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Popkultur

Interview: Andy Scott von The Sweet: “Wir waren keine dressierte Boygroup”

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Andy Scott

Ballroom Blitz, Fox On The Run, Blockbuster: Mit Hits wie diesen hat die britische Band The Sweet seit den Siebzigern Millionen Platten verkauft. Zwar änderte sich die Besetzung der Gruppe in den vergangenen Jahrzehnten mehrfach, ständiges Mitglied blieb aber Gitarrist Andy Scott. Der 69-Jährige tourt auch jetzt wieder mit der Band durch Deutschland. uDiscover sprach mit dem legendären Musiker über fünf Jahrzehnte Rockkarriere, wilde Zeiten, gesundheitliche Rückschläge und einzigartige Frisuren."

von Andrea Hömke

Hört hier die besten Sweet-Songs während ihr weiterlest:


Mr. Scott, im Juni werden Sie 70 Jahre alt und feiern das mit einem Konzert in ihrer Heimat Nordwales. Können Sie sich auch vorstellen, irgendwann keine Musik mehr zu machen?

Andy Scott: „Ich habe schon häufiger mit anderen Musikern darüber gesprochen. Es wird sicher nicht einfacher, ich will aber auch nichts anderes tun. Was wäre die Alternative? Angeln gehen etwa?“ (lacht) „Das ist zwar ganz nett, aber doch nicht jeden Tag! Allerdings hoffe ich auch, dass einer meiner engen Freunde irgendwann den Mut besitzt, mir zu sagen, wenn es Zeit zum Aufhören ist.“

Werden Sie auch weiterhin so viel touren?

„Das habe ich schon vor einiger Zeit etwas reduziert. Vor zehn Jahren wurde bei mir Prostatakrebs diagnostiziert, der erfolgreich behandelt wurde. Vor zwei Jahren hat mein Arzt allerdings wieder etwas in meinem Körper entdeckt. Ich hatte meinem Management da gerade mitgeteilt, dass ich lieber etwas weniger spielen möchte. Doch nun habe ich diese Geschichte auch erfolgreich bekämpft, und mir geht es gut. Deshalb habe ich meinem Agenten gesagt, dass ich wieder reisen will – auch nach Australien, vielleicht Japan. Wir werden sehen, was noch kommt.“

Bei Konzerten von The Sweet fällt auf, dass das Publikum unglaublich viel Spaß hat, die Musiker ebenso. Bei Rock Meets Classic etwa konnte man beobachten, dass Fans aus ihren Stühlen hüpfen, bevor die Band auch nur einen Ton gespielt hat…

„Ich habe immer gesagt und bleibe auch dabei, dass man nichts tun sollte, was keine Freude bringt. Es gibt so viele verschiedenen Jobs auf der Welt, die einem nicht das Gefühl geben, dass sie eben nur ein Job sind. Wenn ich auf die Bühne gehe, denke ich mir, es könnte das letzte Mal sein. Also lasst uns alle Spaß haben!“

The Sweet 2017 beim Festival am Brombachsee, Foto: Stefan Brending/Wiki Commons

War das bei Ihnen von Anfang an so?

„Am Anfang nicht. Damals waren wir einfach vier Freunde, die Musik machen wollten. Uns ging es weniger ums Geld als darum, mit unseren Songs Erfolg zu haben. Deshalb mussten wir zu Beginn in den sauren Apfel beißen und Lieder spielen, die für uns geschrieben wurden, uns selbst aber nicht so gefielen. Aber wir wussten, dass wir mit wachsendem Erfolg auch Stück für Stück unsere eigene Musik einbringen können würden. Und so passierte es dann ja auch. So haben wir uns über die letzten 50 Jahre eine feste Fangemeinde in aller Welt aufgebaut. Sie springen aus ihren Sitzen, tanzen, hüpfen, singen und feiern. Dafür bin ich extrem dankbar.“

Sie treten viel und oft in Deutschland auf. Gefallen Ihnen Land und Leute?

„Wenn es außer meiner Heimat England einen weiteren Staat gibt, zu dem ich eine riesengroße Affinität verspüre, dann ist das Deutschland. Wir kommen seit so langer Zeit gerne hierher, und ich würde sogar sagen, dass wir nirgendwo mehr Konzerte gespielt haben.“

Sprechen Sie denn auch ein wenig Deutsch?

„Sätze, die mir immer wieder einfallen, sind: ‚Kann ich ein Bier haben, bitte?‘ und ‚Spiegeleier mit Speck‘.“ (lacht)

Welche Region gefällt Ihnen ganz besonders?

„In den Siebzigern hielten wir uns am liebsten in West-Berlin auf. Die Stadt glich einem Land in einem Land, es fühlte sich überall so an, als wären die letzten Tage auf Erden angebrochen. Alles war 24 Stunden geöffnet, nichts machte jemals zu. Es gab zwar die Mauer, doch die Menschen lebten mit einer ‚Scheiß drauf‘-Einstellung. Als würden sie sagen: ‚Wir lassen uns das Leben nicht verbieten!‘ Das war sehr ansteckend, folglich wollten wir bei jeder Deutschlandtour mindestens einen freien Tag in Berlin haben.“

Drummer Mick Tucker, Sänger Brian Connolly, Bassist Steve Priest und Gitarrist Andy Scott (v.l.) von The Sweet – Pic: Promo

Und wie gefällt Ihnen das Berlin von heute?

„Es ist mir zu viel. Damals gab es keine Stadtmitte. Man durfte bis zum Reichstag und dem Brandenburger Tor laufen, danach war Schluss. Das Leben spielte sich vor allem rund um die Budapester Straße und den Zoo ab. Heute gibt es diese neue Mitte mit dem Potsdamer Platz, doch wenn man dort entlanggeht, weiß man nicht, ob man sich in New York, London oder sonstwo befindet. Es hat sich so viel verändert. Das Berlin von damals erkennt man erst wieder, wenn man die Straße des 17. Juni hinunterschaut. Im alten Westen entstehen jetzt Hochhäuser, und vielleicht macht es stadtplanerisch Sinn, in dieses Viertel zu investieren. Veränderung lässt sich schließlich nicht vermeiden. Sie ist nur eben nicht immer der beste Weg.

Sie haben zugegeben, früher einige Exzesse erlebt zu haben. So hörte man von Ihnen den schönen Satz: „Ich konnte nicht gleichzeitig Trinken und Drogen nehmen, also hieß es: entweder/oder.“ Gab es einen Punkt, an dem es bei Ihnen ‚Klick‘ gemacht hat und sie aufgehört haben?

„In der Band hat eigentlich keiner Drogen genommen, bis wir Mitte und Ende der Siebziger in Amerika getourt sind. Alkohol war ein viel größeres Problem, vor allem bei unserem Sänger Brian Connolly und Mick Tucker, dem Schlagzeuger. Beide sind ja auch schon lange tot. Ich gebe zu: Wir haben alle gern getrunken. In meinem Kopf gab es aber einen Notfallknopf, der irgendwann für einen Stopp gesorgt hat. Bei unserem Bassisten Stevie Priest lief das ähnlich. Schließlich wurde mir klar, dass es so nicht funktioniert: Man kann keine sechs Monate am Stück touren, dabei jeden Abend Drogen nehmen, saufen – und trotzdem auf der Bühne auch nur annähernd gute Arbeit abliefern. Deshalb wurde ich vorsichtig. Es wäre auch Wahnsinn zu glauben, mit Mitte 40 noch so unsterblich zu sein, wie man sich mit 25 fühlt. Es folgt unweigerlich die Einsicht, dass die Exzesse aufhören müssen, wenn man weiterleben will. Bei mir ist das vor über 20 Jahren passiert.“

The Sweet waren sehr erfolgreich und haben Millionen Platten verkauft. Trotzdem sagt man der Band nach, sie habe ihr volles Potenzial nicht ausgeschöpft, weil sie sich häufig daneben benommen hat. Würden Sie das so unterschreiben?

„Zum Teil schon.“ (lacht) „Wir waren eben keine dressierte Boygroup, die sich ausschließlich vorbildlich verhielt und stets die richtigen Freunde hatte. Aber was wir in den Siebzigern angestellt haben, unterschied sich nicht groß von dem Blödsinn, den Led Zeppelin, die Rolling Stones oder Deep Purple verzapft haben. Ja, wir hatten unsere Momente! Bei uns lag das Problem darin, dass irgendjemand gemerkt hat, dass sich mit Geschichten über The Sweet mehr Zeitungen verkaufen lassen. Heute würde ich diesem jemand gern sagen, dass er ein Arschloch war, haha. Aber ja, neben den guten Jungs muss es auch die bösen Jungs geben. So böse, wie viele glaubten, waren wir allerdings sicher nicht.“



Können Sie uns die eine Eskapade erzählen?

„Es gibt so viele. Aber einverstanden: Nach einem Konzert in Japan hatten wir noch Hunger. Dort finden die Shows immer sehr früh statt, also waren wir schon um halb zehn fertig, und uns wurde ein sehr gutes Restaurant empfohlen. Ich, Mick und unser Manager sind da hin, und es gab erstmal Sake. Mick begann schließlich mit der Bedienung im Geisha-Outfit zu flirten und dachte, dass sie auch an ihm interessiert sei. Er hat sie gefragt, ob sie mit ins Hotel kommen wolle. Ein absolute ‚No-Go‘ in Japan! Wir wurden daraufhin aus dem Laden geschmissen. Am Ausgang stand eine Vitrine mit frischem Fisch in der Auslage, und Mick hatte nichts Besseres zu tun, als sich einen Lachs zu schnappen – einen ganzen! Im Fahrstuhl gucke ich unseren Manager an, wir beide guckten Mick an mit seinem Lachs unter dem Arm und denken: ‚Das ist doch nicht dein Ernst’. Gleichzeitig hatten Restaurantmitarbeiter unsere Verfolgung aufgenommen und waren im zweiten Fahrstuhl ebenfalls auf dem Weg nach unten. Als wir im Erdgeschoss ankamen, legte Mick den Lachs vor die zweite Fahrstuhltür, wir liefen raus, brüllten nach einem Taxi, die Restaurantmitarbeiter rannten uns nach – und stolperten allesamt über den glitschigen Fisch. Das war schon lustig.

Ein anderes Mal haben wir – wie häufiger übrigens – in einem Schloss in England geprobt. Eines Morgens wachten wir alle gegen sechs Uhr auf, weil wir Schüsse gehört hatten. Ich wusste sofort, dass das Brian sein muss. Er hatte seine Waffe mitgebracht, hing tatsächlich aus dem Fenster und ballerte auf irgendwelche Vögel. Zwar hat er keinen getroffen, weil er zu betrunken war, die Tiere standen aber unter Artenschutz. Stevie und ich haben unseren Tourmanager aufgefordert, Brian die Waffe abzunehmen. Doch er wollte gar nicht erst in das Zimmer gehen. Als wir ihm erklärten, dass Brian uns möglicherweise erschießen würde, ihn aber sicher nicht, ist er doch gegangen und hat unserem Sänger die Waffe abgenommen. Es war das letzte Mal, dass wir in diesem Schloss proben durften.“

Hätten Sie heute einen Rat für ihr jüngeres Ich?

„Ach, an sowas glaube ich nicht. Man kann Dinge bereuen, sie aber nicht ungeschehen machen. Würde ich plötzlich im Film Zurück in die Zukunft aufwachen, würde ich meinem jüngeren Ich nur einen Heftchen mit allen Gewinnern der englischen Fußballliga geben und dazu noch 10 Pfund. Dann könnte er Jahr für Jahr auf den Sieger tippen und hätte im Alter keine Geldsorgen.“

Glam Rock, Make-up und extravagante Frisuren gehörten früher untrennbar zusammen. Sie haben auch heute noch eine besondere Haarpracht. Wie wichtig ist die Mähne im Rock-Zirkus?

„Schwierig zu sagen. Viele meiner Kollegen haben mittlerweile gar keine Haare mehr. Der Trend geht also eher Richtung Bond-Bösewicht. Aber The Sweet waren schon immer eine haarige Band, und das zu ändern wäre komisch. Sie kurz zu schneiden, kommt für mich also nicht in Frage. Früher habe ich allerdings auch noch versucht, sie zu färben. Mein Frisör meinte, das würde natürlich aussehen. Tat es nicht. Ich wirkte wie ein alter Typ, der unbedingt jung sein will. Deshalb habe ich beschlossen, das sein zu lassen. Als ich Krebs bekam, stand für mich sowieso fest, dass meine Haare ausfallen. Das blieb mir glücklicherweise erspart, ich habe sie von dem Moment an wachsen lassen. Und die Farbe ist, wie sie eben ist: weiß.“

Mir der Frisur werden Sie sicher auch einfacher erkannt.

„Ja, das stimmt schon. Wenn ich einen Raum betrete, denken die Leute entweder, dass Edgar Winter kommt oder Andy Scott. Unsere Fans erkennen mich natürlich überall.“

Andy Scott bei Rock Meets Classic 2019 – Pic: Rock & Royalty

Ihr früherer Bassist Stevie Priest tourt aktuell mit seiner eigenen Version von The Sweet durch die USA. Besteht die Chance, dass sie wieder gemeinsam auftreten?

„Man soll niemals nie sagen. Aber wir haben im letzten Jahr unser 50. Bandjubiläum gefeiert, und meiner Meinung nach wäre das eigentlich der geeignete Moment für eine gemeinsame Show gewesen. Stevie meldet sich immer mal wieder bei mir und fragt, wie es mir geht. Anfang letzten Jahres schrieb er sogar, dass sein neues Management ihm zu einer Wiedervereinigung geraten habe. Ich habe ihm erklärt, dass das Management keine Rolle spielt, sondern die Frage, ob er sich das auch vorstellen könne. Seitdem habe ich nichts mehr von ihm gehört. Vielleicht überlegt er noch.“

Was steht bei Ihnen nach dieser Tour an?

„Ich schreibe gerade Musik für ein noch geheimes Projekt. Außerdem werden The Sweet ein neues Album aufnehmen, und wir spielen im August auf dem größten Metal-Festival der Welt, dem Wacken Open Air. Danach kommt unsere bisher größte UK-Tour, und ich produziere noch eine neue Band. Es gibt viel zu tun.“



Titelfoto: Foto: Stefan Brending/WikiCommons

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Popkultur

30 Jahre Eurodance: Was haben wir uns dabei nur gedacht?

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DJ
Foto: Paula Bronstein/GettyImages

Aua, unsere Ohren: Vor 30 Jahren erobert mit Eurodance ein Genre die deutschen Charts, für das man sich schon 1992 hätte schämen müssen. Stattdessen werden jahrelang Hits am Fließband produziert und Millionen gescheffelt. Wie konnte das eigentlich passieren?

von Björn Springorum

Erklärungen, Leute, wir brauchen Erklärungen. Was da zwischen 1992 und 1996 die deutsche Popkultur und Chartlandschaft aufmischt, ist im Grunde nicht weniger als ein kollektives Trauma. Ein Unfall, bei dem man irgendwie doch nicht wegsehen kann. Eurodance kam, sah und siegte mit der ewig gleichen Formel aus billigsten Dance-Beats zwischen 120 und 140 BPM, weiblichen Soul-Vocals und unterirdischen Rap-Parts, natürlich rein männlicher Natur.

Die Erfinder des Eurodance sind Deutsche. Natürlich

Schuld ist, so muss man das in aller Härte formulieren, Rhythm Is A Dancer von Snap! Er steht im März 1992 am Anfang der Eurodance-Welle, er vereint erstmals all jene Insignien, die schon bald den Neunziger-Alltag bestimmen werden. Hinter Snap! verbergen sich die deutschen Produzenten  Michael Münzing und Luca Anzilotti. Die nennen sich aber lieber Benito Benites und John Virgo Garrett III (!) und begründen mit häufig wechselnden Sänger*innen den Eurodance-Trend, der uns so viel Fremdscham und Spott einbringen soll.

Den beiden bringt er aber natürlich vor allem eines ein: Kohle. Jede Menge Kohle. Allein Rhythm Is A Dancer geht in Deutschland, Großbritannien, Österreich und der Schweiz auf die Eins, selbst in den USA rückt der Song bis auf Rang fünf vor. Dafür gibt es reichlich Gold und Platin und bis heute eine dicke GEMA-Abrechnung. Gratis gibt es den zweifelhaften Ruf als Eurodance-Gründer. Aber bei einem dicken Bankkonto kann man damit sicherlich leben.

Weder Techno noch Rap

Der Weg ist danach zumindest frei für ein Heer an Epigonen, die alle in dieselbe Kerbe schlagen: It’s My Life von Dr. Alban, More And More vom Captain Hollywood Project oder Mr. Vain von Culture Beat folgen in rapider Sukzession und etablieren das Genre. Das nennt damals übrigens noch niemand Eurodance. Der Name rückt erst ins kollektive Bewusstsein, als der Schrecken schon vorbei ist.

Bis heute erschütternd ist der eklatante Sexismus im Eurodance: Die Rollenbilder stammen straight aus den Fünfzigern, die knapp bekleideten Damen säuseln im Refrain, während starke, muskelbepackte Testosteron-Hünen so tun, als hätten sie Sprachgefühl. Das hat bezeichnenderweise weder mit Techno noch mit Rap etwas zu tun – beides Subkulturphänomene der Achtziger. Aber vielleicht wird Eurodance ja deshalb zum Massenphänomen: Wo echter Techno, echter Rap für ein Mainstream-Publikum unerreichbar bleiben, gibt es die kommerzialisierte Billig-Fassung in jedem Werbespot und in jedem Fahrgeschäft auf dem Rummel. Musik wie diese musste einfach in Deutschland erfunden werden. Es dauert dann jedenfalls nicht mehr lang, bis man mit dem Begriff Kirmestechno im die Ecke kommt. Herrlich passend eigentlich.

Das Spiel ist aus

1996 ist der Spuk dann mehr oder weniger schlagartig wieder vorbei. Der Musiksender VIVA erkennt zunehmend spöttelnde Reaktionen auf neue Eurodance-Songs, die omnipräsente Verwendung auf Volksfesten erledigt den Rest: VIVA verzichtet weitgehend auf Eurodance im Programm, die Zahlen schießen ebenso schnell nach unten wie sie wenige Jahre zuvor nach oben gingen. Ruhe in 120 billigen BPM, Eurodance. Ausnahme ist natürlich DJ Bobo, der es mit Scharfsinn und Verstand geschafft hat, die kurze Welle zu überleben und immer noch erfolgreiche Tourneen spielt.

Das eigentlich Schlimme ist ja aber: Man kennt diese Songs alle noch. Fast 30 Jahre später haben sich die Melodien, Refrains und Claims dieser Retortenware immer noch erfolgreich in unsere Hirne eingebrannt, weigern sich hartnäckig, neue, gute Musik an ihre Synapsen zu lassen. Ob man es also will oder nicht: Eine Erfolgsgeschichte ist Eurodance schon. Nur eben eine mit besonders schlechtem Geschmack. Aber wahrscheinlich bekommt jede Generation die Musik, die sie verdient.

Während also in Seattle Musikgeschichte geschrieben wurde, tanzte das immer noch frisch wiedervereinte Deutschland trunken vor Ekstase mit Neon-Klamotten lieber zu „Eins zwei Polizei“ von Mo-Do (RIP). Man darf sich dann manchmal eben doch nicht über die Wahrnehmung unseres Landes im Ausland wundern…

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Popkultur

Halbzeitbilanz: Die acht besten Alben von Januar bis Juni 2022

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Harry Styles
Foto: Dia Dipasupil/Getty Images

Halbzeitpfiff, die ersten sechs Monate des Jahres 2022 sind rum! Lasst uns also schauen, welche großartigen Platten seit Silvester erschienen sind. Ob übliche Verdächtige wie die Scorpions und Rammstein, neue Stars wie Harry Styles und Rosalía oder Geheimtipps wie Sarah Shook & The Disarmers: Das sind unsere acht Favoriten von Januar bis Juni 2022.

von Timon Menge

Hier könnt ihr euch unsere Favoriten von Januar bis Juni 2022 anhören:

1. Harry Styles – Harry’s House

Ihren wilden Anfang nahm die Karriere von Harry Styles ab 2010 in der britischen Boyband One Direction. Seit 2016 erobert der junge Sänger auch als Solokünstler den Planeten und wir lehnen uns nicht zu weit aus dem Fenster, wenn wir behaupten: Er ist einer der größten Popstars unserer Zeit. Schon mit seinen ersten beiden Alben Harry Styles (2017) und Fine Line (2019) landete er weltweit auf den Champions-League-Plätzen der Hitparaden. Mit seiner neuen Veröffentlichung Harry’s House untermauerte Styles endgültig seinen Status als lebende Legende und stürmte in mehr als 25 Ländern auf Platz eins der Albumcharts. Kein Wunder: Seine kreative Mischung aus Pop und Rock verbindet die Musikgeschichte mühelos mit der Moderne und bietet Anknüpfungspunkte für so ziemlich jede Generation.

2. Rosalía – Motomami

Den Flamenco auf unkitschige Art und Weise in die Popmusik des 21. Jahrhunderts zu retten, ist keine einfache Aufgabe. Dennoch meistert Rosalía aus Spanien genau diesen Spagat, staubt die Tradition ihres Landes kräftig ab und landet damit seit 2017 einen Hit nach dem anderen. Die Grundlage dafür ist zum einen ihre Ausbildung als professionelle Flamenco-Sängerin, zum anderen ihr Verständnis für modernere Einflüsse aus Pop und Rock. Zusätzlich bringt Rosalía mit ihrem großen Erfolg mächtig Schwung in die spanische Musikindustrie, setzt sich für Frauenrechte ein und verschafft der Kultur ihres Landes eine internationale Bühne. Mit Motomami gelang ihr nämlich zum ersten Mal auch in den USA der Sprung in die Charts, wo ihr drittes Album gleich auf Platz 33 kletterte. Kurz danach trat sie als erste spanische Solokünstlerin in der US-Sendung Saturday Night Live auf.

3. Eddie Vedder – Earthling

Dass Eddie Vedder auch solo zu überzeugen weiß, hat der Pearl-Jam-Frontmann bereits mit seinem Debüt Into The Wild bewiesen, dem Soundtrack für den gleichnamigen Film. Mit Earthling legte der Sänger im Februar 2022 seinen dritten Alleingang vor und zeigt sich darauf noch einmal von einer ganz anderen Seite. So lässt Vedder die Ukulele für Earthling mal im Schrank, probiert ansonsten aber so ziemlich alles aus, was die Rockmusik so hergibt. Ob Mundharmonika-Punk (Try), eine Kollaboration mit Elton John (Picture), straighte Rocker (Power Of Right) oder Heartland Rock, der auch Bruce Springsteen und Tom Petty gut zu Gesicht gestanden hätte (The Dark; Long Way): Vedder zeigt auf seinem dritten Solowerk zum ersten Mal, dass er die gesamte Palette des Rock und Pop beherrscht. Ein starkes Album!

4. Ghost – Impera

Wenn auf großen Metal-Festivals vom sogenannten „Headliner-Sterben“ die Rede ist, drängt sich automatisch die Frage nach den großen Rock- und Metal-Bands der Zukunft auf. Eine der Antworten: Ghost. Seit mehr als 15 Jahren wächst der Hype um die Schweden immer weiter und dafür gibt es reichlich gute Gründe. Da wäre zum Beispiel die faszinierende Bühnenshow der Gruppe um Mastermind Tobias Forge. Oder die fantasievollen, abwechslungsreichen und stets kreativen Alben der Band. „Mir ging es sehr gut, der Welt aber nicht“, beschreibt Forge die Impera-Schaffensphase im Interview mit uDiscover Music. „Und in meinem Augen spiegelt sich das auf der Platte wieder. Das Resultat sind 40 Minuten voll düsterem Rock, der sich um den Aufstieg und dem Fall von Imperien dreht.“

5. Rammstein – Zeit

In musikalischer Hinsicht schalten Rammstein auf ihrem achten Album zwar einen Gang zurück, doch inhaltlich geht es auf Zeit durchaus ans Eingemachte. So beschäftigt sich Frontmann Till Lindemann in seinen Texten nicht nur mit dem allgegenwärtigen Schönheitswahn und „dicken Titten“, sondern auch mit der eigenen Vergänglichkeit, unterschiedlichen Ängsten und mit anderen schweren Themen wie häuslicher Gewalt. Die besonders melancholischen Momente sind die, die am besten funktionieren. Dann, wenn sich Rammstein geradezu in Trance spielen und singen, und von den Uffta-Pflichtübungen absehen. Dass die Band auf Zeit ihr eigenes Ende besingt, glauben und hoffen wir nicht. Sollte dem aber aus irgendeinem Grund doch so sein, handelt es sich bei Rammsteins Achter um eine Platte, mit der man ruhigen Gewissens den Ruhestand einläuten kann.

6.Scorpions – Rock Believer

Wenn Deutschlands größte Rockband nach sieben Jahren ohne Studioveröffentlichung ein neues Album rausbringt, horchen die hiesigen Krachmusik-Jünger natürlich auf. Und die Wartezeit hat sich gelohnt: Auf ihrer 19. Platte feiern die Scorpions ihren Achtziger-Sound, packen das Ganze in ein modernes Gewand und liefern stolze 15 Songs für eure nächste Rock-Gartenparty ab. Eine richtige Zehn von Zehn verbirgt sich auf Rock Believer zwar nicht, doch der Titeltrack kommt der vollen Punktzahl schon verdächtig nahe. So oder so: Es besteht kein Zweifel daran, dass die Scorpions im Studio nichts von ihrer Qualität eingebüßt haben. Dass dabei nicht mehr das ganz große Feuerwerk abgefackelt wird, wie es in den Achtzigern der Fall war, ist nur logisch. Dafür sind die Scorpions heute so etwas wie der wohlig wärmende Kamin, um den sich Rockfans weltweit versammeln können.

7. Sarah Shook & The Disarmers – Nightroamer

In den Staaten erspielt sich Sarah Shook bereits seit einigen Jahren einen Namen in der Country-Szene; hierzulande dringt die junge Sängerin bisher etwas langsamer in die Musikwelt vor. Das könnte sich mit ihrem dritten Album ändern, denn auf Nightroamer lässt Shook mehr poppige Elemente in ihren Cowpunk einfließen, der mal energiegeladen und mal balladesk daherkommt. So schreckt sie weder davor zurück, mit der Ehrlichkeit des Outlaw Country aus ihrem nicht immer einfachen Leben zu erzählen, noch weigert sie sich, den Stallgeruch das traditionellen Country bisweilen auch mal abzuwaschen. Das äußert sich auch auf politischer Ebene, denn Shook macht keinen Hehl daraus, dass sie genderqueer und bisexuell ist und sich mit großem Engagement für die Belange der LGBTQIA+-Welt einsetzt.

8. Red Hot Chili Peppers – Unlimited Love

Nach fast 40 Jahren Bandgeschichte haben die Red Hot Chili Peppers ihren Sound längst gefunden. Das stellen die Kalifornier auch auf ihrem zwölften Album Unlimited Love unter Beweis, das zwar keine bahnbrechenden Neuigkeiten enthält und der Rockgeschichte sicher kein neues Kapitel hinzufügen wird, dafür aber den guten alten RHCP-Vibe zelebriert. Die Band klingt auf der Platte, wie zu ihren erfolgreichsten Zeiten, was unter anderem daran liegt, dass Gitarrengott John Frusciante wieder nach Hause gefunden hat. Selten war so deutlich, wie anders die Chili Peppers klingen, wenn er die Musik der Gruppe um seine Virtuosität an der Gitarre und sein einzigartiges Songwriting bereichert.

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Popkultur

Zeitsprung: Am 7.7.2000 spielen Metallica ohne James Hetfield. Also müssen andere singen.

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John Shearer/WireImage

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 7.7.2000.

von Christof Leim

Selbst den mächtigen „Papa Het“ erwischt es mal: Im Sommer 2000 muss Metallica-Frontmann James Hetfield verletzungsbedingt bei drei Shows aussetzen. Doch die Konzerte finden trotzdem statt: Jason Newsted, Korn, Kid Rock und System Of A Down helfen mit Brüllerei und Rhythmusgitarre.

Hört euch hier das damals aktuelle Reload an:

Ein neues Album gibt es Mitte 2000 nicht, als Metallica sich auf Summer Sanitarium-Tour begeben. Im Vorjahr erschien die Orchesterkollaboration S&M (1999), die letzte „richtige“ Studioplatte heißt Reload (1997). Wenige Monate vorher hatte es den Streit um Napster gegeben (heute wissen wir: Lars hatte völlig Recht), der große interne Knall – Stichworte: Jason raus , Streit, Entzug, St. Anger und Some Kind Of Monster – steht noch bevor. Also rollt die Metal-Maschine fröhlich durch die Welt, denn live sind Metallica immer eine Macht und vor allem ein Zuschauermagnet. Die auf 20 Shows angelegte Konzertreise führt durch riesige Stadien in den USA, als Begleitung sind angesagte Künstler der Jahrtausendwende dabei: System Of A Down, Korn, Powerman 5000 und Lars Ulrichs Kumpel Kid Rock.

Los geht es am 23. Juni 2000 in Seattle, doch während der kurzen Pause nach der fünften Show in Baltimore am 4. Juli verletzt sich Hetfield bei einem Unfall mit einem Jetski. Das Ergebnis: Bandscheibenvorfall. Damit ist der 36-Jährige für ein paar Tage raus. Nur: Die Show muss weitergehen. Sommer, Sonne, Thrash Metal, das war der Plan! Deshalb laden Lars Ulrich, Kirk Hammett und Jason Newsted die anderen Musiker der Tour auf die Bühne ein und erlauben sich großzügig ein paar Freiheiten mit der Setlist. Dafür halten die drei erstmal eine kleine Ansprache, bei der Newsted erklärt: “Hetfield ist der härteste Motherfucker, den ich kenne. Er sagt eine Show nur ab, wenn es wirklich nicht anders geht.”

Vor allem Jason zeigt, dass seine Brüllmonster-Backingvocals in der Not auch für die erste Stimme taugen, und singt gleich zu Anfang Creeping Death, For Whom The Bell Tolls und Seek And Destroy. Dabei helfen ihm Gitarrist Kenny Olson und Rapper Joe C. aus der Truppe von Kid Rock. Die Instrumente gehen dann an Korn, die das Cheech & Chong-Cover Earache My Eyes sowie ihr eigenes Counting zum Besten geben.

Mit Herrn Rock spielen Metallica dann Sad But True, das in sein American Bad Ass übergeht – ist ja der gleiche Song. Der Mann singt gleich noch Nothing Else Matters, das Creedence-Clearwater-Revial-Cover Fortunate Son und eine Nummer aus dem eigenen Katalog (Somebody‘s Gotta Feel This/Fist Of Rage). Damit sind schon mal zehn Songs durch. 

Jason übernimmt für Fuel, bei Turn The Page hilft ihm schon wieder Kid Rock. Bei Mastertarium (yep, ein Medley aus den beiden Hits von Master Of Puppets) mischen Gitarrist Daron Malakian und Sänger Serj Tankian von System Of A Down mit, für den Abschluss mit – natürlich – Enter Sandmanstehen dann mehr oder minder alle auf der Bühne. Fotos von der Sause gibt es hier, natürlich geistern jede Menge Bootlegs durch die Welt.

Damit haben die 44.000 Fans (95% ausverkauft) in Atlanta, Georgia eine ziemlich einmalige Show gesehen, Metallica konnten den Termin retten – und spielen am 5. und 6. August sogar noch zwei Wiedergutmachungskonzerte in der Stadt für alle, die ihr Ticket behalten haben. Auf ihrer Website schreibt die Band: „Make-up show featuring Special Guest James Hetfield“. Die nächsten beiden Juli-Termine in Sparta, Kentucky (8.7.) und Dallas, Texas (9.7.) muss der Frontmann übrigens ebenfalls aussetzen. Aber so langsam gewöhnen sich die Ersatzleute an den Job, die Setlist wird länger: Jonathan Davis singt noch bei One, Jason brüllt sich durch Whiplash. Auch in Texas und Kentucky gibt es später je zwei Nachholgigs.

Damit hat Lars die besten Fehlquote bei Metallica, denn er muss (Stand Juli 2022) nur ein einziges Mal aussetzen, nämlich am 6. Juni 2004. Die Geschichte dazu findet ihr hier.

Zeitsprung: Am 6.6.2004 spielen Metallica das einzige Mal ohne Lars.

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