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Popkultur

Zeitsprung: Am 25.9.1995 erscheint „Herzeleid“ von Rammstein. Ein wahnsinniges Debüt.

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Foto: Cover

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 25.9.1995.

von Christian Böhm und Christof Leim

Gewalt, Sex, Provokation: Als Rammstein am 25. September 1995 ihren Erstling Herzeleid rausbringen, legen sie damit die Grundlagen des erfolgreichen Theaters, das sie in den folgenden Jahrzehnten auf Bühnen und Tonträgern veranstalten. Schon damals schwanken die Reaktionen zwischen Faszination und Abneigung — und das soll so bleiben.

Hier kannst du Herzeleid hören: 

Eine wüste Mischung schlägt einem entgegen, wenn man Rammsteins Debüt zum ersten Mal anhört: Textlich ein wilder Mix aus Wahnsinn, Trieb und Lust. Musikalisch irgendetwas zwischen Metal, Elektronik und gerolltem „R“. Aggressiv und schräg, abartig, aber doch schön. Und mittendrin: Eine Ballade.

Lauter Wahnsinn, Liebeskummer und Trieb

Herzeleid, was ist das eigentlich? Laut Wikipedia: „Veralteter Begriff für den Gemütszustand psychischen oder seelischen Schmerzes. Siehe auch ‚Liebeskummer’.“ Und: „Kann auch zu schweren körperlichen oder psychischen Erkrankungen, Suizid oder Mord führen.“ Als Rammsteins Gitarrist Richard Kruspe an Songs des Albums schreibt, hat er zwar ein gebrochenes Herz (dies sagt er später im Interview), doch ebnet es in seinem Fall den Weg zum Erfolg.

Wer brennt für das Projekt?

Rammstein – ein Mensch brennt“ heißt es in Rammstein, dem letzten Lied des Albums. Aber nicht alle am Album Beteiligten legen ihre Hände im Vorfeld für die Band ins Feuer: Keyboarder Christian „Flake“ Lorenz will erst gar nicht einsteigen, weil ihm die Musik „zu doof, zu stumpf, zu langweilig“ erscheint. Nachdem Flake die Band überredet, statt in Englisch auf Deutsch zu singen, wird er dann doch das sechste Bandmitglied. (Mehr zu Rammsteins Anfängen erfahrt ihr hier.)

Als Produzenten für Herzeleid hätten Rammstein gern Greg Hunter verpflichtet. Leider schläft Hunter, der schon mit Killing Joke und Paul McCartney gearbeitet hat, bei ein paar Proben, denen er beiwohnt, angeblich ein. So nimmt der Schwede Jacob Hellner auf dem Produzentenstuhl Platz. Er hatte etwa 1993 das Erfolgsalbum Deaf Dumb Blind der Rap-Metal-Pioniere Clawfinger betreut. In der Rückschau gut gewählt: Der Crossover der Skandinavier aus harten Metal-Gitarren mit Samples, Keyboards und Loops passt besser zu den Berlinern als Paul McCartney. Die von ABBA erbauten Polar Studios passen aber nicht: Nach einigen Tagen dort beschließen Rammstein, Herzeleid lieber in Jacob Hellners eigenen Räumlichkeiten aufzunehmen. Drei Wochen später haben sie die Platte im Kasten — nur der Mix gefällt der Band nicht, weshalb sie den Niederländer Ronald Prent nochmal an den Reglern drehen lässt. Als das Teil am 25. September 1995 auf dem Berliner Label Motor erscheint, ist Herzeleid also schon eine internationale Sache.

Kein Samba und keine Politik

Messerscharfe Gitarren und Keyboardteppiche, das Schlagzeug meist simpel im Viervierteltakt, dazu dieser debile Gesang und immer wieder Till Lindemanns gerolltes „R“: Herzeleid klingt eckig und kantig. Deutsche können angeblich keinen Samba, und hier bekommen sie auch keinen. Depeche Mode klingen durch, aber da fehlen im Vergleich die harten Gitarren. Laibach taugen als Vergleich: Auch die Slowenen spielen mit Klischees und Abwegigkeiten, agieren aber politischer als Rammstein.

Politik (beziehungsweise das kontroverse Spiel mit diesem schmutzigen Geschäft) kommt bei Rammstein erst später, auf Herzeleid findet sie nicht statt.  Stattdessen bricht der Irrsinn durch: „Der Wahnsinn ist eine schmale Brücke / Die Ufer sind Vernunft und Gier“ und dann „Oh, siehst du nicht, die Brücke brennt / Hör auf zu schreien und wehr dich nicht, weil sie sonst auseinander bricht“ heißt es auf Du riechst so gut. Insgesamt präsentieren sich Rammstein hier ziemlich roh und ungeschliffen.

Unkorrekte Seltsamkeiten

Während für manche ungewöhnliche Sexpraktiken im Opener Wollt ihr das Bett in Flammen sehen oder nekrophile Phantasien in Heirate Mich noch harmlos wirken, lässt eine Zeile wie „Du auf dem Schulhof, ich zum Töten bereit“ (Weißes Fleisch) wohl mindestens Eltern zittern. Provokation können Rammstein schon immer, politisch korrekt sind sie schon damals nicht. 

Das Lied Rammstein beschreibt die Katastrophe in der pfälzischen Stadt Ramstein (mit einem „m“), wo 1988 bei einer Luftfahrtshow ein Flugzeug in die Menschenmenge stürzt: „Rammstein, Fleischgeruch liegt in der Luft / Rammstein, ein Kind stirbt / Rammstein, die Sonne scheint.“ Puh, das sitzt. Generell benutzen die Berliner auf Herzeleid viele Metaphern, in Das alte Leid aber könnten sie nicht deutlicher werden, wenn Lindemann ekstatisch schreit: „Ich will ficken!“

Flake im Schlauchboot

Und dann kommt der Seemann: Balladesk an Anfang und Ende, apokalyptisch mittendrin. Ziemlich genau in der Mitte des Albums gewährt das Lied eine kleine Verschnaufpause mit dem zerbrechlich gesungenen „Komm in mein Boot / Die Sehnsucht wird der Steuermann.“ Bei Konzerten avanciert das Lied zum beliebten Teil der Show: Flake fährt dann mit einem Schlauchboot über die Menschenmenge. Obwohl er dies inzwischen auch bei anderen Songs tut und manchmal andere Bandmitglieder mit im Boot sitzen: Wenn Flake da allein im Gummiboot sitzt, sieht das genauso komisch und unbeholfen aus wie Seemann klingt. Großartig! 

Das verdammte Cover

Herzeleid lässt uns ratlos, beeindruckt und irritiert zurück. Und das nicht nur wegen der elf Lieder, sondern auch aufgrund der sonstigen Aufmachung: In der Mitte des Booklets findet sich die große orangefarbene Blüte, vor der die Bandmitglieder auf dem Frontcover stehen. Ebenso wie auf den Einzelfotos innen sind sie alle halb nackt. Auch wenn das zur Platte passt: Richard Kruspe hasst das Design: „Das verdammte Cover! Als wir das gesehen haben, sind wir ausgeflippt! Wir wirkten alle so… schwul. Alle bis zur Taille ausgezogen. Es war wie eine Werbung für einen schwulen Pornofilm.“

Rammstein halb nackt. Gefiel der Band schon bald nicht mehr. – Foto: Praler/Promo

Auch der Abdruck einiger Songtexte in Französisch statt auf Deutsch verwundert. Und warum steht eigentlich nirgendwo, welche Instrumente Till Lindemann, Richard Kruspe, Paul Landers, Oliver Riedel, Flake Lorenz und Christoph Schneider jeweils bedienen? Rammstein stecken von Anfang an viel Kritik ein: „Stampfender Proletenrock mit dumpfen Gewaltmetaphern“ schimpft Musikexpress/Sounds. Aber das kann Herzeleid nichts anhaben: Es erreicht zuerst Platz 99 der Charts, später geht es hoch bis auf Platz sechs.

David Lynch tanzt zu Rammstein

1996 dann verwendet David Lynch Rammstein und Heirate mich in seinem Film Lost Highway. Rammstein hatten ihm eine CD geschickt, weil sie Lynch gern als Regisseur ihres Videos gehabt hätten. Der macht aber keine Musikvideos, doch ihm gefallen die Songs so gut, dass er sie in seinem neuen Streifen nutzen will. Mehr noch: Seine Begeisterung geht wohl so weit, dass er die Schauspieler bei den Dreharbeiten zu Lost Highway zu Songs von Rammstein tanzen lässt, sagt Richard Kruspe auf YouTube. Später tanzen Rammstein dann zu David Lynch, als sie in ihr Video zu Rammstein Szenen aus Lost Highway einbauen.

Nina Hagen und der Seemann

Wo wir schon bei Videos sind: 2003 bringt Nina Hagen zusammen mit Apocalyptica eine Version von Seemann raus, und Flake zeigt sich geehrt: „Wenn eine Frau wie Nina ein Lied von uns spielt, ist das wie ein Orden, mehr wert als zehn Echos, Grammys und was die Geschäftswelt so bereithält.“

Orden, Echos, Grammys heimsen Rammstein in den folgenden Jahrzehnten zuhauf ein. Herzeleid steht am Anfang der Karriere einer Band, die aus Ostdeutschland kommt und sich anschickt, mit einem in Schweden produzierten, in Holland gemischten und in Berlin veröffentlichten Album den Stil der Neuen Deutschen Härte mit zu begründen. Einige Songs des Erstlingswerks stehen noch immer auf der Setlist ihrer Shows. Chapeau!

Zeitsprung: Am 16.9.2009 veröffentlichten Rammstein das Video zu „Pussy“ – als Porno.

 

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