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Popkultur

Life Of Agony im Interview: „Alles, was wir tun, ist ein Schritt in Richtung Heilung“

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Life Of Agony
Foto: Gino DePinto

Die Geschichte von Life Of Agony ist alles andere als einfach und unbewegt. Nachdem die New Yorker Band 1993 mit ihrem Debütalbum River Runs Red – einem Genre-Meilenstein des Alternative Metal – durchgestartet war, erlagen die Mitglieder immer wieder ihren eigenen Dämonen. Ganze zwei Mal trennten sich ihre Wege offiziell – aber fanden doch immer wieder zusammen.

von Christina Wenig

30 Jahre nach ihrer Gründung veröffentlichen Life Of Agony nun ihr neues Album The Sound Of Scars, das die Geschichte von River Runs Red, einem Konzeptalbum über die inneren Kämpfe eines Teenagers, der sich schließlich das Leben nehmen will, weiterführt. Gründungsmitglied, Bassist und Songschreiber Alan Robert sprach mit uns über die Bedeutung des neuen Albums, die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit und die heilende Kraft der Musik.

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Hört hier das neue Life-Of-Agony-Album The Sound Of Scars:

Alan, ihr feiert euer 30-jähriges Bandjubiläum mit der Veröffentlichung eures sechsten Studioalbums The Sound Of Scars. Aufgeregt?

„Wir freuen uns so sehr über dieses Album! Es war nicht nur großartig, als Band endlich wieder an einen Punkt zu gelangen, an dem wir viel zu lange nicht waren, sondern auch, die Erfahrungen und die Weisheit nutzen zu können, die wir in den vergangenen 30 Jahren sammeln konnten. Das war sehr motivierend und das Ergebnis ist das unserer Meinung nach beste Album unserer Karriere. Wir sind sehr stolz darauf.“

Dass es überhaupt ein neues Life-Of-Agony-Album gibt, ist nicht selbstverständlich – die Band hat ja so einige Höhen und Tiefen durch. Wie ist die aktuelle Stimmung in eurem Lager?

„Uns geht’s prima. Wir haben seit letztem Jahr eine neue Schlagzeugerin, Veronica Bellino. Seit sie dabei ist, haben wir unsere Leidenschaft für diese Band wieder ganz neu entdeckt und stehen uns jetzt näher als je zuvor. Wir hatten die Gelegenheit, über den Einfluss nachzudenken, den wir auf unsere Fans hatten – und wie uns das selbst über die Jahre geholfen hat, mit unseren Problemen umzugehen.“

Life Of Agony live

Life Of Agony live im Hamburg (Foto: Christina Wenig)

Also wolltet ihr euren Fans etwas zurückgeben?

„Das war ehrlich gesagt die Inspirationsquelle für dieses neue Album: Im Laufe unserer Karriere haben uns so viele Fans mitgeteilt, dass unsere Musik ihnen geholfen hat, schlimme Zeiten in ihrem Leben zu überstehen. Es gibt so viele Menschen da draußen, die Erfahrungen mit Gewalt, Missbrauch oder psychischen Krankheiten gemacht haben und denen die Musik geholfen hat. Als jemand, der selbst mit Depressionen kämpft, weiß ich ganz genau, wie sehr einem Musik in solchen Situationen helfen kann. Der Teenager, um den es auf River Runs Red ging, hat damals nicht nur uns selbst, sondern eine ganze Generation repräsentiert. Also haben wir angefangen zu überlegen: Was, wenn er den Selbstmordversuch, mit dem das Album endet, überlebt hätte – so wie viele unserer Fans ihre Tiefpunkte überlebt haben?“

Da nun wieder anzuknüpfen, war sicherlich nicht einfach – immerhin sind seit der Veröffentlichung von River Runs Red 26 Jahre vergangen…

„Um an diesen Sound und Vibe der Neunziger anknüpfen zu können, mussten wir uns in unsere damalige Situation zurückversetzen und uns daran erinnern, warum wir diese Band überhaupt gestartet hatten. Wir waren damals ja gerade erst 17 Jahre alt. Und letztendlich sind uns zwei Dinge wichtig: Wir wollen die Menschen sowohl physisch als auch emotional bewegen. Damit meine ich, dass unsere Songs einen gewissen Groove haben müssen, der eine körperliche Reaktion hervorruft. Und sie müssen aufrichtig sein, damit die Hörer*innen eine Verbindung zu ihnen aufbauen können. Wenn ein Song diese beiden Kriterien nicht erfüllt, wandert er in die Tonne.“

Life Of Agony live

Life Of Agony live im Hamburg (Foto: Christina Wenig)

Du hast es schon erwähnt: River Runs Red hat diese Teenage Angst vertont, die bestimmend für die Gen X war und damals gerade durch Nirvana populär gemacht wurde. War es schwierig, sich wieder in diese Gefühlswelt zu versetzen?

„Leider bin ich immer noch ein wütender Teenager, haha. Ich glaube, dass man manche Gefühle einfach nie loswird. Hinzu kommen noch eine ganze Menge Wut, Frustration und Enttäuschung, wenn man älter wird und realisiert, wie viele Dinge auf der Welt eigentlich falsch laufen. Man fängt an zu reisen, lernt neue Menschen und Orte kennen und erkennt plötzlich, dass nicht alles so nett ist wie in dem kleinen Städtchen, in dem man aufgewachsen ist. Insofern denke ich, dass wir vielleicht noch frustrierter sind als früher, weil wir nun besser verstehen, wie diese Welt funktioniert. Als wir noch Teenager waren, haben wir einfach mit geballten Fäusten gen Himmel gewütet, ohne ganz zu verstehen, was eigentlich dazu beiträgt, dass es so viel Hass und Intoleranz gibt.“

Wie war es, wieder ein Konzeptalbum zu schreiben?

„Komischerweise gibt es im Jahr 2019 nicht viele Konzeptalben. Diese Art, mit Musik eine Geschichte zu erzählen, so wie mit Pink Floyds The Wall, hat uns von früh an sehr beeinflusst. Die Handlung von River Runs Red nun so fortzuführen, ist für uns eine sehr persönliche Angelegenheit. Es fühlt sich an, als würde sich ein Kreis schließen. Aber es war definitiv eine Herausforderung, das zu tun und die Geschichte so weiter zu erzählen, dass die Hörer*innen verstehen, dass 26 Jahre zwischen diesen beiden Teilen verstrichen sind.“

Life Of Agony live

Life Of Agony live im Hamburg (Foto: Christina Wenig)

Wie seid ihr da ran gegangen?

„Wir mussten River Runs Red jetzt nochmal genau analysieren. Das Album wurde von unserem Freund Josh Silver von Type O Negative produziert, der jedoch mittlerweile das Musikgeschäft hinter sich gelassen hat. Das neue Album wurde von Sylvia Massy, die schon mit Tool und System Of A Down zusammengearbeitet hat, und unserem Gitarristen Joey Z. produziert, der ein großartiger Tontechniker ist. The Sound Of Scars fängt buchstäblich da an, wo River Runs Red aufhört: mit dem Tropfen von Blut in eine Badewanne. Man kann sich beide Alben direkt hintereinander anhören und eine durchgehende Handlung erkennen.“

Genau wie damals werden wir mit Interludes durch die Handlung geführt, wodurch das Album fast schon Filmqualitäten hat. Denkst du, dass dein Job als Comicbuchautor und -illustrator dabei geholfen hat?

„Ich glaube auf jeden Fall, dass ich während der vergangenen Jahre in diesem Beruf sehr viel darüber gelernt habe, Geschichten zu erzählen. Ich hatte die Skripte für die Interludes bereits geschrieben, bevor wir irgendwas aufgenommen haben. Alles war also sehr genau geplant. Die Menschen, die man da hört, sind übrigens keine professionellen Sprecher*innen, sondern unsere Familie und Freund*innen – Menschen, die diese Band lieben und uns unterstützen wollen.“

Life Of Agony live

Life Of Agony live im Hamburg (Foto: Christina Wenig)

Der Albumtitel The Sound Of Scars legt nahe, dass es darauf um Schmerz und Leid geht, aber auch um Heilung. Habt ihr das Gefühl, dass ihr mit diesem Album etwas heilen konntet?

„Alles, was wir tun, ist ein Schritt in Richtung Heilung. Bei den Arbeiten an diesem Album sind viele Dinge passiert, die wir selbst gar nicht so recht verstanden haben. Als wir den Albumtitel Sound Of Scars gewählt haben, war uns zum Beispiel nicht bewusst, dass man daraus das Akronym S.O.S. bilden kann, wie bei einem Hilfeschrei. Auch das Releasedatum war so ein Fall: Uns wurde der 11. Oktober von unserem Label zugeteilt, weil das gut in ihren Veröffentlichungsplan gepasst hat. Erst später wurde uns klar, dass das nur einen Tag vor dem 26. Jubiläum von River Runs Red liegt, das am 12. Oktober 1993 rauskam. Nichts davon war geplant, aber es passt perfekt – als wäre es vorherbestimmt.“

Ihr hattet das Glück, oder Unglück, schon sehr früh sehr erfolgreich zu sein: Euer Debütalbum gilt bis heute als Meilenstein im Alternative Metal. Wie geht man mit solch einem Vermächtnis um?

„Dieses Album hat so viel für uns möglich gemacht. Wir hatten in den vergangenen Jahrzehnten die Gelegenheit, mehrmals um die Welt zu reisen und wir sind so dankbar dafür, dass wir immer noch das tun können, was wir lieben und dass es andere Menschen noch glücklich macht, uns live zu sehen. Irgendwie fühlt es sich an, als würden wir gerade erst loslegen. Unser neues Album hat uns so viel Energie gegeben, dass es fast wie ein Neuanfang wirkt. Als Mina 1997 nach der Veröffentlichung von Soul Searching Sun die Band verlassen hat, bestand die Möglichkeit, mit Whitfield Crane von Ugly Kid Joe weiterzumachen. Wir lieben ihn und sind noch immer mit ihm befreundet, damals haben wir auch einige Tourneen, unter anderem als Support von Megadeth und Ozzy, mit ihm gespielt. Aber als es dann daran ging, ein neues Album aufzunehmen, hat es sich einfach falsch angefühlt. Wir wollten kein Life-Of-Agony-Album ohne Mina aufnehmen und so einen Schatten auf unsere Karriere werfen. Das zeigt ganz genau, wie wichtig uns diese Band und ihr Vermächtnis ist.“

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Popkultur

„The Wall“ als Film: Roger Waters’ holpriger Weg ins Kino

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Pink Floyd spielen "The Wall"
Foto: Rob Verhorst/Redferns/Getty Images

Als Pink Floyd im Jahr 1979 ihr monumentales Konzeptalbum The Wall vorlegen, denkt Mastermind Roger Waters schon längst über eine Verfilmung der Geschichte nach. Genau dazu kommt es wenig später auch — allerdings auf großen Umwegen, mit viel Streit und einem enttäuschenden Ergebnis.

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von Timon Menge

Hier könnt ihr euch The Wall von Pink Floyd anhören:

Mitte der Siebziger hängt der Haussegen bei Pink Floyd mächtig schief. Frontmann Roger Waters reißt Stück für Stück die kreativen Belange an sich, Gitarrist David Gilmour fühlt sich deshalb übergangen. Keyboarder Richard Wright kommt ohnehin zu kurz, doch die Schuld dafür gibt sich der typische Klassenstille später selbst. Als sich die Musiker auch noch um Tantiemen streiten und Gilmour zum ersten Mal Papa wird, übernimmt Waters noch mehr künstlerische Kontrolle. Quasi im Alleingang schreibt er das Konzeptalbum The Wall, das eine Kette von Ereignissen nach sich zieht. Da wären zum Beispiel der Rauswurf von Keyboarder Wright oder die aufwändige The Wall-Tour. Waters hat mit der Platte aber noch etwas anderes vor: Er möchte die Geschichte als Film auf die große Leinwand bringen.

The Wall: ein autobiografisch angehauchtes Meisterwerk

Die Handlung von The Wall lässt tief in Waters’ eigene Biografie blicken: Rockmusiker Pink leidet unter dem Tod seines Vaters im Zweiten Weltkrieg, unter seiner überfürsorglichen Mutter und unter seinem Dasein als Rockstar, der sich zunehmend von seinem Publikum isoliert fühlt — genau wie Waters während der ersten Pink-Floyd-Stadion-Shows im Rahmen der In The Flesh-Tour. Auch Schulprobleme aus der Kindheit und schwierige Liebesbeziehungen machen Pink zu schaffen. So demütigt ein Lehrer ihn zum Beispiel, indem er Pinks Gedichte laut vor der Klasse vorliest. Später findet der Rockstar heraus, dass ihn seine Frau betrügt und versucht, den Schmerz mithilfe eines Groupies und schließlich mit Drogen zu bekämpfen. Jede Enttäuschung sorgt für „another brick in the wall“, die Pink um sich errichtet. Am Ende laufen all seine negativen Erfahrungen zusammen.

Einen Film plant Waters schon vor der Produktion des Albums. Live-Aufnahmen sollen darin vorkommen, genauso wie Animationen aus dem Pinsel von Gerald Scarfe, der schon die LP von The Wall gestaltete. Auf dem Regiestuhl sollen Alan Parker und Michael Seresin sitzen, Waters möchte als Pink vor die Kamera treten. Doch dann kommt alles anders: Waters eignet sich nicht als Schauspieler, stattdessen übernimmt Boomtown-Rats-Frontmann Bob Geldof die Rolle. Der erzählt seinem Manager im Taxi noch, wie bescheuert er den Film findet — nicht wissend, dass Roger Waters’ Bruder am Steuer des Wagens sitzt. Live-Mitschnitte von Pink Floyd ergeben nach Waters’ Ausscheiden aus dem Cast keinen Sinn mehr, Seresin verlässt das Projekt daraufhin komplett. Übrig bleiben Parker, Waters und Scarfe. Harmonisch verläuft die Zusammenarbeit der Drei allerdings nicht …

Viel Ego, viel Film

Immer wieder geraten Musiker Waters, Regisseur Parker und Animateur Scarfe aufgrund ihrer Egos aneinander. Parker beschreibt den Filmprozess sogar als „eine der schlimmsten Erfahrungen meines kreativen Lebens“. Scarfe wiederum gibt in einem Interview mit dem Pink-Floyd-Magazin Floydian Slip zu Protokoll, er habe während der Dreharbeiten stets eine Flasche Whiskey im Gepäck gehabt. „Ich saß gegen neun Uhr morgens in meinem Auto und hatte eine Flasche Jack Daniel’s auf dem Beifahrersitz“, so Scarfe. „Ich trinke nicht viel, aber damals musste ich morgens einen Schluck nehmen, weil ich wusste, was auf mich zukam, und dass ich mich in irgendeiner Weise stärken musste.“ Roger Waters selbst genießt die Arbeit am The-Wall-Film auch nicht gerade, bezeichnet sie aber schlicht als „sehr zermürbende und unangenehme Erfahrung“.

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Die Premiere des Streifens geht am 23. Mai 1982 in Cannes über die Bühne, drei Wochen später folgt die Erstaufführung in London. David Gilmour und Nick Mason erscheinen als Gäste, Geldof und Scarfe lassen sich die Premiere natürlich ebenfalls nicht entgehen — genauso wenig wie Pete Townshend von The Who, Roger Taylor von Queen und Sting von The Police. Richard Wright bleibt wegen seines Rauswurfs zuhause. Zwölf Millionen US-Dollar kostet der The-Wall-Film unterm Strich, fast das Doppelte spielt er ein. Eigentlich handelt es sich bei dem Streifen also um einen Erfolg, doch Roger Waters ist nicht zufrieden. „Ich war am Ende ein bisschen enttäuscht“, verrät er 1988 in einem Interview. „Ich habe keinerlei Sympathie für den Hauptcharakter empfunden. Der Film war so ein Feuerwerk für die Sinne, dass ich als Zuschauer gar keine Chance hatte, mich richtig darauf einzulassen.“

„Was zum Teufel war das?“

Regie-Legende Steven Spielberg soll ein wenig direktere Worte gefunden haben und nach der Premiere in Cannes gefragt haben: „Was zum Teufel war das denn?“ The-Wall-Regisseur Parker behauptet später, dass ihn diese Reaktion gefreut habe: „In der Tat, ‚Was zum Teufel war das?‘ Niemand hatte so etwas bisher gesehen — eine wilde Mischung aus Live-Action, Storytelling und Surrealismus.“ Heute hat die The-Wall-Verfilmung ihren festen Platz in der Popkultur, nicht zuletzt aufgrund der charakteristischen Animationen von Scarfe. Zu den Sternstunden der Pink-Floyd-Geschichte zählt der Streifen aber sicher nicht.

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Die Alben von Pink Floyd im Ranking — die besten Platten der Prog-Legenden

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„Keeper Of The Seven Keys: Part I“: Als Helloween den Power Metal erfanden

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Helloween
Foto: Paul Natkin/Getty Images

Ursprünglich als Doppel-LP gedacht, veröffentlichen Helloween am 23. Mai 1987 den ersten Teil ihrer Keepers Of The Seven Keys-Saga. Die Schwelle zum Erfolg rückt näher, alle Zeichen stehen auf Durchbruch. Der große Knall gelingt der Band zwar erst ein Jahr später mit Part II — doch Part I sowie die Rekrutierung von Sänger Michael Kiske markieren wichtige Grundsteine für den jahrzehntelangen Erfolg der Hamburger.

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von Timon Menge

Hier könnt ihr euch Keeper Of The Seven Keys: Part I von Helloween anhören:

Als Helloween am 23. Mai 1987 ihr zweites Album Keeper Of The Seven Keys: Part I auf die Öffentlichkeit loslassen, steht die Band an einem Wendepunkt: Mit Walls Of Jericho hatte die Gruppe 1985 ein vielbeachtetes Debütalbum vorgelegt, mit Keeper Of The Seven Keys: Part II wird den Hamburgern 1988 der ganz große Durchbruch gelingen. Part I ebnet zwischenzeitlich den Weg dorthin. Doch was hat sich im Hause Helloween vom Debüt bis zu Keeper Of The Seven Keys: Part I eigentlich verändert?

„So anders als die letzte ist die Platte im Grunde genommen gar nicht“, findet Gitarrist Michael Weikath im Frühjahr 1987 in einem Interview mit dem deutschen Metal Hammer. So ganz recht hat er damit nicht: Nach ihrem ersten Album nehmen Helloween nämlich einen entscheidenden Personalwechsel vor — und holen Sänger Michael Kiske an Bord.

Kai Hansen: „Ich bin eher ein Schreihals.“

Dass Gitarrist Kai Hansen seinen Posten am Mikrofon räumt, liegt hauptsächlich daran, dass er sich als Sänger nicht wohlfühlt; vor allem das gleichzeitige Gitarrespielen ist ihm nicht geheuer. „Ich habe mich nie wirklich als Sänger gesehen“, verrät er im Interview mit dem britischen Classic Rock Magazine. „Ich bin eher eine Art Schreihals. Außerdem hat mir die Disziplin gefehlt. Saufen und Rauchen machen die Stimme nicht besser.“

Als Gitarrist rückt Hansen auf Keeper Of The Seven Keys: Part I in den Vordergrund, weil sein Sechs-Saiten-Kollege Michael Weikath wegen Krankheit nur sporadisch an den Sessions teilnehmen kann. Dadurch entsteht zum Beispiel der legendäre Song Future World, den Helloween als einzige Single von Part I auskoppeln. Auch das Stück Halloween stammt aus Hansens Feder. Untätig bleibt Weikath natürlich trotzdem nicht.

Mit A Tale That Wasn’t Right steuert der Gitarrist eine Ballade für die Ewigkeit bei, auch an Follow The Sign schreibt er mit. Freshman Michael Kiske komponiert das Stück A Little Time und leistet damit ebenfalls einen Beitrag zu der historischen Errungenschaft, die man Keeper Of The Seven Keys: Part I im Allgemeinen nachsagt: die Erfindung des Power Metal.

Klassischer Heavy Metal, unfassbare Geschwindigkeiten, symphonische Elemente, epische Texte: Wenn es um Drachen, Zauberer und jede Menge Doublebass geht, ist das Wörtchen „Power“ im Metal nicht weit. „Mir kam es damals nicht so vor, als hätten wir etwas großartig Neues geschaffen“, erinnert sich Kai Hansen im ClassicRock-Interview. „Niemand konnte damals etwas mit dem Begriff Power Metal anfangen, für uns war das einfach nur Heavy Metal. Das ist es auch heute noch. Was zum Teufel soll Power Metal denn sein?“

Keeper Of The Seven Keys: Part I — ein Überraschungserfolg

Eigentlich hätten Helloween Part I und Part II der Keepers Of The Seven Keys-Saga lieber als Doppel-LP veröffentlicht, doch bei einer Newcomer-Band möchte die Plattenfirma Noise Records vermutlich lieber auf Nummer sicher gehen. Wer hätte schließlich geahnt, dass Helloween heute zu den größten Namen der Krawallmusik-Szene zählen würden und dass ausgerechnet der Doppelschlag Keeper Of The Seven Keys: Part I und II so sehr dazu beitragen würden.

Schon kurz nach der Veröffentlichung landet Part I unverhofft auf Platz 15 der deutschen Albumcharts. „Dass wir in die normalen Charts kommen, das hat wirklich keiner von uns erwartet“, erzählt Gitarrist Weikath im MetalHammer-Interview. Mit Part II gelingt sogar der Sprung auf Platz fünf. „Ich frage mich wirklich, wo denn eigentlich die Leute sitzen, die das alles kaufen. Da scheint es wesentlich mehr von zu geben, als ich angenommen hatte.“ Gut so!

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Zeitsprung: Am 29.8.1988 erscheint „Keeper Of The Seven Keys: Part II“ von Helloween.

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Zeitsprung: Am 22.5.2001 erscheint das erste Bon Jovi-Livealbum „One Wild Night“.

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Bon Jovi

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 22.5.2001."

von Christof Leim

Keine Frage: Bon Jovi dominieren den Hard Rock der Achtziger. Mit Slippery When Wet (1986) und New Jersey (1989) liefern sie zwei Nummer-eins-Alben hintereinander ab, daneben empfehlen sie sich als fleißige und mitreißende Liveband, die fast pausenlos durch die größten Hallen und Stadien in aller Welt tourt. Alleine die Konzertreise für Slippery dauert 15 Monate (von Juli 1986 bis Oktober 1987), danach hängen die Herren für New Jersey nochmal unfassbare 16 Monate (von Oktober 1988 bis Februar 1990) dran. Einen (offiziellen) Konzertmitschnitt dieser glorreichen Zeit sucht man allerdings vergebens.

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Hier könnt ihr in One Wild Night: Live 1985-2001 reinhören:

Klickt auf „Listen“ für das ganze Album.

Die erste „richtige“ Liveplatte erscheint nämlich erst viel später, am 22. Mai 2001. Da hat sich die Welt der Rockmusik schon weitergedreht, Grunge und Crossover sind gekommen und wieder gegangen. Bon Jovi haben mehrjährige Pausen eingelegt, Soloalben veröffentlicht und sich immer mehr zu einer erwachsenen Rockband entwickelt, die Springsteen stilistisch näher steht als Kiss und Aerosmith. Zuletzt brachten sie im Sommer 2000 das Album Crush auf den Markt, eine weitestgehend entspannte, oft balladeske Angelegenheit. Als Liveband aber lassen sie weiter nichts anbrennen und füllen immer noch die Stadien.


Für One Wild Night: Live 1985-2001 beschränken sich die Musiker nicht auf die Aufzeichnungen einer Show oder einer Tour, sondern stellen Songs aus drei Phasen ihrer Karriere zusammen: von aktuellen Konzerten im Jahr 2000 und Shows von der Mitte der Neunziger, als junge Rockhörer auf ganz andere Sounds standen, sowie von einem Gig in Tokio 1985. (Ja, die Herren sind schon früh ordentlich rumgekommen.) Aufnahmen aus den ganz großen Jahren, also von den Megatouren zu Slippery und New Jersey, fehlen sonderbarerweise.



Mit der Songauswahl decken Bon Jovi dabei alle Phasen ihrer Karriere ab; es finden sich die offensichtlichen Hits (Livin’ On A Prayer, Bad Medicine et al.), locker-flockiges Neunziger-Zeug (Something For The Pain, Something To Believe In) und damals neues Material wie Just Older oder It’s My Life. Als alte Schätzchen gibt es den ersten Hit Runaway vom 1984er-Debütalbum und In And Out Of Love vom oft (und zu Recht) vergessenen Zweitwerk 7800° Fahrenheit.



Interessant wird es bei den Coverversionen: Im südafrikanischen Johannesburg lassen Bon Jovi eine treibende Version von Neil Youngs Rocking In The Free World vom Stapel, bei I Don’t Like Mondays singt sogar Bob Geldof mit. (Für die Komplettisten: Diese Aufnahme wurde schon auf der Doppel-CD-Variante von These Days (1995) veröffentlicht; drei Mitschnitte aus Zürich gibt es ebenfalls auf der The Crush Tour-DVD. ) Bei der letzten Nummer schließlich, dem titelgebenden One Wild Night 2001 handelt es sich um einen Remix eines Tracks von Crush. Diese neue Version wird auch als Single ausgekoppelt, ebenso der alte Gassenhauer Wanted Dead Or Alive.



Alles in allem repräsentiert die Platte gut den musikalischen Stand der Gruppe zur Jahrtausendwende. Bon Jovi erweisen sich als souveräne Liveband mit guten Gesängen und einem Frontmann, der die Menge anzuspornen weiß. Natürlich klingen unsere Helden mittlerweile im Vergleich zur ungestümen Hardrockerei der Achtziger ein gutes Stück erwachsener. Was vor allem heißt: Der Chef schreit nicht mehr so viel, und die Gitarre macht weniger „Brett“. Das Album erscheint am 22. Mai 2001 und schlägt sich recht wacker in den Charts mit hohen Platzierungen in Europa (Platz 3 in Deutschland) und einem 20. Rang in den USA. Der nächste Konzertmitschnitt Inside Out lässt dann wieder bis 2012 auf sich warten, aber das ist eine andere Geschichte…

Zeitsprung: Am 28.4.1989 heiratet Jon Bon Jovi seine Jugendliebe – heimlich.

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