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Popkultur

„Fight The Power“: So entstand der kämpferische Rap-Klassiker von Public Enemy

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Public Enemy während des Videodrehs zu "Fight The Power" 1989. Foto: Michael Ochs Archives/Getty Images

Regisseur Spike Lee machte Fight The Power zum Kernstück seines Films Do The Right Thing – und bis heute zählt der Rap-Klassiker über Rassismus und Machtmissbrauch zu den wichtigsten Aufnahmen von Public Enemy.

von Jerry Barrow

Der bedeutendste zweite Versuch

Der Song Fight The Power von Public Enemy dürfte einer der wichtigsten Alternativvorschläge, ja vielleicht sogar „der bedeutendste zweite Versuch“ der Musikgeschichte sein – schließlich war die Sache eigentlich ganz anders geplant. Ursprünglich nämlich war als musikalisches Kernstück von Spike Lees Film Do The Right Thing eine Jazz-Neuinterpretation von Lift Every Voice And Sing vorgesehen, jener inoffiziellen „Nationalhymne der Schwarzen in den USA“, wobei die damaligen Rap-Könige Public Enemy auch bei diesem Stück eine zentrale Rolle spielen sollten. Für seinen Spielfilm, in dem unterschwelliger Rassismus an einem heißen Augusttag in Brooklyn offen zu Tage tritt und zur Katastrophe führt, hatte Regisseur Lee ursprünglich auch den Trompeter Terrence Blanchard dazu geholt, doch Hank Shocklee vom legendären Bomb Squad legte sein Veto ein, weil er fürchtete, dass Fans von P.E.-Klassikern wie Bring The Noise oder Night Of The Living Baseheads eine solche Version nicht mal ansatzweise gutheißen würden.

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Stattdessen tauchte Chuck D, der Kopf der sozialkritischen Rap-Neudenker aus Long Island, in seine eigene Geschichte ein und erinnerte sich an seine Jugend in den Siebzigern, in denen er unter anderem mit dem Sound von den Isley Brothers aufgewachsen war. In deren Song namens Fight The Power war er genau genommen über sein erstes Schimpfwort in einem Musikstück gestolpert. In der aufgeheizten Atmosphäre nach der Ermordung von Michael Griffith, was sich immer noch auf die aggressive Grundstimmung in NYC auswirkte, kam Chuck zu der Überzeugung, dass es höchste Zeit für ein Update war – für einen Song, der „all den Bullshit, der so passiert“, ganz offen zur Sprache bringt.

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Public Enemy wurden zum Sprachrohr

Mit den Klartext-Ansagen ihres Debütalbums Yo! Bum Rush The Show (1987) und dem nicht weniger eindringlichen Nachfolger It Takes A Nation Of Millions To Hold Us Back aus dem Folgejahr, waren Public Enemy binnen kürzester Zeit zum wichtigsten Sprachrohr dieses neuen, radikalen und politischen Rap-Entwurfs avanciert. Chuck D selbst nannte das später „das CNN der Schwarzen“, und die Aura einer echten Institution umgab ihn und seinen Sidekick Flavor Flav wohl auch deshalb bereits an diesem Punkt, weil sie immerhin schon 26 waren, als sie Public Enemy gründeten.

Public Enemy machten Rap endgültig zum sozialkritischen Medium: Chuck Ds tiefe Radiomoderatoren-Stimme, kombiniert mit Flavor Flavs wilden, haarsträubenden Ad-lib-Einwürfen und nicht zuletzt den vielschichtigen, mit viel Noise gefütterten Produktionen des Bomb Squad. Noch eindringlicher konnte man eine Message gar nicht zum Ausdruck bringen.

Der Song

Fight The Power beginnt mit einem Auszug aus einer wutentbrannten Rede des Chicagoer Anwalts und Aktivisten Thomas „TNT“ Todd, der von Vietnam-Kriegsverweigerern spricht, die – in Anlehnung an eine Zigarettenwerbung aus jenen Tagen – lieber umsatteln würden, anstatt in den Kampf zu ziehen. Es ist der perfekte Auftakt für diesen vertonten Aufschrei, diesen Klassiker des Protest-Rap, in dem etliche Größen aus dem Kanon der schwarzen Musik zitiert werden. Der Bomb Squad bedient sich für die krasse Klangcollage nicht nur bei James Brown und Sly & The Family Stone, sondern auch bei Aaron Hall von der Gruppe Guy. Das Resultat war typisch Bomb Squad: hektisch, vielschichtig, ultradruckvoll – so unmissverständlich wie Chuck Ds Worte.

Insgesamt stand Fight The Power sogar für eine Gezeitenwende, denn die Kids der Achtziger, die viel zu lange vom R&B-Establishment – hier: Reagan und Bush – unterdrückt worden waren, sollten endlich einen vertonten Gegenentwurf zu hören bekommen.

„As the rhythm designed to bounce/ What counts/ is that the rhymes designed to fill your mind…“ – der Beat gibt den Rhythmus vor, was zählt, das sind die Reime, die den Geist der Zuhörerschaft inspirieren, so der Ansatz von Chuck, den er übrigens im Flugzeug verfasste. Er befand sich gerade im italienischen Luftraum, eingekesselt zwischen Mitgliedern von Run DMC. Doch selbst diese Distanz von mehreren tausend Meilen nahm seinen Worten nichts an Dringlichkeit, dafür hatte er einfach zu viel Druck aus dem New Yorker Kessel in sich angestaut. Die Verhaftung der Central Park Five und die vielen anderen Skandale der Zeit davor hatten seine Ansichten über die Glaubwürdigkeit der Justiz und das Ausmaß von institutionalisiertem Rassismus lange genug geprägt.

Am bekanntesten ist dabei wohl die dritte Strophe des vertonten Wutausbruchs, in der Chuck mit der Vorgängergeneration abrechnet und es dabei insbesondere auf einstige Helden wie Elvis und John Wayne abgesehen hat. Stattdessen stellte er über der hypnotischen Produktion ein für alle Mal klar, dass seine Helden andere waren – und dass er nicht aufhören würde mit dem Krawall, bis auch einige dieser anderen Ikonen, die so wichtig waren für ihn und seine Generation, an der Wand hängen und Teil des Kanons werden würden.

Das Vermächtnis

Nachdem der Song schließlich in den New Yorker Greene Street Studios aufgenommen worden war, erschien Fight The Power zunächst auf dem Soundtrack zu Do The Right Thing: Diese Version, inklusive Saxofon-Einlagen von Branford Marsalis, war im Kinofilm hinterher locker 15 Mal zu hören. Außerdem fungierte das Stück als Schlusspunkt ihres dritten Studioalbums Fear Of A Black Planet, das 1990, also im Jahr danach, erschien. Das Video zur Albumversion entstand ebenfalls unter der Regie von Spike Lee – und natürlich in derselben Straße von Bedford-Stuyvesant, in der auch sein Film spielt. 1991 konnten P.E. den Song sogar live im US-Fernsehen präsentieren, in der Show In Living Color vom Sender Fox. Und im Sommer 1999 verneigte sich schließlich sogar Pop-Ikone Prince mit einer Coverversion von Fight The Power.

Wie zeitlos und relevant die Message von Fight The Power bis heute ist, belegt ihr Auftritt bei den BET Awards 2020, wo Chuck D und Flavor Flav ihren Schlachtruf mit Unterstützung von Nas, Rapsody und Black Thought in Form eines Updates zum Ausdruck brachten – nunmehr im Zeichen von Black Lives Matter. Ein wahrlich generationenübergreifender Schulterschluss, schließlich waren viele Anhänger*innen von BLM noch gar nicht auf der Welt, als Chuck D, Flavor Flav, Terminator X, Professor Griff und die Security of the First World in den späten Achtzigern auf den Plan traten – und Hip-Hop ein für alle Mal politisch machten.

Und selbst wenn die Lift Every Voice-Hymne von James Weldon Johnson ursprünglich nicht zu den Einflüssen von Fight The Power zählte, konnte deren Kernaussage schließlich gerade deshalb über Jahrzehnte weiterleben, weil Public Enemy die Vorlage verwarfen, deren Kern neu dachten – und die Sache in die Sprache einer jüngeren Generation übersetzten.

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