------------

Popkultur

Warum Kiss das Make-up wieder anlegen mussten

Published on

Foto: SGranitz/WireImage/GettyImages

Am 18. September 1983 zeigen sich Kiss mit großem Tamtam zum ersten Mal ohne ihr legendäres Make-up. Nach fast zehn Jahren hatte sich die Faszination für Schminke und Heimlichtuerei doch abgekühlt. Die New Yorker starten damit eine Phase erneuten Erfolges, doch auf Dauer funktioniert das alles nicht. 1996 legen Kiss die Maskerade wieder an – und genau genommen müssen sie es auch…"

von Christof Leim 

Hier gibt es die besten Kiss-Songs:

Sicher, Kiss durchlebten goldene Zeiten unter ihrer schwarzweißen Schminke. In den Siebzigern hatte sich das Quartett zu einem ebenso erfolg- wie einflussreichen Phänomen entwickelt – mit Platinalben, ausverkauften Riesenshows und einem millionenschweren Merchandise-Imperium. Die vier Gesichter von Demon, Starchild, Spaceman und Catman sah man überall, auf Flippermaschinen, Butterbrotdosen und Comics. Sogar eine Kiss Army gründete sich. Nicht wenig dieses Höhenfluges hat unmittelbar mit dem ikonischen Image von Paul Stanley, Gene Simmons, Ace Frehley und Peter Criss zu tun. Dass sie die Kriegsbemalung überhaupt ablegen, kommt jedoch nicht von ungefähr.

Denn natürlich läuft das nicht ewig so: Es gibt Streitereien innerhalb der Band, weswegen 1978 am gleichen Tag mit durchwachsenem Erfolg vier egostreichelnde Soloalben erscheinen. Außerdem wird ein ambitionierter Kinofilm zum trashigen Rohrkrepierer. Und als dann die vier Helden noch ihr Publikum aus den Augen verlieren, geht es bergab, Schminke hin oder her.

Weshalb das Make-up bei Kiss überhaupt verschwand

Die Kurzfassung sieht so aus: Kiss wurden, wie wir wissen, mit ruppigem Hard Rock und spektakulären Shows berühmt. Das 1979er-Album Dynasty allerdings spült weich und wirft ausgerechnet eine Disconummer (genau: I Was Made For Lovin’ You) als Hit ab. Zu den Konzerten kommen immer weniger Leute, davon aber immer mehr Kinder mit ihren Eltern. Auf Unmasked treiben Kiss 1980 ihre Comic-Haftigkeit sogar auf die Spitze und packen eine kleine Bildergeschichte auf das Cover. Die Songs bieten zwar tollen Power Pop, aber den will die Kiss Army nicht hören. Peter Criss trommelt bald schon gar nicht mehr mit, Eric Carr übernimmt, Leadgitarrist Ace Frehley verliert zusehends die Lust, und mittlerweile knirscht es so richtig im Gebälk. Zu Unmasked spielen Kiss nur eine einzige US-Show, aber immerhin eine erfolgreiche Australien- und Europatour (letztere mit einer ganz netten Newcomer-Kapelle namens Iron Maiden im Vorprogramm). 


Jetzt in unserem Shop erhältlich:

KISS - Merch & die besten Alben
KISS
Merch & die besten Alben
Shirts, Vinyl & mehr

HIER BESTELLEN


Danach drehen unsere Helden ganz durch: 1981 überraschen sie mit (Music From) The Elder, einem wirren Fantasy-Konzeptalbum mit Bläsern, Streichern und Falsett, das sang- und klanglos untergeht. Daraufhin hat Ace dann gar keinen Bock mehr, nimmt sein Schminktäschchen und steigt ebenfalls aus. Es muss wieder gerockt werden, allerdings kann das erquicklich harte Creatures Of The Night (1982) mit Vinnie Vincent an der Soloaxt nicht so an alte Erfolge anknüpfen, wie die beiden Chefs Paul und Gene sich das wünschen.Viele Hallen der folgenden Tour bleiben halbleer, Creatures schafft es anfangs nicht mal zum Goldstatus. Außerdem drängen neue Bands auf den Markt; besagte Iron Maiden etwa liefern in ihrer britischen Heimat sogar ein Nummer-eins-Album ab. Es muss etwas passieren…

Runter mit der Schminke. Alles gut jetzt?

Eine kleine Trumpfkarte hat die Band noch: Die Enthüllung ihrer wahren Gesichter. Natürlich tauchten über die Jahre immer wieder „unbemalte“ Fotos auf, schon 1974 waren Kiss überlistet und „en naturelle“ abgelichtet worden. Doch die meisten Fans wissen nicht, wie ihre Helden in echt aussehen. Für Simmons und Stanley hat sich die Sache mit dem Make-up ohnehin totgelaufen, der Gag ist erzählt, jeder kennt es.

Also zeigen sich Kiss in der Mark-III-Besetzung (Simmons, Stanley, Carr, Vincent) am 18. September 1983 auf MTV mit viel Trommelwirbel zum ersten Mal ohne Schminke. Zeitgleich erscheint das Album Lick It Up. Kiss spielen jetzt typischen Achtziger-Hard-Rock, und endlich platzt der Knoten: Die Videos laufen auf Headbanger’s Ball, und für die Verkäufe gibt es wieder Goldauszeichnungen. Animalize (1984) und Asylum (1985) setzen mit Hitsingles wie Heaven’s On Fire noch einen (bzw. zwei) drauf und verkaufen sich millionenfach. (Im Vorprogramm spielt damals übrigens eine weitere ganz nette Newcomer-Kapelle namens Bon Jovi.)

So sahen Kiss 1988 aus. Zum Glück in schwarzweiß.

Und hier liegt das Problem: Kiss können zwar wieder Edelmetall einfahren, doch sie sind mittlerweile eine Band unter vielen mit ähnlichem Stil. Damit meinen wir nicht nur die schreiend bunten Klamotten und obligatorisch raumgreifenden Frisuren, sondern vor allem die Songs. Denn Kiss haben sich, unbestreitbare Qualität hin oder her, von Wegbereitern zu musikalischen Mitläufern entwickelt. Das wird noch schlimmer, nachdem 1986 die einstige Supportband Bon Jovi von Slippery When Wet Fantastillionen Exemplare verkauft und Kollege Ozzy Osbourne mit dem aalglatt produzierten The Ultimate Sin ebenfalls Erfolge feiert. 

Eine unter vielen

Jetzt steigen Kiss – beziehungsweise Paul Stanley, der die Band wegen Simmons’ Hollywood-Ambitionen de facto alleine führt – komplett auf den radiofreundlichen Pop Metal-Zug auf. Crazy Nights soll ein kommerzieller Megakracher werden, für den die Band sogar ein ganzes Jahr auf Produzent Ron Nevison wartet und haufenweise Keyboards ins Studio schleppt. Doch so ganz zündet das nicht, selbst wenn die Singles schön auf MTV laufen. Crazy Nights schlägt sich respektabel, kann aber mit im gleichen Jahr veröffentlichen Gassenhauern wie Hysteria von Def Leppard und Girls Girls Girls von Mötley Crüe nicht mithalten. Der nächste Versuch Hot In The Shade (1989) kann trotz toller Songs und etwas weniger Bombast/Zuckerwatte ebenfalls nicht mehr reißen. 

Wir sehen also: Ohne Make-up haben sich Kiss mit Anstand durch die Achtziger gerockt, standen aber nicht mehr unangefochten an der Spitze der Nahrungskette. Folglich darf man bezweifeln, dass das mit der Schminke überhaupt funktioniert hätte.

In den Neunzigern wird’s schwierig für Kiss

Aber einen haben sie noch: Als mit dem Beginn der Neunziger ein härterer Wind durch das Genre weht, schmeißen Kiss sich in Lederklamotten, werfen die Keyboards über Bord und hauen mit Revenge (1992) ihr härtestes und bestes „ungeschminktes“ Album raus. Doch die Welt hat sich schon weiter gedreht: Grunge und Crossover bringen frische Sounds und ändern die Geschmäcker maßgeblich. Viele Veteranen der Siebziger und Achtziger haben einen schweren Stand, Kiss bilden da keine Ausnahme. (Wobei man das natürlich relativ sehen muss: Auch wenn es den vier Musikern finanziell sicher gut geht, Megastar ist keiner mehr.)

Wie sehr die Grunge-Welle das Selbstverständnis traditioneller Hard-Rocker durcheinander wirbelt (oder positiv formuliert: die Musiker inspiriert), sieht man am nächsten Kiss-Studioalbum: Carnival Of Souls entsteht Ende 1995 und klingt deutlich härter und signifikant düsterer. In Songs wie Hate, Rain und Childhood’s End geht es nicht um Wein, Weib und Gesang, It Never Goes Away erinnert sogar an das Doom-Urmanifest Black Sabbath (kein Witz, ist aber geil). Vielleicht sind ein paar Takte in Master & Slave sogar noch bezeichnender: Bei 1:44 Min. starten Kiss ein markantes 7/8-Riff, das fast eins zu eins dem Hauptthema von Them Bones entspricht, der Eröffnungsnummer von Alice In Chains’ The Dirt (1992)…

So kann es dann doch nicht weitergehen. Sollen unsere Helden sich völlig dem Zeitgeist anpassen? Oder einfach drauf pfeifen und weiter tollen Party-Hard Rock machen, den allerdings keiner so recht hören will? Oder sich eingraben und abwarten? Das taugt alles nichts, zumindest nicht, wenn man „the hottest band in the land“ sein will. Womöglich denken Kiss damals wie viele Kollegen darüber nach, den Laden einfach dicht zu machen. Aber vielleicht lässt sich ja das Profil auch wieder so schärfen, dass die Konkurrenz und die Sounds der Stunde völlig egal sind…

Dann eben wieder mit Make-up

Es gibt in der Tat noch eine Möglichkeit: Mitte der Neunziger steigt das Interesse an der Geschichte der Schminkemonster, eine Nostalgiewelle bricht sich Bahn. Auf Kiss My Ass: Classic Kiss Regrooved zollen 1994 Künstler wie Lenny Kravitz, Garth Brooks und Anthrax ihren Jugendhelden Tribut; im darauffolgenden Jahr nehmen Simmons, Stanley und Co. selbst an der Worldwide Kiss Convention Tour teil. Das heißt Fan-Veranstaltungen, die die goldenen Zeiten feiern und Sammlern feuchte Augen bescheren. Die Band spielt dabei akustisch. Am 17. Juni 1995 singt sogar Peter Criss zwei Songs mit.

Schon Anfang der Dekade hatten sich Unplugged-Konzerte als erfolgreich erwiesen, und auch Kiss machen bei der Reihe auf MTV mit. Aber eine Besonderheit, ein Bonbon fehlt noch, damit daraus nicht nur eine weitere Stromlos-Party wird. Die Antwort liegt auf der Hand: Bei der Aufzeichnung am 9. August 1995 in New York kündigt Paul Stanley den Zugabenteil mit folgenden Worten an: „We’ve got some members of the family here tonight. We’re talking about Peter Criss and Ace Frehley!“ Damit steht (in diesem Fall: sitzt) das Ur-Line-up von Kiss zum ersten Mal seit 1979 wieder auf einer Bühne. (Die beiden etatmäßigen Mitglieder Bruce Kulick an der Gitarre und Eric Singer an den Drums spielen übrigens auch – noch – mit.)

Der Rest ist Geschichte: Dieser kurze Auftritt inspiriert Spekulationen, Gerüchte und nicht wenige Fan-Wunschträume, das fertige Carnival Of Souls wird eingemottet (und erst 1997 veröffentlicht). Am 28. Februar 1996 platzt die Bombe bei der 38. Grammy-Verleihung, als Kiss nicht nur in Urbesetzung, sondern in vollem Ornat vor die Kameras treten – mit Plateauschuhen, Nieten, Glitzer und natürlich dem legendären Make-up. 

Schließlich geht die Reunion und Wiederbemalung durch die Decke. Wie die Band in die Szene der Zeit passt und mit der Konkurrenz mithalten kann, interessiert niemanden mehr. Die Schminkemonster sind in aller Munde, die folgende Tour spielt Millionen ein. Unkompliziert läuft das auch nicht ab, aber ihr kulturelles Überleben an der Spitze haben sich Kiss damit gesichert.

Zeitsprung: Am 25.8.1949 legt Schlabberzunge Gene Simmons von Kiss los.

Popkultur

„Screaming Life“: Als Soundgarden mit ihrer ersten EP den Turbomodus einlegten

Published on

Soundgarden
Foto: Alison S. Braun/CORBIS/Corbis via Getty Images

1987 brodelt der Grunge-Kessel in Seattle bereits gewaltig. Nirvana finden gerade zusammen, genau wie Alice In Chains. Doch eine Gruppe ist ihren Mitstreitern schon einen Schritt voraus. Am 1. Oktober 1987 bringen Soundgarden ihre erste EP Screaming Life raus. Vom Mainstream halten sie sich aber lieber noch ein bisschen fern.

von Timon Menge

Hier könnt ihr euch die beiden Soundgarden-EPs Screaming Life und Fopp anhören:

Genau genommen beginnt die Geschichte von Soundgarden bereits 1984. Zu jener Zeit bewegen sich Bassist Hiro Yamamoto und der trommelnde Sänger Chris Cornell unter dem Namen Shemps durch die Musikszene von Seattle. Als Yamamoto aussteigt, kommt Kim Thayil an Bord. Mit ihrem alten Bassisten bleibt die Gruppe trotzdem in Kontakt, was sich später auszahlen soll. Als die Geschichte von Shemps endet, treffen sich Yamamoto und Cornell nämlich wieder zum Jammen. Thayil stößt auch dazu und mit diesem Line-up gründen die drei Musiker eine Band, deren Namen wir alle kennen: Soundgarden.

Die ersten Schritte

Den Bandnamen entleiht das Trio einer Klangskulptur namens A Sound Garden, die auf dem Campus der National Oceanic And Atmospheric Administration in Seattle zu finden ist. Damit sich Cornell voll auf den Gesang konzentrieren kann, holen die Musiker Schlagzeuger Scott Sundquist an Bord. Ab da touren Soundgarden umher und erspielen sich in ihrer Umgebung einen Ruf als hervorragende Live-Band. 1986 nehmen sie für den Sampler Deep Six drei Songs auf: Heretic, Tears To Forget und All Your Lies. Stück Nummer zwei soll für die Gruppe später noch einmal eine Rolle spielen.

Auf der Zusammenstellung befinden sich Soundgarden in bester Gesellschaft. So sind auch Malfunkshun und Melvins auf dem Sampler zu finden. Weil es mit Soundgarden langsam bergauf geht, übernimmt Cornells zukünftige Frau Susan Silver das Management der Gruppe. Sundquist wird der Zeitaufwand zu groß und er möchte wieder mehr bei seiner Familie sein, weshalb er 1986 aussteigt. Auf seinen Hocker setzen Soundgarden den Trommler, der das klassische Line-up der Band vervollständigen soll: Matt Cameron. Wenig später startet die Truppe erst so richtig durch.

Screaming Life: Der Weg zur ersten Soundgarden-EP

Als Soundgarden wieder einmal live spielen, steht auch Radio-DJ Jonathan Poneman im Publikum. Er fasst einen Entschluss: Nicht nur, dass er der Band ihre erste Veröffentlichung sponsern möchte. Nein, er steckt gleich 20.000 US-Dollar in das Label Sub Pop. Betrieben wird die Plattenschmiede von Bruce Pavitt, einem Kumpel von Soundgarden. 1987 erscheint die erste Single Hunted Down; auf der B-Seite gibt es das Stück Nothing To Say zu hören. Außerdem erscheinen beide Nummern auf einer weiteren Compilation.

Der Radiosender KCMU, bei dem Poneman als DJ arbeitet, veröffentlicht zu jener Zeit einen Sampler namens Bands That Will Make Money und verschickt ihn an zahlreiche Plattenfirmen. Die wiederum zeigen brennendes Interesse an Soundgarden. Auf Gegenseitigkeit beruht das nicht: Obwohl die Band jede Menge Angebote bekommt, bleibt sie zunächst ihrem Label Sup Pop treu — und genau dort erscheint am 1. Oktober 1987 Screaming Life, die erste EP der Band. Darauf enthalten: das vorhin bereits erwähnte Stück Tears To Forget, die beiden Songs von der ersten Single sowie drei neue Stücke.

Ein Prediger vom Flohmarkt-Tonband

Eine nette Anekdote verbirgt sich hinter dem letzten Song Hand Of God: Kurz bevor die Aufnahmen für die EP beginnen, findet Produzent Jack Endino auf einem Flohmarkt einige Tonbänder. Darauf zu hören ist ein christlicher Prediger der frühen Fünfziger Jahre. Als Frontmann Chris Cornell das mitbekommt, hat er den Geistesblitz, den Mitschnitt in den Song Hand Of God einzubauen. Wie der Prediger auf der Tonaufnahme heißt, finden Soundgarden und Endino allerdings nicht mehr heraus, weil die Etiketten zu unleserlich sind.

Spätestens nach der Veröffentlichung ihrer ersten EP Screaming Life öffnen sich für Soundgarden alle Türen. Die Labels stehen Schlange, die Fans sowieso. „Jeder hat die EP geliebt“, verrät Frontmann Cornell 1989 in einem Interview. Doch obwohl sie alle Möglichkeiten der Welt haben, unterschreiben Soundgarden einen Plattenvertrag mit dem relativ kleinen Label SST Records. Dort veröffentlichen sie am 31. Oktober 1988 ihr erstes Album Ultramega OK. Das verläuft nicht unbedingt reibungslos, doch das ist wie so oft eine andere Geschichte.

Du willst nichts mehr in der Rockwelt verpassen? Melde dich hier für unseren Newsletter an und werde regelmäßig von uns über die wichtigsten Neuigkeiten, die spannendsten Geschichten sowie die besten Veröffentlichungen und Aktionen informiert!

Mitglieder von Nirvana, Pearl Jam und Soundgarden formen neue Band!

Continue Reading

Popkultur

Zeitsprung: Am 1.10.1984 erweisen sich die Ramones als „Too Tough To Die“.

Published on

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 1.10.1984.


von Peter Hesse und Christof Leim

Nach sieben Alben haben die Ramones sich ein bisschen verirrt, deshalb wollen sie mit Too Tough To Die zurück zum Sound der Anfangstage. Der Titel kommt dabei nicht von ungefähr, denn im Vorjahr wäre Johnny beinahe totgeschlagen worden. Am 1. Oktober 1984 erscheint die Platte.

Hier könnt ihr das Album anhören:

Keine Frage, die ersten Alben der Ramones sind legendär, stilprägend und großartig. Aber mit dem Beginn der Achtziger liegen die Nachfolger wie Blei in den Regalen. End Of The Century (1980) und Pleasant Dreams (1981) können weder künstlerisch noch  kommerziell überzeugen. Dabei hatte die Plattenfirma Sire wegen stagnierender Verkaufszahlen, mangelnder Präsenz im Radio und ausbleibender Chartsnotierungen sogar große Namen als Produzenten engagiert, etwa Motown-Legende Phil Spector. Doch damit schoß sich die Band ins eigene Bein: Die Ramones klangen nicht mehr wie sie klingen sollen. Zu glatt, zu poppig, zu verschnörkelt (zumindest, wenn Ramones-Maßstäbe anlegt). Nach Subterranean Jungle (1983) überwirft sich die Gang noch mit ihrem Drummer Marky, weil dessen Sauferei aus dem Ruder läuft. So kann es nicht weiter gehen. Gabba, Gabba, „Hey, was sollen wir jetzt machen?“

Einfacher ist besser

Mit Too Tough To Die wollen die New Yorker sich wieder stärker an ihren Vorbildern orientieren, also an The Who, den Kinks, den Beach Boys, Stooges, MC5 und dem amerikanischen Rock’n’Roll der Fünfziger. Das heißt: Einfache Harmonien und Strukturen sowie das völlige Fehlen von Soli, Intros oder Übergängen. Außerdem darf es darf ruhig wieder schneller und härter klingt. Zum Glück übernimmt das ausgeschiedene Gründungsmitglied Tommy Ramone erneut die Produktion, die er anpackt wie auf dem Debüt von 1976. Im Songwriting orientieren sich die Musiker ebenfalls an ihren Wurzeln.

 

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

 

Ein Beitrag geteilt von Robert (@dutchramone) am

Die Aufnahmen für die neue Platte gehen trotzdem nicht leicht von der Hand, weil das Quartett in Wirklichkeit wie eine Freakshow agiert. Joey Ramone ist nach wie vor ein hippiehafter und unpünktlicher Träumer mit Zwangsstörungen. (Wenn er etwa in einem Hotel vor einem Aufzug steht, kann er den Etagenknopf nicht drücken – und wartet so lange, bis jemand kommt und das für ihn übernimmt.) Zwar fungiert Dee Dee in Sachen Songwriting weiter als das Kreativgenie, doch um seine Geister zu wecken, liegen nicht selten eimerweise Drogen auf dem Tisch. Und der neue Drummer Richie Ramone ist zwar am Schlagzeug eine saubere Taktmaschine, wird aber im Bandgefüge nicht gleichwertig behandelt. Stattdessen gibt man ihm stets zu verstehen, nur ein kleiner Angestellter im Ramones-Universum zu sein. Über allem schwebt Gitarrist Johnny Ramone, der mit militärischer Strenge, erzkonservativem Weltbild und vielen Kontrollmechanismen dafür sorgt, dass die Band nicht aus dem Ruder läuft. Einfach passiert bei diesem Quartett gar nichts, und so soll die neue Platte entstehen.

Fast verhängnisvolle Schlägerei

Leider steckt auch hinter dem Albumtitel Too Tough To Die eine wahre, leider unschöne Geschichte: In den frühen Morgenstunden des 15. August 1983, gerät Johnny in eine gewalttätige Auseinandersetzung vor seiner Wohnung im New Yorker East Village mit einem anderen Musiker, der mit Johnnys Freundin unterwegs ist. Anscheinend herrscht Uneinigkeit, wie offen die Beziehung zwischen der Dame und dem Gitarristen sein soll. Nach Zeitungsberichten startet Ramone (der eigentlich John Cummings heißt) deshalb einen Kampf – und erleidet einen lebensgefährlichen Schädelbruch. Es folgen eine Notoperation und eine mehrmonatige Pause.

Das Album erscheint schließlich am 1. Oktober 1984 mit einem markanten Cover, das die Silhouetten der Musiker in blauem Nebel zeigt. Wie der Fotograf George DuBose später berichtet, war das so gar nicht geplant: Schlussendlich erwies sich eine Fehlfunktion seiner Kamera als Glücksfall.

Ziel nicht erreicht

Zu den bekanntesten Liedern der Scheibe gehören Mama’s Boy, Too Tough To Die und Wart Hog, mit Durango 95 gibt es das einzige Ramones-Instrumental, und bei zwei Nummern singt Dee Dee. Amüsant fällt auch das Intro von Danger Zone aus, denn dabei fragt einer der Rocker: „Welchen Song spielen denn?“ 

Insgesamt klingt die Scheibe wieder roher und ursprünglicher. Doch trotz dieser Bemühungen wird sie nicht der große Wurf. Da helfen die schöne Melodie und der knackige Refrain der von Eurythmics-Kopf Dave Stewart produzierten Singleauskopplung Howling at the Moon (Sha-La-La) auch nicht. (Die Keyboards dazu spielt übrigens Benmont Tench von Tom Petty & The Heartbreakers.) Viele Kritiker und Fans vermissen in den Texten vor allem den typisch augenzwinkernden Ramones-Humor, der auf ihren frühen Alben so wichtig und witzig war. Die politisch und gesellschaftskritisch gefärbten Zeilen wie in Danger Zone oder Planet Earth wirken zu unbeholfen, bemüht und wenig glaubhaft. Es soll noch ein paar Jahre dauern, bis die Perlen dieses Albums, zum Beispiel I’m Not Afraid of Life oder Durango 95, für die Ewigkeitslisten entdeckt werden.

Zeitsprung: Am 6.8.1996 spielen die Ramones ihre letzte Show

Continue Reading

Popkultur

Zeitsprung: Am 30.9.1984 starten Kiss ihre problematische „Animalize“-Tour.

Published on

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 30.9.1984."

von Christof Leim

Mit ihrem neuen Album Animalize können Kiss 1984 endlich wieder die Massen begeistern, nachhaltige Ruhe kommt allerdings weiterhin nicht ins Boot. Am 30. September 1984 startet die Welttour, doch der neue Gitarrist Mark St. John hat geschwollene Finger…

Hier könnt ihr Animalize anhören:

Mit Heaven’s On Fire landen Kiss 1984 einen mittelgroßen Hit. Endlich mal wieder. Die Single vom zwölften Kiss-Album Animalize erfreut sich großzügiger Einsätze im Rockradio und verschafft der Band nach vergleichsweise mageren Jahren wieder eine Platinauszeichnung. (Mehr zu dieser Phase der „Kisstory“ könnt ihr hier und hier nachlesen.) Jetzt steht die obligatorische Welttour an.

Auf der Platte hatte Mark St. John gespielt, der zweite neue Leadgitarrist in drei Jahren. Unproblematisch lief das nicht, weil St. John sich eines vor allem auf Geschwindigkeit und Virtuosität basierenden Stils befleißigt, der nicht so ganz zum basischen Hard Rock der Band passt. (Das zumindest erzählt Frontmann Paul Stanley in seiner Autobiografie Face The Music. Man darf aber annehmen, dass Kiss schon wussten, wenn sie da engagieren. In den Achtzigern ging es eben inspiriert von „König Edward“ Van Halen oft um instrumentale Pyrotechnik.) Aber immerhin: Kiss sind offiziell wieder vollzählig, die Platte läuft, und der ohne Zweifel musikalisch kompetente Mark Norton (wie St. John eigentlich heißt) spielt im Videoclip zu Heaven’s On Fire mit. Dann könnte es ja eigentlich ohne Drama und personelle Verwirrung vorwärts gehen, oder? Nicht ganz.

Tragische Probleme mit den Fingern

Als die Tour am 30. September 1984 im britischen Brighton startet, muss St. John/Norton aussetzen, denn er leidet mittlerweile unter reaktiver Arthritis (auch: Reiter-Krankheit), die seine Arme und vor allem Finger anschwellen lässt. Aus der personellen Konstanz wird also nichts. Für ihn übernimmt erstmal der New Yorker Bruce Kulick, der vorher unter anderem mit der Bat Out Of Hell-Tour von Meat Loaf unterwegs gewesen war. Die Kiss-Chefs kennen ihn über seinen Bruder Bob Kulick, der bereits 1973 mal vorgespielt und später heimlich im Studio ausgeholfen hatte. Bruce übernimmt sogar ebenfalls und auch inkognito ein paar Soloparts auf Animalize. Dabei erhält er schon den kryptischen Hinweis, sich erstmal nicht die Haare abzuschneiden…


Jetzt in unserem Store erhältlich:

Ben Harper - Best of Solo Albums & KISSWORLD
Kiss
Best of Solo Albums & KISSWORLD – The Best Of KISS
Ltd. Colour LP

HIER BESTELLEN


Der europäische Teil der Animalize World Tour dauert bis 5. November 1984 und beinhaltet auch sechs Shows in Deutschland (München, Offenbach, Nürnberg, Hannover, Düsseldorf, Ludwigshafen). Weil Kiss in den vergangenen Jahren kleinere Brötchen gebacken hatten und keiner mit dem Erfolg des Albums gerechnet hat, werden für die Termine die Bühnenaufbauten der Unmasked-Tour von 1980 (das war die mit Iron Maiden) einfach umdekoriert: Leopardenflecken und Tigerstreifen auf die Verstärker, fertig ist die visuelle Umsetzung des Animalize-Covers. Als Vorgruppe in Europa rockt übrigens eine Nachwuchsband aus New Jersey namens Bon Jovi mit, die sich nach eigenen Aussagen sehr genau anschaut, was die Veteranen so machen. Bei der ersten Show am 30. September stehen gleich fünf neue Songs auf der Kiss-Setlist, danach werden Burn Bitch Burn und Get All You Can Take nie mehr live gespielt. Ab 15. November geht es weiter für fünfeinhalb Monate quer durch Nordamerika, diesmal mit einem neuen und üppigeren Bühnenset. Als Supports fungieren Queensrÿche, W.A.S.P., Krokus und Dokken. 

Werbeanzeige für die US-Tour 1984: Dass hier noch das Line-up von 1983 abgebildet ist, zeigt die allgemeine Verwirrung zur Mannschaftsaufstellung von Kiss damals.

Kurzes Gastspiel, trauriges Ende

Eigentlich hat Mark St. John mit dem Job als Kiss-Leadgitarrist ja das große Los gezogen. Doch der unglückliche Flitzefinger spielt schlussendlich nur zweieinhalb Konzerte mit: Am 27. November steht er in Baltimore, Maryland für ein paar Songs auf Bühne, an den folgenden beiden Tagen für das ganze Set, danach muss Kulick wieder übernehmen. Weil es St. John gesundheitlich nicht besser geht, wird Bruce Kulick am 8. Dezember 1984 offiziell als neuer Sologitarrist verkündet. Seinem kurzzeitigen Vorgänger ergeht es in den Folgejahren nicht gut: Musikalische Projekte unter anderem mit Ex-Kiss-Trommler Peter Criss zünden nicht, Geschichten über Drogenprobleme machen die Runde, 2006 kommt St. John/Norton sogar zeitweilig ins Gefängnis, wo er in einer gewalttätigen Auseinandersetzung schwer verletzt wird. Wenige Monate später, am 5. April 2007, stirbt er mit 51 Jahren, auch an den Folgen der Attacke. Traurig.

Endlich mal Ruhe im Personalbüro: Ab Ende 1984 gehört Bruce Kulick (2.v.r.) offiziell zu Kiss und bleibt auch für zwölf Jahre.

Für Kiss geht die Show weiter, die Tour erweist sich als die erfolgreichste seit Jahren. Am 8. Dezember schneiden sie das Konzert in Detroit (Rock City) mit und veröffentlichen es als Animalize Live Uncensored. In dem Video regieren die Achtziger mit schreiend bunten Klamotten, anzüglichem Ansagen, Soloeinlagen aller Mitglieder und einem ziemlich flotten, quasi metallischen Tempo bei allen Songs.

Generell geht es jetzt aufwärts: Mit dem Lineup Paul Stanley, Gene Simmons, Eric Carr und Bruce Kulick kommt für ein paar Jahr endlich mal Stabilität ins Bandgefüge, und auch das nächste Album Asylum (1985) bekommt ein schickes Platinmäntelchen. Aber einfach bleiben die Achtziger für unsere Helden nicht. Mehr dazu erzählen wir ein andermal.

Warum Kiss das Make-up wieder anlegen mussten

Continue Reading

Latest Music News

Top Stories

Don't Miss

[class^="wpforms-"]
[class^="wpforms-"]