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Popkultur

Die musikalische DNA von Neil Diamond

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Neil Diamond

„Es gibt zwei Sorten Menschen auf dieser Welt“, heißt es 1991 im Film What About Bob?. „Diejenigen, die Neil Diamond mögen und die, die es nicht tun.“ Das ist vermutlich keine Übertreibung, denn tatsächlich scheiden sich an dem US-Amerikaner die Geister. Er selbst ist daran vielleicht nicht ganz unschuldig, kann er doch manchmal auch ätzend sein. Als er etwa im Jahr 1976 eine ausverkaufte Show im Aladdin Hotel in Las Vegas gab, für die er satte 650.000 Dollar kassierte, begann er den legendären Gig mit einer Anekdote über eine Ex-Freundin, die ihn wegen seines mangelnden Erfolgs geschasst hatte. „Du hast mir wohl zu früh den Laufpass gegeben“, knurrte Diamond, „denn schau mal, wer heut Abend hier steht!“

Hört euch hier Neil Diamonds musikalische DNA in einer Playlist an:

Diamond hat allerdings allen Grund, stolz zu sein. Zuhause stehen Golden Globes, Grammys und Auszeichnungen der Songwriters Hall of Fame wie auch der Rock and Roll Hall Of Fame im Schrank, selbst auf dem Hollywood Boulevard ist ein Stern mit dem Namen des Musikers zu finden, der einer der kommerziell erfolgreichsten US-Künstler aller Zeiten ist. Aber es gibt auch seine andere Seite: Vier Jahre lang nahm der Sohn armer Eltern sich Mitte der siebziger Jahre auf einem der Höhepunkte seiner Karriere eine Auszeit, um sich seinem Kind zu widmen. Selbst seine berühmten farbfrohen Hemden hatten vor allem einen Zweck: Auf Konzerten sollten ihn seine Fans auch aus der Ferne erkennen können.


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Neil Diamond hat schließlich genug Zeit im Hintergrund verbracht, um seine Lektionen in Sachen Demut zu lernen. Die meisten seiner Songs wurden durch andere Bands bekannt gemacht: The Monkees’ I’m A Believer? Ein Diamond-Song! Genauso wie Red, Red Wine, das die meisten als Reggae-Version von UB40 kennen oder Solitary Man, das im Jahr 2000 von Johnny Cash und später der Band HIM mit großem Erfolg neu aufgenommen wurde. Welche Musik aber beeinflusste ihn eigentlich? Wir finden es mit einem Blick auf die musikalische DNA des kontroversen Songwriters heraus!

1. Barbra Streisand – My Coloring Book

Obwohl allein schon sein Nachname anderes vermuten lässt, kommt Neil Diamond aus sehr einfachen Verhältnissen. Er wuchs in Brooklyn auf, wo er die Erasmus Hall High School besuchte und erste Gesangserfahrungen im hiesigen Chor sammeln konnte. Mit von der Partie? Barbra Streisand! „Wir waren zwei arme Kids aus Brooklyn“, erinnerte sich Diamond. „Wir hingen vor der Schule ab und rauchten Zigaretten.“ Obwohl eine geplante Filmversion von You Don’t Bring Me Flowers später ins Wasser fallen sollte, zu einem überaus erfolgreichen Duett der beiden reichte es im Jahr 1978 allemal. Gar nicht mal so schlecht für zwei arme Kids aus Brooklyn, oder?

Diamond sprach ehrfürchtig von der Kollegin als der „besten Sängerin seiner Generation“. Wer hätte das alles im Jahr 1962 geahnt, als beide mit ihren ersten Singles ins Rampenlicht traten? Derweil Diamond als Teil des Duos Neil and Jack sowie später im Jahr mit der Single At Night nur mäßige Erfolge einfuhr, machte sich Streisand mit ihrer Version von Fred Ebbs und John Kaders My Coloring Book einen Namen und veröffentlichte im Folgejahr das überaus erfolgreiche The Barbra Streisand Album, bevor sie mit The Second Barbra Streisand Album zurückkehrte. Darauf zu finden: eine neue Version ihres ersten Hits.

2. Pete Seeger – If I Had A Hammer

Die gemeinsamen Chorstunden mit der bald berühmten Klassenkameradin aus der Raucherecke waren eins, die erste eigene Gitarre ein anderes. Zum 16. Geburtstag wurde dem kleinen Neil dieser Traum erfüllt. Im Surprise Lake Camp für jüdische Kinder aus dem New Yorker Raum hatte er einen Auftritt gesehen, der sein Leben endgültig verändern sollte: Pete Seeger spielte dort ein kleines Konzert und ließ sich von den Kids sogar Songs vorsingen, die sie selbst geschrieben hatten. „Ich bekam eine Gitarre, nachdem es nach Brooklyn zurückging, nahm Unterricht und begann sofort, selbst Songs zu schreiben“, erinnerte er sich an die Konsequenzen dieses Erweckungsmoments.

Die frühe Inspiration vergaß er nie. „Pete Seeger war ein Bote für universellen Frieden und Liebe“, schrieb er sichtlich ergriffen zum Tod des Songwriters im Jahr 2014. „Er war meine erste Inspiration dafür, selbst Lieder zu schreiben und sie auf meine Art mit den Menschen zu teilen.“ Wie heißt es doch in Seegers größtem Hit: „Well I got a hammer / And I got a bell / And I got a song to sing, all over this land“. Welches Land das war? Klar! America, wie Diamond es später in einem ähnlich politisch aufgeladenen Song selbst besingen sollte. Nicht allein die Songwriter-Kniffe des Folk-Sängers scheinen ihn inspiriert zu haben!

3. The Walker Brothers – Love Her

Vielen aus dem Musikbusiness aber war der Kollege nicht aufmüpfig genug. Levon Helm etwa, Drummer von The Band, schrieb in seinen Memoiren über Martin Scorseses Film The Last Waltz: „Als ich hörte, dass Neil Diamond mitspielen sollte, fragte ich nur: ‚Und was zur Hölle hat Neil Diamond mit uns zu tun?‘“. Bandkollege Robbie Robertson versuchte mit den Worten „Neil ist wie die Tin Pan Alley“ zu schlichten und konnte damit seinen Schlagzeuger nur mäßig überzeugen. Er hatte aber durchaus Recht. Zu Collegezeiten schwänzte Diamond lieber, um zum legendären Straßenzug zu fahren und dort seine Songs anzubieten.

Eine Songwriterin von Aldon Music erinnerte sich an einen jungen Mann, der sich nicht mal darüber im Klaren war, ob er seinen Nachnamen behalten sollte. „Ach, ich weiß nicht“, soll er gebrummelt haben. Eins aber war dem jungen Studenten klar: Er wollte Songwriter werden, nicht Arzt! Mit Cynthia Weil traf er da eigentlich die Richtige: Sie war für eine Vielzahl von Hits verantwortlich, unter anderem Love Her von den Walker Brothers – ein Stück, das auch die Everly Brothers als Single veröffentlichten. Die wiederum waren ein Haupteinfluss für den Sänger und standen später sogar gemeinsam mit ihm auf der Bühne. Es dauerte noch etwas, bis aus Diamond ein erfolgreicher Songwriter werden sollte, aufgeben kam für ihn aber nicht in Frage. Seine knochenharte Anfangszeit verarbeitete er später in einem seiner berühmtesten Songs: Solitary Man.

4. The Monkees – I’m A Believer

Noch bevor Diamond sich selbst einen Namen machen konnte – denn natürlich behielt er seinen Nachnamen bei! –, brachte er die gecastete Folk-Rock-Band The Monkees auf Touren. Das Quartett war als US-amerikanische Antwort auf die Beatles konzipiert, dessen Leben in einer Sitcom verfolgt werden sollte. Tatsächlich ließ sich selbst John Lennon zu wohlwollenden Worten hinreißen: „Versucht ihr doch mal, eine wöchentliche Show zu bestreiten, die nur halb so gut ist!“, hielt er der Kritik entgegen.

Den Erfolg fuhren die Monkees allerdings vor allem ihrer Musik wegen ein, der 1966 veröffentlichte Song I’m A Believer stammte wie einige andere von Neil Diamond. Sein erster Instant-Hit – gesungen von einer anderen Band! Es sollte Diamond noch fast seine gesamte Karriere über verfolgen, im Grunde aber hätte es kaum besser für ihn kommen können: Zeitgleich nämlich machte er sich selbst als Sänger einen Namen und konnte so doppelten Ruhm ernten. Auch wenn die Monkees also streng genommen keinen direkten musikalischen Einfluss auf ihren Songwriter ausübten, so wäre Diamond doch ohne sie sicher nicht so weit gekommen. I’m A Believer zumindest ist selbst über ein halbes Jahrhundert (!) nach Erstveröffentlichung immer noch nicht aus dem Pop-Kanon wegzudenken.

5. Elvis Presley – Blue Suede Shoes

An einem wird sich Diamond wohl sicher bis an sein Lebensende messen müssen: Elvis Presley, seines Zeichens King of Rock’n’Roll und Diamonds vormaliger Nachbar. In einem Fernsehinterview erzählte Diamond, dass die beiden sich gerne mit ungewollten Gästen einen Spaß erlaubten und sie zum Haus des jeweils anderen schickten und ihre Kinder miteinander spielten – von einem Maschendrahtzaun abgetrennt und mit Bodyguards an ihrer Seite!

Dass Presley auf Diamond einen Einfluss ausübte, das steht so oder so fest. Seine eigene Verehrung gegenüber dem Kollegen machte er aber genauso öffentlich: Mit Sweet Caroline coverte er einen von Diamonds größten Hits, der heute noch bei vielen Sportevents erklingt. Auf einem Konzert in Las Vegas wollte er den im Publikum sitzenden Diamond sogar vors Mikrofon holen. Der aber lehnte ab. „Ich bin froh, es nicht getan zu haben“, sagte er später und fuhr mit geschwungenen Worten fort: „Weil es keine gute Idee gewesen wäre, den Saum eines Gottes anzufassen. Er war wundervoll. Er war warmherzig und mir gegenüber sehr großzügig. Ich denke, dass es am besten war, es dabei zu belassen.“ Seine Großzügigkeit stellte Elvis nicht allein Diamond gegenüber unter Beweis: Auch sein Hit Blue Suede Shoes war als Tribut gedacht und brachte seinem eigentlichen Songwriter Carl Perkins nachträglich viel Aufmerksamkeit ein.

6. Bill Withers – Ain’t No Sunshine

Diamond selbst brachte seinen Vorbildern ebenso viel Respekt entgegen, vor allem natürlich musikalisch. Noch 2010 gedachte er auf seinem 31. (!) Studioalbum Bill Withers, indem er dessen Überhit Ain’t No Sunshine coverte. Withers hatte seine Karriere inzwischen weitestgehend beendet und wollte vom Leben vor allem eins: seine Ruhe. „Ich mag Neil. Aber weißt du, was ich dachte, als ich das las? Bill, du bist nicht Neil Diamond“, sagte er in einem Interview, auf den Arbeitseifer des nur unwesentlich jüngeren Kollegen angesprochen.

Ein Blick auf die Tracklist des Coveralbums Dreams verrät, dass die meisten der Held*innen Diamonds sich mittlerweile zurückgezogen haben oder verstorben sind. Die noch aktiven Randy Numan, Paul McCartney oder Gilbert O’Sullivan sind darauf eher in der Unterzahl. Was aber eben nicht heißt, dass Diamond ein Nostalgiker wäre, ganz im Gegenteil. Nicht nur traute er sich aus seinen angestammten Gefilden heraus und experimentierte jenseits von Pop, Rock und Folk mit Soul, sondern er dachte schon früh den technischen Fortschritt mit.

7. The Who – My Generation

Von wegen „I hope I die before I get old“! Dass Diamond nicht alt zu werden scheint, beweisen allein seine jüngsten Touren, die zum Teil über Periscope und Twitter zu verfolgen waren. Auch mit über 70 Jahren bleibt er ein seiner Zeit aufgeschlossener Genosse. In seiner eigenen Jugend allerdings holte er sich einen Schock von The Whos Pete Townshend ab. Am Anfang seiner Karriere spielte Diamond für gewöhnlich als Special Guest bei Shows mit oder trat als Support für andere Bands auf, darunter auch die britischen Rüpel. Vollkommen entsetzt soll er gewesen sein, als der Townshend beim Zerlegen seiner Gitarre zusehen musste. Zu viel für das Kind bescheidener Verhältnisse, das als Teenager lange auf die erste eigene Gitarre warten musste!

Immerhin eins übernahm er von The Who: ihren Anspruch an perfekten Sound. Während die Band 1972 noch an ihrer Rockoper Quadrophenia arbeitete, spielte er selbst mit einem quadrophonischen Soundsystem im Greek Theater in Los Angeles auf. Die Ergebnisse dieser zehn Konzerte wurden auf Hot August Night festgehalten und gingen so als eines der besten Diamond-Releases in die Musikgeschichte ein. The Who aber standen 2016 erneut auf derselben Bühne wie Diamond. Diesmal allerdings auf einem von den Coachella-Organisatoren veranstalteten Mini-Festival namens… Oldchella!? „Talking ’bout my generation“…

8. Shirley Bassey – Diamonds Are Forever

Was aber sollte ihm das hohe Alter aber schon anhaben? Diamonds Are Forever, wissen wir spätestens dank Shirley Basseys Soundtrack zum gleichnamigen James-Bond-Film. Mit einem Diamond übrigens fand sie sich zu einem von Neils eher seltenen Duetten zusammen. Der gemeinsame Song Play Me brachte die beiden sehr, sehr nah zusammen, wie im Video eines Live-Auftritts zu sehen ist. Das führte natürlich zu Spekulationen, nach denen Bassey in den charismatischen Sänger mit der windschiefen Frisur verliebt sei! Die lachte herzlich, als sie eine gute Freundin darauf ansprach. „Das einzige, was ich in dem Moment liebte, war seine Diamantkette“, gab sie schlagfertig zurück.

Der gemeinsame Auftritt 1974 ging dennoch in die Geschichte ein und polierte die Diamond-Komposition gehörig auf, denn Basseys mächtiger Stimmeinsatz erst verpasste dem Original das gewisse Etwas. Manche Diamonds müssen eben geteilt werden, um wirklich zu strahlen. Ob Bassey allerdings dem Kollegen die Diamantenkette abluchsen konnte, ist nicht überliefert.

9. The Beach Boys – God Only Knows

Ein ganz besonderer Pop-Diamant ist Pet Sounds, das bahnbrechende Beach-Boys-Album, auf dem Brian Wilson den Höhepunkt seines künstlerischen Genies erreichte. Die Wege von Wilson und Diamond kreuzten sich im Laufe ihrer Karrieren mehrfach, zuletzt war Wilson auf einem Bonus-Track für das 2005 erschienene Album 12 Songs zu hören. Diamond selbst coverte den vielleicht unsterblichsten Song von Pet Sounds, die komplex arrangierte Ballade God Only Knows. Im Gegensatz zu vielen opulenten Coverversionen hielt er seine Version aber dezidiert minimalistisch und ließ die einfühlsamen Lyrics für sich wirken. Als erfahrener Songwriter weiß er eben, dass weniger manchmal mehr ist – das hat sich im Laufe seiner Karriere schließlich oft genug bewahrheitet.

10. Johnny Cash – Solitary Man

In über einem halben Jahrhundert hat Neil Diamond so viele Menschen mit seiner Musik bereichert, dass sein Einfluss kaum zu messen ist. Zwei davon waren etwa das Duo Lightning & Thunder, das Ehepaar Claire und Mike Sardina, seines Zeichens ein Diamond-Imitator. Ihre Geschichte wird in der Dokumentation Song Sung Blue erzählt, für die Diamond gerne seine eigenen Stücke hergab und von der er sich zutiefst berührt gab.

Immer wieder coverten Bands die Kompositionen des Songwriters, der seine Karriere hinter den Kulissen begann. So auch HIM, die finnische Düsterrock-Band, oder etwa Johnny Cash, die beide mit ihren ganz eigenen Versionen von Solitary Man glänzten. Cash wurde 2001 für sein Cover sogar mit dem Grammy ausgezeichnet. Es muss für Diamond eine unvergleichliche Auszeichnung gewesen sein, war Cash doch für ihn schon immer ein großes Vorbild. Wie Cash arbeitete er Mitte der Nuller-Jahre mit dem Produzenten Rick Rubin zusammen und gab 2008 zu Protokoll, dass er mit seinem Auftritt beim britischen Glastonbury Festival in die Fußstapfen der Country-Legende treten wollte, der dort 1994 auftrat. Typisch Diamond: Selbst bei seinen größten Welterfolgen blieb er immer noch bescheiden und zollte anderen den Respekt, der ihnen gebührte.

Kurzdoku: Hurt – Das Leben des Johnny Cash

Popkultur

35 Jahre „Lita“: Wie Lita Ford dem Hard-Rock-Männerclub den Kampf ansagte

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Lita Ford
Foto: Al Pereira/Getty Images

1988 hat Lita Ford schon eine Weltkarriere mit den Runaways hinter sich. Ihr drittes Soloalbum wird dennoch zu ihrer Sternstunde – eine mustergültige Hard-Rock-Bibel, auf der auch Ozzy Osbourne nicht fehlen darf.

von Björn Springorum

Hier könnt ihr euch Lita anhören:

In der zweiten Hälfte der Achtziger ist die Rockmusik von zahlreichen weiblichen Stimmen geprägt. Roxette, Bonnie Tyler, Doro, Suzi Quatro oder Vixen feiern große Erfolge im Bandkollektiv oder im Alleingang. Ganz oben mischt auch Lita Ford mit. Die hat schon eine ganze Karriere hinter sich, als sie sich Anfang der Achtziger als Solitärin der Musikwelt stellt: 1975 wird sie in Los Angeles vom flamboyanten und undurchsichtigen Manager Kim Fowley für die neu gegründeten The Runaways entdeckt. Damals ist Lita Ford 16 Jahre alt.

Punk oder Hard Rock?

Die gebürtige Engländerin macht ihrem Namen alle Ehre, schmeißt alles hin und schließt sich der Damenband an, in der auch eine gewisse Joan Jett an der Gitarre steht. Musik spielt in ihrem Leben da schon lang eine Rolle: Mit elf fängt sie mit der Gitarre an, inspiriert von ihrem großen Helden Ritchie Blackmore, entdeckt auch ihre kräftige Stimme. Von Long Beach ist es nur ein Katzensprung auf den verruchten Sunset Strip, wo es dann nicht lange dauert, bis sie dem bestens vernetzten Fowley in die Arme läuft.

The Runaways werden zur Erfolgsgeschichte. Schon ihr Debüt The Runaways wird 1976 zum Hit, die Band tourt mit Van Halen, Cheap Trick oder Tom Petty And The Heartbreakers. Sie rutschen in die entstehende Punk-Bewegung, hängen im legendären New Yorker Club CBGB ab, feiern diesseits und jenseits des Atlantiks mit den Ramones oder den Sex Pistols. Nach einigen Welttourneen und dem großen Einmaleins der Rock’n’Roll-Exzesse geht es dann auch für die Runaways zu Ende. Erst feuern sie Manager Fowley, dann kriegen sie sich auch untereinander in die Haare. Joan Jett möchte mehr in Richtung Punk gehen, Lita Ford weiterhin Hard Rock spielen. Nach einem letzten gemeinsamen Auftritt am Silvesterabend 1978 bei San Francisco ist im April 1979 endgültig Schluss.

„Du musst hart sein, um in dieser Musik zu bestehen“

Für Lita Ford geht es da aber eben gerade erst los: Ihre ersten Gehversuche als Solokünstlerin verlaufen zunächst sehr unbefriedigend: Ihr früheres Runaways-Label Mercury Records bringt 1983 ihr Debüt Out For Blood raus, das Album bleibt aber weitgehend unbemerkt und floppt. Das lupenreine Heavy-Metal-Artwork mit Spinnweben, einer blutigen Gitarre und Ford in einem knappen Lederbody zeigt aber klar ihre musikalischen Ambitionen. „Rock’n’Roll ist eine harte Musik und du musst hart sein, um in dieser Musik zu bestehen“, sagte sie mal. „Leider sind nicht allzu viele Frauen hart, deswegen gibt es nicht so viele von uns.“ Ford gibt also nicht auf, beißt sich durch, landet mit dem Nachfolger Dancin’ In The Edge einen Achtungserfolg, der ihr zudem eine Grammy-Nominierung für ihre Gesangsleistung einbringt. Für eine Musikerin, die bislang überwiegend als Gitarristin aufgefallen ist, kann sich das durchaus sehen lassen. Oder auch: Die musikalische Früherziehung macht sich so langsam richtig bezahlt.

Ihren größen Coup landet Lita Ford vor 35 Jahren: Die selbstbetitelte dritte Platte Lita wird zum Vulkan, zum Platin-Erfolg, der sie für immer in den Annalen der Rockmusik verewigt. Nach den beiden Vorgängern gelingt Ford hier eine archetypische Rockplatte der Achtziger, wie viele ähnliche Releases der damaligen Zeit sorgsam austariert zwischen Hard Rock, Glam und Heavy Metal. Knackige, kernige Uptempo-Brecher, monumentale Balladen, flotte Pop-Rock-Hymnen, getragen von ihrer starken Stimme. Lita ist archetypisch Achtziger: Die Drums von Myron Grombacher klingen als wären sie in einer Kathedrale aufgenommen, die Keyboards laufen heiß, die Gitarren sägen, die Stimmung ist durch und durch hochdramatisch.

Duett mit Ozzy Osbourne

Lita ist aber auch aus anderen Gründen ein besonderes Album: Es markiert das erste Ergebnis der neuen Zusammenarbeit zwischen Ford und ihrer neuen Managerin Sharon Osbourne. Die bringt Ford gleich mit ihrem Ehemann Ozzy zusammen. Daraus entsteht der große letzte Akt Close My Eyes Together, eine große, epische Ballade mit amüsanter Background-Story: Ford und Osbourne müssen sich vom Fleck weg so gut verstanden haben, dass sie sich gleich mal gemeinsam im Studio die Birne vollsaufen und die Lyrics zu einem von Ozzy begonnenen Song gemeinsam schreiben. Der Song entsteht ungeplant – und wird doch zum größten Solo-Erfolg für sowohl Lita Ford als auch Ozzy Osbourne.

Schon abgefahren, wie es manchmal laufen kann. „Ich flog mal aus L.A. nach England nach Hause, als mich Sharon anrief und mich nach diesem halbfertigen Song fragte“, so Ozzy mal in einem Interview. „Ich konnte mich schon gar nicht mehr daran erinnern, aber offensichtlich wollte Lita mit mir an ihm arbeiten. Also flog ich zurück, wir tranken und schrieben das Ding und ich sagte ihr: Weißt du was? Du kannst ihn haben.“ Good guy Ozzy!

Ozzy Osbourne ist übrigens nicht der einzige Prominente, der sich auf Lita einfindet: Für Falling In And Out Of Love tut sich Ford mit Nikki Sixx von Mötley Crüe zusammen. Und Can’t Catch Me wird unter anderem von Lemmy Kilmister geschrieben. Wenn Lita Ford ruft, kommen sie damals eben alle. Und auch wenn sie seit 2012 kein Album mehr veröffentlicht hat: Lita Ford hat den Rock’n’Roll noch immer nicht aufgegeben.

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Zeitsprung: Am 5.8.1975 werden The Runaways gegründet, die erste große weibliche Rockband.

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Popkultur

Zeitsprung: Am 2.2.1969 lässt sich Yoko Ono von Gatte Nr. 2 scheiden & verliert ihre Tochter.

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Foto: Keystone/Hulton Archive/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 2.2.1969.

von Victoria Schaffrath und Christof Leim

Als sich Yoko Ono am 2. Februar 1969 von ihrem zweiten Ehemann Tony Cox scheiden lässt, steht Töchterchen Kyoko zwischen den Stühlen. Der folgende Sorgerechtsstreit sorgt dafür, dass Cox samt Kind schließlich untertaucht. Da die Scheidung den Stein ins Rollen bringt, nutzen wir ihr Datum für den heutigen Zeitsprung. Religiöser Fanatismus kommt auch vor.

Hört euch hier Sometime In New York City von John Lennon und Yoko Ono an, das kurz nach der Entführung entstand: 

Obwohl Yoko Onos Privatleben gefühlt der Weltöffentlichkeit gehört, dürften sich viele fragen: zweiter Gatte? Tochter? Die größte Aufmerksamkeit gilt stets der Beziehung und Ehe mit John Lennon, vielleicht noch Sohn Sean. Dass die Japanerin mit dem Beatle jedoch bereits das dritte Mal Hochzeit feierte, fällt häufig unter den Tisch. Angetrauter Nummer zwei: Anthony „Tony“ Cox, ein Filmproduzent und Kunstförderer.

Ungewöhnliche Verhältnisse

Der Amerikaner tritt 1961 in Onos Leben, nachdem er eines ihrer Werke sieht. Begeistert macht er sie in Tokio ausfindig. Man verliebt sich, die Ehelichung erfolgt ein gutes Jahr später. Oder tut es beinahe, denn die zierliche Künstlerin hatte wohl übersehen, die Scheidung von ihrem ersten Mann zu vollziehen. Macht ja nichts, nach einer Annullierung versucht man es einfach erneut, da ist dann auch schon Nachwuchs auf dem Weg. Kyoko Chan Cox kommt am 8. August 1963 zur Welt.

Auch beruflich macht man gemeinsame Sache, sodass beide trotz auftretender Eheprobleme an der Beziehung festhalten. Cox zeigt sich dabei verantwortlich für die Tochter und die Öffentlichkeitsarbeit des Künstlerpaares. Ono inspirieren die immer häufiger auftretenden Turbulenzen zu Konzeptkunst wie Half-A-Room und dem berühmten Ceiling Painting/Yes Painting.

Wer entführt wen?

Da kommt dann auch schon John Lennon ins Spiel, und die Ehe erhält den finalen Knacks. Die Scheidung von Ono und Cox erfolgt am 2. Februar 1969, aber 1971 nehmen die Dinge einen gleichermaßen unglaublichen und tragischen Verlauf: Mitten im Sorgerechtsstreit tauchen John und Yoko auf Mallorca auf und „entführen“ das dort lebende Kind, zumindest ein paar Stunden lang. Erst erhält Ono das Sorgerecht, dann kontert Cox mit deren Drogenkonsum; Kyoko soll laut Gericht doch bei ihm leben. Als seine Ex-Frau zumindest das Besuchsrecht durchsetzen möchte, sieht Cox rot.

Gemeinsam mit der Tochter und seiner neuen Frau taucht er in Kalifornien unter, verpasst Kyoko eine neue Identität und hält es scheinbar für eine gute Idee, sich einer Sekte namens The Walk oder Church Of The Living Word anzuschließen. Deren religiöser Fanatismus geht so weit, dass sie  unter anderem für die Ermordung diverser US-Präsidenten beten . Ab März 1972  verfrachten sie die Familie  in die ländliche Isolation. Ono und Lennon lassen derweil verzweifelt nach Kyoko suchen. Ohne Erfolg.

Ohne jede Spur

Nach einigen Jahren schnappt sich Cox seine Tochter und kehrt der Glaubensgemeinschaft den Rücken; Kontakt zu den Lennons sucht er keinen. Nach Johns Ermordung 1980 schicken er und Kyoko immerhin eine Beileidsbekundung an die Witwe. Erst 1986 gibt es wieder ein Lebenszeichen von Cox, dann gleich in Form einer Dokumentation: In Vain Glory erzählt er von seinen Erfahrungen im Schoße der Sekte. Ono sieht ihre Chance und verfasst einen öffentlichen Brief:

„Liebe Kyoko,

all diese Jahre gab es nicht einen Tag, an dem ich dich nicht vermisst habe. Du bist auf ewig in meinem Herzen. Ich werde jedoch keinen Versuch unternehmen, dich zu kontaktieren, da ich deine Privatsphäre respektiere. Ich wünsche dir nur das Beste. Falls du je mit mir in Kontakt treten möchtest, sei versichert, dass ich dich innig liebe und froh wäre, von dir zu hören. Du solltest dich jedoch nicht schuldig fühlen, wenn du dich entscheidest, es nicht zu tun. Du hast für immer meinen Respekt, meine Liebe und meine Unterstützung.

In Liebe, Mama“

Zunächst kommt nichts; erst in den Neunzigern meldet sich Kyoko bei ihrer Mutter. Seitdem pflegen die beiden regelmäßig Kontakt. So ganz scheinen sie die getrennte Zeit zwar bis heute nicht überwinden zu können, aber welche Familie ist schon perfekt?

Zeitsprung: Am 20.3.1969 heiraten John Lennon & Yoko Ono. Ein Song entsteht auch.

 

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Popkultur

Ein Schal für Freddie Mercury: Lisa Marie Presley wäre 55 Jahre alt geworden

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Lisa Marie Presley
Foto: Christopher Polk/Getty Images for Wonderwall

Am 1. Februar 2023 hätte Lisa Marie Presley ihren 55. Geburtstag gefeiert. Der Schock, dass sie das niemals tun wird, sitzt immer noch tief: Die Tochter von Elvis und Priscilla Presley starb am 25. Januar 2023 völlig überraschend.

 von Markus Brandstetter

Ein Leben im Scheinwerferlicht, das war für die einzige Tochter des King of Rock’n’Roll vorprogrammiert. Genau neun Monate nach der Hochzeit von Elvis und Priscilla wurde Lisa Marie Presley in Memphis im US-amerikanischen Bundesstaat Tennessee geboren. Sie war sechs Jahre alt, als sich ihre Eltern scheiden ließen. Sie zog mit ihrer Mutter nach Los Angeles, besuchte Elvis aber oft in Graceland.

Gute Beziehung zu Elvis

„Er war sehr beschützend, sehr fürsorglich und sehr wachsam. Ich wusste, dass ich geliebt wurde, daran bestand kein Zweifel“, erzählte sie einmal in einem Interview über ihren Vater. Lisa Marie war neun Jahre alt, als ihr Vater starb. Gemeinsam mit ihrer Großmutter Minnie Mae und ihrem Großvater Vernon Presley wurde sie zur Erbin des Elvis-Nachlasses erkoren; als die beiden 1979 und 1980 starben, wurde sie zur Alleinerbin. Als sie 25 Jahre alt war, bekam sie das Elvis Estate, damals 100 Millionen Dollar wert. Gut gewirtschaftet wurde mit dem Geld aber wohl nicht: 2018 erklärte sie vor Gericht, dass sie nur noch 14.000 Dollar habe und dies ihrem ehemaligen Businessmanager Barry Siegel zu verdanken sei.

Lisa Marie Presley zog es selbst zur Musik hin — ihr erstes Konzerterlebnis hatte sie ein Jahr nach dem Tod ihres Vaters. Da sah sie die britischen Rocklegenden Queen — und schenkte Freddie Mercury nach dem Konzert ein Accessoire ihres Vaters. „Ich erinnere mich, dass ich Freddie Mercury einen Schal meines Vaters mitbrachte und ihn ihm nach der Show schenkte. Ich liebte es. Ich liebte die Theatralik. Ich liebte Freddie. Ich fand Queen großartig“, erzählte sie einmal. Das erste Mal selbst in Erscheinung trat sie erst 1997 — mit einem virtuellen Duett mit ihrem Vater. Elvis hatte vor seinem Tod einige Aufnahmen und Gesangsspuren hinterlassen — aus einem wurde das Duett Don’t Cry Daddy.

„Ihre eigene Rock-Queen“: Presleys erstes Soloalbum

2003 veröffentlichte Lisa Marie Presley ihr erstes Soloalbum — und alle Augen waren natürlich auf sie gerichtet. Auf To Whom It May Concern arbeitete sie mit bekannten Songwritern und Produzenten (unter anderem Glen Ballard) zusammen. Die Lyrics stammen alle von ihr (mit Ausnahme des Stücks The Road Between, das sie gemeinsam mit Gus Black verfasste), bei der Musik war sie an allen Songs als Co-Autorin beteiligt. „Presleys überraschend kraftvolle Stimme schwingt von einem tiefen Ton bis zu einem bluesgetränkten Heulen und übertrumpft die glänzende Produktion von Eric Rosse und Andrew Slater“, schrieb der US-amerikanische Rolling Stone damals. Die Kritiken waren wohlwollend: „Nichtsdestotrotz zeigt To Whom It May Concern eine Menge Herzenswärme. Wenn sie das hier gezeigte Potenzial ausschöpft, hat die Tochter des King of Rock die Chance, ihre eigene Rock-Queen zu werden.“ Noch überzeugter zeigte sich der Kritiker Robert Hilburn, der die Kompromisslosigkeit des Albums lobte und attestierte: „Presleys mutige, bluesige Stimme hat ein unverwechselbares Flair.“ Das Album schaffte es auf Nummer 5 der US-amerikanischen Billboard Charts und wurde mit Gold ausgezeichnet.

2005 legte Presley mit dem Album Now What nach — mit eher durchwachsenen Kritiken. Wie auch der Vorgänger war die Platte eher im Pop-Rock angesiedelt. Ihr wohl bestes Werk war ihr letztes: Auf Storm & Grace widmete sich Presley Country, Folk und Blues (das alles immer noch mit jeder Menge Pop-Appeal), arbeitete dafür mit dem renommierten Musiker und Produzenten T Bone Burnett zusammen.

Nicht wegen Musik im Scheinwerferlicht

Allerdings war Lisa Marie Presley mehr wegen ihres Privatlebens als ihres musikalischen Schaffens im Rampenlicht. Klar, wenn die Tochter des King of Rock’n’Roll den King of Pop — wir sprechen hier natürlich von Michael Jackson — heiratet, ist das schon spektakulär. Die Ehe — es war nicht ihre erste – hielt zwei Jahre. Insgesamt war Presley viermal verheiratet, mit Danny Keough (sie hatte ihn bei Scientology kennengelernt) hatte sie zwei Kinder. Sechs Jahre nach der Ehe mit Jackson heiratete sie den Hollywood-Schauspieler Nicholas Cage, die Ehe ging nach drei Monaten in die Brüche. Von 2006 bis 2008 war sie mit dem Musiker Michael Lockwood verheiratet, mit dem sie 2021 Zwillingstöchter bekam. Den größten Schicksalsschlag ihres Lebens erlitt Lisa Marie Presley im Juli 2020, als ihr Sohn Benjamin Keough sich das Leben nahm.

Kurz vor ihrem Tod zeigte sich Lisa Marie Presley noch gemeinsam mit Mutter Priscilla auf dem roten Teppich der Premiere des Elvis-Biopics. Kurz danach kam die Meldung, sie habe einen Herzstillstand erlitten und befinde sich im Krankenhaus. Wenig später kam die traurige Gewissheit, dass Lisa Marie Presley im Alter von nur 54 Jahren verstorben war. Über ihren Gesundheitszustand, ihre letzten Monate und zuletzt auch ihr Testament wird immer noch viel spekuliert und berichtet, dies soll an dieser Stelle ausgespart werden. Über ihre eigenen Kämpfe berichtete sie im Laufe der Jahre selbst immer wieder — erzählte von Süchten, zerbrochenen Ehen und ihrer Einsamkeit als Teenager.

Lisa Marie Presley wurde in Graceland beigesetzt — neben ihrem Vater Elvis und ihrem Sohn Benjamin.

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Axl Rose: „November Rain“-Soloauftritt bei Lisa Marie Presleys Trauerfeier

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