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Popkultur

Zeitsprung: Am 21.10.2003 stirbt Elliott Smith unter mysteriösen Umständen.

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Elliott Smith 1998 in London. - Foto: Andy Willsher/Redferns/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 21.10.2003.

von Victoria Schaffrath und Christof Leim

In den Neunzigerjahren bildet Singer-Songwriter Elliott Smith ein folkiges Pendant zum Grunge. Dass er sich nicht nur musikalisch mit Drogen und mentalen Problemen auseinandersetzt, verleiht seinen Texten eine düstere Authentizität. Am 21. Oktober 2003 findet seine Geschichte ein jähes – und bisher ungeklärtes – Ende.

Hört euch hier From A Basement On The Hill an, Smiths posthum veröffentlichtes letztes Album: 

Im späten Oktober 2004 ertönen in Echo Park, einem Stadtteil von Los Angeles, die Alarmsirenen. Man weiß, dass in der Gegend viele Kunstschaffende und bekannte Gesichter wohnen; unter anderem steht die Nachbarschaft in den Lebensläufen von Charlie Chaplin, Frank Zappa, Alice Cooper und Lana Del Rey. Auch Singer-Songwriter Elliott Smith und seine Lebensgefährtin Jennifer Chiba nennen das Viertel ihr Zuhause. 

„Ich bin der Falsche, um groß und berühmt zu sein.“

Dieser stolpert in den Neunzigern beinahe unabsichtlich ins musikalische Rampenlicht. Smiths Rockband Heatmiser dümpelt trotz Plattendeal ein wenig vor sich hin, und der Schreibprozess läuft nicht ganz so, wie sich der eigensinnige junge Mann das vorstellt. Also klaubt er sein eigenes Material zusammen, spielt es mit nur einem Vierband-Rekorder und einer Gitarre rudimentär ein und bekommt prompt einen eigenen Vertrag. Dass die akustischen, folkigen Lieder erste Erfolge bringen, versteht er nicht: „Ich dachte, sie würden mir angesichts der Grunge-Bewegung den Kopf abreißen… Das Album kam aber wirklich gut an, was ein Schock war, und stellte leider auch den Erfolg von Heatmiser in den Schatten.“

Doch wie es das ungeschriebene Gesetz der Musikgeschichte so oft will, lauern dort, wo es tiefe Texte gibt, auch häufig innere Dämonen. Smith durchlebt eine Kindheit, die von vielen Umzügen und möglichem Missbrauch geprägt wird; greift bereits mit fünfzehn Jahren zu Alkohol und Drogen. In der Musikszene der Neunziger gehört derartiges Konsumverhalten natürlich zum guten Ton, und da der Mann mit den schwarz-gefärbten Haaren auf Alben wie Elliott Smith und Either/Or wahrlich abliefert, lässt man den leidenden Künstler eben machen. 

Lieder über den Zerfall einer Seele

Dass sein Sound mit zunehmenden psychischen Problemen experimenteller klingt, gleicht einer Ironie des Schicksals: Mehr und mehr mutiert Smith zum Liebling der Indiepop- und Folk-Szene, schafft es schließlich auf den Soundtrack zu Good Will Hunting. Ein Auftritt bei den Oscars sowie die Alben XO und Figure 8 verhelfen zu beachtlicher Bekanntheit. Zwischen den schweren Folk-Balladen finden sich träumerische, beinahe realitätsfremde Töne. Sie spiegeln Smiths Entfremdung von sich selbst.

Seine Depressionen kontrollieren sein Leben bereits so sehr, dass er mehrfach mit dem Gedanken an den Freitod spielt. Musiker Pete Krebs erinnert sich: „In Portland bekamen wir die volle Breitseite von Elliotts Depressionen mit. Eine Menge Leute erzählen noch immer davon, wie sie mit ihm bis fünf in der Frühe wach geblieben sind, seine Hand gehalten und ihm gesagt haben, er solle sich nicht umbringen.“ 

Mister Misery

Währenddessen ernennt man Stücke wie Waltz No. 2 (XO), Miss Misery und Needle In The Hay zu melancholischen Meisterwerken. Immer noch steht Smith seinem wachsenden Erfolg kritisch gegenüber: „Ich bin der Falsche, um groß und berühmt zu sein.“ Ob es dieser Hochstapler-Komplex ist, der den in Nebraska geborenen Autodidakten schließlich zum Heroin greifen lässt?

Es folgt, was sich schon lange ankündigt. Der Konsum treibt Smith ab 2001 in paranoide Zustände, Aufnahmen für ein nächstes Album vernichtet er nach einem Zerwürfnis mit einem Kollegen. Liveauftritte wirken konfus, der Musiker zeigt so deutlich die Symptome eines Heroin-Problems, dass das Publikum teils einspringt, als er Texte vergisst. Seine Freundin Jennifer Chiba hält zu ihm, selbst, als man beide für eine Rangelei bei einem Flaming-Lips-Konzert über Nacht einbuchtet. Sänger Wayne Coyne erinnert sich an Smiths Zustand: „Das hatte nichts mit einem zugedröhnten Keith Richards zu tun, der zufrieden in der Ecke liegt.“ 

Elliott Smith: Unwahrscheinliche Kehrtwende

Womöglich trägt dieser Tiefpunkt zum Sinneswandel bei. Nach mehreren gescheiterten Entzugsversuchen gelingt Smith 2002 endlich der Absprung, und ab Anfang 2003 versucht er, seine Glaubwürdigkeit als Livemusiker mit Clubkonzerten in L.A. wiederherzustellen. Er nimmt erneut die Arbeit an seinem nächsten Album auf, dass er From A Basement On A Hill tauft. Nach seinem Geburtstag am 6. August schwört er gar dem Alkohol ab, im September entsagt er zusätzlich rotem Fleisch und Zucker. Chiba erinnert sich: „Okay, du verlangst gerade ziemlich viel von dir. Du gibst sehr viel auf einmal auf.“

Weiter sagt sie später über diese Zeit: „Man benutzt Drogen, um vor seiner Vergangenheit zu flüchten oder starke Gefühle zu unterdrücken. Wenn man also gerade frisch abstinent ist und all diese Stoffe noch abbaut, die die Gefühle versteckt haben, ist man am verwundbarsten.“ Am Abend des 20. Oktober kommt es zum Streit zwischen dem Paar.

„Es tut mir so leid – in Liebe, Elliott.“

In der Wohnung in Echo Park schließt sich Chiba laut eigenen Angaben im Badezimmer ein, um sich unter der Dusche zu beruhigen. Als sie Schreie hört, stürzt sie aus der Tür  – und findet Smith mit einem Messer in der Brust. Sie entfernt die Klinge, ruft einen Krankenwagen. Begleitet von Sirenen bringt man den 34-jährigen ins Krankenhaus, wo er in den frühen Stunden des 21. Oktober seinen Verletzungen erliegt. Es bleibt ein Post-It, auf dem steht: „Es tut mir so leid – in Liebe, Elliott. Möge Gott mir vergeben.“

Ganz so eindeutig, wie Chiba den Hergang schildert, liegen die Indizien jedoch nicht: Zum einen stuft die Gerichtsmedizin die Wunden des Verstorbenen so ein, dass eine Fremdeinwirkung durchaus möglich ist; in seinem Blut lassen sich ausschließlich Psychopharmaka, nicht aber Drogen oder Alkohol nachweisen. Zum anderen hatte Smith erst in der Woche zuvor den Produzenten Larry Crane kontaktiert, um sein Album fertigzustellen: „Es scheint surreal, dass er mich dafür anruft, nur, um sich eine Woche später das Leben zu nehmen.“ 

„I’m never gonna know you now, but I’m gonna love you anyhow“

Der Totenschein lässt offen, ob es sich um Mord oder Freitod handelt; beim Los Angeles Police Department bleibt der Fall bis heute ungeklärt. Ganze Websites verschreiben sich möglichen Theorien um die Rolle Chibas und der Aufklärung des Falles. Eigentlich sollte man sich beim Erbe Smiths aber auf seine wunderbare Pop-Musik konzentrieren, und die Lücke, die er hinterlässt. Viele Kreative zollen dem Wunderkind seit dessen Ableben mit eigener Kunst Tribut.

Pearl Jam widmen ihm auf ihrem Konzertmitschnitt Live At Benaroya Hall zum Beispiel den Titel Can’t Keep. Ben Folds schreibt Late, und Third Eye Blind veröffentlichen den Song There’s No Hurry To Eternity, der eigentlich sogar Elliott Smith heißen soll. Moderne Folk-Pop-Koryphäen wie Conor Oberst und Phoebe Bridgers nennen den sensiblen Künstler als großen Einfluss. Die Verwendung in Filmen wie Die Royal Tenenbaums, Stuck In Love, Up In The Air und American Beauty beweist immer wieder, wie zeitlos Smiths Musik ist. 

Die Dokumentation Heaven Adores You legt schließlich nahe, dass man den Musiker nicht auf seinen Kampf mit Depressionen und Drogen reduzieren darf. In seiner Musik habe Smith gerade genug Persönliches eingebaut, damit sie berührt, aber genug Raum gelassen, dass sie für die Zuhörenden genau das sein kann, was sie gerade brauchen. Das verlangt Größe. Rest in peace, Elliott.

Depressiv? Hier bekommst du Hilfe: Wenn du selbst depressiv bist oder Selbstmordgedanken hast, kontaktiere bitte umgehend die Telefonseelsorge (www.telefonseelsorge.de). Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhältst du Hilfe von Beratern, die dir Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen können.

Tanz am Abgrund: Zum Jubiläum von Elliott Smiths selbstbetiteltem Album

 

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