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Popkultur

Zeitsprung: Am 5.11.1995 spielen Garbage ihr erstes Konzert & starten durch.

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Garbage 1995 auf ihrer ersten Tour in Brüssel. Foto: Gie Knaeps/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 5.11.1995.

von Christian Böhm und Christof Leim

Garbage? Kennt Mann und Frau! Aber das war nicht immer so. In Minneapolis spielen sie am 5. November 1995 ihr erstes Livekonzert und hier kommt die Geschichte, was davor sowie danach geschah.

Hier kannst du das Debüt von Garbage hören: 

Als Shirley Manson und die anderen Mitglieder von Garbage am 5. November 1995 am 7th Street Entry Club ankommen, bietet sich ihnen ein erfreuliches Bild: Eine große Menge Menschen steht vor dem Eingang und will die Band sehen. Beruhigend, denn Garbage wollen gleich ihr allererstes Konzert spielen und sind unsicher, ob überhaupt jemand Interesse zeigt. Was die Rockgruppe nicht weiß: Die meisten Fans vorm Eingang warten gar nicht auf sie, sondern auf eine ganz andere Band – und zwar ausgerechnet die Blut-Splatter-Schock-Metal-Monster Gwar! Die machen eine wirklich großartige (man könnte auch sagen: blutrünstige) Show, wenn auch komplett anders als das, was Garbage auf die Bühne bringen. Außerdem haben die ein für den Club zu großes Mischpult dabei. Vielleicht steht der Abend doch nicht unter einem so guten Stern?

Feuertaufe im Kleinen

Was wir bisher nicht wissen: Der 7th Street Entry Club in Minneapolis fasst gerade mal 250 Zuschauer, befindet sich aber im gleichen Gebäude wie ein Laden namens First Avenue. In Letzteren passen 1500 Personen, alle möglichen Größen des Rock’n’Roll haben dort schon gespielt. So ging Prince hier ein und aus und drehte Sequenzen seines Films Purple Rain. Auch die Gwar-Fans stehen vor dem großen First Avenue an. Den kleinen 7th Street Entry (der vorher als Garderobe des First Avenue genutzt wurde) machen Garbage an diesem Abend voll, bestehen ihre Feuertaufe und legen danach eine Karriere hin, die man getrost eine Erfolgsgeschichte nennen darf. Aber das ahnen sie an diesem Abend noch nicht.

Das fehlende Teil im Video

Spulen wir ein Stück zurück: 1993 spielt Butch Vig nicht nur Schlagzeug, er hat sich auch als Produzent einen Namen gemacht: Nevermind, das Nirvana-Erfolgsalbum, geht 1991 auf sein Produzentenkonto, ebenso Gish und Siamese Dreams von den Smashing Pumpkins. Gemeinsam mit Steve Marker betreibt er die Smart Studios in Madison, Wisconsin und spielt mit Steve sowie Douglas Erikson in einer Band. Sie arbeiten an Songs, und sogar einen Namen gibt es schon: Garbage. Aber etwas fehlt dem Ganzen noch. Vielleicht die passende Stimme?

Eines Montags kommt Steve in den Proberaum mit einer Videokassette (erinnert ihr euch noch, was das ist?). Darauf befindet sich ein Song namens Suffocate Me, gespielt von einer schottischen Band namens Angelfish. Auf dem Video, das Steve Marker in der Samstagabend-Show 120 Minutes auf MTV (ja, Musikfernsehen, wisst ihr noch?) gefunden hat, begeistert vor allem Sängerin Shirley Manson die Musiker von Garbage: “Wir waren alle beeindruckt, wie intensiv, wie zurückhaltend es klang. Anstatt zu schreien und die eigene Stimme zu strapazieren wie viele im Alternative zu dieser Zeit, tat sie genau das Gegenteil“, schwärmt Butch Vig später. Lasziv haucht Manson im Refrain die Worte „Ersticke mich“ in das Mikrofon, woraufhin die Drei beschließen, sie kennen lernen zu müssen. Sie arrangieren ein Treffen.

Ein Ende und ein Anfang 

8. April 1994, London: Shirley spricht zum ersten Mal mit ihrer zukünftigen Band. Die drei Amerikaner verstehen sich gut mit der rotblonden Schottin, quatschen über Musikalisches sowie alles mögliche sonst und genehmigen sich ein paar Drinks. Das Ganze findet in einem edlen Hotel statt, was Manson denken lässt, dies sei die übliche Reise- und Lebensart von Butch Vig und seiner Gang. Das träfe sich gut, denn auf dem Konto der Sängerin herrscht zu diesem Zeitpunkt gähnende Leere. Allerdings nächtigen Garbage nicht in diesem Etablissement. Noch nicht.

Wo er schon mal in Großbritannien weilt, nutzt Butch Vig die Gelegenheit, für ein wenig Geschäftliches und trifft abends ein paar einheimische Produzenten. Doch die Kollegen haben keine schönen Neuigkeiten für ihn: Kurt Cobain hat sich das Leben genommen. Vigs bislang erfolgreichstes Projekt nimmt hiermit ein jähes Ende — ausgerechnet jetzt, wo etwas Neues beginnt. Vielleicht ein Zeichen von ganz oben? Butch selbst bezeichnet es später als „Wasserscheide“, als Zäsur. 

Mit Trockenübungen zum gutem Gefühl 

Zurück in die USA: Nachdem man sich im Hotel gut verstanden hat, wollen die Vier zusammen musizieren. Die erste Audition läuft jedoch gar nicht gut. Shirley soll frei singen, improvisieren. Man würde die Songs dann zusammen entwickeln. Leider fungierte sie in ihren bisherigen Projekten nie als Songschreiberin, und die neue Situation schüchtert sie ein. So steht sie in einem Zimmer in Steve Markers Haus und nuschelt irgendwas ins Mikrofon. Das war wohl nichts! Doch so schnell geben sie nicht auf. Nach einer weiteren Probe, die weitaus besser läuft, wird Shirley Bandmitglied, und Garbage nehmen ihr erstes Album auf.

Zum ersten Mal auf einer Bühne stehen Garbage in L.A. Obwohl, das Wort „Bühne“ trifft es nicht so ganz. Das Publikum besteht lediglich aus einer Person: Regisseur Sam Bayer, der schon den Clip zu Smells Like Teen Spirit von Nirvana gedreht hat. Beim Videodreh zum Song Vow stehen Garbage zusammen in einem Raum und tun so, als würden sie live Musik machen. „Wir stellten Verstärker auf und spielten Gitarren. Butch hämmerte herum, Shirley hatte ein Live-Mikrofon“, erinnert sich Douglas Erikson. „Nach dem ersten Durchlauf sahen wir uns alle an und sagten: ‘Das fühlt sich wirklich gut an.’“Nun wissen sie, dass sie Ganze auch live umsetzen können. Bis hierher war die Band ein reines Studioprojekt, Konzerte oder Touren standen anfangs nicht zwangsläufig zur Debatte.

Weiter gehts mit großen Schritten

Also, raus in die Clubs! Und damit kommen wir an im Jahr 1995 im 7th Street Entry Club, diesem kleinen Laden, in dem meist junge Nachwuchsbands spielen. Auch Garbage kennen zu diesem Zeitpunkt nur wenige. Doch das ändert sich bald: Auf das Debüt Garbage folgen bis 2016 fünf weitere erfolgreiche Alben. Die Band bringt ihre Mischung aus Elektronik, Samples und harten Gitarren inzwischen in großen Hallen und weltweit auf Festivals. Selbst Metallica spielen einen Song von Garbage, als sie 2018 in deren Gründungsstadt Madison auftreten: Stupid Girl — sicherlich ohne den Pop, mit dem Garbage ihren Rocksound paaren, und ohne die düstere Erotik, das Vamp-hafte, von Shirley Manson.

Blicke nach vorne und zurück 

2015 führen Garbage ihr erstes Album zu dessen 20. Geburtstag in voller Länge auf. Inzwischen wissen sie, wie man all die Samples und Sounds auf der Bühne umsetzt, was in den Anfangstagen vor allem den Männern in der Band Kopfschmerzen bereitet hat. Shirley Manson nahm das noch nie so wichtig. Sie agiert inzwischen nicht mehr schüchtern, sondern als Mittelpunkt der Show. Und Butch Vig steht nicht mehr im Schatten von Nirvana. Bei den ersten Interviews kam immer die Frage nach Kurt Cobain und Nevermind, obwohl er doch über sein neues Projekt sprechen wollte. Würde man das Konzert vom 5. November 1995 heute wiederholen, wären die vor dem großen Club Wartenden sicherlich Garbage-Fans. Die Band ist den Kinderschuhen lange entwachsen und hat zwischenzeitlichen Auflösungsgerüchten zum Trotz für 2021 ein neues Album angekündigt.

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