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Popkultur

Das Ende der Unschuld: Die Geschichte von „Hotel California“

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Eagles
Foto: RB/Redferns/Getty Images

Der berühmteste Song der Eagles wurde ähnlich ausufernd interpretiert wie die Bibel. Das Lied erzählt eine mythische Geschichte von den Schattenseiten des Ruhms, inszeniert unter den zwielichtigen Palmen Hollywoods in einem weltberühmten Hotel.

von Björn Springorum

Hört hier das Album Hotel California:

Der Mythos Kalifornien wirkt bis heute. Glamour und Untergang, Dekadenz und Sucht gehen in Los Angeles Hand in Hand, in den Bergen über der Stadt werden Träume geboren und Albträume erschaffen. Mittendrin in dieser Halbwelt: die Eagles. Niemand von ihnen kommt aus Los Angeles, sie kommen aus Texas, Nebraska oder Michigan, angelockt vom Sirenenruf der Westküste, wo sich Los Angeles nach dem Ende der Hippie-Ära endgültig zur Kabbala der Rockmusik entwickelt.

Peyote in der Wüste

Irgendwann kreuzen sich die Wege von Glenn Frey, Don Henley, Bernie Leadon und Randy Meisner in Aspen, Colorado. Nach kurzen Aufenthalten in anderen Bands merken sie schnell, dass das hier was Besonderes ist. 1971 ist das. Einen kurzen Peyote-Trip in der Mojave-Wüste später steht auch der Name Eagles, schon im darauffolgenden Jahr beginnt ihr Triumphzug mit dem Debüt Eagles, unvergessen eröffnet von Take It Easy.

Die Jahre vergehen, die Eagles werden Weltstars. 1974 spielen sie vor 300.000 Menschen beim California Jam Festival, ihr erstes Best-Of-Album The Greatest Hits (1971 – 1975) ist in den USA das bestverkaufte Album des 20. Jahrhunderts. Was soll da noch groß kommen? Zunächst mal Kokain. Gewaltige Berge von Kokain, die in den Nasen der Band verschwinden und die Unbeschwertheit der ersten Jahre verwischen. Den Country der frühen Werke nehmen sie gleich mit.

Der Mythos Beverly Hills Hotel

Bald nach One Of These Nights (1975) macht sich die Band an die Arbeiten zu einem Nachfolger und verliert sich in Drogen und Ausschweifungen. Es geht nur mühsam voran, die Musiker sind müde von den Touren und dem exzessiven Lebensstil. Verkatert, delirierend von kiloweise Kokain verliert sich die Band in ihrer Besessenheit von Hotels. Besonders fasziniert ist Don Henley vom weltberühmten Beverly Hills Hotel. „Für mich war das ein Ort des Mysteriums und der Romantik“, erzählte er Cameron Crowe. „Wir fuhren herum, besuchten Hotels, gingen in die Wüste. Wir sammelten Ideen.“ Sehr früh war klar, dass Hotel California von einem kunstvollen Bild des Beverly Hills Hotel geziert werden muss, geschossen kurz vor Sonnenaufgang von einem Kranwagen.

Songs von der dunklen Seite

Was sie auf ihren Reisen durch die Schattenseite der Glitzermetropole erleben, weckt die Inspiration. Die Eagles tauchen ab in die Unterwelt, in die Alleen der geplatzten Träume, gebrochenen Herzen und Abhängigkeiten. Leichen im Pool, gescheiterte Karrieren, der Wind, der durch die Palmen weht. „Wir wollten Songs von der dunklen Seite schreiben“, sagte Glenn Frey mal. „Die Kehrseite von Ruhm, Liebe und Geld.“

Eagles Hotel California Cover

Für die Eagles, die alle nicht aus Los Angeles stammen, ist die Stadt selbst 1976 noch ein mythischer Ort voller Geheimnisse und Verlockungen, denen man nicht widerstehen kann. Auch wenn man schon vorher weiß, dass man es bereuen wird. „Los Angeles war das Ende der Unschuld für uns“, so Henley. Und Hotel California ist der Soundtrack dazu. Der Song beginnt auf dem Highway, ein nächtlicher Roadtrip durch Amerikas gewaltige Weite. Für die Eagles äußerst biografisch. „Wenn du noch nie in Los Angeles warst und nachts auf die Stadt zufährst, siehst du dieses Glimmen an einem Horizont voller Lichter und dein Kopf ist sofort voller Bilder“, so Frey. Von Hollywood und deinen eigenen Träumen, von den Hoffnungen und Ambitionen Millionen verlorener Seelen.

Untergang mit Drink und Zigarette

In Hotel California folgen wir einem Protagonisten, der müde ist von einer langen Fahrt durch die Wüste und den erstbesten Ort für ein paar Stunden Schlaf ansteuert. Er wird in eine seltsame Welt voller Freaks geworfen, in ein Netz, wie er feststellt, aus dem er nie wieder entkommen wird. Ist es ein Hotel, eine Mission, ein Bordell gar? Er weiß es nicht. Er weiß nur, dass er von einer mysteriösen Figur hereingelockt wurde. Die Mystery-Serie Twilight Zone fungierte als Vorbild für einen Song, der wie ein Film wirken sollte. Ein Stück Musik, das beschäftigen soll, verstören soll, das Gefühl transportieren soll, durch Wände beobachtet zu werden. All das mit einem Drink und einer Zigarette in der Hand. Das hier ist immer noch Hollywood.

Der Song verfehlt seine Wirkung nicht: Sechs Minuten und 30 Sekunden lang verzaubern uns die Eagles, nehmen uns mit in ihr gruseliges Hotel, das von den Geistern der Vergangenheit und den geplatzten Träume der Gäste bevölkert ist. Der Song beginnt mit einer der berühmtesten musikalischen Signaturen aller Zeiten, die lange Coda am Ende wurde von den Leser*innen der Zeitschrift Guitarist 1998 zum besten Gitarrensolo aller Zeiten gewählt. Begonnen, wie so oft, als Instrumental-Demo von Don Felder, startete Hotel California seinen steinigen Weg unter dem Arbeitstitel Mexican Reggae. „Don begann die Nummer in seinem kleinen Studio“, berichtete Henley vor einigen Jahren. „Meine Melodien fügte ich im Auto hinzu. Den Rest machte ich im Studio. Ich verbrachte eine Menge Zeit dort im Bademantel, sang, spielte Schlagzeug und trank Gin.“

Hymne an den Niedergang

Als sie Los Angeles dann gegen Miami eintauschten, weil Produzent Bill Szymczyk Angst vor Erdbeben hat, passiert die Katastrophe: Niemand von den Eagles kann sich an Felders zwölfsaitiges Intro erinnern! Voller Panik ruft Felder seine Haushälterin in Los Angeles an und lässt sie solange durch die Tapes in seinem Studio wühlen, bis sie ihm das Demo über das Telefon vorspielen kann. Die Musikwelt verdankt dieser Haushälterin also einen der schönsten Einstiege in einen Rock-Song überhaupt.

Was bleibt, ist eine Anekdote, wie Black Sabbath das Studio nach den Eagles verwendeten und erst mal ein Pfund Kokain von der Konsole wischen mussten. Was bleibt, ist aber natürlich vor allem ein Song, der nach Ansicht vieler Leute von Teufelsanbetung handelt, mindestens jedoch von Heroin. Beides nicht unwahrscheinlich in Los Angeles. Nach Ansicht der Eagles aber doch übertrieben: Hotel California ist eine Hymne an den Niedergang, an die gebrochenen Träumer und verlorenen Seelen, die von Los Angeles geschluckt und ausgespuckt werden. So wirkmächtig, so geheimnisvoll und so tief im amerikanischen Mythos sind die Eagles nie wieder.

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Zeitsprung: Am 29.7.2015 steht Glenn Frey zum letzten Mal mit den Eagles auf der Bühne.

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