------------

Popkultur

Die musikalische DNA von Kraftwerk

Published on

Als Kraftwerk die Bühne betraten, war sie endlich gekommen: die Zukunft. Nach dem zweiten Weltkrieg wuchs eine ganze Generation von deutschen Musiker*innen heran, die mit Entsetzen in die Vergangenheit und mit Skepsis auf die Gegenwart blickten. In den Gerichten, den Ämtern, selbst in der Schule: Die Nazis waren nicht über Nacht verschwunden, sondern zogen sich nur mehr unauffälliger an. Es brauchte eine Gegenbewegung, und dafür wiederum war ein neuer Sound nötig. Doch einfach die Musik der Alliierten übernehmen? Entweder wie Elvis oder die Beatles spielen, alles auf Englisch singen? Nein, das ging so auch nicht. Was für eine Gegenbewegung wäre das bitteschön gewesen?


Hört hier in die musikalische DNA von Kraftwerk rein:

Für die ganze Playlist klickt auf „Listen“.

Radikaler noch als viele der Krautrock-Bands, in deren Umfeld Ralf Hütter und Florian Schneider-Esleben zuerst die Band Organisation (zur Verwirklichung gemeinsamer musikalischer Konzepte, wie der volle und umständliche Name lautete) gründeten und später mit neuem Konzept als Kraftwerk neu belebten, stellten die Mensch-Maschinen das Deutschsein überhaupt auf die Probe. Ihre „Industrielle Volksmusik“ war simpel und hochfuturistisch zugleich. Ein Auge warfen sie auf den Rückspiegel, in welchem die musikalische Tradition bei über 200km/h langsam zu schrumpfen begann. Das andere wurde fest auf die Zukunft gerichtet. Darüber vergaßen sie nicht selten, ihren Mitstreitern wie Wolfgang Flür oder Karl Bartos den gebührenden Respekt zu zollen. Irgendwann übernahm Hütter allein das Heft über die Band, die mittlerweile eher weniger nach Zukunft, sondern vielmehr nach ihrer eigenen Vergangenheit klingt.

Kraftwerk bleiben dennoch die wohl wichtigste Band der Welt. Ohne sie kein Electro-Pop, ohne sie kein Hip Hop, ohne sie kein Techno – ohne sie hätte es die Musik der Zukunft schlicht nie gegeben. Doch lässt sich aus ihrem vergleichsweise schmalen Werk auch eine musikalische DNA rekonstruieren, die uns nicht selten in die entfernte Vergangenheit führen wird…


1. Franz Schubert – Gute Nacht (Winterreise, D911)

Die sechziger Jahre waren die Zeit der Gegenkultur, der Aufstände im Mai 1968 und der aufblühenden Hippie-Kultur in deutschen Landen. Es wurde gekifft und debattiert, das System sollte stürzen und die Songs – parallel zu den Haaren – immer länger werden. In der lebhaften Szene der „Electri_city“ Düsseldorf tauchten zu dieser Zeit zwei Typen mit Designerschuhen auf, die überhaupt nicht ins Bild passen sollten: Hütter und Schneider waren Kinder aus reichen Häusern, die mit Klavierunterricht aufgewachsen waren.

Es war aber genau diese klassische Ausbildung, welche die Grundlagen für Kraftwerk legten. Insbesondere Franz Schubert, dem sie 1977 auf dem Album Trans Europa Express einen Song widmeten, wurde mit seinen ebenso simplen wie anrührenden Kunstliedern zum Vorbild ihrer Kompositionstechniken. Seine Winterreise war für Kraftwerks Neuinterpretation der Vergangenheit maßgeblich. „Und dann diese Musik“, schwärmte auch der Musiker John Foxx. „Bewusst werden hier abermals alle britischen und amerikanischen Pop-Elemente ausgeschlossen. Stattdessen nimmt sie Bezug auf eine stark vereinfachte, in einen neuen Sinnzusammenhang gesetzte Musik von Schubert bis Stockhausen.“


2. Karlheinz Stockhausen – Kontakte

Der kauzige Avantgardist Stockhausen war in der Nachkriegszeit einer der wichtigsten Dreh- und Angelpunkte der westdeutschen Szene. Bei ihm drückten Musiker wie Irmin Schmidt und Holger Czukay von CAN die Schulbank und lernten, ganz anders über Musik nachzudenken als zuvor. Und Kraftwerk? In einem seiner sehr seltenen Interviews verneinte Hütter 2010 gegenüber dem britischen Journalisten Jon Savage die Frage, ob die beiden unter Stockhausen studiert hätten oder von ihm beeinflusst worden wären. 2015 räumte er der WELT gegenüber jedoch ein, Stockhausen eventuell mal als Kind im Radio gehört zu haben.

Wo Hütters knappen Aussagen Glauben zu schenken ist, steht auf einer anderen Seite geschrieben. Wenn jemand darum bemüht war, einen Mythos um sich aufzubauen, dann schließlich er. Die irren Kompositionstechniken Stockhausens jedoch ebenso wie sein unbeirrbarer Glaube in die Möglichkeiten der Technologie spiegeln sich zweifelsohne im Schaffen Kraftwerks. Und vergessen wir nicht, dass neben Hütter und Schneider noch andere zur Band gehörten: Karl Bartos nämlich hat sein Handwerk bei Stockhausen gelernt. Es gab eben doch eine Menge „Kontakte“ zwischen Stockhausen und Kraftwerk.


3. Conrad Schnitzler – Ballet Statique

Wie es aber nun so ist: Die meisten Musiker, die über die Jahrzehnte bei Kraftwerk mitgemischt haben, verschwanden im Schatten von Schneider und vor allem Hütter. Selbst diejenigen, ohne die es Kraftwerk in dieser Form vielleicht nie gegeben hätte. Conrad Schnitzler war selbst in der umtriebigen Düsseldorfer Szene ein absoluter Oberkauz. Sein Leben schien selbst eine Art Performance-Stück zu sein, seine Musik sprengte bereits Grenzen, bevor er in Berliner das stilprägende Zodiak Free Arts Lab gründete und Cluster oder Tangerine Dream mit ins Leben rief.

1970 lebte Schnitzler längst in Berlin und hatte gerade mit Tangerine Dream deren erstes Album Electronic Meditation veröffentlicht, als die Vorform von Kraftwerk, Organisation, mit Tone Float debütierte. Darauf war freiförmiger Krautrock mit viel Flöteneinsatz und noch wenig von dem aalglatten Futurismus zu hören, der später Kraftwerks Markenzeichen wurde. Schnitzler aber verschaffte ihnen ihren ersten Synthesizer, einen EMS Synthi-A. Nicht unbedingt aus Sympathie für ihr Schaffen allerdings, wie er später zugab: „Kraftwerk waren mir eigentlich zu straff, zu deutsch. Ich bin 1937 geboren und kann so etwas nicht leiden.“ Für immer in ihrem Schatten zu stehen hat der 2011 verstorbene Künstler allerdings auch nicht verdient.


4. The Beach Boys – Fun, Fun, Fun

Dabei wurden doch selbst die großen Kraftwerk mal für schnöde Epigonen gehalten. Nicht nur wegen der offenkundigen Parallele zwischen Barbara Ann und Autobahn, sondern auch wegen der Lyrics „Wir fahr’n, fahr’n, fahr’n auf der Autobahn“ – klingt doch wie „We’re having fun, fun, fun on the Autobahn“, oder? – wurde die Band in den USA zuerst für ein Beach Boys-Rip-Off gehalten. Reiner Zufall? Wohl kaum! Denn Hütter nannte die Gruppe um Brian Wilson neben den Doors immer wieder gerne als Inspiration.

Genauer sagte er, dass „es den Beach Boys [gelang], ein Maximum grundlegender Vorstellungen zu konzentrieren. Wenn die Leute in hundert Jahren wissen wollen, wie das Kalifornien der Sechziger war, brauchen sie sich nur eine Single der Beach Boys anzuhören.“ Aber Moment mal, wie konnte Hütter das überhaupt beurteilen – schließlich war er doch selbst nie im Kalifornien der sechziger Jahre gewesen, sondern hatte ausschließlich die Musik der Beach Boys gehört! Immerhin: Von Spritztouren auf der Autobahn oder vom Fahrradfahren verstand er selbst etwas…


5. MC5 – Kick Out the Jams

Die Beach Boys sind zuerst ein verwirrender Bezugspunkt im Kraftwerk-Universum, doch über die ebenso simplen wie komplexen Harmonieführungen und Melodiebögen Brian Wilsons ist es eben doch nur ein kleiner Schritt zu großen Hits wie Das Modell. Noch überraschender scheint da allerdings, dass sich Hütter und Schneider für den Sound der Stooges oder von MC5 begeistern konnten. Der dreckige, verschwitzte Rock US-amerikanischer Machart – was hat der bloß mit Kraftwerk zu tun?

Eine ganze Menge, argumentierte der britische Musikjournalist Simon Reynolds in seinem Buch Energy Flash. Denn schließlich kamen beide Bands aus der sogenannten „Motor City“ Detroit, wo 1903 die erste Ford-Fabrik eröffnet wurde und zehn Jahre später die Fließbandproduktion von Kraftwerks zweitliebstem Fortbewegungsmittel begann. Der Lärm der Industrie war wiederum für Bands wie Stooges oder die MC5 inspirierend. Was Kraftwerk sich von ihnen mit auf den Weg nahmen, waren also weniger musikalische Ideen als vielmehr Gedanken zum Miteinander von Technologie und Sound. In Detroit wurde schließlich nicht ohne Grund Mitte der Achtziger Techno erfunden, ein Genre, das sich ebenso explizit auf Kraftwerk bezog wie auf den Rhythmus der Maschinen…


6. The Velvet Underground – Sister Ray

Natürlich aber war der erdige, körperliche Ansatz von MC5 und anderen nicht unbedingt Kraftwerks Sache. Ihnen ging es ums Künstlerische, um nicht zu sagen Künstliche. Niemand hatte den Zusammenhang zwischen Kunst und Künstlichkeit besser in Bilder gepackt als Andy Warhol, der sein Studio wohl nicht ohne Zufall „Factory“ nannte. In seinem Umfeld gründeten sich The Velvet Underground, die seine Ideen kongenial auf Musik übertrugen und damit nur wenige, aber die richtigen Fans fanden. „Das erste Velvet Underground-Album hat sich nur 10.000 Mal verkauft, aber wer auch immer es kaufte, gründete danach eine Band“, sagte einer, der es wissen musste: Brian Eno.

Velvet Underground stellten ihr Publikum vor große Geduldsproben. Der Beat, die spärlichen Riffs, der lakonische Sprechgesang Lou Reeds – all das blieb sich schier immer gleich. So wie später auch das knapp 23-minütige Autobahn, das von Flürs unnachgiebigem Motorik-Beat getragen wurde. Vor allem dachten Kraftwerk wie Velvet Underground beziehungsweise Warhol vor ihnen Pop als Kunst beziehungsweise Pop Art: So wie die Warhol-Banane auf The Velvet Underground & Nico bestach auch Autobahn (zumindest in späteren Ausgaben) oder die ersten beiden selbstbetitelten LPs durch eine Simplizität, die in ihrer Genialität schlicht beeindruckend war.


7. Neu! – Hallogallo

Wenn Andy Warhol der visuelle Übervater der Pop Art war, dann war Conny Plank der Klangmagier der westdeutschen Nachkriegsgeneration. Bei Duke Ellington oder den Eurythmics stand der Produzent ebenfalls hinter den Reglern, unvergessen aber ist sein Beitrag zur Krautrock-Geschichte, welcher er nachhaltig seinen Stempel aufdrückte. Der Motorik-Beat, der Autobahn kennzeichnet, wurde unter seinen wachsamen Ohren von Klaus Dinger erfunden, als Neu! ihr erstes Album mit Plank in Hamburg aufnahmen.

Ohne Kraftwerk hätte es Neu! niemals gegeben. Dinger und Gitarrist Michael Rother waren kurz zuvor dort ausgestiegen. Doch gemeinsam fanden sie ihre Bestimmung und schufen mit Plank zusammen eine Art von Krautrock, der auf technischen Spielereien und derselben mitreißenden Ausdauer fußte wie die großen Erfolge von Kraftwerk zwei Jahre später. Die hatten ebenso auf Planks Können vertraut, sich dann aber ab Radio-Aktivität von ihm als Weggefährten endgültig verabschiedet. Sie hatten ihr eigenes Studio, wollten die Dinge selbst in die Hand nehmen – und vergraulten dabei eine Vielzahl von Mitstreitern…


8. Karl Bartos – I’m the Message

Karl Bartos etwa, der zu den Aufnahmen von Radio-Aktivität an Bord kam und erst 1991 die Band verließ, wird in der Geschichtsschreibung Kraftwerks allzu gerne als Fußnote behandelt. Dabei ist er doch Mitkomponist von Stücken wie Tour de France oder Das Modell! Den Superhit Das Modell rettete er genau gesagt, denn der Kraftwerk-Grafiker und -Texter Emil Schult hatte aus seiner unerwiderten Liebe zu einem Model einen kitschigen Rock-Song gemacht. Bartos erst gab ihm den richtigen Kraftwerk-Anstrich.

Das alles änderte nichts daran, dass Hütter und Schneider den genialen Musiker, der sich später unter den Pseudonym Elektric beziehungsweise Electric Music wie auch unter seinem Klarnamen und als Songwriter für Bands und Artists wie OMD oder Anthony Rother verdingte, als Angestellten behandelten. Er durfte nicht einmal bei anderen Bands mitmischen, während er bei Kraftwerk tätig war – wer bei Mercedes arbeite, könne dasselbe schließlich nicht für Opel tun, soll Hütter ihm gesagt haben. Als Freunde gingen die drei Musiker deshalb nicht auseinander und heute steht Bartos der Band kritisch gegenüber. „Ab The Mix sind Kraftwerk für mich gestorben oder hängen heute nur noch an einer Herz-Lungen-Maschine“, sagte er in einem Interview.


9. Afrika Bambaataa – Planet Rock

Bartos‘ Ausstieg nach der Veröffentlichung von The Mix spricht auch deutlich aus, mit welchen Problemen sich die Band seit Anbruch der achtziger Jahre konfrontiert sah. Nach der Veröffentlichung des bahnbrechenden Albums Computerwelt mit Stücken wie Nummern im Jahr 1981 begann eine kreative Krise, Kraftwerk im Kern zu erschüttern. Erst 1986 meldete sich die Band mit der LP Electric Café zurück, die 2009 in Techno Pop umbenannt wurde, dem ursprünglichen Arbeitstitel. Das lag nicht nur daran, dass Hütter 1983 einen schweren Radunfall hatte. Sondern ebenso daran, dass Kraftwerk sich in der Zukunft, die sie selbst vorausgesehen hatten, nicht mehr zurechtfanden.

Denn was war nicht alles seit der Veröffentlichung von Autobahn alles passiert? Synthesizer, Sequencer und Sampler wurden massenproduziert und standen so allen zur Verfügung. Das Alleinstellungsmerkmal Kraftwerks, ihr futuristischer Sound, war plötzlich keiner mehr. Vom elektronischen Disco Giorgio Moroders hin zum frühen Hip Hop-Sound von Afrika Bambaataa, der für Planet Rock gleich zwei Kraftwerk-Songs (Trans Europa Express und Nummern) als Blaupause hernahm, wurden sie plötzlich von links und rechts überholt! Ihnen aber gefiel das sehr gut, heißt es, und tatsächlich verstanden sich Hütter und Schneider bei einem Treffen mit dem New Yorker Hip Hop-Pionier wohl blendend. Der (inoffizielle) Kraftwerk-Biograf David Buckley deutete sogar an, dass die beiden sich gerne an den Ideen ihrer Imitator*innen bedient hätten…


10. Model 500 – No UFO’s

Obwohl Kraftwerk nach Electric Café beziehungsweise Techno Pop kein eigenständiges Album mehr veröffentlichten und es bei der Aufarbeitung von Archivstücken wie auf The Mix oder die sich ebenfalls zu Teilen aus altem Material speisenden Tour de France Soundtracks sowie zahlreichen Retrospektiven und spektakulären Live-Auftritten blieb, so wirken sie immer noch nach. Hütter, Schneider und ihre Musikarbeiter erfanden elektronischen Pop, aber auch die Musik, zu der heutzutage Nacht für Nacht in den Clubs dieser Welt gefeiert wird. Ohne Kraftwerk kein elektronischer Disco, kein House, kein Techno.

„Techno ist wie Detroit, ein kompletter Fehler. Es ist, als wenn man George Clinton und Kraftwerk in einen Fahrstuhl einsperrt“, sagte einst einer, der es wissen musste: Derrick May. Der US-Amerikaner gehört zu den sogenannten Belleville Three, einem Trio aus Detroit, dem neben Kevin Saunderson auch Juan Atkins angehört. Unter dem Namen Cybotron veröffentlichte Atkins 1984 – zwei Jahre vor Electric Café beziehungsweise Techno Pop – die Single Techno City. Ein Jahr später allerdings folgte unter dem Pseudonym Model 500 mit No UFO‘s der Track, der Techno zu einem internationalen Phänomen machen sollte. Der Einfluss von Kraftwerk war deutlich zu spüren, und doch rauschte hier die Zukunft aus der Motor City Detroit mit 125bpm an den Düsseldorfern vorbei… So klang die neue industrielle Volksmusik!


Das könnte dir auch gefallen:

Der historische Verriss: “Autobahn” (1974) von Kraftwerk

Robert Moog: Der Pionier des Synthesizers

10 Hits der 80er, die heute niemand mehr kennt

Popkultur

„Strangeways, Here We Come“: Wie The Smiths vor 35 Jahren an sich selbst zerbrachen

Published on

The Smiths
Foto: Pete Still/Getty Images

Sie sind eine der wichtigsten englischen Rock-Bands der Achtziger und haben mit nur vier Platten Musikgeschichte geschrieben: Vor 35 Jahren erscheint ihr letztes Album Strangeways, Here We Come. Die Band gibt es da schon gar nicht mehr…

von Björn Springorum

Hier könnt ihr euch Strangeways, Here We Come anhören:

Ach, die Achtziger. Autotune war noch nicht erfunden, Kurt Cobain noch am Leben und Morrissey kein verblendeter Rechter. Good times. England findet sich mit dem Wechsel der Jahrzehnte und den heraufziehenden Achtzigern immer fester in der Umarmung des Synth Pop wieder: The Human League, OMD, Ultravox geben den Ton an, bestimmen die Mode und das popkulturelle Tagesgeschehen.

Das passt nicht allen. Im Mai 1982 taucht Johnny Marr einfach vor Steven Morrisseys Wohnung in Stretford bei Manchester auf, um eine Band mit ihm zu gründen. Die beiden verstehen sich sofort prächtig, mögen dieselben Bands und Schriftsteller*innen und legen los. Sie nennen sich The Smiths, um endlich „ganz gewöhnliche Menschen ins Rampenlicht zu stellen“, wie Morrissey mal sagte.

Ihr Sound ist die Antithese zum wuchernden Synthie-Boom, eine Assemblage aus der harmoniesatten Musik der Sechziger und den desolaten Farben des Post Punk. Sie veröffentlichen drei äußerst erfolgreiche Alben und sind 1986 die wichtigste Rock-Bands Englands. Die erfolgreichste aber eben nicht – sehr zum Verdruss von Morrissey, der sich seinen Frust über die fehlende Mainstream-Anerkennung immer direkter von der Seele schreibt.

Ab in den Knast!

Für ihr viertes Album Strangeways, Here We Come, benannt nach einem notorischen Höllenknast aus viktorianischer Zeit, wollen sie was anderes versuchen. Sie hauen kurz noch die provokante, marxistische Non-Album-Single Shoplifters Of The World Unite und verabschieden sich von ihrem Trademark-Sound. Weniger Jingle-Jangle, weniger klassisches Rock’n’Roll-Besteck. Stattdessen kommen Drum-Maschinen zum Einsatz, synthestisiertes Saxofon und jede Menge Keyboard. Der Opener des Albums, das verwunschene, nostalgische A Rush And The Push And The Land Is Ours, kommt sogar ohne Gitarren aus.

Der eine liest, der andere trinkt

Als Vorbilder zitiert Johnny Marr das weiße Album der Beatles und einige Sachen der Walker Brothers. Die Band steht vor einem Wendepunkt, das ist schon bei den Aufnahmen zu Strangeways, Here We Come klar. In den Wool Hall Studios von Tears For Fears im Süden Englands entsteht unwissentlich der Schwanengesang einer Band. Während sich Morrissey abends nach den Aufnahmen mit Lektüre ins Bett zurückzieht trinkt und feiert der Rest der Band und des Teams regelmäßig bis tief in die Nacht. Die Stimmung ist gut, die Partys im Studio sind in der gesamten Umgebung bekannt und legendär.

Im April 1987 ist das Album im Kasten. Und die Band sehr zufrieden: Marr und Morrissey sind überzeugt davon, das mit Abstand beste The-Smiths-Album aufgenommen zu haben. Sie lassen sich von Oscar Wilde und der US-Girl-Group Reparata And The Delrons beeinflussen, von David Bowier und Nina Simone. Erscheinen soll das Album am 28. September 1987 – und für seine besondere Aura überschwänglich gelobt werden. Doch da gibt es die Band schon gar nicht mehr.

Das Fass läuft über

Die Spannungen zwischen Marr und Morrissey werden stärker und stärker. Es geht um Einfluss und Kontrolle, um verschiedene Visionen und künstlerische Egotrips. Im Juni 1987 verkündet Marr, eine Pause von der Band einzulegen, weil er sich vom Rest der Band zunehmend in ein schlechtes Licht gerückt fühlt. Ein Artikel im NME erweist sich im Juli dann als Funke im Pulverfass: Marr zufolge steckte Morrissey dem Magazin, dass sich The Smiths auflösen würden, weil sich Morrissey und Marr irreparabel zerstritten hätten. Stimmt zwar nicht, doch zu diesem Zeitpunkt war das Kind schon in den Brunnen gefallen. Johnny Marr steigt endgültig aus, noch vor Veröffentlichung des finalen Albums Strangeways, Here We Come ist eine der wichtigsten und einflussreichsten englischen Bands Geschichte. Für immer: Bis heute haben Johnny Marr und Morrissesy jedes Reunion-Angebot abgelehnt.

Du willst nichts mehr in der Rockwelt verpassen? Melde dich hier für unseren Newsletter an und werde regelmäßig von uns über die wichtigsten Neuigkeiten, die spannendsten Geschichten sowie die besten Veröffentlichungen und Aktionen informiert!

Die besten letzten Platten aller Zeiten

Continue Reading

Popkultur

35 Jahre „Music For The Masses“: Der Moment, in dem Depeche Mode Weltstars wurden

Published on

Depeche Mode
Titelfoto: Paul Natkin/Getty Images

In Europa sind Depeche Mode 1987 längst Stars. Dann veröffentlichen sie ihr ahnungsvolles, düsteres Epos Music For The Masses. Der Titel mag bewusst ironisch gewählt sein. Doch das Album schießt die Briten endgültig in die Stratosphäre.

von Björn Springorum

Die Schatten werden länger: Mit ihrem fünften Black Celebration wenden sich Depeche Mode 1986 merklich von ihrem sterilen, kühlen Electro Pop ab. Ihr Sound wird düsterer, ahnungsvoller, melancholischer, Martin Gores Texte merklich pessimistischer und zweifelnder. Die neue atmosphärische Qualität spiegelt sich auch in Anton Corbijns Zusammenarbeit mit der Band wider, die ebenfalls 1986 ihren Anfang nimmt.

Daniel Miller nimmt Abstand

Bald vier Monate ist man mit der schwarzen Feier auf Welttournee – ein Kraftakt, der nicht ohne Risse im Bandgefüge bleibt. Schon bei den Aufnahmen zu Black Celebration stört sich Produzent Daniel Miller an den Spannungen innerhalb der Band und entscheidet für sich, den Nachfolger nicht mehr zu betreuen. „Wir hatten keine freien Tage“, erinnerte sich Miller mal. „Vielleicht war das ein Fehler. Jeder wache Moment wurde in dieses Album gesteckt, mehr gab es für uns nicht.“

Verständlich, dass Depeche Mode beim Nachfolger etwas ändern wollen. Inzwischen sehr erfolgreich, gönnen sich Depeche Mode nach Rücksprache mit ihrem Mentor Miller den Produzenten Dave Bascombe und setzen mit ihm nach Paris über, um an neuen Songs zu arbeiten. Es ist Februar 1987, die Sonne scheint über der Seine und alles riecht nach Neuanfang. Die Motivation innerhalb der Band ist so hoch, dass Alan Wilder im Studio nach und nach die Kontrolle übernimmt. Irgendwie logisch: Je mehr Depeche Mode in Richtung Sampling und moderne Synthesizer gehen, desto mehr ist sein technisches Verständnis gefragt.

Der Aufstieg des Alan Wilder

In den nächsten Monaten wird Bascombe, durchaus eine veritable Koryphäe auf seinem Gebiet, fast schon zum Studiotechniker degradiert, während Alan Wilder mehr und mehr die Kontrolle übernimmt. „Music For The Masses ist der Aufstieg von Alan Wilder“, so sagte Daniel Miller mal. Wilder vergräbt sich mehr denn je in der Technik und in den Details, während die anderen schon durch die Straßen von Paris ziehen. Er hinterlässt deutliche Spuren in Songs wie Little 15 mit ihren fast schon sakral anmutenden Synthesizern, neoklassischen Elementen und Flächen.

Music For The Masses ist das erste Album, das Depeche Mode ohne ihren Entdecker Daniel Miller produzieren. Sie entschieden sich bewusst für mehr Progression und Experimente, vergessen aber natürlich die Hits nicht. Bis heute sind das monumentale, lüsterne, dezent homoerotische Never Let Me Down Again, das hämmernde Behind The Wheel oder das melodramatisch wallende Strangelove Ankerpunkte in ihrem Kanon. Der Rest des Albums ist aber eben genau der Gegenteil seines ironischen Titels: Ziemlich, ziemlich unkommerziell, voller obskurer Samples, sexueller Referenzen und dunkler Abgründe. Zum Titel sagte Andrew Fletcher mal: „Jeder riet uns, kommerziellere Musik zu machen, daher der Titel.“ Gore ergänzte das um: „Das Album ist alles außer Musik für die Massen!“

Triumph in Kalifornien

In England sieht man das vor 35 Jahren ganz ähnlich: Die Platte schafft es gerade so auf Platz zehn in die Charts, die erste Single Strangelove gar nur auf Rang 16. In den USA scheint die Ironie des Titels nicht zu ziehen: Music For The Masses macht Depeche Mode auf der anderen Seite des Atlantiks endgültig zu Superstars, dokumentiert mit dem Konzertfilm 101, der den Weg der Band zur letzten Show der Tour im gigantischen Rose Bowl Stadium in Pasadena, Kalifornien nachzeichnet. Es ist der Juni 1988 und die 101. Show der Music For The Masses-Welttour. 60.000 Fans sind dabei, als die Band das Ende eines weiteren Kapitels feiert.

Wenn sie sich im März 1990 mit Violator zurückmelden, werden sie endgültig zur größten Synth-Pop-Band aller Zeiten. Mit allen Exzessen, Abstürzen und Problemen, die dazugehören.

Du willst nichts mehr in der Rockwelt verpassen? Melde dich hier für unseren Newsletter an und werde regelmäßig von uns über die wichtigsten Neuigkeiten, die spannendsten Geschichten sowie die besten Veröffentlichungen und Aktionen informiert!

40 Jahre Depeche Mode: Wie aus The-Cure-Fans Weltstars wurden

Continue Reading

Popkultur

Im Auftrag des Herrn: Als Bob Dylan vor Papst Johannes Paul II. auftrat

Published on

Bob Dylan
Foto: POOL/AFP/Getty Images

Gläubig war Bob Dylan irgendwie schon immer — mal in der einen, mal in der anderen Religion. Doch darum geht es nicht, als er am 27. September 1997 vor Papst Johannes Paul II. auftritt

von Timon Menge

Hier könnt ihr euch Echoes, Silence, Patience & Grace von den Foo Fighters anhören:

Mit seinem Gig vor Papst Johannes Paul II. löst Bob Dylan im September 1997 einen ganz schönen Trubel aus. „Darf der das?“, lautet die allgegenwärtige Frage. „Nein“, finden zahlreiche Mitglieder der katholischen Kirche. Kardinal Joseph Ratzinger (später: Papst Benedikt XVI.) möchte den Auftritt sogar verhindern. Doch Dylan bahnt sich seinen Weg zum Häuptling und gibt in Anwesenheit von mehr als 300.000 jungen Katholiken Songs wie Knockin’ On Heaven’s Door, A Hard Rain’s A-Gonna Fall und Forever Young zum Besten. Der Papst hält anschließend ein flammendes Plädoyer für die katholische Kirche — und zitiert darin auch Dylans Songtexte.

„Du sagst, dass ‚blowin‘ in the wind’ die Antwort ist, mein Freund“, proklamiert das Kirchenoberhaupt in Dylans Richtung. „So ist es. Es ist aber nicht der Wind, der Dinge davonträgt, sondern der Atem und das Leben des Heiligen Geistes. Die Stimme die ruft und sagt: ‚Komm!‘. Du fragst, wie viele Wege ein Mann gehen muss, bevor er zum Mann wird. Ich antworte: Es gibt für einen Mann nur einen Weg und das ist der Weg von Jesus Christus, der gesagt hat: ‚Ich bin der Weg und das Leben.‘“ Ob der Papst Dylans Fragen damit beantworten konnte, wissen wir auch nicht. Was wir allerdings wissen, ist, dass Dylans Auftritt beinahe nicht stattgefunden hätte.

Johannes’ Nachfolger Benedikt XVI. hat Einwände

„Es gab Gründe, skeptisch zu sein und das war ich“, schreibt Papst Benedikt XVI. in seinem Buch Johannes Paul II: Mein geliebter Vorgänger. 1997 heißt Benedikt noch Joseph Ratzinger und ist Kardinal. „In gewisser Weise bin ich auch heute [2007] noch skeptisch.“ So äußert der Rockmusikhasser in dem Buch seine Zweifel darüber, ob es richtig gewesen sei, den „sogenannten Propheten“ Dylan auf die Bühne zu lassen. 1997 möchte Kardinal Ratzinger das Konzert sogar aktiv verhindern und spricht sich gegen Dylans Auftritt aus. Zum Glück hat er damals noch nicht allzu viel zu sagen — und zum Glück sieht der amtierende Papst das Ganze ein wenig anders.

Dylan selbst erklärt in einem Newsweek-Interview, wie es um seine Religiosität bestellt ist: „Die Sache mit mir und der Religion ist die … Das ist die reine Wahrheit: Ich finde die Religiosität und Philosophie in der Musik. Ich finde sie nirgendwo anders.“ Immer wieder war es zu Verwirrung um Dylans Glauben gekommen, der zwar jüdisch aufwuchs, Ende der Siebziger aber unter großem Tamtam zum Christentum konvertierte. Später wendete er sich wieder davon ab. „Ich halte mich nicht an Rabbiner, Prediger, Evangelisten und all sowas“, versichert er. „Ich habe mehr durch die Lieder gelernt, als durch irgendeine Einrichtung. Die Lieder sind mein Lexikon und ich glaube ihnen.“

Dylan beim Papst: „Das war eine der besten Shows, die ich je gespielt habe.“

Warum Dylan 1997 dennoch seine Chance ergreift und vor dem Papst auftritt, können wir nur erahnen. Die mediale Aufmerksamkeit wird sicher dazu beigetragen haben, denn nur wenige Tage später erscheint sein 30. Album Time Out Of My Mind. Doch auch der Spaß kommt nicht zu kurz: „Das war eine der besten Shows, die ich je gespielt habe“, verrät er später in einem Interview mit dem Irish Sunday Mirror. Außerdem erklärt er: „Es gab Zeiten in meinem Leben, da konnte ich nur auf der Bühne glücklich sein.“ Touren falle ihm nicht schwer. „Viele Leute halten das Touren nicht aus, aber für mich ist das wie Atmen.“ Hoffentlich kommt er dabei nicht dem Atem des Heiligen Geistes in die Quere.

Aufnahmefehler und schlechte Verkaufszahlen: Die holprige Geschichte von Bob Dylans Debütalbum

Continue Reading

Latest Music News

Top Stories

Don't Miss

[class^="wpforms-"]
[class^="wpforms-"]