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Popkultur

Architekt des Rock‘n‘Roll: Die glanzvollsten Momente von Little Richard

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Foto: Echoes/Redferns/Getty Images

Vergangene Woche verlor der Rock‘n‘Roll seinen Gründervater: Little Richard wurde 87 Jahre alt. In einem Fall wie diesem sind selbst Superlative nicht genug, um das Schaffen eines Künstlers gebührend zu ehren. Versuchen wir es also mit einigen unvergleichlichen Anekdoten und Momenten aus dem bewegten Leben des Architekten des Rock‘n‘Roll.

von Björn Springorum

Man kann die Geschichte des Rock‘n‘Roll nicht ohne die Geschichte des Little Richard erzählen.

Deswegen in aller Kürze: Diese Musik hat Little Richard ebenso viel zu verdanken wie der ganze Rest der Welt auch. Seine Konzerte in den Fünfzigern finden vor Schwarzen und Weißen statt, ein absolutes Novum in der damaligen Segregation. Seine Musik ist wie der Urschrei für all das, was danach kommt. Seine extravaganten, queeren Bühnenoutfits ein Vorbild für alle von Michael Jackson über Prince bis zu Marilyn Manson. Und seine schiere Präsenz mal so ganz nebenbei das Modell, an dem sich auch die jungen Beatles orientieren. Man kann es aber natürlich auch kurz machen: Elvis Presley nennt ihn „den Größten“. Und wenn der King of Rock‘n‘Roll das tut, ist eigentlich alles gesagt.

Taten sagen mehr als Worte

Nun könnte man sich gewiss seitenlang an seinen Ehrungen, Auszeichnungen, Preisen und Erfolgen abarbeiten, könnte minutiös aufzählen, welche Künstler der kleine Richard auf welche Weise beeinflusste und wie oft seine Rock-Blaupausen wie Tutti Frutti über die Ladentische gingen. Einem offenherzigen, empathischen und optimistischen Künstler wie ihm nähert man sich aber besser über einen anderen Weg. Über Anekdoten, Geschichten oder persönliche Momente aus einer Karriere, die es so kein zweites Mal gab oder geben wird.

Ein homosexueller Rock‘n‘Roller

„Homosexuelle sind die süßesten, nettesten, künstlerischsten, wärmsten und nachdenklichsten Menschen der Welt. Und seit dem Anbeginn der Zeit wurden sie dafür immer nur mit Füßen getreten“, hat Little Richard mal gesagt. Und damit auch sich selbst gemeint: Im Laufe seiner langen Karriere hat er sich abwechselnd als schwul, bisexuell und omnisexuell bezeichnet. Ihn kümmerte es nicht, wer wen warum liebte. Solange man es tat. Ein schwarzer schwuler Rock‘n‘Roller, das war aber eben für viele auch ein ziemlicher Skandal. Noch im Jahr 2000, im Biopic Little Richard, wird seine Queerness in keinem Wort erwähnt. Das ist eine vertane Chance und besonders tragisch, weil hier eine Menge Potential verschenkt wurde. Um es mit den Worten eines ehemaligen Berliner Bürgermeisters zu sagen: Little Richard war schwul. Und das war gut so. Auch an dieser Front leistete der 1932 als Richard Wayne Penniman wichtige Aufklärungsarbeit – als Fanal, dass man auch als Mann in Drag-Klamotten zum Sexsymbol werden kann. Und als Beweis, dass Wärme und Weichheit nicht im Widerspruch zu lautem, wildem Rock‘n‘Roll stehen.

Little Richard liebte extravagante Bühnen-Outifts. Foto: David Redfern/Redferns

Little Richard trifft die Beatles

Er würde es lange nicht zugeben, doch als Little Richard zum ersten Mal auf die Beatles trifft und sie spielen sieht, ist er nicht seht begeistert. Einzig in Paul McCartney erkennt er etwas Strahlendes, etwas, wofür er die anderen Beatles gar nicht brauchen würde. „Ich war der Meinung, dass sie es nicht schaffen würden“, sagt er erst viele Jahre später. Ganz der Gentleman, verrät Little Richard natürlich nicht, was er wirklich denkt, als er den jungen Liverpudlians 1962 in Hamburg über den Weg läuft. Er und die Beatles spielen oft zusammen, sie hängen gemeinsam in seiner Garderobe ab und holen sich mehr als einen Rat von ihrem Idol ab. „Ich habe Paul alles gezeigt, was er kann“, ist so ein weiterer legendärer Ausspruch von Little Richard. Und Paul? Der stimmt dem bis heute ohne Einwände zu!

 

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‘From ‘Tutti Frutti’ to ‘Long Tall Sally’ to ‘Good Golly, Miss Molly’ to ‘Lucille’, Little Richard came screaming into my life when I was a teenager. I owe a lot of what I do to Little Richard and his style; and he knew it. He would say, “I taught Paul everything he knows”. I had to admit he was right. In the early days of The Beatles we played with Richard in Hamburg and got to know him. He would let us hang out in his dressing room and we were witness to his pre-show rituals, with his head under a towel over a bowl of steaming hot water he would suddenly lift his head up to the mirror and say, “I can’t help it cos I’m so beautiful”. And he was. A great man with a lovely sense of humour and someone who will be missed by the rock and roll community and many more. I thank him for all he taught me and the kindness he showed by letting me be his friend. Goodbye Richard and a-wop-bop-a-loo-bop.’ – Paul McCartney #LittleRichard #PaulMcCartney

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Abstecher nach Hollywood

Pures Charisma, sprühender Witz, Sex-Appeal, entwaffnendes Grinsen: Im Grunde ist Little Richard der geborene Schauspieler. Von seinen Leinwandtalenten kann man sich dennoch nicht allzu häufig überzeugen. Eine Ausnahme ist die Komödie Zoff in Beverly Hills von 1986, die durch Little Richards erfrischenden Auftritt zusätzlichen Schwung bekommt. Richard gibt den genervten Nachbar in einem glitzernden Bademantel, der sich tierisch darüber aufregt, dass die Polizei bei seinem weißen Nachbarn gleich mit einem Helikopter anrückt, wenn der Alarm losgeht. Lustig, ja, aber mindestens ebenso bitter. Außerdem spendiert er dem erfolgreichen Film mit Great Gosh A’Mighty auch noch einen verdammt schwungvollen Soundtrack-Beitrag. Es soll der letzte Chart-Einstieg seines Lebens sein.

Erster in der Ruhmeshalle

Die Rock And Roll Hall Of Fame in Cleveland, Ohio nimmt seit 1986 die größten und außergewöhnlichsten Talente der Rock- und Pop-Welt in ihre Ruhmeshalle auf. Gleich bei der allerersten Zeremonie in diesem neuen Walhalla der Gitarren wird Little Richard initiiert – zusammen mit Chuck Berry, James Brown, Elvis Presley, Ray Charles, Sam Cooke, Fats Domino, Buddy Holly, The Everly Brothers und Jerry Lee Lewis. Man könnte auch sagen: Die Klasse von 1986 besteht aus den Gründervätern der modernen Musik.

Zu Besuch in der Sesamstraße

Die Sesamstraße ist bekannt dafür, in den vielen Jahrzehnten ihrer Existenz die eine oder andere Legende der Musikgeschichte für einen Gastauftritt gewonnen zu haben. Niemand von ihnen passt besser in diese bunte, glitzernde, absurde, theatrale Welt als Little Richard. Und wenn man ihn so sieht, wie er mit seinem Tigerprint-Sakko voller Inbrunst und Gesichtsakrobatik Rubber Duckie singt, dann merkt man schnell, warum.

Ein Nationalheiligtum

2010 ist es dann soweit: Tutti Frutti ist eines der auserwählten kulturellen Artefakte, die in das National Recording Registry aufgenommen werden. Das ist ein Verzeichnis US-amerikanischer Tondokumente, die wegen ihrer kulturellen, historischen oder ästhetischen Bedeutung als besonders erhaltenswert angesehen werden. Der heilige Gral für einen Künstler, könnte man auch sagen. Der Song von 1955 wird in der offiziellen Begründung als Rock-Artefakt bezeichnet, das mit dem „einzigartigen Gesang über diesen unwiderstehlichen Beat eine neue Ära der Musik einläutete.“

Hochzeit mit Little Richard

Als hatte er nicht auch so schon genug zu tun, ist Little Richard eine Zeitlang ein ziemlich gefragter Standesbeamter. Nachdem Richard 1982 die Ehe zwischen Steven Van Zandt aus Bruce Springsteens Band mit Maureen Santoro beschließt, sorgt er noch einige weitere Male für das Ja-Wort bei prominenten Hochzeiten: Bei Tom Petty und Dana York beispielsweise, bei Cyndi Lauper und David Thornton oder, 1987, bei Demi Moore und Bruce Willis. Es muss wohl was mit seinen Anfängen in den Gospel-Kirchen Georgias zu tun gehabt haben…

Die ganze Sache mit dem Sex

Bei allen charmanten, schillernden und herzerwärmenden Anekdoten wollen wir aber auch eines nicht vergessen: Little Richard konnte auch anders. Er sprach öffentlich darüber, wie oft er am Tag masturbiert, hatte nach eigenen Angaben mal einen Dreier mit Buddy Holly, bekam schon mal Ärger wegen Voyeurismus und singt in Tutti Frutti höchstwahrscheinlich über Analverkehr. Aber so ganz ohne verruchte Details wäre so ein Leben als Rock‘n‘Roller ja auch nicht komplett.

10 Songs, die die Rockmusik verändert haben – Teil 1

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