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Popkultur

Zeitsprung: Am 25.9.1995 erscheint „Herzeleid“ von Rammstein. Ein wahnsinniges Debüt.

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Foto: Cover

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 25.9.1995."

von Christian Böhm und Christof Leim

Gewalt, Sex, Provokation: Als Rammstein am 25. September 1995 ihren Erstling Herzeleid rausbringen, legen sie damit die Grundlagen des erfolgreichen Theaters, das sie in den folgenden Jahrzehnten auf Bühnen und Tonträgern veranstalten. Schon damals schwanken die Reaktionen zwischen Faszination und Abneigung — und das soll so bleiben.

Hier kannst du Herzeleid hören: 

Eine wüste Mischung schlägt einem entgegen, wenn man Rammsteins Debüt zum ersten Mal anhört: Textlich ein wilder Mix aus Wahnsinn, Trieb und Lust. Musikalisch irgendetwas zwischen Metal, Elektronik und gerolltem „R“. Aggressiv und schräg, abartig, aber doch schön. Und mittendrin: Eine Ballade.

Lauter Wahnsinn, Liebeskummer und Trieb

Herzeleid, was ist das eigentlich? Laut Wikipedia: „Veralteter Begriff für den Gemütszustand psychischen oder seelischen Schmerzes. Siehe auch ‚Liebeskummer’.“ Und: „Kann auch zu schweren körperlichen oder psychischen Erkrankungen, Suizid oder Mord führen.“ Als Rammsteins Gitarrist Richard Kruspe an Songs des Albums schreibt, hat er zwar ein gebrochenes Herz (dies sagt er später im Interview), doch ebnet es in seinem Fall den Weg zum Erfolg.

Wer brennt für das Projekt?

Rammstein – ein Mensch brennt“ heißt es in Rammstein, dem letzten Lied des Albums. Aber nicht alle am Album Beteiligten legen ihre Hände im Vorfeld für die Band ins Feuer: Keyboarder Christian „Flake“ Lorenz will erst gar nicht einsteigen, weil ihm die Musik „zu doof, zu stumpf, zu langweilig“ erscheint. Nachdem Flake die Band überredet, statt in Englisch auf Deutsch zu singen, wird er dann doch das sechste Bandmitglied. (Mehr zu Rammsteins Anfängen erfahrt ihr hier.)

Als Produzenten für Herzeleid hätten Rammstein gern Greg Hunter verpflichtet. Leider schläft Hunter, der schon mit Killing Joke und Paul McCartney gearbeitet hat, bei ein paar Proben, denen er beiwohnt, angeblich ein. So nimmt der Schwede Jacob Hellner auf dem Produzentenstuhl Platz. Er hatte etwa 1993 das Erfolgsalbum Deaf Dumb Blind der Rap-Metal-Pioniere Clawfinger betreut. In der Rückschau gut gewählt: Der Crossover der Skandinavier aus harten Metal-Gitarren mit Samples, Keyboards und Loops passt besser zu den Berlinern als Paul McCartney. Die von ABBA erbauten Polar Studios passen aber nicht: Nach einigen Tagen dort beschließen Rammstein, Herzeleid lieber in Jacob Hellners eigenen Räumlichkeiten aufzunehmen. Drei Wochen später haben sie die Platte im Kasten — nur der Mix gefällt der Band nicht, weshalb sie den Niederländer Ronald Prent nochmal an den Reglern drehen lässt. Als das Teil am 25. September 1995 auf dem Berliner Label Motor erscheint, ist Herzeleid also schon eine internationale Sache.

Kein Samba und keine Politik

Messerscharfe Gitarren und Keyboardteppiche, das Schlagzeug meist simpel im Viervierteltakt, dazu dieser debile Gesang und immer wieder Till Lindemanns gerolltes „R“: Herzeleid klingt eckig und kantig. Deutsche können angeblich keinen Samba, und hier bekommen sie auch keinen. Depeche Mode klingen durch, aber da fehlen im Vergleich die harten Gitarren. Laibach taugen als Vergleich: Auch die Slowenen spielen mit Klischees und Abwegigkeiten, agieren aber politischer als Rammstein.

Politik (beziehungsweise das kontroverse Spiel mit diesem schmutzigen Geschäft) kommt bei Rammstein erst später, auf Herzeleid findet sie nicht statt.  Stattdessen bricht der Irrsinn durch: „Der Wahnsinn ist eine schmale Brücke / Die Ufer sind Vernunft und Gier“ und dann „Oh, siehst du nicht, die Brücke brennt / Hör auf zu schreien und wehr dich nicht, weil sie sonst auseinander bricht“ heißt es auf Du riechst so gut. Insgesamt präsentieren sich Rammstein hier ziemlich roh und ungeschliffen.

Unkorrekte Seltsamkeiten

Während für manche ungewöhnliche Sexpraktiken im Opener Wollt ihr das Bett in Flammen sehen oder nekrophile Phantasien in Heirate Mich noch harmlos wirken, lässt eine Zeile wie „Du auf dem Schulhof, ich zum Töten bereit“ (Weißes Fleisch) wohl mindestens Eltern zittern. Provokation können Rammstein schon immer, politisch korrekt sind sie schon damals nicht. 

Das Lied Rammstein beschreibt die Katastrophe in der pfälzischen Stadt Ramstein (mit einem „m“), wo 1988 bei einer Luftfahrtshow ein Flugzeug in die Menschenmenge stürzt: „Rammstein, Fleischgeruch liegt in der Luft / Rammstein, ein Kind stirbt / Rammstein, die Sonne scheint.“ Puh, das sitzt. Generell benutzen die Berliner auf Herzeleid viele Metaphern, in Das alte Leid aber könnten sie nicht deutlicher werden, wenn Lindemann ekstatisch schreit: „Ich will ficken!“

Flake im Schlauchboot

Und dann kommt der Seemann: Balladesk an Anfang und Ende, apokalyptisch mittendrin. Ziemlich genau in der Mitte des Albums gewährt das Lied eine kleine Verschnaufpause mit dem zerbrechlich gesungenen „Komm in mein Boot / Die Sehnsucht wird der Steuermann.“ Bei Konzerten avanciert das Lied zum beliebten Teil der Show: Flake fährt dann mit einem Schlauchboot über die Menschenmenge. Obwohl er dies inzwischen auch bei anderen Songs tut und manchmal andere Bandmitglieder mit im Boot sitzen: Wenn Flake da allein im Gummiboot sitzt, sieht das genauso komisch und unbeholfen aus wie Seemann klingt. Großartig! 

Das verdammte Cover

Herzeleid lässt uns ratlos, beeindruckt und irritiert zurück. Und das nicht nur wegen der elf Lieder, sondern auch aufgrund der sonstigen Aufmachung: In der Mitte des Booklets findet sich die große orangefarbene Blüte, vor der die Bandmitglieder auf dem Frontcover stehen. Ebenso wie auf den Einzelfotos innen sind sie alle halb nackt. Auch wenn das zur Platte passt: Richard Kruspe hasst das Design: „Das verdammte Cover! Als wir das gesehen haben, sind wir ausgeflippt! Wir wirkten alle so… schwul. Alle bis zur Taille ausgezogen. Es war wie eine Werbung für einen schwulen Pornofilm.“

Rammstein halb nackt. Gefiel der Band schon bald nicht mehr. – Foto: Praler/Promo

Auch der Abdruck einiger Songtexte in Französisch statt auf Deutsch verwundert. Und warum steht eigentlich nirgendwo, welche Instrumente Till Lindemann, Richard Kruspe, Paul Landers, Oliver Riedel, Flake Lorenz und Christoph Schneider jeweils bedienen? Rammstein stecken von Anfang an viel Kritik ein: „Stampfender Proletenrock mit dumpfen Gewaltmetaphern“ schimpft Musikexpress/Sounds. Aber das kann Herzeleid nichts anhaben: Es erreicht zuerst Platz 99 der Charts, später geht es hoch bis auf Platz sechs.

David Lynch tanzt zu Rammstein

1996 dann verwendet David Lynch Rammstein und Heirate mich in seinem Film Lost Highway. Rammstein hatten ihm eine CD geschickt, weil sie Lynch gern als Regisseur ihres Videos gehabt hätten. Der macht aber keine Musikvideos, doch ihm gefallen die Songs so gut, dass er sie in seinem neuen Streifen nutzen will. Mehr noch: Seine Begeisterung geht wohl so weit, dass er die Schauspieler bei den Dreharbeiten zu Lost Highway zu Songs von Rammstein tanzen lässt, sagt Richard Kruspe auf YouTube. Später tanzen Rammstein dann zu David Lynch, als sie in ihr Video zu Rammstein Szenen aus Lost Highway einbauen.

Nina Hagen und der Seemann

Wo wir schon bei Videos sind: 2003 bringt Nina Hagen zusammen mit Apocalyptica eine Version von Seemann raus, und Flake zeigt sich geehrt: „Wenn eine Frau wie Nina ein Lied von uns spielt, ist das wie ein Orden, mehr wert als zehn Echos, Grammys und was die Geschäftswelt so bereithält.“

Orden, Echos, Grammys heimsen Rammstein in den folgenden Jahrzehnten zuhauf ein. Herzeleid steht am Anfang der Karriere einer Band, die aus Ostdeutschland kommt und sich anschickt, mit einem in Schweden produzierten, in Holland gemischten und in Berlin veröffentlichten Album den Stil der Neuen Deutschen Härte mit zu begründen. Einige Songs des Erstlingswerks stehen noch immer auf der Setlist ihrer Shows. Chapeau!

Zeitsprung: Am 16.9.2009 veröffentlichen Rammstein das Video zu „Pussy“ – als Porno.

 

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Zeitsprung: Am 29.1.1982 heiratet Stevie Nicks den Witwer ihrer besten Freundin.

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Foto: Ebet Roberts/Redferns/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 29.1.1982.

von Victoria Schaffrath und Christof Leim

Trauer lässt Menschen merkwürdige Dinge tun. Da bilden auch Rockstars keine Ausnahme: Am 29. Januar 1982 heiratet Stevie Nicks den Witwer ihrer kürzlich verschiedenen besten Freundin und sorgt für enorm hoch gezogene Augenbrauen. Als Teil der für Drogeneskapaden bekannten Band Fleetwood Mac gar nicht so einfach… 

Hört euch hier Bella Donna an, Stevies erstes Soloalbum von 1981: 

Nun ist es nicht gerade so, dass Stevie Nicks in ihrer Karriere keine Skandale vorweisen kann. Als Mitglied von Fleetwood Mac gibt sie laut eigenen Angaben zwischen 1977 und 1986 mehrere Millionen für Kokain aus, begibt sich in einen Beziehungsreigen mit Lindsey Buckingham, Mick Fleetwood und einem nicht geringen Anteil der Eagles und wechselt schließlich auf das Beruhigungsmittel Clonazepam.

Kosmisches Gleichgewicht

Währenddessen zeigt sich die ätherische Meisterin des Rock mitverantwortlich für Werke wie das Album Rumours von Fleetwood Mac, das das genannte Liebeswirrwarr schmerzhaft aufarbeitet, oder das zeitlose Landslide. Der Entzug gelingt ihr beide Male, viele Musikerinnen nennen sie heute als wichtigen Einfluss, und nebenher engagiert sich Nicks ehrenamtlich. Eigentlich hält sich in ihrem Kosmos also alles die Waage.

Doch 1982 gerät das Gleichgewicht ins Schwanken. Kurz nach der Veröffentlichung ihres Solodebüts Bella Donna erhält die Musikerin die traurige Nachricht, dass ihre beste Freundin Robin Anderson an Leukämie erkrankt ist und nur noch wenige Monate zu leben hat. Ein heftiger Schicksalsschlag für alle Beteiligten, der durch Andersons Schwangerschaft noch mehr Schwere erhält. Nicks, die zu diesem Zeitpunkt eigentlich nur noch benebelt durchs Leben schwebt, kann die Situation kaum ertragen: „Ich war so auf Koks. Ich trank auf dem Weg (ins Krankenhaus) eine halbe Flasche Brandy, weil ich es nicht aushalten konnte.“

Kurzschlussreaktion Ehe

Anderson bringt mit letzter Kraft ihren Sohn Matthew zur Welt, verstirbt jedoch nur drei Tage später. „Ich hatte diese verrückte, wahnsinnige Vorstellung, Robin würde wollen, dass ich mich um Matthew kümmere“, erinnert sich Nicks. Weit hergeholt erscheint das nicht, immerhin ernennt man sie zur Patentante. Ihre Interpretation der Aufgabe fällt jedoch etwas besorgniserregend aus: In ihrer Trauer überzeugt sie Andersons Witwer Kim, dass eine Hochzeit die beste Option darstelle. Drei Monate später findet die Eheschließung statt.

„Komplett irre“, weiß die Sängerin heute. „Wir steckten alle knietief in der Trauer, standen völlig neben uns. Die Familien waren außer sich, als sie davon erfuhren; für viele war das Blasphemie. Aber das war mir egal. Mir war nur Matthew wichtig.“ Nicks merkt jedoch recht schnell, dass ihr Urteilsvermögen gerade nicht den besten Job macht. Die seit jeher spirituelle Künstlerin betritt eines Tages das Zimmer des Jungen und spürt die Gegenwart der Verstorbenen: „Es war dunkel, und das Baby war sehr still. Robin wollte, dass das sofort endet. Das habe ich so deutlich gespürt wie eine Hand auf der Schulter.“

„Go your own way“

Keine drei Monate später beendet die „Reigning Queen of Rock and Roll“ die Ehe. Es bleibt ihre einzige: „Die zählt nicht.“ Um den kleinen Matthew aber kümmert sich Nicks wie versprochen. Zwar bleibt der Kontakt zunächst aus, später finanziert sie dem Jungen jedoch das College. Kosmisches Gleichgewicht, eben.

Zeitsprung: Am 18.1.1974 gehen falsche Fleetwood Mac auf Tour – ganz offiziell.

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Popkultur

Liebesbrief an London: Adeles Debüt „19“ wird 15 Jahre alt

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Adele
Foto: Dave Hogan/Getty Images

Vor 15 Jahren veröffentlicht eine sehr junge Sängerin namens Adele ihr erstes Album 19. Eine der größten Popkarrieren aller Zeiten beginnt in einem Londoner Kinderzimmer – und wird fast vom Alkohol im Keim erstickt.

von Björn Springorum

Hier könnt ihr 19 hören:

Adele Laurie Blue Adkins und London, das ist eine ganz besondere Beziehung. Sie wird 1988 in Tottenham geboren, wächst einige Jahre in Brighton auf und kehrt mit zehn nach London zurück. Erst wohnt sie mit ihrer Mutter in Brixton, später in West Nordwood südlich der Themse. Hier verbringt sie ihre Teenagerzeit, ein musikbegeistertes Mädchen mitten in der riesigen Metropole, die perfekte Kombi. Sie und London, das soll sich nie ändern, wenn es nach Adele geht.

Geschrieben in zehn Minuten

Als ihre Mutter ihr nahelegt, die Stadt für ein Studium zu verlassen, wirft sie das völlig aus der Bahn. Sie setzt sich hin – und schreibt binnen zehn Minuten Hometown Glory, ihren allerersten Song. Sie lässt alles raus, ihre Liebe zu dieser Stadt, ihre Angst, sie zu verlassen, die Diskussionen mit ihrer Mutter. „Meine Mom und ich konnten uns nicht einigen, wo ich studieren sollte“, erzählte Adele 2008 in einem Interview. „Sie wollte, dass ich nach Liverpool gehe, ich wollte aber in London bleiben. In gewisser Weise ist Hometown Glory eine Art Protestsong über die Erinnerungen – gute wie schlechte – an seine Heimat. Eine Ode an den Ort, an dem ich mein Leben verbracht habe.“

Die Auseinandersetzung mit ihrer Mutter ist ein Glücksfall. Es ist 2007, und der Name Adele spricht sich langsam in Londons Musikwelt herum. Erste Fernsehauftritte steigern den Hype, Singer/Songwriter Jamie T wird auf die junge Dame mit der großen Stimme aufmerksam, bringt ebenjene Ode Hometown Glory im Oktober 2007 in einer limitierten Vinyl-Fassung heraus. Dann geht alles ganz schnell: Aus ihrem Kinderzimmer im Haus der Mutter heraus bekommt Adele den ersten Brit Awards Critics’ Choice-Preis verliehen und wird zur größten Newcomerhoffnung 2008 deklariert.

Da sollte mal jemand so was von Recht behalten: Zwei Wochen vor ihrem Debüt erscheint die Single Chasing Pavements. Die klettert bis auf Platz zwei der Charts und leitet eine neue Ära in der britischen Popmusik ein: Mit 19 erscheint am 28. Januar 2008 eines der wichtigsten und besten Debüts in der Musikgeschichte Großbritanniens. Der Hype ist mittlerweile im ganzen Land greifbar, die Hauptstadt verkündet die Ankunft eines neuen Megastars mit eigenem Kopf und starker Meinung.

„Ich wurde in dieser Zeit zur Frau“

19, benannt nach dem Alter, in dem sie die meisten Songs schrieb, wird zum Instant-Klassiker. Ihre Mischung aus Jazz, Soul und Pop ist feinfühlig und warm, ihre volle, durchdringende Stimme thront über allem, singt die Konkurrenz mühelos an die Wand und erzählt in melancholietrunkener Zerbrechlichkeit von gebrochenen Herzen, Heimweh und großen Träumen.

Zum Titel sagt sie: „Mir ist nichts Besseres eingefallen! Ich finde die Titel von Debütalben extrem wichtig, die besten sind für mich Debut von Björn und Miseducation von Lauryn Hill. Dieses Album repräsentiert mein Alter, mein Leben zu dieser Zeit. Ich war erst 19, als ich es schrieb, und wurde in dieser Zeit zur Frau. Das findet sich in den Songs wieder.“ Mehr noch: Die Art und Weise, wie sie die Vokale in die Länge zieht, markiert einen neuen Stil in der britischen Popmusik. „Adele hat das Potential, zu einer der angesehensten und inspirierendsten Künstler*innen ihrer Generation zu werden“, urteilt Billboard und reiht Adele aus dem Stand zwischen Amy Winehouse und Duffy ein.

Toxische Beziehung und zu viel Alkohol

Mit Amy Winehouse teilt sie anfangs nicht nur die starke Stimme und den Erfolg: Adele trinkt. Viel. Im Mai 2008 soll sie auf ihre erste große Tournee gehen, der Fokus liegt klar auf der Eroberung des US-Marktes. Das passt ihr nicht: Sie hat starkes Heimweh und steigt nicht gern in Flugzeuge. Wegen ihres damaligen Freundes sagt sie sogar einige US-Termine ab, nach Ansicht vieler der Todesstoß für jede Form von Karriere in den geheiligten Poplanden USA. Trifft auf sie natürlich nicht zu, gut steht es damals dennoch nicht um sie. „Ich nenne diese Zeit meine E.L.C., meine Early Life Crisis“, sagte sie dem Nylon Magazine mal. „Ich trank viel zu viel, was gleichzeitig das Fundament meiner Beziehung zu diesem Jungen war. Ich konnte nicht ohne ihn sein, also sagte ich diese Konzerte einfach ab. Kaum zu glauben, dass ich das wirklich getan habe. Es ist so undankbar.“

Im November 2008 trennt sie sich von ihm und zieht aus ihrem Kinderzimmer aus. Sie lässt sich in Notting Hill nieder, wo sie sich gleich wieder an die Musik macht, und gibt den Alkohol auf. „Diese Beziehung hat mein zweites Album praktisch von selbst geschrieben, also war es das am Ende alles wert“, meinte sie mal trocken. Zunächst segelt sie aber noch mit 19 auf den Wellen des Erfolgs: Anfang 2009 gibt es Gold dafür, bis zum Sommer 2009 hat sich das Album weltweit mehr als zwei Millionen Mal verkauft, auch den Grammy für den Best New Artist gibt es für sie.

Sogar das Dylan-Cover gelingt ihr

Nicht übel für eine Sängerin, die, wie sie selbst sagt, „keinerlei Pläne“ für dieses Album hat. „Ich weiß ja nicht mal, welche Art von Künstlerin ich sein will“, sagte sie 2009. „Ich schrieb das Album ja nur, um eine Trennung zu verarbeiten und all die Musik zu spielen, die ich selbst gern höre: Pop, etwas Elektro, Jazz, Folk und natürlich Soul. Ich wollte aber nie ein White Soul Girl sein. Das Album kam ganz natürlich und organisch zusammen.“ Stimmt: Sogar mit ihrem Cover von Bob Dylans Make You Feel My Love kommt sie durch und liefert ein Debüt, auf dem jeder Song sitzt.

Das wirklich Erstaunliche ist ja aber: Bei allem Hype und Erfolg ist 19 doch nur ein Vorgeschmack auf das, was Adele zwei Jahre später mit 21 lostreten wird.

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Adeles „30“: Von Trennungsschmerz, Selbsterkenntnis und Neuanfängen

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Popkultur

Zeitsprung: Am 28.1.1970 fällt Jimi Hendrix’ Band Of Gypsys krachend auseinander.

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Foto: Hendrix im Madison Square Garden 1970/ Bild: Fred W. McDarrah/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 28.1.1970.

von Christof Leim

„That’s what happens when earth fucks with space. Never forget that.“ So kommentiert Jimi Hendrix einen katastrophalen Gig im Madison Square Garden am 28. Januar 1970, der nach anderthalb Songs bereits endet. Es sollte die letzte Show der Band Of Gypsys werden…

Hier könnt ihr euch die Band Of Gypsys live anhören:

Mit der Band Of Gypsys geht es verheißungsvoll los: Nach dem Zusammenbrechen der Jimi Hendrix Experience umgibt sich der Gitarrenmeister mit neuen Musikern und spielt einen legendären Auftritt in Woodstock. Die neue Gruppierung nennt er „Gypsy Sun And Rainbows“ und erklärt von der Bühne: „It’s nothing but a band of gypsys.“ Mehr „Hippie“ geht fast nicht.

Pflichtarbeit

In Folgezeit kehrt er mit Bassist Billy Cox und Schlagzeuger Buddy Miles wieder zum Trioformat zurück und erforscht neue musikalische Sphären. Vor allem R&B und Funk halten Einzug. Zum Jahreswechsel 1969/1970 nehmen die drei im Fillmore East in New York City ein Livealbum auf, das den Titel Band Of Gypsys trägt. Oft wird auch dieses Line-up so bezeichnet. Wie viel echtes Herzblut Jimi in dieses Projekt steckt, weiß man nicht so genau. Ein Teil der Motivation kommt aus vertraglichen Verpflichtungen, ein neues Album abzuliefern, wie der Künstler später bereitwillig erklärt.

Cover

Ein dritter Auftritt findet schließlich am 28. Januar 1970 im großen und altehrwürdigen Madison Square Garden statt. Hier spielt die Band Of Gypsys beim Winter Festival For Peace, einer Benefizveranstaltung zugunsten von Antikriegsinitiativen. Mit zum Aufgebot des auf fünf Stunden angelegten Abends gehören unter anderem Harry Belafonte, Blood Sweet & Tears und Dave Brubeck. Anscheinend läuft es mit dem Zeitplan nicht so rund, denn Hendrix, Cox und Miles gehen erst kurz nach drei Uhr morgens auf Bühne. 

Ein Debakel

Der Auftritt wird eine Katastrophe: Das Trio stolpert uninspiriert durch zwei Songs (Who Knows und Earth Blues), vor allem Hendrix selbst scheint nicht er selbst zu sein. Als eine Zuschauerin nach Foxy Lady verlangt, gibt er einen rüden Kommentar ab, und während Earth Blues erklärt er den Anwesenden: „That’s what happens when earth fucks with space“, auf Deutsch: „Das passiert, wenn die Erde mit dem Weltraum fickt.“ (Nein, wir verstehen das auch nicht.) Schließlich setzt er sich auf den Drumriser und weigert sich weiterzuspielen. Irgendwann stöpselt er sein Instrument aus und verschwindet ganz. 

Was war denn da los? Gitarrenkollege Johnny Winter hat Hendrix vor der Show getroffen und berichtet später: „Er kam mit gesenktem Kopf rein, hat sich alleine auf die Couch gesetzt und seinen Kopf in seine Hände gelegt. Bis zur Show hat er sich nicht bewegt.“ Es kursiert die Theorie, dass Manager Michael Jeffrey seinem Künstler einen schlechten LSD-Trip untergeschoben haben soll, um die Band Of Gypsys zu sabotieren, auf dass die erfolgreichere Experience wieder zusammenkomme. Das Kamerateam, dass Jeffrey für den Abend engagiert hat, spricht allerdings eine andere Sprache. Zudem scheint es unwahrscheinlich, dass er seinen Künstler vor großer Kulisse und versammelter Presse so blamieren möchte. Dass Jimi an diesem Abend (mehr als sonst) unter Drogen steht – wissentlich, unwissentlich oder beides – kann man jedoch nicht ausschließen. Für die Band Of Gypsys bedeutet dieses Desaster sofort im Anschluss das Ende: Manager Jeffrey feuert Schlagzeuger Miles, Bassist Cox quittiert seinen Dienst.

Aber: Er freut sich.

Damit scheint es dem Protagonisten allerdings gut zu gehen. Unmittelbar nach dem Gig sieht Produzent Alan Douglas ihn in seiner Garderobe: „Er saß da, spielte Gitarre und lächelte.“ Wenige Tage später erzählt Hendrix dem Rolling Stone: „Ich denke, die Show im Madison Square Garden ist wie das Ende eines großen, langen Märchens. Ich hätte mir kein besseres Ende ausdenken können. Es hat sich da viel in meinem Kopf geändert. Ich konnte das gar nicht genau sagen, ich war sehr müde. Ich habe da den größten inneren Kampf meines Lebens ausgefochten.“ Bereits im Februar kommt die Jimi Hendrix Experience wieder zusammen (mit Billy Cox statt Noel Redding), im September ist der große Künstler schon tot. Aber das sind mal wieder andere Geschichten.

Zeitsprung: Am 20.2.1959 spielt Jimi Hendrix seinen ersten Gig – und fliegt raus.

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