne. Hoffen wir, dass das so bleibt. Alles Gute zum Geburtstag, Mr. Knopfler!

Zeitsprung: Am 29.3.1979 landet Mark Knopfler auf einem Bob-Dylan-Album.

 

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