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Popkultur

Die musikalische DNA von Neil Diamond

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Neil Diamond

„Es gibt zwei Sorten Menschen auf dieser Welt“, heißt es 1991 im Film What About Bob?. „Diejenigen, die Neil Diamond mögen und die, die es nicht tun.“ Das ist vermutlich keine Übertreibung, denn tatsächlich scheiden sich an dem US-Amerikaner die Geister. Er selbst ist daran vielleicht nicht ganz unschuldig, kann er doch manchmal auch ätzend sein. Als er etwa im Jahr 1976 eine ausverkaufte Show im Aladdin Hotel in Las Vegas gab, für die er satte 650.000 Dollar kassierte, begann er den legendären Gig mit einer Anekdote über eine Ex-Freundin, die ihn wegen seines mangelnden Erfolgs geschasst hatte. „Du hast mir wohl zu früh den Laufpass gegeben“, knurrte Diamond, „denn schau mal, wer heut Abend hier steht!“

Hört euch hier Neil Diamonds musikalische DNA in einer Playlist an:

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Diamond hat allerdings allen Grund, stolz zu sein. Zuhause stehen Golden Globes, Grammys und Auszeichnungen der Songwriters Hall of Fame wie auch der Rock and Roll Hall Of Fame im Schrank, selbst auf dem Hollywood Boulevard ist ein Stern mit dem Namen des Musikers zu finden, der einer der kommerziell erfolgreichsten US-Künstler aller Zeiten ist. Aber es gibt auch seine andere Seite: Vier Jahre lang nahm der Sohn armer Eltern sich Mitte der siebziger Jahre auf einem der Höhepunkte seiner Karriere eine Auszeit, um sich seinem Kind zu widmen. Selbst seine berühmten farbfrohen Hemden hatten vor allem einen Zweck: Auf Konzerten sollten ihn seine Fans auch aus der Ferne erkennen können.


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Neil Diamond
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Neil Diamond hat schließlich genug Zeit im Hintergrund verbracht, um seine Lektionen in Sachen Demut zu lernen. Die meisten seiner Songs wurden durch andere Bands bekannt gemacht: The Monkees’ I’m A Believer? Ein Diamond-Song! Genauso wie Red, Red Wine, das die meisten als Reggae-Version von UB40 kennen oder Solitary Man, das im Jahr 2000 von Johnny Cash und später der Band HIM mit großem Erfolg neu aufgenommen wurde. Welche Musik aber beeinflusste ihn eigentlich? Wir finden es mit einem Blick auf die musikalische DNA des kontroversen Songwriters heraus!

1. Barbra Streisand – My Coloring Book

Obwohl allein schon sein Nachname anderes vermuten lässt, kommt Neil Diamond aus sehr einfachen Verhältnissen. Er wuchs in Brooklyn auf, wo er die Erasmus Hall High School besuchte und erste Gesangserfahrungen im hiesigen Chor sammeln konnte. Mit von der Partie? Barbra Streisand! „Wir waren zwei arme Kids aus Brooklyn“, erinnerte sich Diamond. „Wir hingen vor der Schule ab und rauchten Zigaretten.“ Obwohl eine geplante Filmversion von You Don’t Bring Me Flowers später ins Wasser fallen sollte, zu einem überaus erfolgreichen Duett der beiden reichte es im Jahr 1978 allemal. Gar nicht mal so schlecht für zwei arme Kids aus Brooklyn, oder?

Diamond sprach ehrfürchtig von der Kollegin als der „besten Sängerin seiner Generation“. Wer hätte das alles im Jahr 1962 geahnt, als beide mit ihren ersten Singles ins Rampenlicht traten? Derweil Diamond als Teil des Duos Neil and Jack sowie später im Jahr mit der Single At Night nur mäßige Erfolge einfuhr, machte sich Streisand mit ihrer Version von Fred Ebbs und John Kaders My Coloring Book einen Namen und veröffentlichte im Folgejahr das überaus erfolgreiche The Barbra Streisand Album, bevor sie mit The Second Barbra Streisand Album zurückkehrte. Darauf zu finden: eine neue Version ihres ersten Hits.

2. Pete Seeger – If I Had A Hammer

Die gemeinsamen Chorstunden mit der bald berühmten Klassenkameradin aus der Raucherecke waren eins, die erste eigene Gitarre ein anderes. Zum 16. Geburtstag wurde dem kleinen Neil dieser Traum erfüllt. Im Surprise Lake Camp für jüdische Kinder aus dem New Yorker Raum hatte er einen Auftritt gesehen, der sein Leben endgültig verändern sollte: Pete Seeger spielte dort ein kleines Konzert und ließ sich von den Kids sogar Songs vorsingen, die sie selbst geschrieben hatten. „Ich bekam eine Gitarre, nachdem es nach Brooklyn zurückging, nahm Unterricht und begann sofort, selbst Songs zu schreiben“, erinnerte er sich an die Konsequenzen dieses Erweckungsmoments.

Die frühe Inspiration vergaß er nie. „Pete Seeger war ein Bote für universellen Frieden und Liebe“, schrieb er sichtlich ergriffen zum Tod des Songwriters im Jahr 2014. „Er war meine erste Inspiration dafür, selbst Lieder zu schreiben und sie auf meine Art mit den Menschen zu teilen.“ Wie heißt es doch in Seegers größtem Hit: „Well I got a hammer / And I got a bell / And I got a song to sing, all over this land“. Welches Land das war? Klar! America, wie Diamond es später in einem ähnlich politisch aufgeladenen Song selbst besingen sollte. Nicht allein die Songwriter-Kniffe des Folk-Sängers scheinen ihn inspiriert zu haben!

3. The Walker Brothers – Love Her

Vielen aus dem Musikbusiness aber war der Kollege nicht aufmüpfig genug. Levon Helm etwa, Drummer von The Band, schrieb in seinen Memoiren über Martin Scorseses Film The Last Waltz: „Als ich hörte, dass Neil Diamond mitspielen sollte, fragte ich nur: ‚Und was zur Hölle hat Neil Diamond mit uns zu tun?‘“. Bandkollege Robbie Robertson versuchte mit den Worten „Neil ist wie die Tin Pan Alley“ zu schlichten und konnte damit seinen Schlagzeuger nur mäßig überzeugen. Er hatte aber durchaus Recht. Zu Collegezeiten schwänzte Diamond lieber, um zum legendären Straßenzug zu fahren und dort seine Songs anzubieten.

Eine Songwriterin von Aldon Music erinnerte sich an einen jungen Mann, der sich nicht mal darüber im Klaren war, ob er seinen Nachnamen behalten sollte. „Ach, ich weiß nicht“, soll er gebrummelt haben. Eins aber war dem jungen Studenten klar: Er wollte Songwriter werden, nicht Arzt! Mit Cynthia Weil traf er da eigentlich die Richtige: Sie war für eine Vielzahl von Hits verantwortlich, unter anderem Love Her von den Walker Brothers – ein Stück, das auch die Everly Brothers als Single veröffentlichten. Die wiederum waren ein Haupteinfluss für den Sänger und standen später sogar gemeinsam mit ihm auf der Bühne. Es dauerte noch etwas, bis aus Diamond ein erfolgreicher Songwriter werden sollte, aufgeben kam für ihn aber nicht in Frage. Seine knochenharte Anfangszeit verarbeitete er später in einem seiner berühmtesten Songs: Solitary Man.

4. The Monkees – I’m A Believer

Noch bevor Diamond sich selbst einen Namen machen konnte – denn natürlich behielt er seinen Nachnamen bei! –, brachte er die gecastete Folk-Rock-Band The Monkees auf Touren. Das Quartett war als US-amerikanische Antwort auf die Beatles konzipiert, dessen Leben in einer Sitcom verfolgt werden sollte. Tatsächlich ließ sich selbst John Lennon zu wohlwollenden Worten hinreißen: „Versucht ihr doch mal, eine wöchentliche Show zu bestreiten, die nur halb so gut ist!“, hielt er der Kritik entgegen.

Den Erfolg fuhren die Monkees allerdings vor allem ihrer Musik wegen ein, der 1966 veröffentlichte Song I’m A Believer stammte wie einige andere von Neil Diamond. Sein erster Instant-Hit – gesungen von einer anderen Band! Es sollte Diamond noch fast seine gesamte Karriere über verfolgen, im Grunde aber hätte es kaum besser für ihn kommen können: Zeitgleich nämlich machte er sich selbst als Sänger einen Namen und konnte so doppelten Ruhm ernten. Auch wenn die Monkees also streng genommen keinen direkten musikalischen Einfluss auf ihren Songwriter ausübten, so wäre Diamond doch ohne sie sicher nicht so weit gekommen. I’m A Believer zumindest ist selbst über ein halbes Jahrhundert (!) nach Erstveröffentlichung immer noch nicht aus dem Pop-Kanon wegzudenken.

5. Elvis Presley – Blue Suede Shoes

An einem wird sich Diamond wohl sicher bis an sein Lebensende messen müssen: Elvis Presley, seines Zeichens King of Rock’n’Roll und Diamonds vormaliger Nachbar. In einem Fernsehinterview erzählte Diamond, dass die beiden sich gerne mit ungewollten Gästen einen Spaß erlaubten und sie zum Haus des jeweils anderen schickten und ihre Kinder miteinander spielten – von einem Maschendrahtzaun abgetrennt und mit Bodyguards an ihrer Seite!

Dass Presley auf Diamond einen Einfluss ausübte, das steht so oder so fest. Seine eigene Verehrung gegenüber dem Kollegen machte er aber genauso öffentlich: Mit Sweet Caroline coverte er einen von Diamonds größten Hits, der heute noch bei vielen Sportevents erklingt. Auf einem Konzert in Las Vegas wollte er den im Publikum sitzenden Diamond sogar vors Mikrofon holen. Der aber lehnte ab. „Ich bin froh, es nicht getan zu haben“, sagte er später und fuhr mit geschwungenen Worten fort: „Weil es keine gute Idee gewesen wäre, den Saum eines Gottes anzufassen. Er war wundervoll. Er war warmherzig und mir gegenüber sehr großzügig. Ich denke, dass es am besten war, es dabei zu belassen.“ Seine Großzügigkeit stellte Elvis nicht allein Diamond gegenüber unter Beweis: Auch sein Hit Blue Suede Shoes war als Tribut gedacht und brachte seinem eigentlichen Songwriter Carl Perkins nachträglich viel Aufmerksamkeit ein.

6. Bill Withers – Ain’t No Sunshine

Diamond selbst brachte seinen Vorbildern ebenso viel Respekt entgegen, vor allem natürlich musikalisch. Noch 2010 gedachte er auf seinem 31. (!) Studioalbum Bill Withers, indem er dessen Überhit Ain’t No Sunshine coverte. Withers hatte seine Karriere inzwischen weitestgehend beendet und wollte vom Leben vor allem eins: seine Ruhe. „Ich mag Neil. Aber weißt du, was ich dachte, als ich das las? Bill, du bist nicht Neil Diamond“, sagte er in einem Interview, auf den Arbeitseifer des nur unwesentlich jüngeren Kollegen angesprochen.

Ein Blick auf die Tracklist des Coveralbums Dreams verrät, dass die meisten der Held*innen Diamonds sich mittlerweile zurückgezogen haben oder verstorben sind. Die noch aktiven Randy Numan, Paul McCartney oder Gilbert O’Sullivan sind darauf eher in der Unterzahl. Was aber eben nicht heißt, dass Diamond ein Nostalgiker wäre, ganz im Gegenteil. Nicht nur traute er sich aus seinen angestammten Gefilden heraus und experimentierte jenseits von Pop, Rock und Folk mit Soul, sondern er dachte schon früh den technischen Fortschritt mit.

7. The Who – My Generation

Von wegen „I hope I die before I get old“! Dass Diamond nicht alt zu werden scheint, beweisen allein seine jüngsten Touren, die zum Teil über Periscope und Twitter zu verfolgen waren. Auch mit über 70 Jahren bleibt er ein seiner Zeit aufgeschlossener Genosse. In seiner eigenen Jugend allerdings holte er sich einen Schock von The Whos Pete Townshend ab. Am Anfang seiner Karriere spielte Diamond für gewöhnlich als Special Guest bei Shows mit oder trat als Support für andere Bands auf, darunter auch die britischen Rüpel. Vollkommen entsetzt soll er gewesen sein, als der Townshend beim Zerlegen seiner Gitarre zusehen musste. Zu viel für das Kind bescheidener Verhältnisse, das als Teenager lange auf die erste eigene Gitarre warten musste!

Immerhin eins übernahm er von The Who: ihren Anspruch an perfekten Sound. Während die Band 1972 noch an ihrer Rockoper Quadrophenia arbeitete, spielte er selbst mit einem quadrophonischen Soundsystem im Greek Theater in Los Angeles auf. Die Ergebnisse dieser zehn Konzerte wurden auf Hot August Night festgehalten und gingen so als eines der besten Diamond-Releases in die Musikgeschichte ein. The Who aber standen 2016 erneut auf derselben Bühne wie Diamond. Diesmal allerdings auf einem von den Coachella-Organisatoren veranstalteten Mini-Festival namens… Oldchella!? „Talking ’bout my generation“…

8. Shirley Bassey – Diamonds Are Forever

Was aber sollte ihm das hohe Alter aber schon anhaben? Diamonds Are Forever, wissen wir spätestens dank Shirley Basseys Soundtrack zum gleichnamigen James-Bond-Film. Mit einem Diamond übrigens fand sie sich zu einem von Neils eher seltenen Duetten zusammen. Der gemeinsame Song Play Me brachte die beiden sehr, sehr nah zusammen, wie im Video eines Live-Auftritts zu sehen ist. Das führte natürlich zu Spekulationen, nach denen Bassey in den charismatischen Sänger mit der windschiefen Frisur verliebt sei! Die lachte herzlich, als sie eine gute Freundin darauf ansprach. „Das einzige, was ich in dem Moment liebte, war seine Diamantkette“, gab sie schlagfertig zurück.

Der gemeinsame Auftritt 1974 ging dennoch in die Geschichte ein und polierte die Diamond-Komposition gehörig auf, denn Basseys mächtiger Stimmeinsatz erst verpasste dem Original das gewisse Etwas. Manche Diamonds müssen eben geteilt werden, um wirklich zu strahlen. Ob Bassey allerdings dem Kollegen die Diamantenkette abluchsen konnte, ist nicht überliefert.

9. The Beach Boys – God Only Knows

Ein ganz besonderer Pop-Diamant ist Pet Sounds, das bahnbrechende Beach-Boys-Album, auf dem Brian Wilson den Höhepunkt seines künstlerischen Genies erreichte. Die Wege von Wilson und Diamond kreuzten sich im Laufe ihrer Karrieren mehrfach, zuletzt war Wilson auf einem Bonus-Track für das 2005 erschienene Album 12 Songs zu hören. Diamond selbst coverte den vielleicht unsterblichsten Song von Pet Sounds, die komplex arrangierte Ballade God Only Knows. Im Gegensatz zu vielen opulenten Coverversionen hielt er seine Version aber dezidiert minimalistisch und ließ die einfühlsamen Lyrics für sich wirken. Als erfahrener Songwriter weiß er eben, dass weniger manchmal mehr ist – das hat sich im Laufe seiner Karriere schließlich oft genug bewahrheitet.

10. Johnny Cash – Solitary Man

In über einem halben Jahrhundert hat Neil Diamond so viele Menschen mit seiner Musik bereichert, dass sein Einfluss kaum zu messen ist. Zwei davon waren etwa das Duo Lightning & Thunder, das Ehepaar Claire und Mike Sardina, seines Zeichens ein Diamond-Imitator. Ihre Geschichte wird in der Dokumentation Song Sung Blue erzählt, für die Diamond gerne seine eigenen Stücke hergab und von der er sich zutiefst berührt gab.

Immer wieder coverten Bands die Kompositionen des Songwriters, der seine Karriere hinter den Kulissen begann. So auch HIM, die finnische Düsterrock-Band, oder etwa Johnny Cash, die beide mit ihren ganz eigenen Versionen von Solitary Man glänzten. Cash wurde 2001 für sein Cover sogar mit dem Grammy ausgezeichnet. Es muss für Diamond eine unvergleichliche Auszeichnung gewesen sein, war Cash doch für ihn schon immer ein großes Vorbild. Wie Cash arbeitete er Mitte der Nuller-Jahre mit dem Produzenten Rick Rubin zusammen und gab 2008 zu Protokoll, dass er mit seinem Auftritt beim britischen Glastonbury Festival in die Fußstapfen der Country-Legende treten wollte, der dort 1994 auftrat. Typisch Diamond: Selbst bei seinen größten Welterfolgen blieb er immer noch bescheiden und zollte anderen den Respekt, der ihnen gebührte.

Kurzdoku: Hurt – Das Leben des Johnny Cash

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Popkultur

Zeitsprung: Am 22.5.2001 erscheint das erste Bon Jovi-Livealbum „One Wild Night“.

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Bon Jovi

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 22.5.2001."

von Christof Leim

Keine Frage: Bon Jovi dominieren den Hard Rock der Achtziger. Mit Slippery When Wet (1986) und New Jersey (1989) liefern sie zwei Nummer-eins-Alben hintereinander ab, daneben empfehlen sie sich als fleißige und mitreißende Liveband, die fast pausenlos durch die größten Hallen und Stadien in aller Welt tourt. Alleine die Konzertreise für Slippery dauert 15 Monate (von Juli 1986 bis Oktober 1987), danach hängen die Herren für New Jersey nochmal unfassbare 16 Monate (von Oktober 1988 bis Februar 1990) dran. Einen (offiziellen) Konzertmitschnitt dieser glorreichen Zeit sucht man allerdings vergebens.

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Hier könnt ihr in One Wild Night: Live 1985-2001 reinhören:

Klickt auf „Listen“ für das ganze Album.

Die erste „richtige“ Liveplatte erscheint nämlich erst viel später, am 22. Mai 2001. Da hat sich die Welt der Rockmusik schon weitergedreht, Grunge und Crossover sind gekommen und wieder gegangen. Bon Jovi haben mehrjährige Pausen eingelegt, Soloalben veröffentlicht und sich immer mehr zu einer erwachsenen Rockband entwickelt, die Springsteen stilistisch näher steht als Kiss und Aerosmith. Zuletzt brachten sie im Sommer 2000 das Album Crush auf den Markt, eine weitestgehend entspannte, oft balladeske Angelegenheit. Als Liveband aber lassen sie weiter nichts anbrennen und füllen immer noch die Stadien.


Für One Wild Night: Live 1985-2001 beschränken sich die Musiker nicht auf die Aufzeichnungen einer Show oder einer Tour, sondern stellen Songs aus drei Phasen ihrer Karriere zusammen: von aktuellen Konzerten im Jahr 2000 und Shows von der Mitte der Neunziger, als junge Rockhörer auf ganz andere Sounds standen, sowie von einem Gig in Tokio 1985. (Ja, die Herren sind schon früh ordentlich rumgekommen.) Aufnahmen aus den ganz großen Jahren, also von den Megatouren zu Slippery und New Jersey, fehlen sonderbarerweise.



Mit der Songauswahl decken Bon Jovi dabei alle Phasen ihrer Karriere ab; es finden sich die offensichtlichen Hits (Livin’ On A Prayer, Bad Medicine et al.), locker-flockiges Neunziger-Zeug (Something For The Pain, Something To Believe In) und damals neues Material wie Just Older oder It’s My Life. Als alte Schätzchen gibt es den ersten Hit Runaway vom 1984er-Debütalbum und In And Out Of Love vom oft (und zu Recht) vergessenen Zweitwerk 7800° Fahrenheit.



Interessant wird es bei den Coverversionen: Im südafrikanischen Johannesburg lassen Bon Jovi eine treibende Version von Neil Youngs Rocking In The Free World vom Stapel, bei I Don’t Like Mondays singt sogar Bob Geldof mit. (Für die Komplettisten: Diese Aufnahme wurde schon auf der Doppel-CD-Variante von These Days (1995) veröffentlicht; drei Mitschnitte aus Zürich gibt es ebenfalls auf der The Crush Tour-DVD. ) Bei der letzten Nummer schließlich, dem titelgebenden One Wild Night 2001 handelt es sich um einen Remix eines Tracks von Crush. Diese neue Version wird auch als Single ausgekoppelt, ebenso der alte Gassenhauer Wanted Dead Or Alive.



Alles in allem repräsentiert die Platte gut den musikalischen Stand der Gruppe zur Jahrtausendwende. Bon Jovi erweisen sich als souveräne Liveband mit guten Gesängen und einem Frontmann, der die Menge anzuspornen weiß. Natürlich klingen unsere Helden mittlerweile im Vergleich zur ungestümen Hardrockerei der Achtziger ein gutes Stück erwachsener. Was vor allem heißt: Der Chef schreit nicht mehr so viel, und die Gitarre macht weniger „Brett“. Das Album erscheint am 22. Mai 2001 und schlägt sich recht wacker in den Charts mit hohen Platzierungen in Europa (Platz 3 in Deutschland) und einem 20. Rang in den USA. Der nächste Konzertmitschnitt Inside Out lässt dann wieder bis 2012 auf sich warten, aber das ist eine andere Geschichte…

Zeitsprung: Am 28.4.1989 heiratet Jon Bon Jovi seine Jugendliebe – heimlich.

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Popkultur

„Hot Space“ verwandelt Queen vor 40 Jahren in eine Dance Pop-Band

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Queen
Foto: Kent Gavin/Mirrorpix/Getty Images

Vor 40 Jahren erschien Hot Space — jenes Queen-Album, das im Werk der legendären Band so richtig aus der Reihe tanzt. Betonung auf: Tanzt, denn hier regiert nicht heroischer Rock, sondern Disco. Bei vielen gilt die Platte als ungeliebter Ausreißer — wird ihr da Unrecht getan?

 von Markus Brandstetter

Hier könnt ihr Hot Space hören:

Es gab Zeiten, da betonten Queen noch extra, keinerlei Synthesizer in ihrer Musik zu verwenden. Im Juni 1981 gab’s dann aber eine ordentliche Kehrtwende in dieser Sache, denn als die Band ins Studio ging, um an ihrem neuen Longplayer zu arbeiten, wurden Synthesizer ein tragendes Element. Mehr noch: Queen vollzogen in den Augen vieler eine unverständliche Wandlung, denn plötzlich regierten Disco, Dance, R&B und Funk den Sound des britischen Quartetts. Damit nicht genug: Queen setzten sogar Drumcomputer ein — und die stets omnipräsente Leadgitarre von Brian May ordnete sich einer anderen Funktion unter.

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Roger Taylor sagt: John Deacon ist schuld

Geht es nach Schlagzeuger Roger Taylor, war es Bassist John Deacon, der die ersten musikalischen Impulse in diese Richtung setzte. „John war schon immer R&B-orientiert, unser Bassist, der Another One Bites The Dust schrieb, … was sich als die meistverkaufte Platte des Jahres herausstellte. Und ich glaube, das war der Song, der uns in diese Richtung katapultiert hat“, sagte Taylor damals — legte dann aber gleich nach, dass die Band mittlerweile der Meinung war, es etwas übertrieben zu haben. „Ich denke, wir sind zu weit gegangen und haben zu viel getan. … Jeder in der Band empfindet das jetzt so“, so Taylor.

Allerdings ist es nicht Deacon, dem im Nachhinein von der Band (minus Mercury) der schwarze Peter zugeschoben wurde — sondern Freddie Mercurys damaliger Manager Paul Prenter. Der war zwischen 1977 und 1984 für Freddies persönliche Angelegenheiten zuständig und übte in den Augen Taylors etwas zu viel Einfluss auf seinen Klienten aus. Und zwar so sehr, dass Taylor meinte, Prenter wollte Queen nach Gaybar klingen lassen. Eine Erklärung der etwas anderen Art hatte einer der Produzenten, Reinhold Mack, parat: Prenter habe Rockmusik gehasst — und habe Mercury regelrecht im Ohr gelegen.

Auch an die Aufnahmesessions an sich erinnert sich die Band nicht unbedingt gerne: Besonders die Aufnahmen in München (als zweiter Ort fungierte Montreux) zogen sich in die Länge. Die Band pflegte laut Brian May einen ungesunden Party-Lebensstil der in Orientierungslosigkeit resultierte.

Disaster und „Disco sucks“

Dass viele Fans und Kritiker*innen enttäuscht waren, ist wenig überraschend — denn Hot Space war definitiv eine Abkehr von dem, was die Band davor gemacht hatte. Der ehemalige Manager der Band, Jim Beach, sprach in der 2011 erschienenen Doku Queen: Days Of Our Lives sogar von einem regelrechten Desaster und erinnerte sich Fans, die mit „Disco sucks“-Banner zu Konzerten der Band kamen.

Das empfanden allerdings längst nicht alle so: Denn Michael Jackson verehrte das Album, bezeichnete es sogar als Inspiration für seinen Megaseller Thriller. Natürlich, bei Hot Space hat man es mit einem Ausreißer zu tun, einem Experiment einer etablierten Band, das längst nicht jeder gut fand und für viele sogar eine regelrechte Enttäuschung war. Und tatsächlich, in den nachhaltigen Queen-Kanon hat es daraus nur ein einziges Stück geschafft: das mit David Bowie in einer spontanen Session in Montreux entstandene Under Pressure, das für die Band in Großbritannien zum Nummer-eins-Hit wurde. Auch hier waren wieder Deacon und seine unglaublich eingängige Basslinie (wie schon bei Another One Bites The Dust) ausschlaggebend.

Zwei Jahre später kehrten Queen mit The Works wieder zu alter Form zurück. Hot Space geht auf alle Fälle als Experiment der Band in die Geschichte ein — als eines, das Teile der Band wohl gerne wieder rückgängig gemacht hätten, das aber auf alle Fälle ein kurzweiliges und interessantes Album ist, das dem damaligen Zeitgeist Rechnung trägt. Was Queen auch genügend Fans vorgehalten haben.

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Wie fast Guns N‘Roses statt Queen in „Wayne‘s World“ gelandet wären

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25 Jahre „OK Computer“: Wie Radiohead den Prog neu erfinden

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Radiohead
Foto: Jim Steinfeldt/Michael Ochs Archives/GettyImages

Das Label geht von einem Flop aus, die Band setzt alles auf eine Karte: 1997 veröffentlichen Radiohead ihr drittes Album OK Computer. Die Bedenken sind unbegründet: Das Album wird zum kommerziellen Erfolg und gilt heute als eine der besten Platten aller Zeiten. Die ganze Geschichte der modernen Prog-Rhapsodie.

von Björn Springorum

Hier könnt ihr Ok Computer hören:

Es ist 1997, und in Großbritannien hat man so langsam aber sicher genug von Britpop. Die anfängliche Euphorie ist verfolgen, die Aufregung rund um den Battle Of Britpop von 1995 längst vergessen, die Sperenzchen und Eskapaden der Gebrüder Gallagher öde. Sicher, Be Here Now ist ein weiterer Oasis-Megaseller, doch die britische Rockmusik sehnt sich insgeheim nach einer neuen Marschrichtung. Die kommt von Radiohead – von wem auch sonst, wie man aus heutiger Sicht treffsicher urteilen würde. Mit ihrem dritten Album OK Computer sorgen sie nicht nur für einen der ganz großen Klassiker der intelligenten Rockmusik; sie erfinden mal so eben den Prog neu und führen die Musik des Königreichs mit sicherer Hand gen neues Jahrtausend.

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Desillusioniert in den Staaten

Das war damals selbst ihnen nicht zuzutrauen. Oder doch? Schauen wir uns mal ihre bemerkenswerte Karriere bis zum Release von OK Computer an: Ihr Debüt Pablo Honey erscheint 1993, ein schroffes und kratziges Rock-Album, das mit Creep ihren ersten Megahit enthält, ansonsten aber noch in die Kategorie „ausbaufähig“ fällt. Das nehmen Radiohead sehr ernst. Die Band, die sich 1985 an einer Jungenschule im ländlichen Oxfordshire gründet, wird durch Presse, Radio und Fernsehen gereicht, eine desillusionierende USA-Tour besiegelt fast das Schicksal der Band.

The Bends, ihr zweites Album von 1995, zeigt eine merklich gereifte, angekratzte, bittere Band. Die nackte Emotion, die Verletzlichkeit und die Verzweiflung machen die Platte zu einer der definitiven Scheiben der Neunziger. Lange Touren mit R.E.M. oder Soul Asylum durch Nordamerika, Europa und Japan folgen, wieder merkt die Band, dass sie echt nicht für die Straße gemacht ist, dass Touren zermürben, aufreiben, aushöhlen. Dennoch kommt es auf der Tour zu einer folgenschweren Begegnung mit Brian Eno. Für seinen Charity-Sampler nehmen Radiohead am 4. September 1995 die Nummer Lucky auf – in fünf Stunden.

Diese spontane, impulsive, unmittelbare Arbeitsweise löst etwas aus in der Band. Das ist bitter nötig, immerhin steht sie gerade vor dem riesigen Problem, einem sehr erfolgreichen Album einen Nachfolger zu bescheren. Sie beginnen im Juli 1996 die Aufnahmen in ihrem eigenen Canned Applause Studio, treten aber trotz der anfänglichen Inspiration auf der Stelle, kommen nicht vorwärts. Da erscheint die Einladung von Alanis Morissette, mit ihr durch die Staaten zu touren, natürlich verlockend. Was die Band nicht wissen kann: Diese Tour wird OK Computer überhaupt erst möglich machen. Bei einem Konzert erhalten sie Besuch von Regisseur Baz Luhrmann, der gern einen Radiohead-Song in seinem kommenden Film Romeo und Julia haben würde.

Wo sind die Hits?

Exit Music (For A Film), Radioheads wunderschöner Beitrag zum Shakespearschen Drama, wird zur Initialzündung für die Metamorphose. Sänger Thom Yorke sagte später mal: „Das war unsere erste Aufnahme, bei der mich jede Note berauschte. Darauf konnte ich stolz sein, das konnte ich laut aufdrehen und dennoch jede Sekunde genießen.“ Der Rest geht schnell: Sie quartieren sich in St Catherine’s Court ein, einem historischen Anwesen bei Bath, breiten sich in dem elisabethanischen Haus aus und nutzen Treppenhäuser oder Korridore für die Aufnahmen. Zwischen September 1996 und März 1997 entsteht dort ein Album, das erst mal zum Schreckgespenst für ihr damaliges Label Parlophone wird. Dort erwartet man natürlich ein zweites The Bends, ein Alternative-Rock-Manifest für eine verlorene Generation oder mit anderen Worten: Singles, Hits und klingende Kassen.

Da machen Radiohead aber nicht mit. Sie entschieden sich, alles auf eine Karte zu setzen, geben die 100.000 Pfund Vorschuss ihres Labels für Equipment aus und produzieren das Album mit Unterstützung von Haus-und-Hof-Produzent Nigel Godrich selbst. Mit anderen Worten: Radiohead steigen schon jetzt aus den Mechanismen des Marktes aus und nehmen ihr Schicksal selbst in die Hand. Nach der Seelensuche von The Bends richten sie ihren Blick nach außen und schreiben eine fast schon dystopische Rhapsodie, ein Album, das viel von dem vorweg nimmt, was im neuen Jahrtausend auf die Welt zurollt: soziale Entfremdung, Isolation, Konsumismus und das aussaugende Leben in der Großstadt.

Die Wiedergeburt des Prog

Musikalisch steht der nächste Quantensprung an. Wo die meisten anderen guten Bands zwischen Pablo Honey und The Bends mindestens noch eine weitere Platte gebraucht hätten, um eine ähnliche Entwicklung hinzulegen, liegen zwischen The Bends und OK Computer mindestens zwei Alben. Mit traumwandlerischer Sicherheit bewegen sich Radiohead durch ihren mitternächtlichen Garten aus Rock, Prog, Pop und Electronica, ein fließendes, inhärent nachdenkliches, kunstfertig geschmiedetes Album. Kurz: ein Werk, dem ein Creep oder ein Fake Plastic Trees fehlt. Die Plattenfirma ist schockiert, weiß nicht, was sie mit dieser Musik anfangen soll. Sie setzt die Verkaufsprognose von mehreren Millionen auf eine halbe Million herab.

Und wird eines besseren belehrt: OK Computer, das ist schon der damaligen Presse klar, ist eine Wasserscheide. Lange Songs, komplexe Arrangements, eine Vielzahl an Instrumenten: Radiohead beleben den Prog neu. Ihnen gelingt das Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band der Neunziger, ein musikalisches und lyrisches Meisterwerk, so voller Assoziationen, doppelter Böden, Schichten und Ebenen, dass man wochenlang darin abtauchen kann. Inspiriert von Bitches Brew, dem gewagten Album von Miles Davis, Ennio Morricone, Can, Pet Sounds oder dem besten Pop-Song aller Zeiten, A Day In The Live, gelingt Radiohead eine Preziose, ein seltenes Kunstwerk.

Entstanden nach einer Periode der Instabilität und Unsicherheit, erwachsen Radiohead aus ihrem Kokon und machen einfach das, was sich in diesem Moment richtig anfühlt: Musik, und das überwiegend zusammen. 80 Prozent von OK Computer sind live entstanden. Hätte ihre Plattenfirma Recht behalten, hätten Radiohead das 21. Jahrhundert nicht mehr als Band erlebt. So bescheren sie den späten Neunzigern das wichtigste Album, revitalisieren mal so ganz nebenbei den Prog und bereiten der Rockmusik den Weg ins neue Jahrtausend.

Und dennoch ist das 1997 nur der Anfang: 2000 werden Radiohead mit Kid A vollkommen den Verstand verlieren. Im streng positiven Sinne, versteht sich.

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10 Songs, die die Rockmusik verändert haben – Teil 3

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