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Fünf Geschichten, die nur aus dem Leben von Lou Reed stammen können

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Er galt nicht nur als begnadeter Songschreiber und Sänger, sondern auch als nicht immer ganz einfacher Zeitgenosse: Lou Reeds sardonischer Humor, sein blitzscharfer Intellekt und sein oft recht kurzer Geduldsfaden machten ihn gleichermaßen zur Legende für seine Fans und zum Albtraum für viele Journalisten und Kritiker.

von Markus Brandstetter

Noch weniger als (seiner Meinung nach) dumme Fragen mochte Reed aber eines: Erwartungen erfüllen zu müssen. All das führte im Laufe seiner Karriere zu unvergleichlichen Momenten, die einen auch heute – im fünften Jahr nach seinem zu frühen Tod – immer noch zum Schmunzeln, Staunen oder Kopfschütteln bringen.


1. Er spekulierte über die sexuellen Präferenzen eines bekannten Musikkritikers – und zwar auf Platte.

Es ist kein Geheimnis, dass Lou Reed für Musikkritiker nicht immer nur Liebe übrig hatte. Besonders zu spüren bekam das der legendäre Journalist Robert Christgau, der Reeds Werk oft nicht sonderlich wohlwollend rezensiert hatte. Auf der Live-Doppel-LP Take No Prisoners gab es die Retourkutsche. Reed ließ in einer 17-Minuten-Version seines Hits Walk On The Wild Side seinen Gedanken freien Lauf: „Was macht Robert Christgau eigentlich im Bett? Wisst ihr, ist er ein Zehenficker?“, frage Reed ins Mikrofon. Später legte er nach und verlieh seiner Antipathie erneut Ausdruck: „Könnt ihr euch vorstellen, wie es ist, wenn man ein Jahr an etwas arbeitet, und dann kriegt man ein B+ von so einem Arschloch von Village Voice?“. Christgau bedankte sich in seiner Rezension dafür, dass Reed seinen Namen richtig ausgesprochen hatte – und beurteilte das Werk in besagtem Magazin mit C+.


Hört hier in das Live-Album Take No Prisoners rein:

Für das komplette Hörvergnügen klickt auf „Listen“

2. Er erlog sich eine Biographie für seine Plattenfirma – auf Anraten von Andy Warhol.

So unbeirrbar Lou Reed auch schien – einen Rat eines guten Freundes nahm er nicht nur gerne an, sondern setzte ihn auch konsequent in die Tat um. Andy Warhol hatte ihm einst geraten, dass er in der Öffentlichkeit nicht immer die Wahrheit sagen müsse. Reed nahm ihn beim Wort – und erfand für seinen ersten Plattenvertrag eine abstruse Biographie. Als seine Plattenfirma RCA zehn Fakten über sein Leben von ihm wollte, gab er unter anderem an, aus einem Ausbildungsprogramm der US-Armee geflogen zu sein, weil er einen Vorgesetzten mit einer Waffe bedroht hatte. Später sollte Reed die Kehrseite dieser Flunkereien zu spüren bekommen: Er wurde in Interviews immer wieder nach dem Seemannsgarn gefragt, das er über sich selbst in die Welt gesetzt hatte.



3. Er nahm (ziemlich seltsame) Musik für eine Tai-Chi-DVD auf.

Wer die Zusammenarbeit mit Metallica (Lulu) schon eigenartig fand, dürfte von einem von Reeds letzten Musikprojekten noch mehr verwundert sein. In den 1980er-Jahren hatte Reed begonnen, Tai Chi zu praktizieren. Er schwärmte nicht nur bei allen möglichen Gelegenheiten von der chinesischen Kampfkunst, sondern praktizierte sie wann und wo er nur konnte. Dazu gehörte auch seine Mitarbeit an einer DVD seines Lehrmeisters Ren GuangYi, für die Reed einen – zugegebenermaßen ziemlich seltsamen – Soundtrack schrieb.



4. Er gab eine der merkwürdigsten Pressekonferenzen der Rock-Geschichte.

Gerade in Australien angekommen, gab ein erblondeter Lou Reed 1974 eine Pressekonferenz, die heute längst Kult und nur mit jenen von Bob Dylan in den 1960er-Jahren vergleichbar ist. Sichtlich genervt von den relativ einseitigen Pressefragen gab Reed einsilbige Antworten und widersprach sich dauernd selbst. Ob er Drogen nehme? Nein, erwiderte er. Wofür er das meiste Geld ausgebe? Für Drogen natürlich. Nur eine Antwort war so richtig ehrlich – nämlich als ihn ein Journalist fragte, ob er Interviews möge. Die Antwort kann man sich denken.



5. Er reformierte Velvet Underground, nur um sich gleich wieder mit John Cale zu zerstreiten.

Lou Reeds Band Velvet Underground gilt als eine der wichtigsten Bands in der Geschichte der Rockmusik. 1973 löste sich die Gruppe auf, 1992 wagten Reed, John Cale & Co. dann einen Reunion-Versuch. Unter anderem spielten sie als Support-Act für U2 auf deren Zooropa-Tour. Aufgrund der großen Nachfrage wäre vieles möglich gewesen – unter anderem waren eine US-Tour, ein MTV Unplugged sowie möglicherweise sogar ein neues Studioalbum im Gespräch. Dazu sollte es nie kommen: Die ewigen Intimfeinde Reed und Cale zerkrachten sich wieder.


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Titelbild: Mark Metcalfe/Getty Images

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