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Popkultur

Die musikalische DNA von The Smashing Pumpkins

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By Schnékert [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) or CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/)], from Wikimedia Commons

Größer als Billy – pardon: William Patrick – Corgans Ego ist nur eins: sein Backkatalog. Kaum ein anderer Musiker seiner Generation war dermaßen produktiv. Seine schönsten Songs hat Corgan, der mittlerweile eher unangenehm durch politische Ausfälle und Verschwörungstheorien auffällt, allerdings früh in seiner Karriere geschrieben. Mit den Smashing Pumpkins gründete er 1988 eine Band, die den US-amerikanischen Alternative Rock voran brachte, indem sie immer anders als der Rest war. Die Kritik quittierte das nur leider mit Schubladendenken. „Wir sind von ‚die nächsten Jane‘s Addiction‘ zu ‚den nächsten Nirvana‘ geworden und mittlerweile sind wir ‚die nächsten Pearl Jam‘“, schäumte ein erboster Corgan schon 1993.


Hört euch hier einen Vorgeschmack der musikalischen DNA von The Smashing Pumpkins an:

Für die ganze Playlist klickt auf “Listen”.

Mit etwas zeitlichem Abstand allerdings wurde deutlich, dass die Smashing Pumpkins immer ihren eigenen Weg gingen. Vor allem Corgan, der die Mitglieder seiner Band – James Iha, Jimmy Chamberlin, D’arcy Wretzky, Jeff Schroeder, Melissa auf der Maur, Mike Byrne und Nicole Fiorentino standen mit ihm zu unterschiedlichen Zeiten auf der Bühne und im Studio – wie ein kleiner Diktator behandelte. Wie es eben so ist mit Menschen, deren Visionen bisweilen größer sind als sie selbst. Das Ergebnis immerhin stimmte immer: Die Smashing Pumpkins lösten eine Revolution aus und waren die vielleicht ambitionierteste Rock-Band der neunziger Jahre.

Im Jahr 2018 fanden sich mit Corgan, Iha und Chamberlain zumindest drei der Originalmitglieder – warum Wretzky nicht dabei war, darüber haben beide Seiten verschiedene Ansichten – für eine Reunion zusammen, um eine der wichtigsten Bands unserer Zeit zu reaktivieren. Doch was machte die zahlreichen Alben und Singles der Smashing Pumpkins eigentlich so anders als die Musik ihrer Zeitgenossen? Verraten kann uns dies ein Blick auf die musikalische DNA der Band! Heraus kommt ein mehr als buntes Potpourri aus Einflüssen…


1. Black Sabbath – Black Sabbath

Denn wer hätte schon ahnen können, dass ausgerechnet die britischen Metaller von Black Sabbath eine Band wie die Smashing Pumpkins erst möglich gemacht haben? „Ich bin acht, ich lege das Black Sabbath-Album auf und mein Leben ist auf einen Schlag ein anderes“, erinnerte sich Corgan an den denkwürdigen Moment, in welchem er sich für ein Leben als Musiker entschied. „Es klang so verfickt heavy. Es schüttelte meine Knochen durch. Ich wollte genau dieses Gefühl.“

Noch heute vermuten viele die Wurzeln der Band im Punk-Sound der späten Siebziger, doch Corgan widerspricht vehement. Sein Vater brachte ihn mit Musik in Berührung und war selbst ein versierter Gitarrist. Von ihm lernte der kleine William Patrick, echtes Können zu schätzen. Neben Black Sabbath und Judas Priest nannte er Dimbag Darrell von Pantera als seine größte Inspiration, geht es um die sechs Saiten, die die Welt bedeuten. Das hallt in Songs wie Zero nach, den die Pumpkins als „Cybermetal“ kategorisierten.


2. The Cure – A Night ike This

Der Metalhead und Gothic-Rocker fand in Iha einen unerwarteten musikalischen Partner. Der Gitarrist nämlich kleidete sich in psychedelische Paisley-Muster und fiel durch sein exaltiertes Auftreten auf. Doch gemeinsam fanden sie einen Nenner in der Post-Punk- und New Wave-Musik aus England. Neben New Order waren es vor allem The Cure, die die beiden bei ihren Songwriting-Versuchen mithilfe einer Drummachine inspirierten. Nachdem sie D’arcy Wretzky am Bass rekrutierten, überredete sie der legendäre Chicagoer Clubbetreiber Joe Shanahan dazu, sich einen echten Schlagzeuger zuzulegen. Jimmy Chamberlin war schnell gefunden.

Mit dem Einzug des Jazz-Trommlers änderte sich der Stil der Band – Achtung, Kalauer! – schlagartig. „Wir standen total auf Sad-Rock, diese Cure-Sachen“, erinnerte sich Corgan. „Es brauchte dann zwei oder drei Proben, bevor mir aufging, dass die Kraft seines Spiels uns ermöglichte, härter zu rocken als je zuvor.“ Die Leidenschaft für Robert Smith und seine Band verließ Corgan jedoch nie, obwohl dieser ihm – angeblich nach einem Anbahnungsversuch – mal auf die Füße kotzte. Neben einem Bee Gees-Cover, das beide als Duett aufnahmen, spielten die Pumpkins gerne ihre Version von The Cures A Night Like This auf.


3. Hüsker Dü – What’s Going On

Der düstere Metal von Black Sabbath hier, der nachtschattige „Sad-Rock“ von The Cure hier: Nein, wirkliche Stimmungskanonen waren die Pumpkins nun wirklich nicht. Irgendwo zwischen Siouxsie and the Banshees, Bauhaus und Depeche Mode fand sich in ihrer Plattensammlung jedoch auch der – etwas – lebensbejahendere Pop-Punk von Hüsker Dü wieder. Was Bob Mould, Grant Hart und Greg Norton auf ihrem Zweitwerk Zen Arcade ablieferten, prägte eine ganze Generation. So auch die Smashing Pumpkins.

Nicht wenige meinen, die Band hätte sich bei der markanten Bassline des Songs What’s Going On bedient, als sie ihren Überhit 1979 schrieben. Wir verweisen stattdessen mal lieber auf Point des komplett untergegangenen Trios Sometime Sweet Susan… Nein, was sich Corgan, Iha, Wretzky und Chamberlin von Hüsker Dü abschauten, war keine einzelne Melodie, sondern die Dynamik, mit welcher das Trio seine Songs schrieb. Erschütternd leise und sanft in einem Moment, plärrend laut und aggressiv im nächsten. Das sollten viele Grunge-Bands ähnlich machen, doch zu denen wollten die Pumpkins nie gehören.


4. Boston – More Than a Feeling

Wie ginge das denn auch? Grunge schließlich wollte erklärtermaßen mit den alten Rock-Konventionen brechen. Flanellhemd statt Spandexfummel! Doch wie gesagt: Dazu gehörten die Pumpkins nicht. Bob Mould von eben jenen Hüsker Dü nannte die Band sogar einmal die „Grunge-Monkees“ und meinte das auf mehreren Ebenen nicht freundlich, Überproduzent Steve Albini verglich sie sogar mit REO Speedwagen: „stilistisch für die aktuelle College-Party-Szene angemessen, letzten Endes aber unbedeutend.“ Autsch! Das tat weh! Oder?

Nein, nicht Corgan. „Du scheinst ziemlich locker damit umzugehen, dass viele deiner Einflüsse von manchen Menschen nicht unbedingt als cool angesehen werden…“, sprach ihn zögerlich ein Interviewer an. „Ja. Boston, ELO“, kam es wie aus der Pistole geschossen zurück. „Wenn du weißt, dass du sowieso nie als cool gelten wirst, kannst du auch gleich die Wahrheit erzählen.“ Das sitzt! Für uns trotzdem eine merkwürdige Vorstellung, wie Corgan zu More Than a Feeling das Autoradio aufdreht…


5. Cheap Trick – I’ll Be With You Tonight

Vom satten Siebziger-Rock lernte Corgan indes nicht nur ein paar Lektionen der Sorte „Es gibt nur cool, uncool und wie du dich fühlst“, sondern einige Dinge in Sachen Studioarbeit. Mit der noch heute als bestes Pumpkins-Album gehandelten LP Siamese Dreams lieferte die Band einen Meilenstein des Neunziger-Rocks ab. Stücke wie Soma haben bis zu 40 verschiedene Gitarrenspuren. Mehr ist mehr! Vorbild waren Künstler und Bands wie David Bowie, Queen, Electric Light Orchestra und Cheap Trick.

Die Band begeisterte vom Robin Zander Corgan schon in Kindestagen. „Cheap Trick – das war einer meiner Haupteinflüsse in Sachen Vocals“, erinnerte er sich. „Obwohl [Bassist] Tom Petersson mir einmal erzählte, dass [Gitarrist] Rick Nielsen uns ‚tonlos und unmelodiös‘ nannte.“ Armer Billy! Neben dem mächtigen Sound der Band und den Gesangmelodien von Sänger Robin Zander übrigens ließ sich Corgan von gleich zwei Songs der Band inspirieren, als er den unsterblichen Pumpkins-Klassiker Tonight, Tonight schrieb: I’ll Be With You Tonight und Thirty-Three.


6. Jane‘s Addiction – Jane Says

Metal, Goth, Punk, fetter Stadion-Rock: Keine Sorge, es gibt in der musikalischen DNA von den Pumpkins noch mehr zu entdecken. Unbedingt fröhlicher wird es jedoch nicht. Zumindest aber frivoler. Jane‘s Addiction gründeten sich drei Jahre vor den Pumpkins in Los Angeles und traten sofort Wellen der Begeisterung los. Ihr Sound war so farbenfroh wie Ihas Oberteile, doch gingen die Texte vom flamboyanten Frontmann Perry Farrell ans Eingemachte. Von traurigen Prostituierten und anderen Absonderlichkeiten sang er mit einer Stimme, die ähnlich schief und krächzig klang wie die Corgans.

Kein Wunder, dass die Pumpkins sich von Anfang an Vergleiche gefallen mussten. Immerhin aber war das Verhältnis beider Bands ein freundschaftliches. Nach Veröffentlichung von Gish tourten Corgan und seine Mitstreiter mit Guns N’ Roses, den Red Hot Chili Peppers und eben jenen Jane’s Addiction, bei denen Chili Peppers-Bassist Flea von der Partie war. Keine gute Zeit für die Band: Iha und Wretzky beendeten ihre Beziehung und Chamberlin fiel den Drogen anheim. Vielleicht hatten sie Songs wie Jane Says einmal zu oft hören müssen…


7. Nirvana – Smells Like Teen Spirit

À propos Tourleben: Zeitgleich zur Veröffentlichung von Gish waren Sonic Youth on the road in Europa, der dazugehörige Doku-Film trug den bedeutungsschwangeren und mehrdeutigen Titel 1991: The Year Punk Broke – das Jahr, in dem Punk kaputt ging oder aber das Jahr, in dem Punk seinen Durchbruch feierte. Darin zu sehen waren unter anderem Nirvana, die dank Sonic Youth-Bassistin Kim Gordon im Vorjahr ihren ersten Vertrag unterschreiben konnten. Corgan hat ein schwieriges Verhältnis mit Kurt Cobains Band. „Wir können alles in prä-Nirvana und post-Nirvana einteilen“, sagte er nach dem Tod der Grunge-Ikone. „Zumindest meine Generation und alle um mich herum.“ Da schwang zwischen den Zeilen auch etwas Verbitterung mit.

Cobain und Corgan kannten einander nicht, und doch habe ihn der Kollege nicht gemocht, erzählte Corgan im selben Interview. „Auf eine verrückte Art und Weise waren wir Erzfeinde. Wir repräsentierten das Yin und Yang ein und derselben Sache“, orakelte er. „Seine Sache kam aus dieser negativen Angstwelt, meine eher aus diesem verspaceten Ich-lieb-dich-Ding. Ich weiß schon, dass viele das in mir überhaupt nicht sehen wollen, aber es gibt da eine merkwürdige Verwandtschaft.“ Das ist vielleicht die schönste Erklärung der Gemeinsamkeit beider Frontmänner, die so unterschiedlich wirkten und doch ihre Zeit prägten wie kaum jemand anderes.


8. My Bloody Valentine – Only Shallow

In musikalischer Hinsicht waren Nirvanas Tour-Buddys von Sonic Youth wohl schon eher inspirierend für die Pumpkins. Allgemein mochten sie es ja schon immer gern laut und noisy. Da kam der Shoegaze-Hype aus Großbritannien und Irland gerade recht. Als die Band ihr Meisterwerk Mellon Collie and the Infinite Sadness aufnahm, holte sie sich nicht nur Inspiration bei jeder Menge Rock-Bands aus den Siebzigern.Sie luden auch Alan Moulder als Ko-Produzenten ein, der bereits bei Siamese Dream beim Mixing aushalf und später bei Machina/The Machines of God Hand anlegte.

Auf Moulder aufmerksam wurde die Band durch seine Arbeit mit The Jesus and Mary Chain, Ride und My Bloody Valentine, deren frühe Alben er als Studiotechniker begleitete. Mit Loveless schrieb die Gruppe um Kevin Shields das Shoegaze-Album überhaupt. Musik, die so laut und doch so zart war, wie Corgan es von seiner eigener stets erhofft hatte. „Ich konnte einfach nicht verstehen, wie sie diesen Sound hinbekamen“, jammerte er verzweifelt. Selbst konnte er nie nachziehen. Mit Moulder aber fand er zumindest einen Partner, der ihn näher an sein Ideal von der perfekten Platte bringen konnte.


9. Nine Inch Nails – Mr. Self Destruct

Die satten Texturen, die My Bloody Valentine auf Loveless hinbekamen, begeisterten Corgan und seine Band ebenso wie die elektronischen Elemente, die in den späten Neunzigern in ihre eigene Musik einflossen. „Die Zukunft gehört der elektronischen Musik“, bekräftigte Iha 1996. „Es scheint unendlich langweilig, nur Rock zu spielen.“ Insbesondere der Industrial Rock von Nine Inch Nails-Mastermind Trent Reznor war eine wichtige Referenz. Wieder ist Alan Moulder der missing link zwischen den bei Genies. Seit The Downward Spiral aus dem Jahr 1994 wich er im Studio nicht von Reznors Seite. Eine perfekte Symbiose.

1997 erschienen beide Bands mit Beiträgen auf dem Soundtrack von Lost Highway, dem irren Psycho-Thriller von David Lynch. Doch Mr. Self Destruct Trent Reznor, der dem Soundtrack als Produzent überstand, war von den Kollegen nicht wirklich angetan. „Ich war kein großer Smashing Pumpkins-Fan, als sie noch die Pumpkins waren“, erklärte er 2007 angesichts des Comebacks der Band. „Nichts gegen Billy, aber ich habe von ihnen noch nie etwas gehört, das mich wirklich gekratzt hätte.“ Die Foo Fighters ließen sich damals mit ähnlich harschen Worten zitieren. Corgan blieb seelenruhig. „Ihr könnt auf eine Tasse Tee nach Chicago rüber kommen, in meinem Garten Rugby spielen, Blutwurst essen und ein Schwein schlachten“, lautete sein Friedensangebot. Oooookay?


10. My Chemical Romance – Welcome to the Black Parade

Was wir bisher sehen konnten, war eine Band, die es nie leicht hatte. Vor allem nicht wegen des Egos ihres Häuptlings, versteht sich. In Indie-Kreisen hatte es die Band immer schwer. „Freak out / And give in / Doesn’t matter what you believe in / Stay cool / And be somebody’s fool this year / ‘cause they know / Who is righteous, what is bold / So I’m told“, hatte Corgan denen schon im Song Cherub Rock entgegen geschleudert. Kaum zu glauben, dass es in einer Szene voller Außenseiter noch welche geben konnte, die sich am Rand positionierten – das jedoch genau taten die Smashing Pumpkins.

Damit wiederum wurden sie allerdings zum Vorbild für andere. Sogar eine Pop-Sängerin wie Nelly Furtado und der düstere Lord Marilyn Manson haben sich auf die Pumpkins berufen. Einen besonders großen Einfluss übte Corgans Truppe auf Gerard Way und seine Band My Chemical Romance aus. “Die Pumpkins sind eine von meinen und [Bassist und Bruder] Mikeys Lieblingsbands!“ Das ist noch nicht alles: „Tatsächlich hatte ich, als wir gerade unsere erste Platte aufnahmen, unsere gesamte Karriere nach dem Vorbild der Smashing Pumpkins durchgeplant, weil sie so freie und künstlerische Musik machen konnten. Ich wollte, dass [Three Cheers For Sweet] Revenge unser Siamese Dream wird.“ Nicht wenige meinen auch, dass die beiden sich sogar zum Verwechseln ähnlich sehen…


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PJ Harveys Debüt „Dry“ wird 30: Die Wiedergeburt der Patti Smith

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PJ Harvey
Foto: Getty Images

Berstend intensiv, körperlich, kompromisslos: Vor 30 Jahren peitscht uns eine junge, unverfrorene PJ Harvey ihr wegweisendes Debüt Dry um die Ohren. Mitten im Grunge-Bohei wird die Welt Zeuge einer englischen Kulturrevolution.

von Björn Springorum

Hier könnt ihr euch Dry von PJ Harvey anhören:

Musik und Bildende Kunst gingen für Polly Jean Harvey schon immer Hand in Hand. Die 1969 in Bridport an der südenglischen Küste geborene Sängerin, Künstlerin und Multiinstrumentalistin lernt früh Gitarre und Saxofon, kultiviert aber auch ein ausgewachsenes Interesse an visueller Kunst. Dennoch gibt sie in den Achtzigern erst mal der Musik den Vorzug: Sie spielt in einer Instrumental-Combo und in einer Folk-Band, ehe sie 1988 bei Automatic Dlamini einsteigt und dort unwissentlich die Weichen für ihre Zukunft stellt.

Sonic Youth drängen sich ins Bild

Mit John Parish und Rob Ellis lernt sie in dieser Band zwei wichtige Figuren kennen, die sie auf ihrem Weg in ihre ruhmreiche Solokarriere begleiten werden. Zunächst versucht es Harvey aber mal als Band: 1991 ist für sie Schluss bei Automatic Dlamini, mit den beiden Mitglieder Rob Ellis and Ian Oliver (später ersetzt von Steve Vaughan) gründet sie das Trio PJ Harvey. Zur selben Zeit kommt es zu einer Kräfteverschiebung in ihrem musikalischen Spektrum: Sonic Youth drängen Folk und Blues ein wenig an den Rand, ihre Lust an verzerrter, roher, pulsierender Gitarrenagonie erwacht.

Sie ziehen nach London, wo Harvey ein Studium der Bildhauerei in Betracht zieht. Die Sache mit der Musik, sie traut ihr irgendwie noch nicht so ganz. Selbst als ihrer ersten Single Dress viel Aufmerksamkeit zuteil wird und sie im Zuge dessen sogar von Radiogott John Peel protegiert wird, ist sich die damals 22-Jährige nicht sicher, ob eine musikalische Karriere eine Zukunft hat. Deswegen klinge ihr Debüt Dry auch so wie es klingt, sagte sie 2004: „Dry war meine allererste Chance, ein Album zu machen, und ich dachte damals, es wäre meine letzte. Also steckte ich alles in diese Songs, was ich hatte.“

Reinkarnation der Punk-Urmutter

Dry ist ein bemerkenswert extremes Album. Metallischer Bass, versengender Gitarrensound, dumpfe Percussions, dazu Cello, Kontrabass und diese Stimme. Das hier war nicht eine weitere Alternative-Rock-Band mit einer Frau am Mikrofon. Das war eine Wachablösung, eine Kampfansage an das Patriarchat des Rock’n’Roll. Mehr als jeder andere Vergleich zieht deswegen der mit Patti Smith: PJ Harvey als Reinkarnation der Punk-Urmutter, feministisch, intellektuell, weiblich, einschüchternd talentiert. Dry als das Horses der Neunziger – ein furioses, feminines, poetisches Aufbäumen voller schwerer Gitarren und versengender Lyrik.

Und nicht nur das: Dry ist zudem voller grandioser Songs. Dress als erste Single wirkt schon wie ein krachiges Leuchtfeuer, getoppt von Sheela-Na-Gig, einem dieser Stücke, die heute ebenso emblematisch für die Neunziger stehen könnten wie, sagen wir, Smells Like Teen Spirit. Das abschließende Water hingegen zeigt früh in ihrer Karriere ihre Rolle als Rockmusikerin und Poetin in Personalunion – der Wesenszug also, der auf künftigen Werken sehr viel stärker zum Vorschein kommt.

Schroffer Vorstoß

PJ Harvey ist näher an der feministisch-existentialistischen Poesie von Silvia Plath oder Virginia Woolfe als am Klischee dauerbesoffener Kunstschaffender, ist Lichtjahre entfernt von sinnentleerten Rock-Bands in knappen Höschen. Diese Erniedrigung überlässt sie gern anderen. Sie ist eine hochgebildete Denkerin, eine Intellektuelle in der politische Zeitgeschehen und Mythos kollidieren. Ihre Waffe sind gleichermaßen ihr Stift, ihre Stimme und ihre Gitarre, ihr Debüt ein schroffer Vorstoß in eine Welt, die bislang eher eine andere Art von Frontfrau gewöhnt war. Sie war Engländern, vielleicht liegt es ja auch ein bisschen daran. Doch wo Courtney Love am einen Ende des Spektrums thront, nimmt Harvey liebend gern das andere Ende ein.

Nicht, dass sich PJ Harvey mit ihren Reizen zurückhält, nicht, dass sie nicht sexy, lasziv kann. Ihre Persona und ihre Musik – allen voran ihre allererste jemals veröffentlichte Single Dress – machen aber vom Fleck weg eines klar: Wenn du dich so kleiden willst, dann tu es für dich. Und nicht, um jemand anderem zu gefallen. Nur weil sie eine Frau mit einer Gitarre ist, wollte PJ Harvey nie gefeiert werden, wollte sie nie auf dem Cover eines Magazins landen. Wenn schon, dann bitteschön wegen ihrer Musik. Mission erfolgreich, kann man 30 Jahre später sagen.

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Popkultur

Zeitsprung: Am 30.6.1975 treten Cher und Gregg Allman vor den Traualtar.

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Foto: Frank Edwards/Fotos International/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 30.6.1975.

von Sina Buchwitz und Christof Leim

Vom Traualtar zum Scheidungsanwalt und zurück: Am 30. Juni 1975 heiratet Cherilyn „Cher“ Sarkisian ihren zweiten Ehemann Gregory LeNoir Allman, vier Tage nach Chers offizieller Scheidung von Sonny Bono. Für Gregg ist es bereits die dritte Vermählung. Doch das junge Glück währt nur kurz; neun Tage später will Cher die Ehe auflösen lassen. Letztlich gehen aus der turbulenten Verbindung doch noch ein Kind und ein Album hervor, bevor sie 1979 tatsächlich endet. 

Hört hier das gemeinsame Album Two The Hard Way: 

Als Cher und Gregg Allman im Januar 1975 zum ersten Mal aufeinandertreffen, stehen die Sterne eigentlich schon schlecht für die beiden: Cher befindet sich mitten in der Scheidungsschlacht mit ihrem ersten Ehemann Sonny Bono und kämpft im Zuge dessen auch um das Sorgerecht für die gemeinsame Tochter Chastity. In Greggs Leben läuft es derweil nicht weniger chaotisch. Sein Alkohol- und Drogenkonsum nimmt Ausmaße an, der nicht nur die Allman Brothers Band zu zerreißen droht, sondern auch für Ermittlungen der Drogenvollzugsbehörde sorgt. 

Blitzbegegnung

Dennoch schlägt die Begegnung zwischen den beiden ein wie ein Blitz: „Sie roch so, wie ich mir den Geruch einer Meerjungfrau vorstelle“, erinnert sich Allman an das erste Treffen bei einem seiner Konzerte. Dass seine Auserwählte zu dem Zeitpunkt eigentlich ein Date mit Musikmagnat David Geffen verbringt, beeindruckt ihn wenig: „Ich war so unhöflich, ich sagte David nicht einmal ‚Hallo‘, weil ich so geblendet von ihr war.“ Cher gibt Gregg ihre Telefonnummer. Bis zum ersten Anruf vergehen keine 24 Stunden.

Bereits die erste Verabredung endet dank Allman im Desaster: Als Abschluss des Abends liegt er, berauscht vom Heroin, bewusstlos in der Ecke. Cher ignoriert die Warnzeichen jedoch und lässt sich auf eine zweite Verabredung ein. Dieses Mal läuft es besser. In einer Disco trinkt Gregg sich genug Mut an, um mit seiner Angebeteten zu tanzen. Im Anschluss geht es zu Cher nach Hause, wo die beiden sich im Rosengarten näherkommen. 

Eine Ehe wie eine Achterbahn

Ab da passiert alles im Eiltempo. Rund sechs Monate nach dem ersten Treffen, am 30. Juni 1975, heiraten die beiden in Las Vegas. Fans und Presse sind außer sich: Zum einen, weil die Tinte auf Chers und Sonnys Scheidungspapieren noch nicht trocken ist, zum anderen, weil die Popsängerin und der Southern-Rock-Pionier ein derart ungleiches Paar abgeben. Das scheint auch ihr bald zu dämmern – nur neun Tage nach der Eheschließung ruft sie ihren Gatten an, um ihm zu sagen, dass es vorbei ist. Doch der? Ist „so high, dass er mich noch nicht mal versteht“, erinnert sich die Pop-Diva. 

Innerhalb eines Monats gelingt es Allman, seine Frau zurückzugewinnen. Doch die Achterbahnfahrt der Gefühle geht weiter, als im Jahr darauf die Sonny And Cher Show, die erste TV-Sendung mit einem geschiedenen Ehepaar, wieder über die Bildschirme flimmert. Dieses Mal ist es Gregg, der die Scheidung einreicht und sie wieder zurückzieht, als er herausfindet, dass seine Frau schwanger ist. 

Noch eine Chance

Der gemeinsame Sohn Elijah Blue wird am 10. Juli 1976 geboren und scheint das Paar miteinander zu versöhnen. Dem Magazin People gegenüber verrät Cher: „Gregory hat aufgehört zu trinken und Drogen zu nehmen. Ich habe ihn schon immer geliebt, aber bisher dachte ich, es würde nicht halten. Zum ersten Mal fühlen wir uns wirklich wie verheiratete Leute.“ 

Allmans Solokarriere nimmt derweil wieder Fahrt auf. Das gemeinsame Album Two The Hard Way, welches im November 1977 erscheint, soll ihre Liebe unterstreichen. Bei Fans und Kritikern wird die Platte jedoch eher belächelt; zu unterschiedlich scheinen die beiden Musiker zu sein. 

Es hilft nichts

Nur zwei Monate nach der Veröffentlichung lassen sich Cher und Gregg zum letzten Mal scheiden. Und dieses Mal zählt’s. Während die dunkelhaarige Schöne sich unter anderem mit Kiss-Gründer Gene Simmons tröstet, zieht es Allman noch im selben Jahr wieder vor den Traualtar. 1979 veröffentlicht Cher mit My Song (Too Far Gone) einen Titel für ihren Verflossenen: 

Now he’s too far gone to hold me, 

Too far gone, he doesn’t wanna know me

Too far gone, and he doesn’t really know 

No, he’ll never get to know his son

Trotzdem spricht sie auch sehr positiv von der gemeinsamen Zeit: „Niemand hat mich jemals so glücklich gemacht wie Gregory“, sagt Cher in einem Interview. Als Gregg Allman 2017 stirbt, zollt die Sängerin ihrem Exmann Tribut. 

Zeitsprung: Am 1.5.1967 heiraten Elvis Presley und Priscilla Ann Beaulieu.

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Popkultur

Zeitsprung: Am 29.6.1980 singt Brian Johnson seine erste Show mit AC/DC.

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Foto: Paul Natkin/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 29.6.1980."

von Christof Leim

Kein einfacher Job: Nur vier Monate nach dem Tod von Bon Scott steht Brian Johnson am 29. Juni 1980 im belgischen Namur zum ersten Mal mit AC/DC auf der Bühne, im Gepäck das noch unveröffentlichte Back In Black. Doch die Tickets gehen weg wie nix Gutes. Und unser Mann ist so nervös, dass er zu zwei Songs den gleichen Text singt…

Hier gibt es das unerreichte Back In Black zu hören:

Wie schnell das bei AC/DC geht damals. Statt zu trauern, muss der Rock weiter rollen: Am 19. Februar 1980 stirbt ihr unvergleichlicher Sänger Bon Scott (alles dazu hier), am 1. April 1980 stellen sie bereits Brian Johnson als den neuen Mann am Mikro vor. Kurz danach nimmt die Band bereits auf den Bahamas Back In Black auf, Ende Mai ist das Ding im Kasten (und wird im Laufe der Jahre völlig zu Recht zum je nach Zählung zweiterfolgreichsten Album aller Zeiten).

Es zählt auf dem Platz

Doch Rock’n’Roll-Geschichte wird vor allem auf der Bühne geschrieben. Deshalb buchen AC/DC vier Wochen vor Veröffentlichung der Platte ein halbes Dutzend kleine Shows in Benelux zum Aufwärmen. Das Line-up: Brian Johnson (Gesang), Angus Young (Gitarre), Malcolm Young (Gitarre), Cliff Williams (Bass), Phil Rudd (Schlagzeug). Der Start wird für den 29. Juni 1980 in der belgischen Kleinstadt Namur geplant. Eine riesige Sache soll das nicht werden, heißt es (wie mit Sabbath mit Dio in Ostfriesland), doch die Tickets für diesen Sonntagabend gehen weg wie nichts Gutes, weswegen die Show in größere Hallen verlegt wird und im großen Palais Des Expositions landet. Um 20 Uhr soll es losgehen, doch die Verantwortlichen bitten mehrmals um Aufschub, weil sie die Räumlichkeiten noch erweitern wollen, denn es seien mehr Leute gekommen als erwartet.

Vollgas: AC/DC unterwegs in Europa 1980 mit ihrem neuen Sänger – Foto: Michael Putland/Getty Images

Und Brian Johnson ist nervös. Das kann man ihm nicht verdenken, schließlich arbeitete der 32-Jährige vier Monate vorher noch in einer Autowerkstatt in Newcastle und hatte mit seiner Musikkarriere (als Sänger von Geordie) bereits abgeschlossen. „Überall hielten die Leute Banner hoch, auf denen stand: ‚Rest in peace, Bon‘!“, erinnert er sich in einem Interview. „Ich habe mich echt gefragt, worauf ich mich da eingelassen hatte. Das konnte doch nicht gut gehen! Aber in der Mitte war ein riesiges Plakat zu sehen mit ‚Alles Gute, Brian!‘ Und mehr brauchte ich nicht – Abfahrt!“

Die Nerven

Trotzdem ist Brian so angespannt, dass er sogar den gleichen Text für zwei Songs singt, also (mindestens) einmal falsch. Im gleichen Interview erinnert er sich an Bad Boy Boogie: „Ich konnte gar nichts hören. Das Publikum hat bestimmt gedacht, ich sei sehr ‚Avantgarde’. Malcolm hat mich nur angesehen und gefragt: ‚Was zum Teufel war das?‘“

 

Auf dem Plan stehen gleich sieben Stücke von Back In Black, mehr als von jedem anderen AC/DC-Album bis dato. Diese Show markiert laut setlist.fm den Konzerteinstand von Hells Bells (als Opener), Back In Black, What Do You Do For Money Honey, Rock And Roll Ain’t Noise Pollution, und Shoot To Thrill. Sogar das selten gespielte Given The Dog A Bone steht auf dem Plan und Shake A Leg als erste Zugabe (laut mancher Quellen zum ersten und einzigen Mal auf einer AC/DC-Setlist). Das immergrüne You Shook Me All Night Long fehlt hingegen noch für ein paar Wochen, wie auch die sehr detaillierte Seite highwaytoacdc.com aufführt. (In besagtem Interview erwähnt Brian die Nummer zwar beiläufig, aber das verbuchen wir nach Tausenden von Einsätzen des Stücks mal als Verwechslung.)

Magische Musikgeschichte

Das Problem mit den neuen Liedern: Die Leute kennen sie noch nicht – und reagieren verhaltener. „Oh Scheiße!“, denkt sich der Sänger, „Sie mögen das Zeug ja gar nicht. Der Abend war schon traumatisch“. Aber doch irgendwie geil: Jahre später nennt Brian die Show gegenüber Ultimate Classic Rock „magisch“. Das glauben wir gerne. Wir wären am liebsten dabei gewesen. Und der Rest ist Geschichte…

Nachtrag: Der Song Bedlam In Belgium von Flick Of The Switch (1983) handelt übrigens nicht von diesem 29. Juni 1980, sondern von einer früheren Show der Band, bei der sie die Bühne pünktlich verlassen sollte, aber nicht wollte – was die Polizei auf den Plan rief.

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