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Popkultur

Interview: Andy Scott von The Sweet: “Wir waren keine dressierte Boygroup”

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Andy Scott

Ballroom Blitz, Fox On The Run, Blockbuster: Mit Hits wie diesen hat die britische Band The Sweet seit den Siebzigern Millionen Platten verkauft. Zwar änderte sich die Besetzung der Gruppe in den vergangenen Jahrzehnten mehrfach, ständiges Mitglied blieb aber Gitarrist Andy Scott. Der 69-Jährige tourt auch jetzt wieder mit der Band durch Deutschland. uDiscover sprach mit dem legendären Musiker über fünf Jahrzehnte Rockkarriere, wilde Zeiten, gesundheitliche Rückschläge und einzigartige Frisuren."

von Andrea Hömke

Hört hier die besten Sweet-Songs während ihr weiterlest:


Mr. Scott, im Juni werden Sie 70 Jahre alt und feiern das mit einem Konzert in ihrer Heimat Nordwales. Können Sie sich auch vorstellen, irgendwann keine Musik mehr zu machen?

Andy Scott: „Ich habe schon häufiger mit anderen Musikern darüber gesprochen. Es wird sicher nicht einfacher, ich will aber auch nichts anderes tun. Was wäre die Alternative? Angeln gehen etwa?“ (lacht) „Das ist zwar ganz nett, aber doch nicht jeden Tag! Allerdings hoffe ich auch, dass einer meiner engen Freunde irgendwann den Mut besitzt, mir zu sagen, wenn es Zeit zum Aufhören ist.“

Werden Sie auch weiterhin so viel touren?

„Das habe ich schon vor einiger Zeit etwas reduziert. Vor zehn Jahren wurde bei mir Prostatakrebs diagnostiziert, der erfolgreich behandelt wurde. Vor zwei Jahren hat mein Arzt allerdings wieder etwas in meinem Körper entdeckt. Ich hatte meinem Management da gerade mitgeteilt, dass ich lieber etwas weniger spielen möchte. Doch nun habe ich diese Geschichte auch erfolgreich bekämpft, und mir geht es gut. Deshalb habe ich meinem Agenten gesagt, dass ich wieder reisen will – auch nach Australien, vielleicht Japan. Wir werden sehen, was noch kommt.“

Bei Konzerten von The Sweet fällt auf, dass das Publikum unglaublich viel Spaß hat, die Musiker ebenso. Bei Rock Meets Classic etwa konnte man beobachten, dass Fans aus ihren Stühlen hüpfen, bevor die Band auch nur einen Ton gespielt hat…

„Ich habe immer gesagt und bleibe auch dabei, dass man nichts tun sollte, was keine Freude bringt. Es gibt so viele verschiedenen Jobs auf der Welt, die einem nicht das Gefühl geben, dass sie eben nur ein Job sind. Wenn ich auf die Bühne gehe, denke ich mir, es könnte das letzte Mal sein. Also lasst uns alle Spaß haben!“

The Sweet 2017 beim Festival am Brombachsee, Foto: Stefan Brending/Wiki Commons

War das bei Ihnen von Anfang an so?

„Am Anfang nicht. Damals waren wir einfach vier Freunde, die Musik machen wollten. Uns ging es weniger ums Geld als darum, mit unseren Songs Erfolg zu haben. Deshalb mussten wir zu Beginn in den sauren Apfel beißen und Lieder spielen, die für uns geschrieben wurden, uns selbst aber nicht so gefielen. Aber wir wussten, dass wir mit wachsendem Erfolg auch Stück für Stück unsere eigene Musik einbringen können würden. Und so passierte es dann ja auch. So haben wir uns über die letzten 50 Jahre eine feste Fangemeinde in aller Welt aufgebaut. Sie springen aus ihren Sitzen, tanzen, hüpfen, singen und feiern. Dafür bin ich extrem dankbar.“

Sie treten viel und oft in Deutschland auf. Gefallen Ihnen Land und Leute?

„Wenn es außer meiner Heimat England einen weiteren Staat gibt, zu dem ich eine riesengroße Affinität verspüre, dann ist das Deutschland. Wir kommen seit so langer Zeit gerne hierher, und ich würde sogar sagen, dass wir nirgendwo mehr Konzerte gespielt haben.“

Sprechen Sie denn auch ein wenig Deutsch?

„Sätze, die mir immer wieder einfallen, sind: ‚Kann ich ein Bier haben, bitte?‘ und ‚Spiegeleier mit Speck‘.“ (lacht)

Welche Region gefällt Ihnen ganz besonders?

„In den Siebzigern hielten wir uns am liebsten in West-Berlin auf. Die Stadt glich einem Land in einem Land, es fühlte sich überall so an, als wären die letzten Tage auf Erden angebrochen. Alles war 24 Stunden geöffnet, nichts machte jemals zu. Es gab zwar die Mauer, doch die Menschen lebten mit einer ‚Scheiß drauf‘-Einstellung. Als würden sie sagen: ‚Wir lassen uns das Leben nicht verbieten!‘ Das war sehr ansteckend, folglich wollten wir bei jeder Deutschlandtour mindestens einen freien Tag in Berlin haben.“

Drummer Mick Tucker, Sänger Brian Connolly, Bassist Steve Priest und Gitarrist Andy Scott (v.l.) von The Sweet – Pic: Promo

Und wie gefällt Ihnen das Berlin von heute?

„Es ist mir zu viel. Damals gab es keine Stadtmitte. Man durfte bis zum Reichstag und dem Brandenburger Tor laufen, danach war Schluss. Das Leben spielte sich vor allem rund um die Budapester Straße und den Zoo ab. Heute gibt es diese neue Mitte mit dem Potsdamer Platz, doch wenn man dort entlanggeht, weiß man nicht, ob man sich in New York, London oder sonstwo befindet. Es hat sich so viel verändert. Das Berlin von damals erkennt man erst wieder, wenn man die Straße des 17. Juni hinunterschaut. Im alten Westen entstehen jetzt Hochhäuser, und vielleicht macht es stadtplanerisch Sinn, in dieses Viertel zu investieren. Veränderung lässt sich schließlich nicht vermeiden. Sie ist nur eben nicht immer der beste Weg.

Sie haben zugegeben, früher einige Exzesse erlebt zu haben. So hörte man von Ihnen den schönen Satz: „Ich konnte nicht gleichzeitig Trinken und Drogen nehmen, also hieß es: entweder/oder.“ Gab es einen Punkt, an dem es bei Ihnen ‚Klick‘ gemacht hat und sie aufgehört haben?

„In der Band hat eigentlich keiner Drogen genommen, bis wir Mitte und Ende der Siebziger in Amerika getourt sind. Alkohol war ein viel größeres Problem, vor allem bei unserem Sänger Brian Connolly und Mick Tucker, dem Schlagzeuger. Beide sind ja auch schon lange tot. Ich gebe zu: Wir haben alle gern getrunken. In meinem Kopf gab es aber einen Notfallknopf, der irgendwann für einen Stopp gesorgt hat. Bei unserem Bassisten Stevie Priest lief das ähnlich. Schließlich wurde mir klar, dass es so nicht funktioniert: Man kann keine sechs Monate am Stück touren, dabei jeden Abend Drogen nehmen, saufen – und trotzdem auf der Bühne auch nur annähernd gute Arbeit abliefern. Deshalb wurde ich vorsichtig. Es wäre auch Wahnsinn zu glauben, mit Mitte 40 noch so unsterblich zu sein, wie man sich mit 25 fühlt. Es folgt unweigerlich die Einsicht, dass die Exzesse aufhören müssen, wenn man weiterleben will. Bei mir ist das vor über 20 Jahren passiert.“

The Sweet waren sehr erfolgreich und haben Millionen Platten verkauft. Trotzdem sagt man der Band nach, sie habe ihr volles Potenzial nicht ausgeschöpft, weil sie sich häufig daneben benommen hat. Würden Sie das so unterschreiben?

„Zum Teil schon.“ (lacht) „Wir waren eben keine dressierte Boygroup, die sich ausschließlich vorbildlich verhielt und stets die richtigen Freunde hatte. Aber was wir in den Siebzigern angestellt haben, unterschied sich nicht groß von dem Blödsinn, den Led Zeppelin, die Rolling Stones oder Deep Purple verzapft haben. Ja, wir hatten unsere Momente! Bei uns lag das Problem darin, dass irgendjemand gemerkt hat, dass sich mit Geschichten über The Sweet mehr Zeitungen verkaufen lassen. Heute würde ich diesem jemand gern sagen, dass er ein Arschloch war, haha. Aber ja, neben den guten Jungs muss es auch die bösen Jungs geben. So böse, wie viele glaubten, waren wir allerdings sicher nicht.“



Können Sie uns die eine Eskapade erzählen?

„Es gibt so viele. Aber einverstanden: Nach einem Konzert in Japan hatten wir noch Hunger. Dort finden die Shows immer sehr früh statt, also waren wir schon um halb zehn fertig, und uns wurde ein sehr gutes Restaurant empfohlen. Ich, Mick und unser Manager sind da hin, und es gab erstmal Sake. Mick begann schließlich mit der Bedienung im Geisha-Outfit zu flirten und dachte, dass sie auch an ihm interessiert sei. Er hat sie gefragt, ob sie mit ins Hotel kommen wolle. Ein absolute ‚No-Go‘ in Japan! Wir wurden daraufhin aus dem Laden geschmissen. Am Ausgang stand eine Vitrine mit frischem Fisch in der Auslage, und Mick hatte nichts Besseres zu tun, als sich einen Lachs zu schnappen – einen ganzen! Im Fahrstuhl gucke ich unseren Manager an, wir beide guckten Mick an mit seinem Lachs unter dem Arm und denken: ‚Das ist doch nicht dein Ernst’. Gleichzeitig hatten Restaurantmitarbeiter unsere Verfolgung aufgenommen und waren im zweiten Fahrstuhl ebenfalls auf dem Weg nach unten. Als wir im Erdgeschoss ankamen, legte Mick den Lachs vor die zweite Fahrstuhltür, wir liefen raus, brüllten nach einem Taxi, die Restaurantmitarbeiter rannten uns nach – und stolperten allesamt über den glitschigen Fisch. Das war schon lustig.

Ein anderes Mal haben wir – wie häufiger übrigens – in einem Schloss in England geprobt. Eines Morgens wachten wir alle gegen sechs Uhr auf, weil wir Schüsse gehört hatten. Ich wusste sofort, dass das Brian sein muss. Er hatte seine Waffe mitgebracht, hing tatsächlich aus dem Fenster und ballerte auf irgendwelche Vögel. Zwar hat er keinen getroffen, weil er zu betrunken war, die Tiere standen aber unter Artenschutz. Stevie und ich haben unseren Tourmanager aufgefordert, Brian die Waffe abzunehmen. Doch er wollte gar nicht erst in das Zimmer gehen. Als wir ihm erklärten, dass Brian uns möglicherweise erschießen würde, ihn aber sicher nicht, ist er doch gegangen und hat unserem Sänger die Waffe abgenommen. Es war das letzte Mal, dass wir in diesem Schloss proben durften.“

Hätten Sie heute einen Rat für ihr jüngeres Ich?

„Ach, an sowas glaube ich nicht. Man kann Dinge bereuen, sie aber nicht ungeschehen machen. Würde ich plötzlich im Film Zurück in die Zukunft aufwachen, würde ich meinem jüngeren Ich nur einen Heftchen mit allen Gewinnern der englischen Fußballliga geben und dazu noch 10 Pfund. Dann könnte er Jahr für Jahr auf den Sieger tippen und hätte im Alter keine Geldsorgen.“

Glam Rock, Make-up und extravagante Frisuren gehörten früher untrennbar zusammen. Sie haben auch heute noch eine besondere Haarpracht. Wie wichtig ist die Mähne im Rock-Zirkus?

„Schwierig zu sagen. Viele meiner Kollegen haben mittlerweile gar keine Haare mehr. Der Trend geht also eher Richtung Bond-Bösewicht. Aber The Sweet waren schon immer eine haarige Band, und das zu ändern wäre komisch. Sie kurz zu schneiden, kommt für mich also nicht in Frage. Früher habe ich allerdings auch noch versucht, sie zu färben. Mein Frisör meinte, das würde natürlich aussehen. Tat es nicht. Ich wirkte wie ein alter Typ, der unbedingt jung sein will. Deshalb habe ich beschlossen, das sein zu lassen. Als ich Krebs bekam, stand für mich sowieso fest, dass meine Haare ausfallen. Das blieb mir glücklicherweise erspart, ich habe sie von dem Moment an wachsen lassen. Und die Farbe ist, wie sie eben ist: weiß.“

Mir der Frisur werden Sie sicher auch einfacher erkannt.

„Ja, das stimmt schon. Wenn ich einen Raum betrete, denken die Leute entweder, dass Edgar Winter kommt oder Andy Scott. Unsere Fans erkennen mich natürlich überall.“

Andy Scott bei Rock Meets Classic 2019 – Pic: Rock & Royalty

Ihr früherer Bassist Stevie Priest tourt aktuell mit seiner eigenen Version von The Sweet durch die USA. Besteht die Chance, dass sie wieder gemeinsam auftreten?

„Man soll niemals nie sagen. Aber wir haben im letzten Jahr unser 50. Bandjubiläum gefeiert, und meiner Meinung nach wäre das eigentlich der geeignete Moment für eine gemeinsame Show gewesen. Stevie meldet sich immer mal wieder bei mir und fragt, wie es mir geht. Anfang letzten Jahres schrieb er sogar, dass sein neues Management ihm zu einer Wiedervereinigung geraten habe. Ich habe ihm erklärt, dass das Management keine Rolle spielt, sondern die Frage, ob er sich das auch vorstellen könne. Seitdem habe ich nichts mehr von ihm gehört. Vielleicht überlegt er noch.“

Was steht bei Ihnen nach dieser Tour an?

„Ich schreibe gerade Musik für ein noch geheimes Projekt. Außerdem werden The Sweet ein neues Album aufnehmen, und wir spielen im August auf dem größten Metal-Festival der Welt, dem Wacken Open Air. Danach kommt unsere bisher größte UK-Tour, und ich produziere noch eine neue Band. Es gibt viel zu tun.“



Titelfoto: Foto: Stefan Brending/WikiCommons

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Zeitsprung: Am 29.11.1974 wird es ungewöhnlich ernst auf „Slade In Flame“.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 29.11.1974.


von Timon Menge und Christof Leim

Als Slade die Arbeit an ihrem fünften Album aufnehmen, gehört ihnen die Welt. Na gut, Großbritannien. Gleich zwei Nummer-eins-Platten haben die Glam-Rocker dort hinter sich. Nun möchten sie vom Thron aus neue Wege einschlagen und beginnen mit der Arbeit an einem Film inklusive Soundtrack. Doch mit dem Ergebnis Slade In Flame stoßen sie ihre Fans gehörig vor den Kopf.

Hier könnt ihr euch Slade In Flame anhören: 

1974 befinden sich Slade auf dem Zenit ihrer Karriere. Mit Slayed? (1972) und Old New Borrowed And Blue (1974) haben die britischen Glam-Rocker zwei mehr als starke Alben im Rücken, nun soll nachgelegt werden. Wiederholen möchte sich die Gruppe nicht, sondern lieber etwas neues ausprobieren. Und genau deshalb entsteht das ambitionierte Film- und Soundtrackprojekt Slade In Flame.

Schluss mit Lustigsein

Der Vorschlag, sich mal an einem Film zu versuchen, kommt von Manager Chas Chandler. Slade finden die Idee super, möchten sich aber von ihrem fröhlichen Image entfernen. Stattdessen portraitieren die Musiker im Film den Aufstieg und Fall einer Gruppe namens „Flame“. Der Clou: Das Drehbuch basiert auf wahren Begebenheiten, die entweder Slade selbst oder Bands aus ihrem Umfeld in den Wirren des Musikgeschäfts tatsächlich passiert sind.

Slade 1974 von links nach rechts: Noddy Holder, Dave Hill, Don Powell und Jim Lea – Pic: Jorgen Angel/Redferns/Getty Images.

Um den Streifen entsprechend zu untermalen, setzen sich die beiden Hauptsongschreiber Noddy Holder (Gesang) und Jim Lea (Bass) direkt an den entsprechenden Soundtrack. Dafür wagen sie sich an neue Stile und orientieren sich stärker an den Sechzigern als üblich. Das passt, denn in jenem Jahrzehnt spielt auch der Film. Obwohl Slade auf Slade In Flame nicht unbedingt klingen wie sie selbst, erscheint der Soundtrack zunächst als fünftes Album der Gruppe.

Ist das jetzt zu düster?

Bereits die erste Single Far Far Away landet auf Platz zwei der UK-Charts. Mit dem Album gelingt anschließend Platz sechs. Kaum zu glauben, doch für Slade bedeutet das zu jener Zeit einen Misserfolg: Mit Slayed? und Old New Borrowed And Blue schaffte die Gruppe den Sprung auf die Pole Position der Hitparade.

Im Januar 1975 flimmert dann auch der dazugehörige Film über die britischen Leinwände. Der stößt damals auf gemischte Gefühle. Mit so viel Ernsthaftigkeit hatte niemand gerechnet, denn während der düsteren britischen Siebziger gelten Slade eher als Spaßmacher der Nation. Den Blick in tiefe Abgründe erwartet man von Noddy Holder und Co. nun wirklich nicht.

Nach Veröffentlichung des Films sinken die Verkaufszahlen der Glam-Rocker in den Keller. Der britische Komponist, Produzent, Jazzpianist und Autor Chris Ingham bringt es in den Liner-Notes zu Slade In Flame auf den Punkt: „Großbritanniens Liebesaffäre mit Slade endete mit Flame.“ Alben veröffentlicht die Gruppe zwar weiterhin, doch die großen Erfolge bleiben ab Mitte der Siebziger aus.

Zeitsprung: Am 15.2.1974 erscheint „Old New Borrowed And Blue“.

 

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Matt Cameron wird 60: 10 Dinge, die du über die Grunge-Legende noch nicht wusstest

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Matt Cameron
Foto: Lloyd Bishop/NBCU Photo Bank/NBCUniversal via Getty Images

Matt Cameron als Grunge-Legende zu bezeichnen, wäre einerseits eine Untertreibung, würde den wandlungsfähigen Musiker aber auch zu sehr auf ein Genre festnageln. Liest man aber die Namen jener Bands, bei denen er Mitglied ist oder war, stellt man schnell fest: Mehr Seattle-Legendenstatus geht schwer… und das, obwohl er gar nicht aus Seattle kommt. Er spielte bei Soundgarden, er war bei Temple Of The Dog und er ist immer noch Mitglied bei Pearl Jam. Cameron ist nicht nur Drummer, sondern auch Songschreiber und Multiinstrumentalist. Zu seinem 60. Geburtstag werfen wir einen Blick auf 10 Fakten aus seinem Leben.

von Markus Brandstetter

1. Er spielte in der 1978 erschienenen Horrorkomödie Attack of the Killer Tomatoes (deutscher Titel: Angriff der Killertomaten mit).

Im Film sang er sogar einen Song — und zwar das Stück Puberty Love. Cameron war damals 16 Jahre alt.

2. Er spielte als Teenager in einer KISS-Coverband.

Die hieß ebenfalls Kiss (kleingedruckt stand unter dem Namen „imitation“). Das Management der echten KISS fand das weniger lustig — und drohte der Gruppe mit einer Klage. Die Band löste sich daraufhin auf.

3. Sein Spitzname war Foo.

Das hat aber nichts mit den Foo Fighters zu tun — sondern mit seinem Bruder Pete, der seinen Namen Matthew als „Ma Foo“ aussprach. So nannte sich der Drummer früher Foo Cameron.

4. Er war zur selben Zeit aktives Mitglied bei Soundgarden und Pearl Jam.

Nämlich, als Soundgarden 2010 eine Reunion feierten. Bei Soundgarden spielte er übrigens ab 1986 und ist auf allen Alben der Band zu hören. Zu Pearl Jam stieß er 1998, als diese einen Satz für Schlagzeuger Jack Irons suchte. Im Jahr davor hatten sich Soundgarden aufgelöst. „Ich bekam aus heiterem Himmel einen Anruf von Mr. Ed Ved, Stoney und Kelly (Curtis, Pearl Jam’s Manager). Ich wurde überfallen. Es war wirklich sehr kurzfristig. Er rief an und fragte: ‚Hey, was machst du diesen Sommer?’“. Kurze Zeit später wurde Cameron fixes Mitglied von Pearl Jam.

5. Er gehörte zur ersten Live-Besetzung von Queen Of The Stone Age.

Als sich die legendären Wüstenrocker Kyuss auflösten, gründete Bandchef Josh Homme 1996 die Band Queens Of The Stone Age. Weil der ursprüngliche Drummer Victor Indrizzo nur ein Jahr dabei blieb, brauchte die Band für ihre ersten Konzerte einen Drummer. Wer’s wurde, könnt ihr euch denken: Cameron trat 1997 mit ihnen auf.

6. Eddie Vedder bezeichnet ihn als besten Schlagzeuger der Welt.

Pearl-Jam-Frontmann Eddie Vedder spricht in höchsten Tönen über Matt. „Matt Cameron schreibt Songs, und wir rennen los, um Tritthocker zu finden, um sein Niveau zu erreichen, … was für ihn selbstverständlich ist, lässt uns mit gesenktem Kopf zurück, wie die verwirrten Hunde, die wir sind, … bis wir es schließlich verstehen. Haben wir schon erwähnt, dass er der beste Schlagzeuger der Welt ist?“, schreibt Eddie Vedder in den Linder Notes zu Lost Dogs.

7. Er schrieb zahlreiche Songs für Pearl Jam und Soundgarden. 

Bei vielen Songs ist er als Co-Autor gelistet, einige Stücke stammen zur Gänze aus seiner Feder. Die Liste ist lang, einige Beispiele sind aber Jesus Christ Pose und New Damage vom Soundgarden-Album Badmotorfinger, das er mitschrieb — oder Drawing Flies vom selben Longplayer, bei dem die Musik zur Gänze von ihm stammte. Auch bei Pearl Jam gehen manche Songs auf sein Konto — etwa Get Right von Riot Act oder Into The Moonlight von Lost Dogs, bei denen er sowohl die Musik als auch den Text schrieb.

8. Er mag auch Jazz und Prog.

Das zeigt sich in Camerons Nebenprojekten, wie der (längst wieder aufgelösten) Gruppe Tone Dogs. Anspieltipp: deren Album Ankety Low Day aus dem Jahr 1990.

9. Er arbeitete mit Nickelback-Frontmann Chad Kroeger

Ihr erinnert euch sicher noch an den Song Hero von Nickelback-Chef Chad Kroeger und Ex-Saliva-Frontmann Josie Scott — den Soundtrack des 2002 erschienenen Films Spider-Man. Am Schlagzeug: unser Geburtstagskind. 

10. Seinen größten Hit nahm er gleich doppelt auf.

Er spielte zwölf Jahre nach der Veröffentlichung des Soundgarden-Hits Black Hole Sun noch einmal ein — für Rocklegende Peter Frampton und dessen Album Fingerprints im Jahr 2006… und zwar als Instrumentalversion.

Ihr wollt mehr über Matt Cameron erfahren?

Sein wahrscheinlich bestes Interview gab er vor kurzem übrigens YouTuber Rick Beato. Das knapp 55-minütige Video bietet großartige Anekdoten über Camerons Karriere und geht musikalisch ziemlich ins Detail.

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10 Grunge-Empfehlungen für den Einstieg

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Zeitsprung: Am 28.11.1978 veröffentlichen die Blues Brothers ihr Debütalbum.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 28.11.1978.

von Max Röbel und Christof Leim

Es ist eines dieser Alben, die man auch dann kennt, wenn man sie noch nie richtig gehört hat. Am 28. November 1978 erscheint das Debütalbum der Blues Brothers und wird aus dem Stand zum Klassiker. Als Jake und Elwood Blues landen die Comedians Dan Aykroyd und John Belushi mit Briefcase Full Of Blues einen Welthit.

Hier könnt ihr euch Briefcase Full Of Blues anhören:

Wie aus Bienen Brüder werden: 1976 hatten sich Aykroyd und Belushi in New York am Set der noch jungen Comedy-Show Saturday Night Live (damals noch unter dem Namen NBC’s Saturday Night) kennengelernt. Als Geburtsstunde der Blues Brothers gilt ein SNL-Sketch aus diesem Jahr, in dem die späteren Weltstars im Bienenkostüm den Slim-Harpo-Klassiker I’m A King Bee darbieten. Wenn man sich die alte Aufzeichnung anschaut, wird trotz alberner Aufmachung schnell klar, dass es dem Komikerduo mitnichten bloß um müde Witze geht. Ganz im Gegenteil: Die Bluesbrüder machen ernst. Ein schweißbenetzter John Belushi schreit sich am Mikrofon die Seele aus dem Leib, während Dan im Hintergrund wie besessen die Harp bearbeitet – zwar nicht virtuos, aber mit Innbrunst.

John Belushi und Dan Aykroyd 1976 als Blues-Bienen bei „Saturday Night Live“

Entfachte Liebe zum Blues

Wie in der schreibenden Zunft üblich, trifft sich die Belegschaft im Anschluss an die Aufzeichnungen regelmäßig in einer einschlägigen Kneipe ein paar Blocks weiter. Die mit R&B-Klassikern beladene Jukebox des von Aykroyd angemieteten Etablissements zeigt Wirkung, ebenso die eilig angeschaffte Grundausstattung an Verstärkern und Instrumenten. Als Belushi, der spätere “Jake Blues”, 1977 bei Dreharbeiten auch noch den Soulsänger und Mundharmonikaspieler Curtis Salgado kennenlernt und der ihm einen Stapel Bluesplatten leiht, ist es endgültig um ihn geschehen. O-Ton: „Das hat mein Leben verändert. Als weißer Junge aus der Vorstadt ging man einfach nicht in die Viertel, wo der Blues war. Disco mochte ich nicht, und Rock wurde mir langweilig. Wie viele Rod-Stewart-Alben kann schon man kaufen?” SNL-Bandleader Howard Shore (richtig gelesen, der von Herr der Ringe) schlägt kurzerhand vor, die beiden Nachwuchsmusiker mögen sich doch einfach “The Blues Brothers” nennen –  und so kommt es dann auch.

Mit der Hilfe von SNL-Pianist Paul Shaffer stellen Aykroyd und Belushi eine Allstar-Truppe zusammen, die sich gewaschen hat. Neben Lou Marini und Tom Malone, die damals ebenfalls zur Hausband von Saturday Night Live gehören, engagieren die Blues Brothers mit Gitarrist Steve Cropper, Bassist Donald Dunn und Drummer Willie Hall drei Stax-Records-Veteranen, die zu diesem Zeitpunkt bereits mit Booker T., Elvis, Isaac Hayes und Otis Redding zusammengearbeitet hatten. An der Leadgitarre gewinnt das Allstar-Projekt mit Matt “Guitar” Murphy (Howlin’ Wolf, Etta James, Buddy Guy) ein echtes Mississippi-Original. Komplettiert wird das Line-up von Saxofonist Tom Scott und Trompeter Alan Rubin.

Auf die Bühne

Die nunmehr unter den Namen Jake und Elwood Blues firmierenden Frontmänner der Truppe tragen fortan Wayfarer-Sonnenbrillen (wie der immercoole John Lee Hooker) und gehen ausschließlich im Cab-Calloway-Gedächtnisanzug auf die Bühne. Zunächst probiert sich die Band weiterhin bei Saturday Night Live aus, zum ersten Mal am 22. April 1978. Bald gehört das Projekt zum festen Repertoire der Sendung und erfreut sich größter Beliebtheit erfreut. Am 9. September 1978 spielen die Blues Brothers dann eine Show als Opener für Steve Martin im Universal Amphitheater in Los Angeles. Bei diesem Konzert wird Briefcase Full Of Blues mitgeschnitten.

Anfänglich begegnen die Medien der aufstrebenden Supergroup noch mit Skepsis. Vielerorts fragt man sich, wie ernst es die beiden Komiker mit der Musik wirklich meinen. Manch einer fühlt sich von der Band mit der erfundenen Biografie und den Akrobatikeinlagen sogar auf den Arm genommen. Doch zunehmend lösen sich die Zweifel in Luft auf. Wie es scheint, lieben Aykroyd, Belushi und Co. einfach ihren Job. Hinzukommt, dass die Truppe durchweg aus Spitzenmusikern besteht. “Am Ende war es eine der besten Ansammlungen von Bluesmusikern, die ich je gesehen habe”, resümiert Gitarrist Steve Cropper 2014.

Im Auftrag des Herrn unterwegs

Auch an persönlichem Engagement mangelt es den Blues Brothers nicht. Als der Vorschuss des Labels aufgebraucht ist, steuern Belushi und Aykroyd 50.000 US-Dollar aus eigener Kasse bei, um die Produktionskosten des Albums zu decken. Der Einsatz zahlt sich aus: Briefcase Full Of Blues landet unglaublicherweise auf Platz eins der Billboard Charts und knackt sogar zweimal die Platinmarke. Prompt greift in den USA das Blues-Brothers-Fieber um sich. 

Die Blues Brothers live 1978 – Pic: Richard McCaffrey/ Michael Ochs Archive/ Getty Images

Zwei Jahre nach Veröffentlichung ihres Albumdebüts erscheint der gleichnamige Kultfilm, in dem Jake und Elwood “die Band wieder zusammenbringen müssen”, um mithilfe eines Benefizkonzert das nötige Kleingeld für die Grundsteuerrechnung ihres ehemaligen Waisenheims zu erspielen. Neben einem immensen Budget für demolierte Polizeiwagen, antifaschistischem Widerstand im Straßenverkehr und der ikonischen Fahrstuhlszene glänzt der Film mit zahlreichen Gastauftritten bekannter Musiker und Musikerinnen, etwa Aretha Franklin, Ray Charles und Cab Calloway).

Gerechte Lizenzen

Daran, dass die Blues Brothers faktisch eine Coverband sind, scheint sich kaum jemand zu stören. Im Gegenteil: Mit ihrem sprudeligen Livesound setzt das Projekt einen willkommenen Kontrastpunkt zu den zunehmend synthlastigen Pop-Releases der späten Siebziger. Doch es gibt eine weitere Gruppe, die von dem Phänomen Blues Brothers profitiert. Vor der Veröffentlichung von Briefcase Full Of Blues, schlägt die Plattenfirma Atlantic zunächst vor, den ursprünglichen Songschreibern fünfzig Prozent der Lizenzeinnahmen anzubieten. John Belushi und Aykroyd bestehen jedoch darauf, die Tantiemen in Gänze an die Urheber gehen zu lassen. Lediglich die Abgaben für ihre Live-Auftritte behalten sich die Blues Brothers vor. “Uns hätte ein Anteil an der Musik gehören können, aber wir haben keinen genommen. Das gehört sich nicht”, kommentiert Dan Aykroyd später im Interview.

Die Geste kommt an. Dank des Erfolgs der Neuauflagen erhalten Bluesveteranen wie Floyd Dixon, von dem Hey, Bartender stammt, auf einmal Schecks in bisher ungekannter Höhe. Einige Jahre nach John Belushis Tod an einer Überdosis 1982 trifft Harp-Spieler und Blues-Brothers-Inspiration Curtis Salgado den Songwriter beim Chicago Blues Festival. Man unterhält sich über die Band und kommt auf den unverhofften Geldsegen zu sprechen . Auf die Frage, was er mit dem Geld angestellt habe, antwortet Dixon: “Ich habe alles auf Pferderennen verwettet. Ich hatte eine wundervolle Zeit, Mann.“

Zeitsprung: Am 22.4.1978 treten die Blues Brothers zum ersten Mal auf.

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