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Popkultur

Review: Die Foo Fighters polieren die Tanzschuhe auf „Medicine At Midnight“

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Foo Fighters
Foto: Danny Clinch

Die Zeiten sind finster, da wollen die Sorgen weggetanzt werden. Recht passabel geht das mit Medicine At Midnight, dem kürzesten, knackigsten, lebendigsten Album in einem Vierteljahrhundert Foo Fighters.

von Björn Springorum

Hört hier Medicine At Midnight:

Die Foo Fighters sind ja bekanntlich die größte Hobbyband der Welt. Seit 25 Jahren legen sie ein gutes Album nach dem anderen vor, spielen reihenweise umwerfende, ellenlange und unterhaltsame Konzerte vor riesigen Mengen und haben immer noch so viel Spaß an allem wie eine Amateurband aus vier alten Schulfreunden, deren größte Freude es ist, gemeinsam Smoke On The Water in der Garage zu verunglimpfen. Längst haben sie sich in der Industrie den Ruf als angenehmste Rockband überhaupt erarbeitet, als Konsens im allerbesten Sinn. Dem Coronavirus ist das natürlich egal. Deshalb mussten Fans von Dave Grohls fideler Muckertruppe auch ein Jahr länger warten als eigentlich geplant, um den Winterblues mit dem zehnten Studioalbum Medicine At Midnight gehörig wegzupusten.

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Verknappung als Mantra

Dann eben im zweiten Anlauf. Neun Songs in 36 Minuten, das klingt zunächst mal nach Faulheit. Das kürzeste Album in der Geschichte der Foo Fighters ist aber zugleich auch das kondensierteste. Verknappung als Mantra. Ebenso hochkonzentriert und zügig wie die Band die Aufnahmen in diesem alten Spukhaus im San Fernando Valley in Los Angeles durchgezogen hat, springt uns auch Medicine At Midnight an. Keine Schnörkel, keine Ehrenrunden, keine unnötigen Füllsel. Jeder der neun Vierminüter kommt direkt zum Punkt, ist so schnörkellos und frei von Ballast, dass erst jetzt auffällt, wie verziert und überladen manche der Foo-Songs früher waren. Keine Kritik, lediglich eine Feststellung.

Dazu passt Greg Kurstins harte, direkte und krachige Produktion, deren Ecken und Kanten man ihm nach seiner Arbeit an Concrete And Gold gar nicht zugetraut hätte. Und dazu passt auch die kosmetische Veränderung im Foo-Fighters-Sound. Direkter klingen die Songs, laut Grohl inspiriert von ihrer Liebe zu großen Rock-Bands, die beschwingte, treibende, tanzbare Alben machten. Schon der Opener Making A Fire beantwortet dann auch die Frage, was zum Henker der ehemalige Nirvana-Drummer nur damit meinte, als er das neue Album vor einiger Zeit mit Bowies Let’s Dance verglich: Nach den ersten Takten, die Taylor Hawkins ganz allein gehören, kitzeln uns funkige Gitarren, Nanana-Backgroundchöre, süffige Harmonien und spannende Rhythmik. Soul, Gospel und Funk haben ihren festen Platz in einigen der neuen Songs, ebenso das eiserne Versprechen, mit jedem Song bestens zu unterhalten. Da hört es mit den Bowie-Vergleichen aber auch schon auf.

Disco im Blut

Hawkins, neben Grohl die prägende Figur des Albums, geht seiner Arbeit sehr dynamisch, präsent und ungewöhnlich weit im Vordergrund nach – fast schon im Vorwärtsgang der White Stripes. Das sorgt für ein enormes Energielevel, das aufgrund der Kürze des Albums mühelos gehalten werden kann. Shame Shame lockt mit einem vertrackten Off-Beat, Handclaps und Streichern, fast schon mantraesk singt Grohl shame, shame, shame, shame. Eingekesselt ist der Song von zwei wuchtigen Rockern und kann deswegen noch mehr scheinen. Es geht eben nichts über ein Album mit sorgsam kuratierter Songauswahl.

Besagter Rocker ist Cloudspotter, eine tanzbare Nummer mit Disco im Blut und Pop im Herzen. Studio 54, anyone? Im Refrain wird dann aber natürlich im besten Foo-Sinne die Ernte eingeholt, Rock-Adel verpflichtet. Das überwiegend ruhige, beklemmende Waiting On A War könnte ihr Born In The U.S.A. werden, inspiriert von Grohls Tochter, die ihn eines Tages frei heraus fragte, ob es einen Krieg geben wird. Ganze drei Minuten vergehen, bis die Nummer in ein wütendes Rock-Crescendo explodiert. Intensiv, unheilvoll, neben dem Titeltrack auf jeden Fall einer der Höhepunkte des Albums. Medicine At Midnight mit seiner groovigen Stones-Strophe und dem Americana-Refrain inklusive summender Orgel ist der vielleicht amerikanischste Song der Band, eine innige, organische Nummer, mit ihrer Westerngitarre eher gemacht für eine kleine Honkytonk-Spelunke in Nashville.

Beeindruckende Ensembleleistung

Die zähnebleckende Härte von No Son Of Mine, das vitalisierende, euphorisierende Foo-Trademark Holding Poison, das Beatles’que Chasing Birds (könnte man auch Dave In The Sky With Diamonds nennen) nennen und der hochgradig infektiöse Abschluss-Kracher Love Dies Young setzen jeder ein ganz eigenes Ausrufezeichen unter eine beeindruckende, gut arrangierte Ensembleleistung. Diese Typen haben einfach Bock, das spürt man bei jeder Note. Mehr Band, mehr Wumms, mehr Lust war bei den Foo Fighters selten zu holen, zuletzt vielleicht auf The Colour And The Shape. Diese Band hier ist aber fast 25 Jahre älter und besser. Und dabei zum Glück keineswegs angepasster, kontrollierter oder bedächtiger. Schon möglich, dass wir genau so ein Album gebraucht haben, um endlich mal wieder was zu fühlen. Und wenn es nur ein kolossaler Bierdurst ist.

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