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Popkultur

Zeitsprung: Am 19.1.1995 klingen Extreme anders auf „Waiting For The Punchline“.

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Extreme Waiting For The Punchline Cover

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 19.1.1995.

von Christof Leim

Neue Sounds: Auf Waiting For The Punchline geben sich Extreme 1995 roh und reduziert. Gut steht ihnen das nicht. Kein Wunder, dass sich die Meister des funkigen Hard Rock wenig später erstmal auflösen…

Hier könnt ihr mit Extreme auf die Pointe warten:

Leicht haben es viele altverdiente Rockbands Mitte der Neunziger nicht: Der Geschmack der Fans hat sich deutlich gewandelt. Hedonismus und Oberflächlichkeit der Achtziger haben sich totgelaufen, neue Klänge und ungekünstelte Emotionen sind gefragt. Party-Hard-Rock will keiner mehr hören; Grunge, Alternative und Crossover werden für ein paar Jahre das nächste große Ding.

Foto: Brian Rasic/Getty Images

Selbst Gruppen wie die Bostoner Funk-Rocker Extreme, die erst nach Ablauf der verschmähten Achtziger wirklich durchstarten, kommen in der neuen Welle in Schleudern. Nach den prägenden Meisterwerken von Nirvana, Alice In Chains et al. sind lange Haare, kompetente Chorgesänge und virtuose Gitarrensoli quasi verboten. (Mancher Headbanger der alten Schule nennt hier auch noch „Spaß am Leben und der Musik“ hinzu, aber das ist ein anderes Thema.) Kurzum: Manche Bands gucken 1995 wie der einsame Clown auf dem vierten Extreme-Album Waiting For The Punchline, zu Deutsch: „Warten auf die Pointe“.

Schwierige Zeiten

Zwar müssen die vier Extreme-Musiker nach Pornograffitti von 1990 (das ist die mit More Than Words) und dem ambitionierten III Sides To Every Story (1992) nicht Pfandflaschen sammeln, aber auf einen Start-Ziel-Sieg können sie sich nicht mehr verlassen. Zudem kündigt Drummer Paul Geary im Sommer 1994 den Dienst und betätigt sich fortan als Künstlermanager (unter anderem für Godsmack).

Für die neue Platte entwickeln Extreme ihren Sound weiter, ob aus trendmäßiger Notwendigkeit oder künstlerischem Willen weiß man natürlich nicht (und vermutlich gilt beides). Auf Waiting For The Punchline jedenfalls klingt die Bande viel roher und naturbelassener, vorbei sind die Zeiten von hochproduzierten Gitarrenwänden oder Queen-beeinflussten Breitwandchören. Die Drums spielt (bis auf drei Lieder noch mit Paul Geary) mittlerweile Annihilator-Mann Mike Mangini ein, heute gehört er zu Dream Theater.

Reduzierter Sound

In den meisten Songs hört man Schlagzeug, Bass, eine Gitarre und die beiden Stimmen von Gary Cherone und Nuno Bettencourt. Fertig. Allerdings spielt Nuno seine sechs Saiten immer noch wie ein Gott: Der Mann kann als Oberpriester der Kirche des Heiligen Edward schreddern wie die Großen, besitzt dazu aber einen Groove und Funk in der rechten Hand, dass es nur so eine Freude ist. Und das hört man immer noch, nur in anderem Gewand.

Das Album beginnt mit dem sperrigen There Is No God, sechs Minuten lang und geradlinig geschrammelt, und generell klingen Extreme öfters deutlich schräger und punkiger als früher (Tell Me Something I Don’t Know, No Respect).

Viel Ausschussware

Auf der anderen Seite groovt und drückt etwa Cynical wie nix Gutes und wie in alten Zeiten. Evilangelist und Hip Today erinnern mit ihren Kopfnickerqualitäten ebenso an früher, und auch die Schmachtfetzen Shadow Boxing und Unconditionally sowie das gitarristische Kabinettstück Midnight Express fallen nicht aus dem Rahmen. Bei den vielen langsamen und eher atmosphärischen Groovern (wie Leave Me Alone und Naked) sieht das jedoch anders aus. Insgesamt wirkt Waiting For The Punchline trotz grundsätzlich gleicher Zutaten schlicht: anders. Dagegen lässt sich prinzipiell nichts einwenden, aber die Halbwertszeit der meisten Stücke fällt leider gering aus.

Extreme-Single-Covers

Die Single-Auskopplungen von „Waiting For The Punchline“.

Drei Nummern werden als Single ausgekoppelt, nämlich Cynical (das eigentlich Cynical Fuck heißt), Hip Today und Unconditionally, aber viel passiert damit nicht. Das Album erscheint am 19. Januar 1995 und schafft zwar noch einen Platz 40 in den Billboard-Charts sowie Platz 46 in Deutschland, aber die Luft ist raus. Als 1996 die dazugehörige Tour zum Ende kommt, verkündet Nuno seinen Wunsch nach einer Solokarriere, und die Band löst sich auf. Cherone singt eine Weile bei Van Halen, Bettencourt bringt eigene Alben heraus, und erst 2004 finden die Protagonisten allmählich wieder zusammen…

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