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Popkultur

Die musikalische DNA von Rammstein

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Die markigen Gitarrenriffs, das kehlig gerollte R, die expliziten Texte und nicht zuletzt die aufwändigen Musikvideos und Bühnenshows: Kaum eine deutsche Band hat in den letzten dreißig Jahren dermaßen polarisiert wie Rammstein – und das als Gesamtpaket. Kein Wunder eigentlich bei dem martialischen Auftreten, der Koketterie mit Tabuthemen und nicht zuletzt dem Sound der Band um Sänger und Rampensau Till Lindemann. Der ist schleppend, mächtig, männlich und irgendwie… deutsch. Dazu kommen wahnwitzige Pyro-Shows und Videos, die vor Gewaltdarstellungen, sexuellen Anspielungen oder sogar nackten Tatsachen nur strotzen. Ganz klar: Rammstein bieten viel Angriffsfläche. Und dennoch werden sie geliebt für das, was sie tun. Und das nicht zu knapp.


Hört euch hier die musikalische DNA von Rammstein in einer Playlist an und lest weiter:


Am sicherlich unschuldigsten ist dabei noch die Musik der 1994 gegründeten Band, die sich aus diversen anderen Gruppierungen aus dem DDR-Underground rekrutierte. „Den Stil haben wir gefunden, indem wir alle genau wussten, was wir nicht wollen“, sagte Keyboarder Christian „Flake“ Lorenz einst. „Und wir wollten genau nicht amerikanische Funkymusik machen oder Punk eben oder irgend so was, was wir gar nicht können. Wir haben gemerkt, dass wir nur diese Musik können, die wir auch spielen. Und die ist halt mal sehr einfach, stumpf, monoton.“ Heißt auch: Sie geht schnell rein. Was sich aber für vielschichtige Einflüsse hinter dem simplen Sound verstecken, das erfahren wir mit Blick auf die musikalische DNA der „letzten Buhmänner der Rockmusik“, wie sie Journalist Ralf Schlüter einst in der Berliner Zeitung nannte.


1. Nina Hagen – Antiworld

Wer hat’s zuerst gerollt? Dass Till Lindemann das R in Rrrrrammstein dermaßen sonor aus der Kehle kullern lässt, hat allein für genug Diskussionsstoff gesorgt – denken die meisten Menschen bei diesem Klang doch an eine ganz bestimmte historische Person. Lindemann selbst aber wies jede Absicht von sich: „Es kam von selbst, weil du in dieser tiefen Tonlage automatisch so singst. Wir wollten damit um Gottes Willen keine faschistische Attitüde erschaffen“, sagte der Sänger bereits 1997 gegenüber dem Musikexpress. Zumal das theatralisch gerollte R eine Lange musikalische Tradition hat: Zu den Zeiten der Comedian Harmonists war es völlig normal, den Konsonanten überzubetonen. „Why do you speak so funny?“, fragt auch eine Unbekannte auf dem Opener von Nina Hagens erstem Solo-Album NunSexMonkRock. Mit dem Song Antiworld setzte die Ost-Berliner Chaotin aber nicht allein mit ihrer Aussprache klare Akzente, sondern nahm sich alle möglichen künstlerischen Freiheiten. Die wären ihr so in der DDR vermutlich nicht zugekommen, doch übte Hagen auf die dortige Musikszene einen großen Einfluss aus – auch auf die späteren Rammstein-Mitglieder. Als Hagen 2003 der Band gemeinsam mit Apocalyptica das Rammstein-Stück Seemann coverte, zeigte sich sogar der sonst so lakonische Flake überwältigt: „Wenn eine Frau wie Nina ein Lied von uns spielt, ist das wie ein Orden, mehr wert als zehn Echos, Grammys und was die Geschäftswelt so bereithält.“ Rrrrührrrend!


2. Ramones – Pet Sematary


Nina Hagens künstlerisch überhöhter Punk-Entwurf lieferte auch sicherlich einige Inspiration für Rammsteins opulente Selbstinszenierung, musikalisch aber mag es die Band doch schlichter. Weniger exaltiert und angesichts von Rammsteins eigenem Sound erstaunlich poppig sind etwa die Ramones, die trotzdem zum wichtigen Vorbild wurden. Bereits zwei Jahre nach Gründung begleiteten die deutschen Schwermetaller die US-amerikanischen Punkrocker auf ihrer Abschiedstour und nahmen im Jahr 2001 an einer Gedenkveranstaltung für den im April des Jahres verstorbenen Joey Ramone teil. Gemeinsam mit Marky und C.J. Ramone sowie dem Misfits-Sänger Jerry Only sang Flake mit seiner Band den Song Pet Sematary. Der Friedhof der Kuscheltiere, das ist doch schließlich die perfekte Bühne für Rammstein. Neben Lindemann, der sich mit seiner Fun-Punk-Band First Arsch schon eindeutig an den Sound der spindeldürren New Yorker anlehnte, schwärmte vor allem Flake für den Ramoneschen Reduktionismus. “Die haben ihr dreckiges Tuch hinter die Bühne gehängt, mit ihrem Western-Zeichen – ‚hey ho let’s go‘ und dann ging’s los“, erinnerte er sich an die gemeinsame Tour. „Und da hab ich gedacht: So will ich eigentlich Musik machen!“ Wie Rammstein wohl klängen, wenn sie es genauso hielten?

 


3. Pantera – Walk

Zumindest würden Rammstein nicht ohne die messerscharfen und doch tonnenschweren Gitarrenriffs von Paul Landers so klingen, wie sie es heute tun. Der spielte vor Rammstein gemeinsam mit Flake bei der ebenfalls aus dem Punk kommenden Band Feeling B, bei der auch Drummer Christoph „Doom“ Schneider zwischen 1990 und 1993 mitmischte. Schneider zeigte sich stets ehrfürchtig vor dem Gitarristen, der hohe Maßstäbe an die Performance seiner Band anlegte: „Er kann einem schon das ganze Selbstbewusstsein rauben. Er meckert heute noch manchmal mit mir rum“, gab er kleinlaut in einer Feeling B-Biografie zu Papier. Auch für die neue Band um Till Lindemann hatte Schneider zuerst nur wenig warme Worte übrig. Als „Hilfs-Pantera“ soll er sie verächtlich bezeichnet haben, erinnerte sich der Schriftsteller Peter Richter in einem Artikel über die Band. Warum, das ist auch heute noch deutlich zu hören: Die texanische Metal-Band und insbesondere ihr Gitarrist „Dimebag“ Darrell Abbott formulierten einen ähnlichen strengen Sound, an dessen knallharten Riffs kein Gramm zu viel klebte. Um den Groove ging es auf Alben wie Vulgar Display Of Power. Rammstein nahmen es sich zu Herzen und regelten nur das Tempo herunter.


4. Clawfinger – Warfair

Simple, sich wiederholende Strukturen und ein breitwandiger Sound sind allerdings noch nicht alles, was Rammstein ausmacht. Schon immer suchte die Band die Nähe zu anderen Genres, ungewöhnlichen Klängen und unkonventionellen Strukturen Als die Band 1994 die Bühnen der Welt betrat, war die Zeit günstig. Mit Clawfinger hatte im Vorjahr eine Band debütiert, welche den sich langsam abzeichnenden Crossover-Sound maßgeblich mitprägte. Ihr Album Deaf Dumb Blind mit Songs wie Warfair war ähnlich groovig wie Pantera zu ihren Hochzeiten, bezog seine Einflüsse aber aus eher funkigeren Gebieten wie dem Hip Hop. Rammstein erwiesen der schwedisch-norwegischen Band immer noch dann Respekt, als diese Ende der neunziger Jahre ihren Zenit überschritten hatten und revanchierten sich damit dafür, dass sie dank Clawfinger ihre ersten internationale Konzerte spielen durften. Als die Schüler zum Lehrmeister wurden, vergaßen sie die einstigen Tourkameraden nicht: Clawfingers Remix-Arbeiten an Rammstein-Songs wie Du Hast, Sonne oder Keine Lust brachten sie trotz sinkenden Interesses immer wieder ins Gespräch. Einen ganz besonderen Begleiter verdanken Rammstein wohl ebenso Clawfinger: Nachdem Jacob Hellner zuerst Deaf Dumb Blind produziert hatte, wurde er zum Stammproduzenten der deutschen Band. Eine einzigartige, wie Hellner selbst sagt – die Band macht es ihm schließlich einfach. „Rammstein kommen rein und spielen nahezu fertiges Material“, schwärmte er.


5. Project Pitchfork – Alpha Omega

Nicht allein Clawfinger waren zugleich mit Rammstein auf Tour und steuerten Remixe zu ihrem umfassenden Werk bei, nein. Auch die 1989 gegründete Darkwave-Band Project Pitchfork nahmen sie 1995 als Vorgruppe auf Tour und interpretierten den Song Du riechst so gut für die Single-Veröffentlichung auf ihre unnachahmliche Art neu. Das Hamburger Projekt um Peter Spilles etablierte sich bereits 1992 und stand unter anderem im engen Austausch mit Oomph!, die Rammstein ebenso getrost als wichtige Inspiration verbuchen können. Auch die Nähe zum Project Pitchfork verblüfft nur auf den ersten Blick: Der vor allem als Spaßmacher bei Live-Shows bekannte Flake bringt sich musikalisch schließlich mit epischen Keyboard-Sounds ein, welche die Band oft in Nähe des Industrial Rocks von Nine Inch Nails gerückt haben – nicht ohne Grund waren schließlich beide auf dem Soundtrack des David Lynch-Films Lost Highway zu hören. So reihen sich Project Pitchfork in das Spalier derer ein, die Rammstein einst protegierten und von denen sie doch überflügelt worden. Alles begann auf einer Tour mit dem vielsagenden Titel Alpha Omega nach dem gleichnamigen Project Pitchfork-Album.


6. Depeche Mode – Stripped

Noch eindeutiger zeigten sich die Synthie-Einflüsse, als Rammstein für die Depeche Mode-Tribute-Compilation For The Masses deren Song Stripped coverten. Nicht ihre erste Huldigung an elektronische Vorväter: Schon Kraftwerks Das Modell hatte die Band neu interpretiert. Diesmal aber löste der Song einen Skandal aus. Beziehungsweise das Video dazu, denn wie so oft provozierten Rammstein vor allem visuell eine deftige Diskussion. Was war passiert? Regisseur Philipp Stölz hatte für das für das Video Szenen aus dem Film Olympia zusammengeschnitten! Die Regisseurin Leni Riefenstahl dokumentierte darin die olympischen Spiele des Jahres 1936 in Berlin. Riefenstahl war ein Aushängeschild nationalsozialistischer Kunst und eine flammende Verehrerin Adolf Hitlers. Dementsprechend ist Olympia weniger Dokumentation denn vielmehr ästhetisierter Propagandafilm. Schon wieder sah sich die Band zu Rechtfertigungen genötigt: „Wir waren früher entweder Punks oder Gruftis – wir hassen Nazis!“, rief Lindemann damals dem Rolling Stone entgegen. Stölz selbst meinte gegenüber dem TagesAnzeiger, das Video ließe sich „leicht als kalkulierten Skandal deuten. Aber ich bin frei von jeder fragwürdigen Gesinnung. Ich hab auch nie ganz verstanden, warum sich bei Rammstein immer alles um diese angebliche Nazi-Konnotation drehte. Wie dumm ist das denn! Die Texte von Rammstein sind wahnsinnig ironisch.“


7. Laibach – Geburt einer Nation

Die Meister der ironischen Verdrehung allerdings sind Laibach. Auf ihrem Album Opus Dei etwa coverte der musikalische Ableger des Kollektivs Neue Slowenische Kunst (NSK) im Jahr 1987 zwei berühmte Rocksongs: Opus’ Live Is Life und Queens One Vision wurden unter den Händen der Band zur martialisch anmutenden Märschen, die deutlich die musikalische Sprache totalitärer Systeme aufriefen. Der Fall scheint klar: Da haben Rammstein ihr Handwerk gelernt! Ganz so einfach ist es aber nicht: „Für mich ist Laibach eine sehr, sehr intellektuelle Geschichte“, brachte Gitarrist Richard Kruspe seine Missgunst zum Asudruck. Flake allerdings räumte die offensichtlichen Ähnlichkeiten vor allem im hypermaskulinen Gesangsstil durchaus ein. Woher aber kommt Rammsteins Spiel mit den Ambivalenzen? Christopher Schneider sieht die Band in einer bestimmten textlichen Tradition: „Wenn man sich Texte von DDR-Bands ansieht, sieht man, wie gut die teilweise sind, wenn sie ein Thema mit lyrischen Mitteln umschreiben“, sagte der Schlagzeuger. „Diese Vergangenheit ist mit uns eng verbunden.“ So oder so müssen sich Rammstein immer mit den großen slowenischen Kollegen messen. Immerhin der slowenische Philosoph Slavoj Žižek sprach Rammstein ein ähnliches Subversionspotenzial zu: „Rammstein unterlaufen die totalitäre Ideologie nicht durch ironische Distanz, sondern durch Konfrontation mit der obszönen Körperlichkeit der ihr zugehörigen Rituale und machen sie damit unschädlich“, schrieb er auf ZEIT Online. Und obwohl Laibach selbst sagten, dass Rammstein die Kinderversion ihrer eigenen Band seien: Sie coverten Rammsteins Ohne Dich als skurrile Schlager-Version. Oder war das auch nur ein ironischer Witz?


8. The Prodigy – Smack My Bitch Up

Ähnlich wie die slowenischen (Nicht-)Vorbilder Laibach gehört das Visuelle bei Rammstein zum Gesamtimage unbedingt dazu. Das Stripped-Video jedoch war nur die Spitze des Eisbergs. Für das Video zum Song Pussy etwa mietete sich die Band in einem Bordell in Berlin-Charlottenburg ein, um mit Pornostars zusammen… Naja, ihr könnt es euch denken. Anschauen jedoch könnt ihr euch die unzensierte Version jedoch lediglich auf einschlägigen Internetseiten. Verantwortlich für dieses und andere Videos ist der Regisseur Jonas Åkerlund, der selbst auf eine musikalische Karriere zurückschauen kann: Zwischen 1983 bis 1984 war er Schlagzeuger der Band Bathory, die maßgeblich für das Black Metal-Genre waren. Seinen internationalen Durchbruch erlebte der Schwede im Jahr 1997 mit dem skandalösen Video zum Song Smack My Bitch Up von der Rave-Band The Prodigy. Darin ist eine exzessive Nacht aus der Egoperspektive zu sehen – weiße Lines, sexuelle Übergriffigkeiten und eine Clubschlägerei inklusive. Nach einem Autoklau und einer wilden Sexszene mit einer Stripperin wartet allerdings eine Überraschung aufs Publikum: Das hat den Abend nicht etwa wie angenommen aus der Perspektive eines Mannes, sondern einer Frau erlebt. Ein Video voller „obszöner Körperlichkeiten“ und damit ganz nach Rammsteins Geschmack. Seit 2005 arbeitet die Band regelmäßig mit Åkerlund zusammen, der sich auch für den megalomanischen Konzertfilm Rammstein: Paris verantwortlich zeigte.


9. Kurt Weill – Die Moritat von Mackie Messer (aus: Die Dreigroschenoper)

Rammsteins theatralische Selbstinszenierung lässt sich leicht in die zwanziger und natürlich dreißiger Jahre zurückverfolgen, erschöpft sich jedoch nicht am rechten Rand. Lindemanns Faible für deutsche Literatur – er selbst hat als Lyriker debütiert – erstreckt sich ebenso auf einen der großen Dramaturgen der Weimarer Republik: Bertolt Brecht. Die Zeilen „Und der Haifisch der hat Tränen / und die laufen vom Gesicht / doch der Haifisch lebt im Wasser / so die Tränen sieht man nicht“ aus dem Rammstein-Song Haifisch sind eine eindeutige Anspielung auf Die Moritat von Mackie Messer aus der Dreigroschenoper, dem epischen Theaterstück, welches Brecht gemeinsam mit dem Komponisten Kurt Weill auf die Bühne brachte. Das Bänkellied aus dem 1928 veröffentlichten Drama wurde zu einer Art skurrilem Welthit, den selbst ein Frank Sinatra coverte. „Brecht schrieb ja vor allem in den 20er-Jahren über Abgründe, Exzesse und Obsessionen“, begründete Lindemann dem Berliner Stadtmagazin tip gegenüber seine Faszination mit dem Schriftsteller, der 1933 vor den Nazis ins Exil flüchtete. Insbesondere Brechts erzählender Stil gefällt dem Sänger, wohl aber genauso dessen kaltschnäuziger Bruch mit allen Tabus seiner Zeit. Ob Brecht allerdings an Rammstein Gefallen gefunden hätte?

 


10. Dresdner Sinfoniker – Stimmen aus dem Kissen

Wer sich seine Inspiration aus der sogenannten Hochkultur bezieht, der wird wohl früher oder später ebenso von ihr entdeckt. Nicht allein ein auf Metal ausgerichtetes Klassik-Projekt wie Apocalyptica widmete sich dem Sound der Neuen Deutschen Härte, wie sie von Rammstein durch die Welt getragen wurde – auch die Dresdner Sinfoniker adaptieren ihre Stücke! Der 2003 veröffentlichte Liederzyklus Mein Herz brennt des 1996 von Markus Rindt und Sven Helbig gegründeten Orchesters für zeitgenössische Musik interpretierte unter der Leitung von Komponist Torsten Rasch eher, sagen wir mal, unverfängliche Stücke aus deren Backkatalog neu: Mutter, Herzeleid, Sehnsucht und der titelgebende Song erhielten ein neues, aufgebauschtes Gewand. Auf dem ECHO-prämierten Album findet sich ebenso ein Stück mit sogenannten Variationen über Rammstein, das Lied Stimmen aus dem Kissen, das nachdrücklich darlegte, wie inspirierend die Musik Rammsteins für Neue Musik sein kann! Wie so oft in der Rammstein-Geschichte ergriff die Band die Gelegenheit für eine weitere Zusammenarbeit: Sven Helbig trat seitdem des Öfteren als Produzent von Rammstein in Erscheinung. Kommt also bald die erste Rammstein-Sinfonie? Wir warten es ab!


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Popkultur

Zeitsprung: Am 6.7.1964 läuft der Beatles-Film „A Hard Day’s Night“ an.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 6.7.1964.

von Timon Menge und Christof Leim

Als die Beatles am 6. Juli 1964 ihren ersten Kinofilm A Hard Day’s Night veröffentlichen, schreiben sie die Regeln einer gesamten Kunstform neu — schon wieder. Hatte man Musiker bis jetzt vor allem als Schauspieler eingesetzt, um mehr Kinokarten zu verkaufen (siehe: Elvis Presley), spielen sich die „Fab Four“ einfach selbst. Wir haben den Streifen unter die Lupe genommen.

Hier könnt ihr euch das Album A Hard Day’s Night anhören: 

Wir schreiben das Jahr 1964. Die Beatlemania droht, das Vereinigte Königreich aus den Angeln zu heben. Zwei Jahre zuvor hatten John Lennon, Paul McCartney, George Harrison und Ringo Starr den Song Love Me Do veröffentlicht und den Sprung in die britischen Charts geschafft. Es folgte ein Sog aus aufblühender Jugendkultur und Musikinnovation. Keine 24 Monate später gelten die vier Liverpooler auch international als Phänomen. Die Zeichen stehen auf „British Invasion“, nicht zuletzt aufgrund des legendären Auftritts der „Fab Four“ in der Ed Sullivan Show. Von Kritikern gerügt und von Fans verehrt, kehrt das Quartett Ende Februar aus den USA zurück und beginnt eine knappe Woche später ihr nächstes und bis dato außergewöhnlichstes Projekt: die Dreharbeiten zu A Hard Day’s Night.

Übernehmen ab Mitte der Sechziger die Welt: George Harrison, Ringo Starr, Paul McCartney und John Lennon – Pic: Underwood Archives/Getty Images

Im Gegensatz zu den damals üblichen Musikfilmen, in denen Stars wie Elvis Presley zwar neues Material präsentieren, in der Regel aber in fremde Rollen schlüpfen, schließt A Hard Day’s Night nahtlos an das unkonventionelle Interviewverhalten der Truppe an. Die Herren spielen allesamt sich selbst – und das inmitten des Tohuwabohu der Beatlemania.

Die Handlung: Auf dem Weg zu einer Show muss die Band einer wilden Horde Fans entkommen und findet auch während der anschließenden Zugfahrt keine Ruhe. Es folgen Situationen aus dem vermeintlichen Alltag der Teenieidole, in denen sie immer wieder ihre Songs darbieten. Doch weder im Hotel noch backstage bei einer Aufzeichnung oder während eines Casino-Besuchs mit Pauls Großvater lassen sich Ruhm und Verpflichtungen abschütteln. Letztlich findet das angekündigte Konzert wie geplant statt, die Band gelangt danach via Helikopter in die wohlverdiente Sicherheit. Aufgepasst: Wer genau hinschaut, kann einen noch unbekannten Phil Collins als Komparsen im Konzertpublikum entdecken.

Hat noch nicht einmal im Zug seine Ruhe: George Harrison in „A Hard Day’s Night“ – Pic: Max Scheler – K & K/Getty Images

Die Beatles entscheiden sich damals bewusst für einen Filmemacher, dessen musiknahe Werke die Vier schon länger wegen ihrer unkonventionellen Art mögen; der amerikanische Regisseur Richard Lester stellt ihnen wiederum den Liverpooler Schriftsteller Alun Owen vor und lässt ihn die Gruppe auf Tour begleiten. So entsteht ein Skript, welches auf dem typischen Beatles-Humor und Liverpooler Redensarten basiert und dadurch revolutionär authentisch wirkt. Owen heimst für seine Arbeit im folgenden Jahr ebenso wie der Soundtrack eine Oscar-Nominierung ein.

In Deutschland erscheint A Hard Day’s Night unter dem Titel Yeah Yeah Yeah und wird für die Synchronisation auch inhaltlich stark verändert, wie damals üblich: Diskussionen über Günter Grass und den deutschen Film vor Londoner Kulisse tragen wie die anderen ländereigenen Anpassungen zur internationalen Beliebtheit der Briten bei. Der englische Originaltitel basiert auf einem Versprecher von Schlagzeuger Starr, der im April nach einem anstrengenden Drehtag anmerkt: „It’s been a hard day“. Als er feststellt, dass bereits die Nacht angebrochen ist, ergänzt er seine Aussage schnell um ein „…’s night.“ Regisseur Lester findet die Aussage passend und gibt bei den Musikern einen Song mit der Phrase als Titel in Auftrag. Wenige Stunden später hat Lennon das Stück fertig und notiert es auf einer Glückwunschkarte, die heute im British Museum in London bestaunt werden kann. Deutsche Kinos führen die Komödie erstmals am 23. Juli 1964 vor.

Lennon tut den Film später als Klamauk ab, McCartney hingegen lobt den Schwarz-Weiss-Streifen für die Authentizität seiner Charaktere. Fakt ist: A Hard Day’s Night läutet ein neues Zeitalter des Musikfilms ein und gilt als eines der ersten Beispiele einer Mockumentary. Die Meta-Ebene, auf der sich der Film mit Ruhm und Erfolg auseinandersetzt, erlaubt der Band einen Kommentar zur Beatlemania, ohne sie offen zu kritisieren und Fans vor den Kopf zu stoßen. A Hard Day’s Night kann also als frühe Instanz der in späteren Jahren Beatles-typischen Gesellschaftskritik bezeichnet werden. Für George Harrison hat der Film übrigens noch ganz andere Szenarien zur Folge: Am Set lernt er die junge Schauspielerin Pattie Boyd kennen, die er zwei Jahre später heiratet und die ihn später in nach einer dramatischen Dreiecksgeschichte für Eric Clapton verlässt.

George Harrison und Pattie Boyd 1964 – Pic: Michael Ochs Archives/Getty Images

Zeitsprung: Am 9.2.1964 übernehmen die Beatles die USA – gewissermaßen.

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Popkultur

Zeitsprung: Am 5.7.1954 nimmt Elvis Presley seinen ersten Hit „That’s All Right“ auf.

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Michael Ochs Archives/Getty

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 5.7.1954.

von Tom Küppers und Christof Leim

Natürlich spielt Gevatter Zufall auch im Rock’n’Roll eine wesentliche Rolle. Selbst Elvis Presley, der „King“ höchstselbst, verdankt seinen Karrierestart einem kurzen, absolut ungeplanten Moment…

Hier könnt ihr euch zur Lektüre die Nummer und andere Elvis-Klassiker anhören:

Sam Phillips ist ein umtriebiger Geschäftsmann. Unter dem Banner Sun Records veröffentlicht er Anfang der Fünfziger Tonträger von Künstlern wie B.B. King oder Howlin’ Wolf und betreibt auch das dazugehörige Aufnahmestudio. Schnell kommt er auf die Idee, dieses auch Hobbymusikern zugänglich zu machen, die dann beispielsweise ihren Gesang auf einem rasch gepressten Acetat-Tonträger mit nach Hause nehmen können. Das gefällt auch dem gerade mal zwanzig Jahre jungen Elvis Aron Presley. Der kommt eines Tages in das Studio und möchte als Geburtstagsgeschenk für seine Mutter zwei Songs aufnehmen. Der Kunde ist König, Elvis bekommt seine Platte. Vor allem aber ist Parker recht angetan von dem, was er hört, und lädt den jungen Musiker zu weiteren Aufnahmen ein. 

Zunächst springt der musikalische Funke nicht richtig über, dann hat der Legende nach Parkers Sekretärin Marion Keisker den Geistesblitz, Presley mit dem Gitarristen Scotty Moore bekannt zu machen. Die erste Reaktion des erfahrenen Musikers ist pures Gold: „Elvis Presley? Was zum Geier soll denn das für ein Name sein?“ Nach einer gemeinsamen Probe ändert sich seine Meinung, umgehend wird für den 5. Juli 1954 eine weitere Aufnahmesession angesetzt. Doch die angedachten Interpretationen zeitgenössischer Pop-Hits zünden nicht wirklich. 

Während der Rest der Anwesenden während einer Pause ratlos dreinblickt, schnappt sich Elvis einfach eine Gitarre und beginnt, eine flotte Version von That’s All Right zu singen, einen Proto-Blues von Arthur Crudup. Später wird Presley erzählen, dass er eigentlich lediglich einmal kurz den Clown geben wollte, um die Stimmung aufzuheitern. Kontrabassist Bill Black steigt allerdings zupfenderweise auf den Witz ein, und da geht Parker plötzlich ein Licht auf: Das ist genau der neue Sound, nach dem alle suchen, und er hat ihn gerade eben gefunden. Moore stürzt zurück in den Aufnahmeraum, sucht ein paar Akkorde zusammen, und fertig ist die Nummer. 

Drei Tage später läuft That’s All Right dann zum ersten Mal im Radio bei Sendern, die Philipps mit einer Vorabpressung versorgt hat. Der Erfolg lässt nicht lange auf sich warten; in einem Studio glühen die Telefone solange, bis sich der DJ genötigt sieht, die Platte während seiner zweistündigen Show immer und immer wieder aufzulegen. Elvis wird sogar zu einem Liveinterview eingeladen.

Am 19. Juli 1954 steht That’s All Right dann als Single in den Läden mit Blue Moon Of Kentucky als B-Seite, den die drei Musiker auf ähnliche Weise eingespielt hatten: Gesang, Gitarre, Bass, fertig. Und damit beginnt eine bis heute unvergleichliche Weltkarriere.

Und das soll alles darauf basieren, das Presley nur mal kurz einen Witz reißen wollte? Ein paar Jahre vor seinem Tod beantwortet Scotty Moore genau diese Frage mit einem Lachen im Gesicht und einem eindeutigen „Absolut!“ Manche Geschichten kann man sich echt nicht ausdenken…

Zeitsprung: Am 26.8.1969 kann Elvis Presley auf der Bühne nicht aufhören zu lachen.

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Popkultur

Sex, Prügel, Mordversuche: Vor 40 Jahren heiraten Ozzy und Sharon Osbourne

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Sharon & Ozzy Osbourne
Foto: Dave Hogan/Getty Images

Wie die Ehe zwischen zwei absolut unberechenbaren Neurotiker*innen wie Ozzy und Sharon Osbourne wohl so verläuft? Heftiger und exzessiver als sich das jede*r von uns vorstellen kann. Chronik einer sehr wilden Ehe.

von Björn Springorum

Im April 1979 wird Ozzy Osbourne nach katastrophalen Konzerten und unproduktiven Studioaufenthalten bei Black Sabbath vor die Tür gesetzt. Für ihn ist die Sache klar: Ihr Manager Don Arden braucht nur einen Sündenbock, erwischt hat es eben ihn. Arden, ein kompromissloser, brutaler Typ mit Mafiamethoden und einer langen Liste von Feinden und Kontroversen, lenkt damals schon seit einigen Jahren die Geschicke der Band. An der Rezeption sitzt damals seine Tochter Sharon Arden.

Liebe auf den ersten Kick

Auf die hat Ozzy schon seit Beginn der Siebziger ein Auge geworfen, bekommt es jedoch irgendwie hin, die Beziehung die ganzen Jahre über professionell zu halten – und das in einem Jahrzehnt, in dem man sich durchaus fragen kann, wie ein Begriff wie „professionell“ überhaupt in Ozzys Habitus passt. Vielleicht liegt es ja daran, dass er davon ausgeht, sie hielte ihn für einen „Wahnsinnigen“, wie er mal recht luzide reflektierte.

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Damals weiß er noch nicht, dass seine Zukünftige aus dysfunktionalen Verhältnissen stammt: Ihr Vater ist gewalttätig, sie ist oft Zeugin seiner Ausraster, als eine sehr junge schwangere Sharon Osbourne mal ihre Mutter besucht, ruft die ihre aggressiven Hunde nicht zurück, die über ihre Tochter herfallen. Sie verliert das Kind. So ein Ozzy auf welcher Droge auch immer wirkt im Gegenzug eher wie ein Spaziergang.

100.000 Pfund für Drogen

Obwohl Arden den Sänger gefeuert hat, nimmt er ihn auf sein Label Jet Records und entsendet seine Tochter Sharon nach Los Angeles, um dessen Solokarriere aufzubauen. Dort hat sich Ozzy mit seinen rund 100.000 Pfund Anteilen am Namen Black Sabbath (heute wären das über eine halbe Million Pfund) zurückgezogen, um in Frieden alles für Drogen und Suff auszugeben – „bevor ich zurück nach Birmingham kehren und mich arbeitslos melden würde“, so erinnert er sich. Ein folgenschwerer Fehler für den ach so taktierenden Manager: Die beiden verlieben sich, formen eine gemeinsame Front gegen Arden, der daraufhin schwere Geschütze auffährt, um die beiden auseinanderzubringen.

Ozzys erste Frau

Don Arden raubt seine Tochter aus, versucht sie umzubringen und erzählt Ozzy einmal sogar, dass seine Tochter ihren eigenen Vater verführen wollte. Familien… Man kann sie sich eben nicht aussuchen. Ozzy und Sharon bleiben stark, aber da gibt es natürlich noch ein anderes Problem: Ozzy ist seit 1971 mit einer gewissen Thelma Riley verheiratet, die beiden haben sogar zwei Kinder. Um den Weg für die neue Liebe frei zu machen, lässt sich Ozzy 1982 von Riley scheiden und tritt am 4. Juli 1982 mit Sharon Arden vor den Traualtar. Natürlich darf man sich fragen, wie die beiden jemals auch nur annehmen konnten, eine ruhige, harmonische Ehe zu führen, aber es ist natürlich nicht an uns, das zu beurteilen.

 

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Während Ozzy sehr bald danach wieder in einem Schleier aus Drogen und Alkohol durch die Welt stolpert und Sharon Osbourne in ihrer neuen Rolle als Managerin mehr und mehr wird wie ihr brutaler Vater, ist zumindest ihr Hochzeitstag eine romantische Sache: Ozzy im weißen Anzug, mit Fliege und Lorbeerkranz (wie ein römischer Kaiser), Sharon im weißen Kleid mit Schleier. Weiß, die Farbe der Unschuld… Das kommt schon 1982 nicht mehr hin.

Keine großbusige Beutefrau

Was folgt, wissen wir alle: eine wilde Ehe voller Exzesse, Streitereien und physischer Gewalt. Sie überfährt ihn mit dem Auto, er sie mit dem Rasenmäher, 1989 versucht er nach vier Flaschen Wodka, sie zu erwürgen. Dafür kommt er sogar ein paar Monate in den Knast. Sharon hält zu ihm. Die ganze Zeit. 2016 trennen sie sich zwar kurz, als Ozzys Affäre mit der Haarstylistin Michelle Pugh ans Licht kommt, doch nach Dutzenden Affären ist Sharon wohl abgehärtet, schon im Jahr darauf sind sie wieder zusammen. Und nicht nur das: Sie baut ihn über die Jahre zum Nationalheiligtum auf, zur bekanntesten Marke im Heavy Metal. Für Ozzy, klar. Aber auch für sich selbst. „Ich hörte damals immer nur: Ihr werdet das nie schaffen“, erinnerte sie sich mal. „Alle sahen ihn eher mit einer großbusigen Beutefrau, doch er bekam mich: eine kleine, fette, haarige Halbjüdin. Ich musste sehr viel kämpfen.“

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Mittlerweile haben es sogar die beiden geschafft, ihre Ehe in ruhigere Fahrwasser zu steuern. Zu ihrem 40. Hochzeitstag werden die beiden ihr Eheversprechen erneuern – das zweite Mal nach 2017. Und sich dann auf ihren Umzug zurück nach England vorbereiten. Happy anniversary!

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