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Popkultur

Wonderful Crazy Nights – mit Elton John: Die wichtigsten Konzerte aus fünf Jahrzehnten

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Elton John & Anastacia
Elton John und Anastacia während des legendären Konzerts im Madison Square Garden im Jahr 2000. Foto: Gabe Palacio/ImageDirect/Getty Images

Diese audiovisuelle Zeitreise führt über die größten Bühnen der Welt – und durch ein halbes Jahrhundert, in dem Elton John immer wieder bewiesen hat, was für ein unvergleichlicher Showman er ist.

von Paul Sexton

Seinen Ruf als Bühnensensation erspielte sich Elton John schon in den Anfangstagen seiner Karriere: Während er sich anfangs ganz schön ins Zeug legen musste, um als Sänger und Songwriter überhaupt ernst genommen zu werden, war seine Bühnenpräsenz dermaßen umwerfend, dass einige dieser Auftritte heute genauso ikonisch sind wie die vielen, vielen Hits aus seiner Feder.

Richtet man den Blick auf die frühen Konzerte, begegnet man einem einfühlsamen, noch etwas introvertierten Newcomer, aus dem wenig später eine überdimensionale Bühnenpräsenz werden sollte –eine Persönlichkeit, die jedes Stadion der Welt locker füllen kann. Diese audiovisuelle Zeitreise führt über die größten Bühnen der Welt – und durch ein halbes Jahrhundert, in dem Elton John immer wieder bewiesen hat, was für ein sensationeller Showman er ist.


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Frühe Konzertmeilensteine

Troubadour, Los Angeles, 25. August 1970

Seinen legendären ersten Auftritt in den Staaten absolvierte der verängstigte, aber absolut entschlossene 23-Jährige im Sommer jenes Jahres, in dem sein Name plötzlich auch in den USA in aller Munde war. Er hatte gerade einen neuen US-Deal mit Uni Records unterzeichnet und sollte nun im Vorprogramm seines persönlichen Helden – David Ackles – auftreten. Sein Label schaffte es schließlich sogar, ihn zum Headliner des Abends zu machen, in dessen Publikum sich Größen wie Quincy Jones, Brian Wilson und Mike Love von den Beach Boys, Crosby, Stills & Nash in Komplettbesetzung, Linda Ronstadt sowie sein größtes Vorbild Leon Russell tummelten. Angekündigt wurde Elton von seinem neuen Labelkollegen Neil Diamond. Noch größer wurde die Sensation, weil er gleich acht Troubadour-Shows hintereinander in sechs Tagen spielte, weshalb Bernie Taupin, der an jenem Punkt schon seit drei Jahren Eltons angestammter Songwriting-Partner war, diese Konzerte später auch als „die Papierlunte für unsere Karriere“ bezeichnete. Elton selbst kommentierte später: „Die Atmosphäre während dieser Abende im Troubadour war wie elektrisch aufgeladen. Da war etwas in mir, das plötzlich erwachte: Ich wusste, dass mein großer Moment gekommen war, und ich gab alles.“

Royal Festival Hall, London, 05. Februar 1972

Obwohl sein Madman Across The Water-Album erst drei Monate zuvor erschienen war und auch die dazugehörige Tour noch lief, kündigte Elton John schon im Februar 1972 sein fünftes Album an – Honky Château. Der Ankündigungsort war bewusst gewählt, denn es war eine der größten Adressen seiner bisherigen Live-Karriere: die Royal Festival Hall in London.

Gleich als ersten Song des Abends präsentierte er das noch unveröffentlichte Rocket Man (I Think It’s Going To Be A Long, Long Time), worauf er bekannte Hits wie Border Song, Tiny Dancer und Your Song folgen ließ. Trotzdem präsentierte Elton John an jenem Album auch das gesamte kommende Album live – eine Ansage, die er ein paar Jahre später mit Captain Fantastic and the Brown Dirt Cowboy wiederholen sollte, als er 1975 jenen Longplayer in voller Länge im Wembley-Stadion zum Besten gab.

Stadiongroße Ausnahmekonzerte

Madison Square Garden, New York, 28. November 1974

An diesen Abend denkt Elton John bis heute gerne zurück. Im New Yorker Madison Square Garden war er schon im Jahr zuvor erstmals aufgetreten, aber an diesem ersten von zwei Abenden hatte er seinen Freund John Lennon dazu überreden können, ihn auf der Bühne zu unterstützen. Der Ex-Beatle hatte Elton einen derartigen Gastauftritt unter der Bedingung zugesagt, dass ihr gemeinsamer Song Whatever Gets You Thru The Night in den USA auf Platz 1 gehen würde. Es war so gekommen, und ein sichtlich nervöser Lennon löste nun die Wettschuld ein. Niemand ahnte an jenem Abend, dass es sein allerletzter Auftritt sein würde. Dieser frühe Beatles-Song, im Original eingesungen von einem „alten, heute getrennt von mir lebenden Ex-Verlobten von mir namens Paul“, war eines von drei Stücken, an denen Lennon vor 20.000 begeisterten Fans mitwirkte.

Dodger Stadium, Los Angeles, 25. Oktober 1975

Mit wachsender Bühnen- und Publikumsgröße wurden auch Eltons Auftritte und seine Looks immer extravaganter. Legendär sind zwei Auftritte im Dodger Stadium, wo er als erster Musiker seit den Beatles spielen durfte, die 1966 diese Ehre hatten. Mit insgesamt 100.000 Zuschauer*innen an beiden Abenden war es eines der größten Konzertspektakel eines Solokünstlers – und alle waren dabei: Seine Eltern, weitere Verwandte, die Nachbarn und diverse Label-Verantwortliche von Rocket Records wurden extra aus London eingeflogen.

Am Nachmittag hatten Emmylou Harris und Band sowie die James Gang (inklusive Joe Walsh) die riesige Masse bei Laune gehalten, und dann kam Elton auf die Bühne: Höhepunkt des 30-Song-Sets war ganz klar sein Cover von The Whos Pinball Wizard. Auch das war genau genommen ein Vorgeschmack: Der Rest der Welt konnte diese Version erst im März des Folgejahres hören, als Elton die Hauptrolle in Ken Russells Film Tommy spielte.

Live Aid, Wembley-Stadion, 13. Juli 1985

Als „Global Jukebox“ war Live Aid in vielerlei Hinsicht ein Meilenstein: Natürlich für die Hungerleidenden in Afrika – aber auch in der Musikwelt selbst änderte sich dadurch vieles. Um 20.50 Uhr, nur wenige Stunden nach dem unvergessenen Auftritt von Queen, betrat Elton John die Bühne im Wembley-Stadion. Unterstützt von Wham! und Kiki Dee kletterte die Spendensumme während seines Auftritts auf 127 Millionen US-Dollar – was heute rund 300 Millionen entspricht.

„Hinter der Bühne hatte ich so einen riesigen Bereich dekoriert“, berichtete Elton später dem Guardian. „Ich sorgte dafür, dass genug Sitzgelegenheiten da waren, damit alle Künstler zusammenkommen und ein bisschen reden konnten. Freddie kam vorbei, nachdem Queen allen die Show gestohlen hatten. Ich sagte zu ihm: ‘Freddie, nach euch sollte keiner mehr da rausgehen – ihr wart einfach umwerfend.’ Er darauf zu mir: ‘Da hast du Recht, Darling. Waren wir… wir haben sie gekillt.’“


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Bedeutende Bretter in anderen Teilen der Welt

Rossiya-Theater, Moskau, 28. Mai 1979

Inzwischen auch als Album erhältlich – Live From Moscow, wurde Elton John mit diesem Abstecher seiner A Single Man-Tour zum ersten Superstar aus dem Westen, der jenseits des Eisernen Vorhangs auftreten sollte. Begleitet vom britischen Percussion-Spieler Ray Cooper, machte ihn der in Großbritannien von der BBC live übertragene Moskau-Auftritt sogar noch bekannter. „Ich kann ehrlich sagen, dass es eine der besten Erfahrungen meines Lebens war“, so Elton nach der Show. „Die Tour war eine der schönsten überhaupt. Und dieses Abschlusskonzert gehörte ganz klar zu den besten Konzerten, die ich je gespielt habe. Mit Ray zu arbeiten, und zwar nur als Zweierteam, das war eine echte Herausforderung, und so aufregend.“

Sydney Entertainment Centre, Australien, 01.-14. Dezember 1986

Dieser Welthit wurde im Rahmen der ausgiebigen Tour De Force durch Down Under und Neuseeland im Dezember 1986 mitgeschnitten. Der Rahmen war gewaltig: eine 88-köpfige Orchesterverstärkung vom Melbourne Symphony Orchestra, und passend dazu hingen Perücken à la Mozart, Irokesenschnitt und Tina Turner in Elton Johns Umkleide.

Obwohl er während des zweiwöchigen Aufenthalts in Sydney mit Halsproblemen zu kämpfen hatte, sollte diese Interpretation von Candle In The Wind dafür sorgen, dass der Titel ein weiteres Mal die britischen Charts aufmischen konnte.

Live-Spektakel im 21. Jahrhundert

Madison Square Garden, New York, 20. Oktober 2000

Längst Stammgast im Madison Square Garden, wurde aus diesem Auftritt wenig später – genau genommen in Rekordzeit – das Album One Night Only: Schon drei Wochen später als Album und erweiterte DVD im Handel, hatte Produzent Phil Ramone in kürzester Zeit einen Klassiker geschaffen.

Während Kiki Dee wie schon bei Live Aid mit dabei war, um bei Don’t Go Breaking My Heart auszuhelfen, zählten zu den vielen hochkarätigen Gästen auch Ronan Keating, Bryan Adams, Anastacia und Mary J. Blige.

Colosseum, Caesars Palace, Las Vegas, 2012 

Zwischen 2004 und 2009 spielte Elton John im Rahmen seiner ersten Vegas-Residency ganze 247 Konzerte. Aber er wollte noch mehr: 2011 kehrte er zurück nach Sin City – und brachte The Million Dollar Piano mit. Dieses Mal waren es „nur“ 197 Shows in sieben Jahren. Wie hier zu sehen, holten Elton und Band für die Auftritte im Colosseum auch ein paar der größten Hits aus den Siebzigern aus der Versenkung.

Botanic Park, Adelaide, 04.-05. Dezember 2019

Der Startschuss für Elton Johns Farewell Yellow Brick Road-Tournee erfolgte im September 2018, und schon nach einem halben Jahr, als gerade der erste Abschnitt zu Ende ging, hatte er damit bereits mehr als 125 Millionen US-Dollar eingespielt. Hier sieht man die Highlights seiner ausverkauften Show in Adelaide, woraufhin die Tour noch bis März 2020 in der Südwestpazifikregion weitergehen sollte – bis die Pandemie die Abschiedstour zum Stillstand brachte. Aufgeschoben ist jedoch nicht aufgehoben: Ab Herbst 2021 geht es weiter mit dem nächsten Startschuss in Berlin – denn nichts und niemand wird Captain Fantastic aufhalten, wenn er sich in den Kopf gesetzt hat, seinen Ruf als Live-Sensation noch ein letztes Mal zu zementieren.

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Die wunderbare Freundschaft zwischen John Lennon und Elton John

Popkultur

40 Jahre „Nebraska“: Als Bruce Springsteen durch Zufall zum einsamen Cowboy wurde

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Bruce Springsteen
Foto: Bill Marino/Getty Images

Vor 40 Jahren nimmt Bruce Springsteen Demos auf, die er eigentlich mit seiner E Street Band einspielen will. Er entscheidet sich dagegen – und veröffentlicht mit Nebraska sein vielleicht bestes Album.

von Björn Springorum

 

Hier könnt ihr euch Nebraska von Bruce Springsteen anhören:

Die Fabeln der Arbeiterklasse und der Mythos Amerikas sind Tropen, ohne die Bruce Springsteens Kanon auseinanderfallen würde. Immer schon haben ihn die Geschichten der vermeintlich einfachen Leute mehr interessiert als alles andere. Die Folklore der Menschen, die die Vereinigten Staaten von der Ostküste westwärts erschlossen und aufgebaut haben, die Arbeiter an den Docks, den Schienen, in den Minen.

Im Oktober 1980 veröffentlicht der Boss mit The River ein vielbeachtetes Doppelalbum voller jener Themen. Ein ganzes Jahr ist er damit auf Tour, vor allem in den USA, taucht auf den langen Fahrten über die Highways erneut tief ein in den Mythos des Wilden Westens. Die Eindrücke, Begegnungen und Erfahrungen inspirieren ihn in seinem Zuhause in New Jersey zu neuer Musik. Er verwendet vor allem die akustische Gitarre, eine Mundharmonika oder ein Tambourin für die Demo-Aufnahmen, die er als Grundlage für die eigentliche Studioarbeit mit seiner E Street Band nutzen will.

Drei Akkorde für ein Halleluja

Doch der folkloristische, pure, rohe Charme der oftmals mit drei Akkorden auskommenden Stücke bringt etwas in ihm zum Schwingen. Zwar arbeitet er im April 1982 mit seiner Band an Rock-Versionen dieser Song; das Ergebnis, das sagt ihm jedoch nicht zu. Für ihn fehlt den Songs im Bandkontext der verwunschene Americana-Kontext, die Seele des Landes, aus dem er sie schöpfte. Er und sein Manager Jon Landau entscheiden, diese spärlich instrumentierten Songs vom Rest zu trennen und aus ihnen eine Springsteen-Soloplatte mit Namen Nebraska zu machen. Aus den als Electric Nebraska bekannten Sessions sollen dennoch acht Songs für den Nachfolger Born In The U.S.A. von 1984 hervorgehen. Unproduktiv ist echt anders.

Eine magische Nacht

Im Grunde ist Nebraska somit ein Album, das am 3. Januar 1982 erschaffen wird. In den Abend- und Nachtstunden nimmt Bruce Springsteen wie entfesselt 15 Demos auf. Die meisten davon landen auf Nebraska. „Ich war immer nur so lang im Studio, weil das Komponieren so viel Zeit brauchte“, so sagte Springsteen mal. „Deswegen besorgte ich mir einen kleinen Vierspurrekorder, um schon mal grobe Songs aufzunehmen, die ich dann der Band zeigen würde. Ich hatte also dieses Tape wochenlang mit mir dabei, bis ich merkte: Das ist kein Demo, das ist das Album.“

Bis heute ist Nebraska ein einnehmendes, sehnsüchtiges Fernweh-Folk-Album voller Antihelden, tragischer Geschichten und amerikanischer Weite. Es lebt vom kargen Charme und von einem Schwermut, den man in dieser Intensität noch nicht von Springsteen vernommen hat. Passt zu den Themen: Die Songs drehen sich um einfache Menschen, vom Pech verfolgt oder in die Kriminalität abgerutscht. Im Titelsong geht es um den Mörder Charles Starkweather auf dem Weg zum elektrischen Stuhl, im abschließenden Reason To Believe brechen zumindest vereinzelte Sonnenstrahlen durch die tiefhängenden Wolken über den Great Plains.

Hommage an Atlantic City

Keine Inspiration braucht er natürlich für Atlantic City, Ode und Brandbrief an die einstmalige Casino- und Strandhochburg am Atlantik. Die Stadt ist wie ein pars pro toto für den Mythos der untergegangenen USA, ein einstmals glanzvoller Boardwalk, jetzt weitgehend verlassen, heruntergekommen. Im Song singt Springsteen mit Verzweiflung in der brechenden Stimme von einem Liebespaar, das nach Atlantic City flüchtet, wo er aufgrund seiner Schulden in der organisierten Kriminalität versinkt. Es sind Songs wie dieser, von dem sich die Killers zu ihrem Akustikalbum Pressure Machine inspirieren lassen.

Nebraska ist auch 40 Jahre später ein Monument und Springsteens wahrscheinlich bestes Album. Bis Western Stars (2019) ist es das einzige Album, das nicht auf einer eigenen Tournee vorgestellt wird. Es war ihm wohl immer zu düster.

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Zeitsprung: Am 4.6.1984 erscheint „Born In The U.S.A.“ von Bruce Springsteen.

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Popkultur

Review: „The End, So Far“ verschafft Slipknot neun neue Leben

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Slipknot
Foto: Venla Shalin/Getty Images

Das verflixte siebte Studioalbum wird bei Slipknot zur Wasserscheide: Nach zuletzt eher homöopathischen Änderungen im brachialen Soundbild stellen Corey Taylor und seine Maskencrew mit The End, So Far die Weichen für die Zukunft. Ihre beste Platte ist es nicht. Aber zweifellos eine beeindruckende.

von Björn Springorum

Hier könnt ihr euch The End, So Far anhören:

Das Ende naht. Vielleicht nicht für Slipknot als Band. Aber definitiv für die Strukturen, in denen sich die Seelenstripper aus Iowa bisher bewegten: The End, So Far ist das letzte Album der Band für ihr Label Roadrunner und trägt das Ende der 25-jährigen Partnerschaft bereits im Titel.

Den Fans dürfte das egal sein. Für Slipknot geht dennoch eine Ära zu Ende. Und anstatt ein halbgares neues Album oder gar eine Best-Of auf den Markt zu werfen, um aus dem Vertrag zu kommen, geht man richtig in die Vollen. The End, So Far ist zwar nicht das brutalste, das heftigste, das härteste Album, das Slipknot jemals gemacht haben; das muss es aber auch gar nicht sein, dafür warne schließlich Iowa und Co. Zuständig.

Synthies, Chöre, klarer Gesang

Die siebte Platte porträtiert eine Band, die älter geworden ist. Und das endlich auch selbst anerkennt. Man umkreist solangsam die 50, da muss man nicht mehr so tun, als sei man 28. Deutlich wird das sofort: Der Opener Adderall ist der vielleicht untypischste Slipknot-Song aller Zeiten: Getrieben von flirrenden Synthies, Chören und durchgehend klarem Gesang, erinnert die Nummer eher an David Bowie oder an Tool.

Slipknot achten sorgfältig und gewissenhaft auf Dynamik, auf Songreihenfolge und Stimmungsbilder. Sie sind eine Albumband, groß geworden in Zeiten, in denen man Platten noch ganz hörte. Dem werden sie auch mit The End, So Far gerecht. Mehr denn je breiten Slipknot ihre irisierenden Flügel aus, decken so viele musikalische Gefilde ab wie nie zuvor. Klar ist die Platte auch brutal, in einem Song wie H377 sogar so durchgehend, kompromisslos und nervenzerfetzend knallhart wie auf ihrem tollwütigen Exorzismus Slipknot. Überwiegend steht jedoch eine Balance zwischen abgründiger Härte und trostspendenden Momenten auf der Agenda.

Grunge-Gefühle

Slipknot wissen längst, wie man Dynamik ausschöpft und präzise einsetzt. Die tosenden, grollenden Abriss-Monumente wirken wenn überhaupt, dann noch heftiger als auf früheren, eher durchgebolzten Werken. Melancholische, schwebende Momente wie die Alternative-Rock-Nummer De Sade zeigen zwischendrin aber eben immer wieder, dass man Dämonen und mentalen Horror auch ohne durchgehendes Metal-Inferno verhandeln kann. Hölle, bei Acidic kommen sogar Grunge-Gefühle auf!

Das Vermächtnis der Toten

Einen mehr als ordentlichen Job macht der neue Percussionist und Drummer Jay Weinberg. Er versucht gar nicht erst, in die XXL-Fußstapfen von Joey Jordison zu trommeln, füllt sein dynamisches, tightes Spiel aber dennoch mit mancher Referenz an den 2021 verstorbenen Drummer – voller Respekt und Demut. Es ist der sensible und richtige Weg, die tragische Geschichte einer Band zu verhandeln und weiterzutragen: Nach Paul Gray ist Joey Jordison schon das zweite Mitglied, das Slipknot zu Grabe tragen mussten.

Das Vermächtnis der Toten lebt auch auf The End, So Far fort. Ein Album voller Schatten, gespenstischer Melodien und gurgelnder Härte. Nicht alle Songs sind Treffer, manche verlieren sich in Post-Rock-Wolkengebilden und unpassenden Ausbrüchen. Unterm Strich bleibt aber eine knappe Stunde eindrucksvolles Flexen von einer Band, die ungebrochen vor Evolution, Kreativität und Aufbruchstimmung steht. Und endgültig keine Lust mehr hat, Konventionen zu pflegen oder Erwartungen zu erfüllen.

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Slipknot: Von Masken-Weirdos zu globalen Superstars

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Popkultur

30 Jahre „Küssen verboten“: Als die Prinzen zu Königen wurden

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Die Prinzen
Foto: Hulton Archive/Getty Images

Sie gründen sich noch zu DDR-Zeiten und werden gleich nach der Wende zu gesamtdeutschen Popstars: Vor 30 Jahren verkünden die Prinzen mehrstimmig: Küssen verboten! Ohrwurm in drei, zwei eins…

von Björn Springorum

Hier könnt ihr euch das Küssen verboten anhören:

Alles beginnt im Knabenchor. Mehr oder weniger alle späteren Mitglieder der Prinzen singen sich erst mal in ostdeutschen Chören die Seele aus dem Leib – Sebastian Krumbiegel, Wolfgang Lenk sowie Henri Schmidt etwa im weltweiten Leipziger Thomanerchor. Was man eben so macht in der DDR. Daraus entsteht eine erste Band mit dem unglücklichen Namen Die Herzbuben. Der Versuch: Mit A-capella-Stücken erfolgreich werden.

Annette Humpe greift ein. Zum Glück

Das klappt zwar ganz gut, aber das große Problem ist: Immer wieder verlieren Die Herzbuben Mitglieder, weil sie sich aus der DDR absetzen. Es dauert also noch bis nach der Wende, bevor die Geschichte endlich Fahrt aufnehmen kann. Zu verdanken ist das übrigens Annette Humpe, die mit Ideal große Erfolge feiern konnte und mit Blaue Augen einen gewaltigen Hit komponiert hatte. Sie wird auf die Band aufmerksam, erkennt das Potential und verfrachtet sie im November 1990 zu Anselm Kluge für erste Aufnahmen in dessen Studio. Ihr ist auch zu verdanken, dass man den Namen Die Herzbuben ablegt und sich auf Die Prinzen einigt. Mit den Wildeckern wollte man dann auch nicht unbedingt verwechselt werden.

Danach geht es schnell: Schon die erste Single Gabi und Klaus wird 1991 zum Erfolg, das Debüt Das Leben ist grausam kann sich mehr als eine Million Mal verkaufen und bringt sie auf Tour mit Udo Lindenberg. Danach soll natürlich schnell ein Nachfolger her. Deutschland ist nach David Hasselhoffs Niedersingen der Mauer wiedervereint und dürstet nach deutschsprachiger Popmusik, die Prinzen sind als ostdeutsche Band in den alten und neuen Bundesländern der absolute Verkaufsschlager.

Auch Olli Dittrich mischt mit

Ihr Rezept – A-capella-Gesang trifft Pop mit teils hintersinnigen, teils albernen Texten – trifft den unbeschwerten Zeitgeist, der nach all dem Drama einfach mal eine gute Zeit haben will. Nur ein Jahr nach dem Erstling sind Die Prinzen mit Küssen verboten zurück. Diesmal produziert Annette Humpe gleich das komplette Album und hilft der Band beim Texten, zusätzliche Unterstützung bei den Lyrics kommt von Comedian Olli Dittrich – so etwa der Text zu Kleines Herz.

Aufgenommen wird im Frühjahr 1992 in den Boogie Park Studios im Hamburg, am 28. September erscheint das zweite Album der Prinzen. Und wird ein ähnlich großer Erfolg: Es verkauft sich über 800.000 Mal, was damals drei Goldene Schallplatten bedeutet. Neben dem großen Erfolg der Single Küssen verboten ist es vor allem der von Sebastian Krumbiegel verfasste Song Bombe, der einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Anders als die humorigen, leichten Songs der Leipziger postieren sich Die Prinzen mit fast schon punkiger Attitüde klar gegen Rechtsextremismus.

Gegen rechte Gewalt

Gemeinsam mit Annette Humpe spielen sie Bombe live beim „Heute die! Morgen du!“-Festivals gegen rechte Gewalt in Frankfurt vor 150.000 Zuschauern. Als der Song im Februar 1993 als Single erscheint, gehen viele besorgte Eltern auf die Barrikaden. So viel Sex und Kritik ist man von den Prinzen nicht gewohnt. Dem Erfolg schadet es nicht. Im Gegenteil: Die große Tournee zu Küssen verboten wird zum Durchmarsch, zu den fast 60 Konzerten in den größten Hallen des Landes kommen über 200.000 Besucher.

In nur zwei Jahren sind Die Prinzen von einer ostdeutschen A-Capella-Seltsamkeit zu einer der größten Popbands des Landes geworden. Wieder vergeht nur ein Jahr, bis sie diese Erfolgsgeschichte mit Alles nur geklaut fortsetzen werden. Nicht übel für so ein paar Typen aus dem Knabenchor…

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Zeitsprung: Am 31.10.1965 probt die DDR-Jugend den Beat-Aufstand.

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