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Popkultur

Zeitsprung: Am 25.9.1995 erscheint „Herzeleid“ von Rammstein. Ein wahnsinniges Debüt.

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Foto: Cover

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 25.9.1995."

von Christian Böhm und Christof Leim

Gewalt, Sex, Provokation: Als Rammstein am 25. September 1995 ihren Erstling Herzeleid rausbringen, legen sie damit die Grundlagen des erfolgreichen Theaters, das sie in den folgenden Jahrzehnten auf Bühnen und Tonträgern veranstalten. Schon damals schwanken die Reaktionen zwischen Faszination und Abneigung — und das soll so bleiben.

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Hier kannst du Herzeleid hören: 

Eine wüste Mischung schlägt einem entgegen, wenn man Rammsteins Debüt zum ersten Mal anhört: Textlich ein wilder Mix aus Wahnsinn, Trieb und Lust. Musikalisch irgendetwas zwischen Metal, Elektronik und gerolltem „R“. Aggressiv und schräg, abartig, aber doch schön. Und mittendrin: Eine Ballade.

Lauter Wahnsinn, Liebeskummer und Trieb

Herzeleid, was ist das eigentlich? Laut Wikipedia: „Veralteter Begriff für den Gemütszustand psychischen oder seelischen Schmerzes. Siehe auch ‚Liebeskummer’.“ Und: „Kann auch zu schweren körperlichen oder psychischen Erkrankungen, Suizid oder Mord führen.“ Als Rammsteins Gitarrist Richard Kruspe an Songs des Albums schreibt, hat er zwar ein gebrochenes Herz (dies sagt er später im Interview), doch ebnet es in seinem Fall den Weg zum Erfolg.

Wer brennt für das Projekt?

Rammstein – ein Mensch brennt“ heißt es in Rammstein, dem letzten Lied des Albums. Aber nicht alle am Album Beteiligten legen ihre Hände im Vorfeld für die Band ins Feuer: Keyboarder Christian „Flake“ Lorenz will erst gar nicht einsteigen, weil ihm die Musik „zu doof, zu stumpf, zu langweilig“ erscheint. Nachdem Flake die Band überredet, statt in Englisch auf Deutsch zu singen, wird er dann doch das sechste Bandmitglied. (Mehr zu Rammsteins Anfängen erfahrt ihr hier.)

Als Produzenten für Herzeleid hätten Rammstein gern Greg Hunter verpflichtet. Leider schläft Hunter, der schon mit Killing Joke und Paul McCartney gearbeitet hat, bei ein paar Proben, denen er beiwohnt, angeblich ein. So nimmt der Schwede Jacob Hellner auf dem Produzentenstuhl Platz. Er hatte etwa 1993 das Erfolgsalbum Deaf Dumb Blind der Rap-Metal-Pioniere Clawfinger betreut. In der Rückschau gut gewählt: Der Crossover der Skandinavier aus harten Metal-Gitarren mit Samples, Keyboards und Loops passt besser zu den Berlinern als Paul McCartney. Die von ABBA erbauten Polar Studios passen aber nicht: Nach einigen Tagen dort beschließen Rammstein, Herzeleid lieber in Jacob Hellners eigenen Räumlichkeiten aufzunehmen. Drei Wochen später haben sie die Platte im Kasten — nur der Mix gefällt der Band nicht, weshalb sie den Niederländer Ronald Prent nochmal an den Reglern drehen lässt. Als das Teil am 25. September 1995 auf dem Berliner Label Motor erscheint, ist Herzeleid also schon eine internationale Sache.

Kein Samba und keine Politik

Messerscharfe Gitarren und Keyboardteppiche, das Schlagzeug meist simpel im Viervierteltakt, dazu dieser debile Gesang und immer wieder Till Lindemanns gerolltes „R“: Herzeleid klingt eckig und kantig. Deutsche können angeblich keinen Samba, und hier bekommen sie auch keinen. Depeche Mode klingen durch, aber da fehlen im Vergleich die harten Gitarren. Laibach taugen als Vergleich: Auch die Slowenen spielen mit Klischees und Abwegigkeiten, agieren aber politischer als Rammstein.

Politik (beziehungsweise das kontroverse Spiel mit diesem schmutzigen Geschäft) kommt bei Rammstein erst später, auf Herzeleid findet sie nicht statt.  Stattdessen bricht der Irrsinn durch: „Der Wahnsinn ist eine schmale Brücke / Die Ufer sind Vernunft und Gier“ und dann „Oh, siehst du nicht, die Brücke brennt / Hör auf zu schreien und wehr dich nicht, weil sie sonst auseinander bricht“ heißt es auf Du riechst so gut. Insgesamt präsentieren sich Rammstein hier ziemlich roh und ungeschliffen.

Unkorrekte Seltsamkeiten

Während für manche ungewöhnliche Sexpraktiken im Opener Wollt ihr das Bett in Flammen sehen oder nekrophile Phantasien in Heirate Mich noch harmlos wirken, lässt eine Zeile wie „Du auf dem Schulhof, ich zum Töten bereit“ (Weißes Fleisch) wohl mindestens Eltern zittern. Provokation können Rammstein schon immer, politisch korrekt sind sie schon damals nicht. 

Das Lied Rammstein beschreibt die Katastrophe in der pfälzischen Stadt Ramstein (mit einem „m“), wo 1988 bei einer Luftfahrtshow ein Flugzeug in die Menschenmenge stürzt: „Rammstein, Fleischgeruch liegt in der Luft / Rammstein, ein Kind stirbt / Rammstein, die Sonne scheint.“ Puh, das sitzt. Generell benutzen die Berliner auf Herzeleid viele Metaphern, in Das alte Leid aber könnten sie nicht deutlicher werden, wenn Lindemann ekstatisch schreit: „Ich will ficken!“

Flake im Schlauchboot

Und dann kommt der Seemann: Balladesk an Anfang und Ende, apokalyptisch mittendrin. Ziemlich genau in der Mitte des Albums gewährt das Lied eine kleine Verschnaufpause mit dem zerbrechlich gesungenen „Komm in mein Boot / Die Sehnsucht wird der Steuermann.“ Bei Konzerten avanciert das Lied zum beliebten Teil der Show: Flake fährt dann mit einem Schlauchboot über die Menschenmenge. Obwohl er dies inzwischen auch bei anderen Songs tut und manchmal andere Bandmitglieder mit im Boot sitzen: Wenn Flake da allein im Gummiboot sitzt, sieht das genauso komisch und unbeholfen aus wie Seemann klingt. Großartig! 

Das verdammte Cover

Herzeleid lässt uns ratlos, beeindruckt und irritiert zurück. Und das nicht nur wegen der elf Lieder, sondern auch aufgrund der sonstigen Aufmachung: In der Mitte des Booklets findet sich die große orangefarbene Blüte, vor der die Bandmitglieder auf dem Frontcover stehen. Ebenso wie auf den Einzelfotos innen sind sie alle halb nackt. Auch wenn das zur Platte passt: Richard Kruspe hasst das Design: „Das verdammte Cover! Als wir das gesehen haben, sind wir ausgeflippt! Wir wirkten alle so… schwul. Alle bis zur Taille ausgezogen. Es war wie eine Werbung für einen schwulen Pornofilm.“

Rammstein halb nackt. Gefiel der Band schon bald nicht mehr. – Foto: Praler/Promo

Auch der Abdruck einiger Songtexte in Französisch statt auf Deutsch verwundert. Und warum steht eigentlich nirgendwo, welche Instrumente Till Lindemann, Richard Kruspe, Paul Landers, Oliver Riedel, Flake Lorenz und Christoph Schneider jeweils bedienen? Rammstein stecken von Anfang an viel Kritik ein: „Stampfender Proletenrock mit dumpfen Gewaltmetaphern“ schimpft Musikexpress/Sounds. Aber das kann Herzeleid nichts anhaben: Es erreicht zuerst Platz 99 der Charts, später geht es hoch bis auf Platz sechs.

David Lynch tanzt zu Rammstein

1996 dann verwendet David Lynch Rammstein und Heirate mich in seinem Film Lost Highway. Rammstein hatten ihm eine CD geschickt, weil sie Lynch gern als Regisseur ihres Videos gehabt hätten. Der macht aber keine Musikvideos, doch ihm gefallen die Songs so gut, dass er sie in seinem neuen Streifen nutzen will. Mehr noch: Seine Begeisterung geht wohl so weit, dass er die Schauspieler bei den Dreharbeiten zu Lost Highway zu Songs von Rammstein tanzen lässt, sagt Richard Kruspe auf YouTube. Später tanzen Rammstein dann zu David Lynch, als sie in ihr Video zu Rammstein Szenen aus Lost Highway einbauen.

Nina Hagen und der Seemann

Wo wir schon bei Videos sind: 2003 bringt Nina Hagen zusammen mit Apocalyptica eine Version von Seemann raus, und Flake zeigt sich geehrt: „Wenn eine Frau wie Nina ein Lied von uns spielt, ist das wie ein Orden, mehr wert als zehn Echos, Grammys und was die Geschäftswelt so bereithält.“

Orden, Echos, Grammys heimsen Rammstein in den folgenden Jahrzehnten zuhauf ein. Herzeleid steht am Anfang der Karriere einer Band, die aus Ostdeutschland kommt und sich anschickt, mit einem in Schweden produzierten, in Holland gemischten und in Berlin veröffentlichten Album den Stil der Neuen Deutschen Härte mit zu begründen. Einige Songs des Erstlingswerks stehen noch immer auf der Setlist ihrer Shows. Chapeau!

Zeitsprung: Am 16.9.2009 veröffentlichen Rammstein das Video zu „Pussy“ – als Porno.

 

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Popkultur

Ohrfeigen, Improvisation & die Hells Angels: 6 Anekdoten, die nur aus dem Leben von Janis Joplin stammen können

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Janis Joplin

Janis Joplin stach schon von Anfang an heraus: Ihre verklemmte texanische Heimatstadt ließ sie mit 17 hinter sich, um in Los Angeles in Kneipen und Bars aufzutreten. Ihre monströse Reibeisenstimme machte aus jedem simpel gestrickten Blues-Stück einen ikonischen Soundtrack der Flower-Power-Zeit und ihr ungebremst hemmungsloses Leben erzählt legendäre Geschichten – bis zum tragischen, viel zu frühen Ende.

von Timo Diers

Nicht alle dieser Geschichten sind groß oder besonders lang. Aber so verrückt, dass sie nur von ihr stammen können. Sechs solcher typischen Janis-Joplin-Momente haben wir hier für euch aufgeschrieben.

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Hört hier in die Greatest Hits von Janis Joplin rein:

1. Sie schlug Jim Morrison eine Whiskeyflasche über den Kopf.

Joplins Vorliebe für Southern Comfort sollte hinlänglich bekannt sein – davon könnte wahrscheinlich auch Jim Morrison berichten, der die junge Sängerin bei einer Party in Hidden Hills, Kalifornien kennenlernte. Wie für Morrison üblich, betrank er sich und verwandelte sich von einem charmanten jungen Mann in einen ungehobelten Raufbold. Die beiden verstanden sich zunächst gut. Doch irgendwann war Joplin von Morrisons Art so dermaßen genervt, dass sie die Party frühzeitig verlassen wollte. Aber der Doors-Sänger war hartnäckig und wollte sie am Wegfahren hindern – da zog sie ihm kurzerhand eine Whiskeyflasche über den Kopf.

2. Sie sprang bei Tina Turner auf die Bühne und gab ein Impromptu-Duett.

Als Janis Joplin in der Dick Cavett Show nach ihren Lieblingskünstlern gefragt wurde, war die Antwort eindeutig: „Tina Turner – die beste Braut aller Zeiten!“ Und das war noch bevor Tina Turner auch nur in die Nähe des Popstar-Daseins kam. Als Ike & Tina Turner 1969 für die Rolling Stones im Madison Square Garden eröffneten, stand Joplin zunächst am Bühnenrand und beobachtete die Show. Sie war flammender Fan von Tina. Als dann Land Of 1000 Dances angestimmt wurde, sprang sie für ein spontanes Duett auf die Bühne. Leider gibt es von dem Auftritt nur einige wenige Fotos.

3. Sie gab Jerry Lee Lewis eine saftige Ohrfeige.

Das letzte Mal, dass Laura Joplin ihre große Schwester sah, war 1970. Damals kam Janis zurück nach Texas, um bei ihrem 10-jährigen High-School-Jubiläum dabei zu sein. In derselben Nacht nahm sie ihre Schwester mit zu einem Jerry-Lee-Lewis-Konzert. Als sie ihn später Backstage trafen, sagte er zu Laura: „Du würdest gar nicht mal so schlecht aussehen, wenn du nicht versuchen würdest, wie deine Schwester zu sein.“ Janis konterte nicht, sondern scheuerte ihm direkt eine.

4. Sie improvisierte einen ihrer größten Hits.

„Oh Lord won’t you buy me a Mercedes Benz?“ Ihre Stimme ist rau, ganz nah am Mikrofon, kein anderes Instrument begleitet sie. Mercedes Benz geht keine zwei Minuten – ist eigentlich das genaue Gegenteil eines Rock-Hits. Und doch ist es einer ihrer bekanntesten Songs. Co-Writer Bob Neuwirth erinnert sich:

„Früher haben wir auf diesen fetten 16-Zoll-Bandmaschinen aufgenommen. Aber Paul Rothchild, der Produzent, ließ immer eine kleine Zwei-Spur-Bandmaschine mitlaufen, falls jemand eine gute Idee hatte und etwas improvisiert. An einem Tag sind die großen Bandmaschinen kaputtgegangen und wir mussten warten, bis wir mit den Aufnahmen weitermachen konnten. Um die Stimmung etwas zu entspannen, sagte Janis ‚Habt ihr schon meinen neuen Hit gehört?’ und improvisierte einfach Mercedes Benz.“

So wurde einer ihrer größten Songs auf einer kleinen Zwei-Spur-Bandmaschine aufgenommen. An dem Tag bekam Neuwirth einen Einblick in Janis’ einzigartige Persönlichkeit: „Diese pure Kraft und das Charisma machen den Song so besonders – dieses Kichern am Ende. Das ist so Janis!“

5. Sie brachte die Hells Angels dazu, für sie einkaufen zu gehen.

Es klingt nach einer ungewöhnlichen Kombination, aber Janis Joplin war gut mit den Hells Angels befreundet. Sie stand zeitweise sogar unter persönlichem Schutz der Rockergang. Eines Nachts wurden Joplin und ihr Freund David Niehaus von Geräuschen im Wohnzimmer ihres Hauses in Marine County wach. Einbrecher? So ungefähr. Fünf Hells Angels waren grade dabei, Joplins Kühlschrank nach etwas Essbaren zu durchwühlen. Und als der schmächtige Niehaus nicht so recht wusste, wie er den bewaffneten Rockern beibringen sollte, doch bitte wieder zu gehen, nahm Joplin die Sache selbst in die Hand. Sie machte die Fünf so dermaßen zur Schnecke, dass sie ein paar Nächte später wiederkamen – dieses Mal beladen mit Einkäufen, um den Kühlschrank wieder aufzufüllen.

6. Sie schmiss selbst postum noch eine Party für ihre Freunde.

Als Janis Joplin am 4. Oktober 1970 von ihrem Road Manager John Cooke tot aufgefunden wurde, stand die Musikwelt unter Schock. Sie war erst 27 Jahre alt, doch einen letzten Willen hatte sie schon verfasst. Darin war auch vermerkt, dass 2500 Dollar aus ihrem Vermögen für eine Party mit ihren Freunden eingesetzt werden sollen – als „ein letztes Zeichen der Wertschätzung und des Abschieds“. Also organisierte John Cooke eben diese Party als Totenwache im The Lion’s Share, einem Musikclub in San Anselmo, Kalifornien. Auf der Einladung hieß es, die Getränke gingen auf Pearl. So wurde Joplin von ihren Freunden genannt.

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Zeitsprung: Am 4.10.1970 stirbt Hippie-Ikone Janis Joplin.

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Zeitsprung: Am 19.1.1949 kommt Robert Palmer zur Welt.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 19.1.1949.

von Timon Menge und Christof Leim

Robert Palmer gehört zu den unterschätzten Personen der Rockgeschichte. Von 1974 bis 2003 veröffentlicht er (mehr oder weniger) starke Alben, beweist ein besonderes Gespür für Coversongs und gewinnt zahlreiche Preise, unter anderem einen Grammy. Hits wie Bad Case Of Loving You und Addicted To Love kennt jeder. Am 19. Januar hätte der 2003 verstorbene Musiker seinen Geburtstag gefeiert.

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Hört hier in die besten Songs von Robert Palmer rein:

Klickt auf „Listen“ für die vollständigen Stücke.

Kindheit und Jugend

Robert Palmer kommt 19. Januar 1949 in Batley zur Welt. Noch im selben Jahr zieht die Familie nach Scarborough, sein Vater arbeitet als britischer Offizier in Malta. Die Musik entdeckt Palmer bereits in jungen Jahren, er hört unter anderem Blues, Jazz und Soul im American Forces Radio — Einflüsse, die ihn sein Leben lang begleiten. Schnell greift er selbst zur Gitarre, außerdem trommelt er die ersten Takte auf dem Schlagzeug. Mit 15 tritt der junge Musiker The Mandrakes bei, im Alter von 20 Jahren kündigt er seinen Job als Grafikdesigner und zieht mit Sack und Pack nach London, um die dortige Künstlerszene zu erobern.




Die Siebziger

Nach kurzen Mitgliedschaften in den Jazzgruppen The Alan Bown Set und Dada gründet Palmer im Jahr 1971 die Band Vinegar Joe, mit der er drei Alben einspielt. 1974 gehen die Musiker getrennte Wege, Palmer orientiert sich in Richtung Solokarriere. Sein Debüt Sneakin’ Sally Thru The Alley erscheint noch im selben Jahr, doch der Brite trifft nicht den richtigen Nerv: Das Blues-/Funk-Album erregt keine große Aufmerksamkeit und bleibt in den meisten Plattenregalen liegen.



Er beschließt, nach New York zu ziehen, doch sein zweites Soloalbum Pressure Drop (1975) floppt ebenfalls. Mit Album Nummer drei, Some People Can Do What They Like (1976), stellen sich erste kleine Erfolge ein. Erneut siedelt Palmer um, diesmal auf die Bahamas. Keine schlechte Wahl, offensichtlich auch in musikalischer Hinsicht: Nach einem Umweg über die Veröffentlichung der Soul- und Disco-beeinflussten Rockplatte Double Fun (1978) landet er 1979 seinen ersten Hit mit dem Moon Martin-Cover Bad Case Of Loving You. Zu finden ist der Song auf dem Album Secrets (1979), für das Palmer erstmals eine eigene Band zusammenstellt. Die Scheibe markiert seinen Durchbruch in den USA.



Die Achtziger

Das Jahr 1980 verschafft ihm auch den europäischen Durchbruch, zeitgleich entdeckt Palmer die New Wave. Das verstärkt mit Synthesizern arbeitende Clues stürmt die Top Ten in Frankreich und Deutschland; in Schweden reicht es sogar zu Platz eins. Der Song Looking For Clues erklimmt Platz drei der deutschen Charts, die spätere EP-Veröffentlichung seiner Coverversion von Some Guys Have All The Luck funktioniert ebenfalls. Seine nächste Platte Pride (1983) orientiert sich an ähnlichen Einflüssen, lässt qualitativ aber ein wenig nach.



1984 gründet er die Supergroup The Power Station gemeinsam mit John und Andy Taylor von Duran Duran sowie Tony Thompson von Chic. Seine Solokarriere hängt Palmer vorerst an den Nagel, aber schon eine erfolgreiche Veröffentlichung und eine gemeinsame TV-Performance später verlässt er die Band wieder und bringt mit Riptide (1985) sein erfolgreichstes Album auf den Markt, das zudem einen seiner größten Hits enthält. So belegt Addicted To Love drei Wochen lang Platz eins der US-Charts und verschafft ihm sogar eine Grammy-Nominierung. 1988 landet auch Rockröhre Tina Turner einen Treffer mit dem Song.



1987 verschlägt es den Briten nach Lugano (Schweiz), wo er sich ein eigenes Tonstudio aufbaut. Er schreibt die Filmmusik für Sweet Lies (1988), zusätzlich nimmt er die Arbeit an seinem etwas härteren Erfolgsalbum Heavy Nova (1988) auf. Der Hit Simply Irresistible verschafft ihm erneut eine Grammy-Nominierung, diesmal erhält er auch die Auszeichnung.


Die Neunziger

Zu Beginn des neuen Jahrzehnts singt Palmer seinen nächsten Langspieler Don’t Explain (1990) ein, das auch den Song I’ll Be Your Baby Tonight enthält, eine Kollaboration mit der Reggae-Gruppe UB 40. 1992 veröffentlicht er Ridin’ High und lässt eine Menge Jazz in seine Musik einfließen — leider nicht zur Freude seiner Anhänger. Generell gestaltet sich das Verhältnis zwischen Palmer und seinen Fans in den kommenden Jahren schwierig. Er weigert sich, im Rahmen seiner Konzerte ältere Songs zu spielen und stößt seine Anhänger damit vor den Kopf. Seine nächste Veröffentlichung Honey (1994) verkauft sich nicht unterirdisch, kann aber bei weitem nicht an vergangene Erfolge anknüpfen.



1996 reanimiert er die Gruppe The Power Station, mit Living In Fear veröffentlicht die Band ohne großen Erfolg ein Reunionalbum. Gegen Ende des Jahrzehnts wird es ruhig um den britischen Musiker. Sein vorletztes Werk Rhythm & Blues (1998) kommt schlechter an als beinahe alle seine Veröffentlichungen der vergangenen Jahrzehnte.



Sein letztes Album

Am 12. Mai 2003 erscheint mit Drive der letzte Eintrag in der Diskografie von Robert Palmer. Statt eigenes Material zu schreiben, covert er Songs von J. B. Lenoir, Keb’ Mo’, ZZ Top und Elvis Presley. Die Platte verschafft ihm gute Rezensionen und ein wenig Aufwind, verkauft sich allerdings erneut eher schlecht als recht. Am 26. September desselben Jahres stirbt Palmer in Paris überraschend an einem Herzinfarkt. Er wurde nur 54 Jahre alt. Von 1970 bis 1993 war er mit seiner Frau Sue verheiratet, das Paar hat zwei Kinder.


Zeitsprung: Am 24.10.2013 gibt Tina Turner ihren US-Pass ab.

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Zeitsprung: Am 18.1.1974 gehen falsche Fleetwood Mac auf Tour – ganz offiziell.

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"Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 18.1.1974.

von Christof Leim

Im Januar 1974 spielen Fleetwood Mac Konzerte in den USA. Das wäre eigentlich ein Grund zur Freude für Classic Rock-Fans, doch leider steht da niemand auf der Bühne, der auf den aktuellen Platten oder den letzten Touren gespielt hat. Anders formuliert: Nur der Name Fleetwood Mac geht auf Tour, die Band blöderweise nicht. Das finden Besucher und Veranstalter natürlich befremdlich, zumal sie das oft erst am Showtag erfahren. Was ist da passiert und wer steckt hinter den „Fakewood Mac“?

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Hört hier in die damals aktuelle Platte Mystery To Me rein:

Klickt auf „Listen“ für das volle Programm.

Wer sich Anfang 1974 ein Konzertticket für Fleetwood Mac kauft, der erwartet auf der Bühne die Musiker der gerade neuen Platte Mystery To Me: Schlagzeuger Mick Fleetwood und Bassist John McVie zum Beispiel, dazu Sängerin Christine McVie und die Gitarristen Bob Welch und Bob Weston. Doch schon bei der ersten Show der Tour am 18. Januar 1974 ist keine einzige Person dieses Line-ups anwesend. Niemand. Stattdessen spielen fünf Unbekannte Fleetwood Mac-Songs.

Da muss also etwas vorgefallen sein. In einem Artikel des Rolling Stone von damals erzählt der Manager Clifford Davis: „Ich habe mich entschieden, etwas an der Band zu ändern, insbesondere auf der Bühne. Und das habe ich getan. Ich war immer schon der Anführer, der entscheidet, wer mitspielt und wer nicht.“ Eine krasse Ansage, aber Davis geht noch weiter: „Ich möchte endlich den Eindruck zerstreuen, dass dies Mick Fleetwoods Band ist. Diese Band war immer schon meine Band.“

Die echte Band Ende 1973: Welch, Fleetwood, McVie, McVie (v.l.) – Pic: Promo

Doch wie kommt der Mann dazu? In jenen Jahren verlieren Fleetwood Mac ständig ihre Gitarristen: Danny Kirwan fliegt 1972 raus, was den Abbruch einer Tour bedeutet. Im Herbst 1973 wird dann Bob Weston gefeuert, weil Drummer Mick kann es nicht länger mit ansehen, dass sein Kollege ein Verhältnis mit seiner Frau Jenny hat und damit auch in der Öffentlichkeit nicht hinter dem Berg hält. Autsch. Damit endet auch die erste Tour zu Mystery To Me vorzeitig. Dem Manager passt das gar nicht, angeblich nennt er das „unprofessionell“. Als die Musiker dann sogar eine Pause einlegen wollen, in der Mick sich um seine unvermeidliche Scheidung kümmern muss, stellt er kurzerhand eine Ersatztruppe zusammen und schickt sie in den USA auf die Straße.

Das Ersatzaufgebot besteht aus Musikern der Band Legs, die eine Single unter der Ägide des Managers veröffentlicht hatte: Sänger Elmer Gantry, Gitarrist Kirby Gregory, Bassist Paul Martinez und  Pianist John Wilkinson. „Ich habe mich aber entschieden, Mick zu behalten“, erklärt Davis im Rolling Stone. Allerdings habe der kurzfristig wegen privater Probleme wieder zurück nach England fliegen müssen. Also setzt sich Craig Collinge hinter das Schlagzeug.

Der erste Auftritt findet statt in Pittsburgh am 18. Januar 1974. Wenig überraschend gibt es dort umgehend Streit mit dem Veranstalter, und auch die Fans sind nicht erbaut. Deshalb muss Davis von nun an jeden Abend auf der Bühne verkünden, dass ganz neue Musiker spielen werden und Mick Fleetwood selbst, so ein Ärger, es leider nicht geschafft habe. Gut kommt das nicht an, doch es wird noch schlimmer: Eine Woche später rollt der Tross nach New York, wo 30 Minuten vor der Show feststeht, dass Elmer Gantry nicht singen können wird. „Das ist mir noch nie passiert“, röchelt er gegenüber dem Rolling Stone. Dummerweise hat sich ausgerechnet für diesen Abend die versammelte Musikpresse angekündigt. Noch doofer allerdings: Niemand sagt den Veranstaltern rechtzeitig Bescheid. Die hätten mit ein wenig mehr Vorlauf die Sause noch absagen können, jetzt aber stehen nach den Vorgruppen Kiss und Silverhead 3.400 Fans in der Halle und warten. Also fällt die Entscheidung, die „Band“ ohne Frontmann auf die Bühne zu schicken. Nach einer halben Stunde Boogie-Jam machen 800 Fans von dem Angebot Gebrauch, ihr Geld zurückzubekommen…

Das kann alles nicht lange gut gehen. Es gibt sogar die Geschichte, dass der langjährige Tourmanager John Courage irgendwann das Equipment versteckt und so dafür sorgt, dass die Konzertreise unter falscher Flagge gestört und abgebrochen wird. Kein Wunder also, dass der Spuk der„Fakewood Mac“ ziemlich schnell wieder vorbei ist und Clifford Davis mit Anlauf gefeuert wird. Ein unvermeidbares gerichtliches Nachspiel klärt zwar die Namensrechte eindeutig zu Gunsten der echten Fleetwood Mac, doch es bremst die Band mehrere Monate aus.

Die Musiker der Zweitbesetzung kehren zurück nach England und gründen die Band Stretch, die im November 1975 einen Hit landet mit dem Song Why Did You Do It?. Dessen Text kann mal an als klassisches Beziehungsdrama lesen, aber die meisten Kommentatoren sehen hier eine direkte Attacke auf Mick Fleetwood – weil der sich schließlich von der unglücklichen Tour zurückgezogen habe (was der weiterhin dementiert). Fleetwood Mac verstärken sich indes mit dem Gitarristen Lindsey Buckingham und der Sängerin Stevie Nicks und gehen in den Folgejahren durch die Decke. Der Rest ist Geschichte…



Titelfoto: Michael Putland/Getty Images

Zeitsprung: Am 11.7.1975 starten Fleetwood Mac ihrem gleichnamigen Album durch.

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