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Popkultur

Die musikalische DNA von Kraftwerk

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Als Kraftwerk die Bühne betraten, war sie endlich gekommen: die Zukunft. Nach dem zweiten Weltkrieg wuchs eine ganze Generation von deutschen Musiker*innen heran, die mit Entsetzen in die Vergangenheit und mit Skepsis auf die Gegenwart blickten. In den Gerichten, den Ämtern, selbst in der Schule: Die Nazis waren nicht über Nacht verschwunden, sondern zogen sich nur mehr unauffälliger an. Es brauchte eine Gegenbewegung, und dafür wiederum war ein neuer Sound nötig. Doch einfach die Musik der Alliierten übernehmen? Entweder wie Elvis oder die Beatles spielen, alles auf Englisch singen? Nein, das ging so auch nicht. Was für eine Gegenbewegung wäre das bitteschön gewesen?


Hört hier in die musikalische DNA von Kraftwerk rein:

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Für die ganze Playlist klickt auf „Listen“.

Radikaler noch als viele der Krautrock-Bands, in deren Umfeld Ralf Hütter und Florian Schneider-Esleben zuerst die Band Organisation (zur Verwirklichung gemeinsamer musikalischer Konzepte, wie der volle und umständliche Name lautete) gründeten und später mit neuem Konzept als Kraftwerk neu belebten, stellten die Mensch-Maschinen das Deutschsein überhaupt auf die Probe. Ihre „Industrielle Volksmusik“ war simpel und hochfuturistisch zugleich. Ein Auge warfen sie auf den Rückspiegel, in welchem die musikalische Tradition bei über 200km/h langsam zu schrumpfen begann. Das andere wurde fest auf die Zukunft gerichtet. Darüber vergaßen sie nicht selten, ihren Mitstreitern wie Wolfgang Flür oder Karl Bartos den gebührenden Respekt zu zollen. Irgendwann übernahm Hütter allein das Heft über die Band, die mittlerweile eher weniger nach Zukunft, sondern vielmehr nach ihrer eigenen Vergangenheit klingt.

Kraftwerk bleiben dennoch die wohl wichtigste Band der Welt. Ohne sie kein Electro-Pop, ohne sie kein Hip Hop, ohne sie kein Techno – ohne sie hätte es die Musik der Zukunft schlicht nie gegeben. Doch lässt sich aus ihrem vergleichsweise schmalen Werk auch eine musikalische DNA rekonstruieren, die uns nicht selten in die entfernte Vergangenheit führen wird…


1. Franz Schubert – Gute Nacht (Winterreise, D911)

Die sechziger Jahre waren die Zeit der Gegenkultur, der Aufstände im Mai 1968 und der aufblühenden Hippie-Kultur in deutschen Landen. Es wurde gekifft und debattiert, das System sollte stürzen und die Songs – parallel zu den Haaren – immer länger werden. In der lebhaften Szene der „Electri_city“ Düsseldorf tauchten zu dieser Zeit zwei Typen mit Designerschuhen auf, die überhaupt nicht ins Bild passen sollten: Hütter und Schneider waren Kinder aus reichen Häusern, die mit Klavierunterricht aufgewachsen waren.

Es war aber genau diese klassische Ausbildung, welche die Grundlagen für Kraftwerk legten. Insbesondere Franz Schubert, dem sie 1977 auf dem Album Trans Europa Express einen Song widmeten, wurde mit seinen ebenso simplen wie anrührenden Kunstliedern zum Vorbild ihrer Kompositionstechniken. Seine Winterreise war für Kraftwerks Neuinterpretation der Vergangenheit maßgeblich. „Und dann diese Musik“, schwärmte auch der Musiker John Foxx. „Bewusst werden hier abermals alle britischen und amerikanischen Pop-Elemente ausgeschlossen. Stattdessen nimmt sie Bezug auf eine stark vereinfachte, in einen neuen Sinnzusammenhang gesetzte Musik von Schubert bis Stockhausen.“


2. Karlheinz Stockhausen – Kontakte

Der kauzige Avantgardist Stockhausen war in der Nachkriegszeit einer der wichtigsten Dreh- und Angelpunkte der westdeutschen Szene. Bei ihm drückten Musiker wie Irmin Schmidt und Holger Czukay von CAN die Schulbank und lernten, ganz anders über Musik nachzudenken als zuvor. Und Kraftwerk? In einem seiner sehr seltenen Interviews verneinte Hütter 2010 gegenüber dem britischen Journalisten Jon Savage die Frage, ob die beiden unter Stockhausen studiert hätten oder von ihm beeinflusst worden wären. 2015 räumte er der WELT gegenüber jedoch ein, Stockhausen eventuell mal als Kind im Radio gehört zu haben.

Wo Hütters knappen Aussagen Glauben zu schenken ist, steht auf einer anderen Seite geschrieben. Wenn jemand darum bemüht war, einen Mythos um sich aufzubauen, dann schließlich er. Die irren Kompositionstechniken Stockhausens jedoch ebenso wie sein unbeirrbarer Glaube in die Möglichkeiten der Technologie spiegeln sich zweifelsohne im Schaffen Kraftwerks. Und vergessen wir nicht, dass neben Hütter und Schneider noch andere zur Band gehörten: Karl Bartos nämlich hat sein Handwerk bei Stockhausen gelernt. Es gab eben doch eine Menge „Kontakte“ zwischen Stockhausen und Kraftwerk.


3. Conrad Schnitzler – Ballet Statique

Wie es aber nun so ist: Die meisten Musiker, die über die Jahrzehnte bei Kraftwerk mitgemischt haben, verschwanden im Schatten von Schneider und vor allem Hütter. Selbst diejenigen, ohne die es Kraftwerk in dieser Form vielleicht nie gegeben hätte. Conrad Schnitzler war selbst in der umtriebigen Düsseldorfer Szene ein absoluter Oberkauz. Sein Leben schien selbst eine Art Performance-Stück zu sein, seine Musik sprengte bereits Grenzen, bevor er in Berliner das stilprägende Zodiak Free Arts Lab gründete und Cluster oder Tangerine Dream mit ins Leben rief.

1970 lebte Schnitzler längst in Berlin und hatte gerade mit Tangerine Dream deren erstes Album Electronic Meditation veröffentlicht, als die Vorform von Kraftwerk, Organisation, mit Tone Float debütierte. Darauf war freiförmiger Krautrock mit viel Flöteneinsatz und noch wenig von dem aalglatten Futurismus zu hören, der später Kraftwerks Markenzeichen wurde. Schnitzler aber verschaffte ihnen ihren ersten Synthesizer, einen EMS Synthi-A. Nicht unbedingt aus Sympathie für ihr Schaffen allerdings, wie er später zugab: „Kraftwerk waren mir eigentlich zu straff, zu deutsch. Ich bin 1937 geboren und kann so etwas nicht leiden.“ Für immer in ihrem Schatten zu stehen hat der 2011 verstorbene Künstler allerdings auch nicht verdient.


4. The Beach Boys – Fun, Fun, Fun

Dabei wurden doch selbst die großen Kraftwerk mal für schnöde Epigonen gehalten. Nicht nur wegen der offenkundigen Parallele zwischen Barbara Ann und Autobahn, sondern auch wegen der Lyrics „Wir fahr’n, fahr’n, fahr’n auf der Autobahn“ – klingt doch wie „We’re having fun, fun, fun on the Autobahn“, oder? – wurde die Band in den USA zuerst für ein Beach Boys-Rip-Off gehalten. Reiner Zufall? Wohl kaum! Denn Hütter nannte die Gruppe um Brian Wilson neben den Doors immer wieder gerne als Inspiration.

Genauer sagte er, dass „es den Beach Boys [gelang], ein Maximum grundlegender Vorstellungen zu konzentrieren. Wenn die Leute in hundert Jahren wissen wollen, wie das Kalifornien der Sechziger war, brauchen sie sich nur eine Single der Beach Boys anzuhören.“ Aber Moment mal, wie konnte Hütter das überhaupt beurteilen – schließlich war er doch selbst nie im Kalifornien der sechziger Jahre gewesen, sondern hatte ausschließlich die Musik der Beach Boys gehört! Immerhin: Von Spritztouren auf der Autobahn oder vom Fahrradfahren verstand er selbst etwas…


5. MC5 – Kick Out the Jams

Die Beach Boys sind zuerst ein verwirrender Bezugspunkt im Kraftwerk-Universum, doch über die ebenso simplen wie komplexen Harmonieführungen und Melodiebögen Brian Wilsons ist es eben doch nur ein kleiner Schritt zu großen Hits wie Das Modell. Noch überraschender scheint da allerdings, dass sich Hütter und Schneider für den Sound der Stooges oder von MC5 begeistern konnten. Der dreckige, verschwitzte Rock US-amerikanischer Machart – was hat der bloß mit Kraftwerk zu tun?

Eine ganze Menge, argumentierte der britische Musikjournalist Simon Reynolds in seinem Buch Energy Flash. Denn schließlich kamen beide Bands aus der sogenannten „Motor City“ Detroit, wo 1903 die erste Ford-Fabrik eröffnet wurde und zehn Jahre später die Fließbandproduktion von Kraftwerks zweitliebstem Fortbewegungsmittel begann. Der Lärm der Industrie war wiederum für Bands wie Stooges oder die MC5 inspirierend. Was Kraftwerk sich von ihnen mit auf den Weg nahmen, waren also weniger musikalische Ideen als vielmehr Gedanken zum Miteinander von Technologie und Sound. In Detroit wurde schließlich nicht ohne Grund Mitte der Achtziger Techno erfunden, ein Genre, das sich ebenso explizit auf Kraftwerk bezog wie auf den Rhythmus der Maschinen…


6. The Velvet Underground – Sister Ray

Natürlich aber war der erdige, körperliche Ansatz von MC5 und anderen nicht unbedingt Kraftwerks Sache. Ihnen ging es ums Künstlerische, um nicht zu sagen Künstliche. Niemand hatte den Zusammenhang zwischen Kunst und Künstlichkeit besser in Bilder gepackt als Andy Warhol, der sein Studio wohl nicht ohne Zufall „Factory“ nannte. In seinem Umfeld gründeten sich The Velvet Underground, die seine Ideen kongenial auf Musik übertrugen und damit nur wenige, aber die richtigen Fans fanden. „Das erste Velvet Underground-Album hat sich nur 10.000 Mal verkauft, aber wer auch immer es kaufte, gründete danach eine Band“, sagte einer, der es wissen musste: Brian Eno.

Velvet Underground stellten ihr Publikum vor große Geduldsproben. Der Beat, die spärlichen Riffs, der lakonische Sprechgesang Lou Reeds – all das blieb sich schier immer gleich. So wie später auch das knapp 23-minütige Autobahn, das von Flürs unnachgiebigem Motorik-Beat getragen wurde. Vor allem dachten Kraftwerk wie Velvet Underground beziehungsweise Warhol vor ihnen Pop als Kunst beziehungsweise Pop Art: So wie die Warhol-Banane auf The Velvet Underground & Nico bestach auch Autobahn (zumindest in späteren Ausgaben) oder die ersten beiden selbstbetitelten LPs durch eine Simplizität, die in ihrer Genialität schlicht beeindruckend war.


7. Neu! – Hallogallo

Wenn Andy Warhol der visuelle Übervater der Pop Art war, dann war Conny Plank der Klangmagier der westdeutschen Nachkriegsgeneration. Bei Duke Ellington oder den Eurythmics stand der Produzent ebenfalls hinter den Reglern, unvergessen aber ist sein Beitrag zur Krautrock-Geschichte, welcher er nachhaltig seinen Stempel aufdrückte. Der Motorik-Beat, der Autobahn kennzeichnet, wurde unter seinen wachsamen Ohren von Klaus Dinger erfunden, als Neu! ihr erstes Album mit Plank in Hamburg aufnahmen.

Ohne Kraftwerk hätte es Neu! niemals gegeben. Dinger und Gitarrist Michael Rother waren kurz zuvor dort ausgestiegen. Doch gemeinsam fanden sie ihre Bestimmung und schufen mit Plank zusammen eine Art von Krautrock, der auf technischen Spielereien und derselben mitreißenden Ausdauer fußte wie die großen Erfolge von Kraftwerk zwei Jahre später. Die hatten ebenso auf Planks Können vertraut, sich dann aber ab Radio-Aktivität von ihm als Weggefährten endgültig verabschiedet. Sie hatten ihr eigenes Studio, wollten die Dinge selbst in die Hand nehmen – und vergraulten dabei eine Vielzahl von Mitstreitern…


8. Karl Bartos – I’m the Message

Karl Bartos etwa, der zu den Aufnahmen von Radio-Aktivität an Bord kam und erst 1991 die Band verließ, wird in der Geschichtsschreibung Kraftwerks allzu gerne als Fußnote behandelt. Dabei ist er doch Mitkomponist von Stücken wie Tour de France oder Das Modell! Den Superhit Das Modell rettete er genau gesagt, denn der Kraftwerk-Grafiker und -Texter Emil Schult hatte aus seiner unerwiderten Liebe zu einem Model einen kitschigen Rock-Song gemacht. Bartos erst gab ihm den richtigen Kraftwerk-Anstrich.

Das alles änderte nichts daran, dass Hütter und Schneider den genialen Musiker, der sich später unter den Pseudonym Elektric beziehungsweise Electric Music wie auch unter seinem Klarnamen und als Songwriter für Bands und Artists wie OMD oder Anthony Rother verdingte, als Angestellten behandelten. Er durfte nicht einmal bei anderen Bands mitmischen, während er bei Kraftwerk tätig war – wer bei Mercedes arbeite, könne dasselbe schließlich nicht für Opel tun, soll Hütter ihm gesagt haben. Als Freunde gingen die drei Musiker deshalb nicht auseinander und heute steht Bartos der Band kritisch gegenüber. „Ab The Mix sind Kraftwerk für mich gestorben oder hängen heute nur noch an einer Herz-Lungen-Maschine“, sagte er in einem Interview.


9. Afrika Bambaataa – Planet Rock

Bartos‘ Ausstieg nach der Veröffentlichung von The Mix spricht auch deutlich aus, mit welchen Problemen sich die Band seit Anbruch der achtziger Jahre konfrontiert sah. Nach der Veröffentlichung des bahnbrechenden Albums Computerwelt mit Stücken wie Nummern im Jahr 1981 begann eine kreative Krise, Kraftwerk im Kern zu erschüttern. Erst 1986 meldete sich die Band mit der LP Electric Café zurück, die 2009 in Techno Pop umbenannt wurde, dem ursprünglichen Arbeitstitel. Das lag nicht nur daran, dass Hütter 1983 einen schweren Radunfall hatte. Sondern ebenso daran, dass Kraftwerk sich in der Zukunft, die sie selbst vorausgesehen hatten, nicht mehr zurechtfanden.

Denn was war nicht alles seit der Veröffentlichung von Autobahn alles passiert? Synthesizer, Sequencer und Sampler wurden massenproduziert und standen so allen zur Verfügung. Das Alleinstellungsmerkmal Kraftwerks, ihr futuristischer Sound, war plötzlich keiner mehr. Vom elektronischen Disco Giorgio Moroders hin zum frühen Hip Hop-Sound von Afrika Bambaataa, der für Planet Rock gleich zwei Kraftwerk-Songs (Trans Europa Express und Nummern) als Blaupause hernahm, wurden sie plötzlich von links und rechts überholt! Ihnen aber gefiel das sehr gut, heißt es, und tatsächlich verstanden sich Hütter und Schneider bei einem Treffen mit dem New Yorker Hip Hop-Pionier wohl blendend. Der (inoffizielle) Kraftwerk-Biograf David Buckley deutete sogar an, dass die beiden sich gerne an den Ideen ihrer Imitator*innen bedient hätten…


10. Model 500 – No UFO’s

Obwohl Kraftwerk nach Electric Café beziehungsweise Techno Pop kein eigenständiges Album mehr veröffentlichten und es bei der Aufarbeitung von Archivstücken wie auf The Mix oder die sich ebenfalls zu Teilen aus altem Material speisenden Tour de France Soundtracks sowie zahlreichen Retrospektiven und spektakulären Live-Auftritten blieb, so wirken sie immer noch nach. Hütter, Schneider und ihre Musikarbeiter erfanden elektronischen Pop, aber auch die Musik, zu der heutzutage Nacht für Nacht in den Clubs dieser Welt gefeiert wird. Ohne Kraftwerk kein elektronischer Disco, kein House, kein Techno.

„Techno ist wie Detroit, ein kompletter Fehler. Es ist, als wenn man George Clinton und Kraftwerk in einen Fahrstuhl einsperrt“, sagte einst einer, der es wissen musste: Derrick May. Der US-Amerikaner gehört zu den sogenannten Belleville Three, einem Trio aus Detroit, dem neben Kevin Saunderson auch Juan Atkins angehört. Unter dem Namen Cybotron veröffentlichte Atkins 1984 – zwei Jahre vor Electric Café beziehungsweise Techno Pop – die Single Techno City. Ein Jahr später allerdings folgte unter dem Pseudonym Model 500 mit No UFO‘s der Track, der Techno zu einem internationalen Phänomen machen sollte. Der Einfluss von Kraftwerk war deutlich zu spüren, und doch rauschte hier die Zukunft aus der Motor City Detroit mit 125bpm an den Düsseldorfern vorbei… So klang die neue industrielle Volksmusik!


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Popkultur

„The Wall“ als Film: Roger Waters’ holpriger Weg ins Kino

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Pink Floyd spielen "The Wall"
Foto: Rob Verhorst/Redferns/Getty Images

Als Pink Floyd im Jahr 1979 ihr monumentales Konzeptalbum The Wall vorlegen, denkt Mastermind Roger Waters schon längst über eine Verfilmung der Geschichte nach. Genau dazu kommt es wenig später auch — allerdings auf großen Umwegen, mit viel Streit und einem enttäuschenden Ergebnis.

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von Timon Menge

Hier könnt ihr euch The Wall von Pink Floyd anhören:

Mitte der Siebziger hängt der Haussegen bei Pink Floyd mächtig schief. Frontmann Roger Waters reißt Stück für Stück die kreativen Belange an sich, Gitarrist David Gilmour fühlt sich deshalb übergangen. Keyboarder Richard Wright kommt ohnehin zu kurz, doch die Schuld dafür gibt sich der typische Klassenstille später selbst. Als sich die Musiker auch noch um Tantiemen streiten und Gilmour zum ersten Mal Papa wird, übernimmt Waters noch mehr künstlerische Kontrolle. Quasi im Alleingang schreibt er das Konzeptalbum The Wall, das eine Kette von Ereignissen nach sich zieht. Da wären zum Beispiel der Rauswurf von Keyboarder Wright oder die aufwändige The Wall-Tour. Waters hat mit der Platte aber noch etwas anderes vor: Er möchte die Geschichte als Film auf die große Leinwand bringen.

The Wall: ein autobiografisch angehauchtes Meisterwerk

Die Handlung von The Wall lässt tief in Waters’ eigene Biografie blicken: Rockmusiker Pink leidet unter dem Tod seines Vaters im Zweiten Weltkrieg, unter seiner überfürsorglichen Mutter und unter seinem Dasein als Rockstar, der sich zunehmend von seinem Publikum isoliert fühlt — genau wie Waters während der ersten Pink-Floyd-Stadion-Shows im Rahmen der In The Flesh-Tour. Auch Schulprobleme aus der Kindheit und schwierige Liebesbeziehungen machen Pink zu schaffen. So demütigt ein Lehrer ihn zum Beispiel, indem er Pinks Gedichte laut vor der Klasse vorliest. Später findet der Rockstar heraus, dass ihn seine Frau betrügt und versucht, den Schmerz mithilfe eines Groupies und schließlich mit Drogen zu bekämpfen. Jede Enttäuschung sorgt für „another brick in the wall“, die Pink um sich errichtet. Am Ende laufen all seine negativen Erfahrungen zusammen.

Einen Film plant Waters schon vor der Produktion des Albums. Live-Aufnahmen sollen darin vorkommen, genauso wie Animationen aus dem Pinsel von Gerald Scarfe, der schon die LP von The Wall gestaltete. Auf dem Regiestuhl sollen Alan Parker und Michael Seresin sitzen, Waters möchte als Pink vor die Kamera treten. Doch dann kommt alles anders: Waters eignet sich nicht als Schauspieler, stattdessen übernimmt Boomtown-Rats-Frontmann Bob Geldof die Rolle. Der erzählt seinem Manager im Taxi noch, wie bescheuert er den Film findet — nicht wissend, dass Roger Waters’ Bruder am Steuer des Wagens sitzt. Live-Mitschnitte von Pink Floyd ergeben nach Waters’ Ausscheiden aus dem Cast keinen Sinn mehr, Seresin verlässt das Projekt daraufhin komplett. Übrig bleiben Parker, Waters und Scarfe. Harmonisch verläuft die Zusammenarbeit der Drei allerdings nicht …

Viel Ego, viel Film

Immer wieder geraten Musiker Waters, Regisseur Parker und Animateur Scarfe aufgrund ihrer Egos aneinander. Parker beschreibt den Filmprozess sogar als „eine der schlimmsten Erfahrungen meines kreativen Lebens“. Scarfe wiederum gibt in einem Interview mit dem Pink-Floyd-Magazin Floydian Slip zu Protokoll, er habe während der Dreharbeiten stets eine Flasche Whiskey im Gepäck gehabt. „Ich saß gegen neun Uhr morgens in meinem Auto und hatte eine Flasche Jack Daniel’s auf dem Beifahrersitz“, so Scarfe. „Ich trinke nicht viel, aber damals musste ich morgens einen Schluck nehmen, weil ich wusste, was auf mich zukam, und dass ich mich in irgendeiner Weise stärken musste.“ Roger Waters selbst genießt die Arbeit am The-Wall-Film auch nicht gerade, bezeichnet sie aber schlicht als „sehr zermürbende und unangenehme Erfahrung“.

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Die Premiere des Streifens geht am 23. Mai 1982 in Cannes über die Bühne, drei Wochen später folgt die Erstaufführung in London. David Gilmour und Nick Mason erscheinen als Gäste, Geldof und Scarfe lassen sich die Premiere natürlich ebenfalls nicht entgehen — genauso wenig wie Pete Townshend von The Who, Roger Taylor von Queen und Sting von The Police. Richard Wright bleibt wegen seines Rauswurfs zuhause. Zwölf Millionen US-Dollar kostet der The-Wall-Film unterm Strich, fast das Doppelte spielt er ein. Eigentlich handelt es sich bei dem Streifen also um einen Erfolg, doch Roger Waters ist nicht zufrieden. „Ich war am Ende ein bisschen enttäuscht“, verrät er 1988 in einem Interview. „Ich habe keinerlei Sympathie für den Hauptcharakter empfunden. Der Film war so ein Feuerwerk für die Sinne, dass ich als Zuschauer gar keine Chance hatte, mich richtig darauf einzulassen.“

„Was zum Teufel war das?“

Regie-Legende Steven Spielberg soll ein wenig direktere Worte gefunden haben und nach der Premiere in Cannes gefragt haben: „Was zum Teufel war das denn?“ The-Wall-Regisseur Parker behauptet später, dass ihn diese Reaktion gefreut habe: „In der Tat, ‚Was zum Teufel war das?‘ Niemand hatte so etwas bisher gesehen — eine wilde Mischung aus Live-Action, Storytelling und Surrealismus.“ Heute hat die The-Wall-Verfilmung ihren festen Platz in der Popkultur, nicht zuletzt aufgrund der charakteristischen Animationen von Scarfe. Zu den Sternstunden der Pink-Floyd-Geschichte zählt der Streifen aber sicher nicht.

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„Keeper Of The Seven Keys: Part I“: Als Helloween den Power Metal erfanden

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Helloween
Foto: Paul Natkin/Getty Images

Ursprünglich als Doppel-LP gedacht, veröffentlichen Helloween am 23. Mai 1987 den ersten Teil ihrer Keepers Of The Seven Keys-Saga. Die Schwelle zum Erfolg rückt näher, alle Zeichen stehen auf Durchbruch. Der große Knall gelingt der Band zwar erst ein Jahr später mit Part II — doch Part I sowie die Rekrutierung von Sänger Michael Kiske markieren wichtige Grundsteine für den jahrzehntelangen Erfolg der Hamburger.

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von Timon Menge

Hier könnt ihr euch Keeper Of The Seven Keys: Part I von Helloween anhören:

Als Helloween am 23. Mai 1987 ihr zweites Album Keeper Of The Seven Keys: Part I auf die Öffentlichkeit loslassen, steht die Band an einem Wendepunkt: Mit Walls Of Jericho hatte die Gruppe 1985 ein vielbeachtetes Debütalbum vorgelegt, mit Keeper Of The Seven Keys: Part II wird den Hamburgern 1988 der ganz große Durchbruch gelingen. Part I ebnet zwischenzeitlich den Weg dorthin. Doch was hat sich im Hause Helloween vom Debüt bis zu Keeper Of The Seven Keys: Part I eigentlich verändert?

„So anders als die letzte ist die Platte im Grunde genommen gar nicht“, findet Gitarrist Michael Weikath im Frühjahr 1987 in einem Interview mit dem deutschen Metal Hammer. So ganz recht hat er damit nicht: Nach ihrem ersten Album nehmen Helloween nämlich einen entscheidenden Personalwechsel vor — und holen Sänger Michael Kiske an Bord.

Kai Hansen: „Ich bin eher ein Schreihals.“

Dass Gitarrist Kai Hansen seinen Posten am Mikrofon räumt, liegt hauptsächlich daran, dass er sich als Sänger nicht wohlfühlt; vor allem das gleichzeitige Gitarrespielen ist ihm nicht geheuer. „Ich habe mich nie wirklich als Sänger gesehen“, verrät er im Interview mit dem britischen Classic Rock Magazine. „Ich bin eher eine Art Schreihals. Außerdem hat mir die Disziplin gefehlt. Saufen und Rauchen machen die Stimme nicht besser.“

Als Gitarrist rückt Hansen auf Keeper Of The Seven Keys: Part I in den Vordergrund, weil sein Sechs-Saiten-Kollege Michael Weikath wegen Krankheit nur sporadisch an den Sessions teilnehmen kann. Dadurch entsteht zum Beispiel der legendäre Song Future World, den Helloween als einzige Single von Part I auskoppeln. Auch das Stück Halloween stammt aus Hansens Feder. Untätig bleibt Weikath natürlich trotzdem nicht.

Mit A Tale That Wasn’t Right steuert der Gitarrist eine Ballade für die Ewigkeit bei, auch an Follow The Sign schreibt er mit. Freshman Michael Kiske komponiert das Stück A Little Time und leistet damit ebenfalls einen Beitrag zu der historischen Errungenschaft, die man Keeper Of The Seven Keys: Part I im Allgemeinen nachsagt: die Erfindung des Power Metal.

Klassischer Heavy Metal, unfassbare Geschwindigkeiten, symphonische Elemente, epische Texte: Wenn es um Drachen, Zauberer und jede Menge Doublebass geht, ist das Wörtchen „Power“ im Metal nicht weit. „Mir kam es damals nicht so vor, als hätten wir etwas großartig Neues geschaffen“, erinnert sich Kai Hansen im ClassicRock-Interview. „Niemand konnte damals etwas mit dem Begriff Power Metal anfangen, für uns war das einfach nur Heavy Metal. Das ist es auch heute noch. Was zum Teufel soll Power Metal denn sein?“

Keeper Of The Seven Keys: Part I — ein Überraschungserfolg

Eigentlich hätten Helloween Part I und Part II der Keepers Of The Seven Keys-Saga lieber als Doppel-LP veröffentlicht, doch bei einer Newcomer-Band möchte die Plattenfirma Noise Records vermutlich lieber auf Nummer sicher gehen. Wer hätte schließlich geahnt, dass Helloween heute zu den größten Namen der Krawallmusik-Szene zählen würden und dass ausgerechnet der Doppelschlag Keeper Of The Seven Keys: Part I und II so sehr dazu beitragen würden.

Schon kurz nach der Veröffentlichung landet Part I unverhofft auf Platz 15 der deutschen Albumcharts. „Dass wir in die normalen Charts kommen, das hat wirklich keiner von uns erwartet“, erzählt Gitarrist Weikath im MetalHammer-Interview. Mit Part II gelingt sogar der Sprung auf Platz fünf. „Ich frage mich wirklich, wo denn eigentlich die Leute sitzen, die das alles kaufen. Da scheint es wesentlich mehr von zu geben, als ich angenommen hatte.“ Gut so!

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Zeitsprung: Am 29.8.1988 erscheint „Keeper Of The Seven Keys: Part II“ von Helloween.

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Zeitsprung: Am 22.5.2001 erscheint das erste Bon Jovi-Livealbum „One Wild Night“.

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Bon Jovi

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 22.5.2001."

von Christof Leim

Keine Frage: Bon Jovi dominieren den Hard Rock der Achtziger. Mit Slippery When Wet (1986) und New Jersey (1989) liefern sie zwei Nummer-eins-Alben hintereinander ab, daneben empfehlen sie sich als fleißige und mitreißende Liveband, die fast pausenlos durch die größten Hallen und Stadien in aller Welt tourt. Alleine die Konzertreise für Slippery dauert 15 Monate (von Juli 1986 bis Oktober 1987), danach hängen die Herren für New Jersey nochmal unfassbare 16 Monate (von Oktober 1988 bis Februar 1990) dran. Einen (offiziellen) Konzertmitschnitt dieser glorreichen Zeit sucht man allerdings vergebens.

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Hier könnt ihr in One Wild Night: Live 1985-2001 reinhören:

Klickt auf „Listen“ für das ganze Album.

Die erste „richtige“ Liveplatte erscheint nämlich erst viel später, am 22. Mai 2001. Da hat sich die Welt der Rockmusik schon weitergedreht, Grunge und Crossover sind gekommen und wieder gegangen. Bon Jovi haben mehrjährige Pausen eingelegt, Soloalben veröffentlicht und sich immer mehr zu einer erwachsenen Rockband entwickelt, die Springsteen stilistisch näher steht als Kiss und Aerosmith. Zuletzt brachten sie im Sommer 2000 das Album Crush auf den Markt, eine weitestgehend entspannte, oft balladeske Angelegenheit. Als Liveband aber lassen sie weiter nichts anbrennen und füllen immer noch die Stadien.


Für One Wild Night: Live 1985-2001 beschränken sich die Musiker nicht auf die Aufzeichnungen einer Show oder einer Tour, sondern stellen Songs aus drei Phasen ihrer Karriere zusammen: von aktuellen Konzerten im Jahr 2000 und Shows von der Mitte der Neunziger, als junge Rockhörer auf ganz andere Sounds standen, sowie von einem Gig in Tokio 1985. (Ja, die Herren sind schon früh ordentlich rumgekommen.) Aufnahmen aus den ganz großen Jahren, also von den Megatouren zu Slippery und New Jersey, fehlen sonderbarerweise.



Mit der Songauswahl decken Bon Jovi dabei alle Phasen ihrer Karriere ab; es finden sich die offensichtlichen Hits (Livin’ On A Prayer, Bad Medicine et al.), locker-flockiges Neunziger-Zeug (Something For The Pain, Something To Believe In) und damals neues Material wie Just Older oder It’s My Life. Als alte Schätzchen gibt es den ersten Hit Runaway vom 1984er-Debütalbum und In And Out Of Love vom oft (und zu Recht) vergessenen Zweitwerk 7800° Fahrenheit.



Interessant wird es bei den Coverversionen: Im südafrikanischen Johannesburg lassen Bon Jovi eine treibende Version von Neil Youngs Rocking In The Free World vom Stapel, bei I Don’t Like Mondays singt sogar Bob Geldof mit. (Für die Komplettisten: Diese Aufnahme wurde schon auf der Doppel-CD-Variante von These Days (1995) veröffentlicht; drei Mitschnitte aus Zürich gibt es ebenfalls auf der The Crush Tour-DVD. ) Bei der letzten Nummer schließlich, dem titelgebenden One Wild Night 2001 handelt es sich um einen Remix eines Tracks von Crush. Diese neue Version wird auch als Single ausgekoppelt, ebenso der alte Gassenhauer Wanted Dead Or Alive.



Alles in allem repräsentiert die Platte gut den musikalischen Stand der Gruppe zur Jahrtausendwende. Bon Jovi erweisen sich als souveräne Liveband mit guten Gesängen und einem Frontmann, der die Menge anzuspornen weiß. Natürlich klingen unsere Helden mittlerweile im Vergleich zur ungestümen Hardrockerei der Achtziger ein gutes Stück erwachsener. Was vor allem heißt: Der Chef schreit nicht mehr so viel, und die Gitarre macht weniger „Brett“. Das Album erscheint am 22. Mai 2001 und schlägt sich recht wacker in den Charts mit hohen Platzierungen in Europa (Platz 3 in Deutschland) und einem 20. Rang in den USA. Der nächste Konzertmitschnitt Inside Out lässt dann wieder bis 2012 auf sich warten, aber das ist eine andere Geschichte…

Zeitsprung: Am 28.4.1989 heiratet Jon Bon Jovi seine Jugendliebe – heimlich.

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