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Popkultur

John Lennon, Johnny Cash, David Bowie: Marilyn Mansons beste Cover-Songs

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Foto: Niels van Iperen/Getty Images

Lange Jahre war Marilyn Manson der musikalische Staatsfeind Nummer eins der Vereinigten Staaten. Heute taugt der selbsternannte God Of Fuck selbst in Amerika nicht mehr zum Sündenbock; in Sachen Cover-Versionen ist auf diesen bösen Buben namens Brian Warner aber immer noch Verlass. Eine Ausgrabung in den finsteren Katakomben des Industrial Rock.

von Björn Springorum

Niemand ist in den Neunzigern berüchtigter als er: Marilyn Manson ist Bürgerschreck und Vorbild in einem, ein Antiheld, der alles dafür tut, um diesen Status quo aufrecht zu erhalten. Er wird verantwortlich gemacht für das Massaker in Columbine, überzeugt später mit vernünftigen und cleveren Aussagen dazu. Provozieren gehört für ihn dennoch zum Broterwerb, bei den Shows wie in seinen Videos oder bei offiziellen, lange gefürchteten Presseterminen. Vor allem aber ist Marilyn Manson ein Künstler, der in den letzten drei Dekaden unzählige Karrierephasen durchlaufen hat. Vom wüsten, juvenilen, sengenden Industrial Rock der frühen Tage über morbiden Pomp und Theatralik hin zu einem reifen, düsteren, Rock-Sound. Einer Vorliebe ist sich Brian Warner dabei immer treu geblieben: Cover-Songs. Hier kommen zehn seiner besten, ungewöhnlichsten und seltensten – und damit meinen wir jetzt zur Abwechslung mal weder Personal Jesus noch Tainted Love.

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Manson am Posen.
Foto: Mick Hutson/Redferns/Getty Images

I Put A Spell On You

Fangen wir mit einer obskuren und weitgehend unbekannten Fremdinterpretation an. 1995 wird Smells Like Children veröffentlicht, eine wüste, von Trent Reznor (Nine Inch Nails) produzierte EP, die die Band im bodenlosen Drogentaumel porträtiert. Heute am ehesten bekannt für das Cover des Eurythmics-Dauerbrenners Sweet Dreams (Are Made Of This), ist es aber eigentlich I Put A Spell On You von Screamin‘ Jay Hawkins, das mit seiner fiebrigen, irrsinnigen, bedrohlichen Aura viel besser zum damaligen Gemütszustand der Band passt.

You‘re So Vain

Klar, schon der Titel des Carly-Simon-Klassikers passt perfekt zu einer an Eitelkeit durchaus nicht armen Figur wie Marilyn Manson. Hübsch selbstironisch also, dass er mit einem Cover dieser Nummer sein unterschätztes 2012-we Album Born Villain beschließt. An Gitarre und Schlagzeug: Ein ebenfalls nicht ganz uneitler Kerl namens Johnny Depp…

Golden Years

Mit Mechanical Animals ehrt Marilyn Manson 1998 das musikalische wie visuelle Schaffen seines großen Idols David Bowie. Das Album ist theatralischer, ausladender als zuletzt, öffnet Einflüssen aus Glam Rock und Electro Tür und Tor und feuert mit The Dope Show, Rock Is Dead, I Don’t Like The Drugs (But The Drugs Like Me) und Coma White gleich vier Welterfolge in Singleform ab. Nicht auf dem Album, aber aus derselben Ära stammt mit Golden Years ein Bowie-Cover, das sein Schattendasein auf dem Soundtrack des Films Dead Man On Campus fristet. Dabei hätte die Interpretation dieser Station To Station-Nummer durchaus mehr Aufmerksamkeit verdient.

Highway To Hell

Eine kurze Umfrage im uDiscover-Team hat ergeben, dass Marilyn Manson mit seiner abgehackten, steril vor sich hin pumpenden Variante von Highway To Hell nicht für alle ins Schwarze trifft. Ist natürlich Geschmackssache, wie immer. Nicht abzustreiten ist indes der Druck, den der Refrain entfaltet. Und für eine Posse wie Detroit Rock City, auf deren Soundtrack die Nummer auftaucht, ist das dann doch irgendwie wieder ganz passend. Die Snare, die scheinen sich Metallica außerdem direkt für St. Anger ausgeborgt zu haben.

Down In The Park

Als 1994 das erste Manson-Album Portrait Of An American Family entfesselt wird, ist das ein bisschen wie ein Urknall. Wenn auch nicht vom Fleck weg kommerziell erfolgreich, verbreitet die Platte bei manchen ahnungsvoll-ehrfürchtiges Raunen, während sie bei anderen für Albträume oder ungute Fantasien sorgt. Die B-Seite der Single Lunchbox, laut Manson übrigens ein Song darüber, wie er sich früher mit seiner KISS-Lunchbox gegen Drangsalierer verteidigte, ist eine wenig bekannte Cover-Version von Down In The Park, im Original 1979 veröffentlicht von Gary Numans Band Tubeway Army. Sie ist nur eines von vielen Beispielen, bei denen das Manson-Cover besser ist als das Original.

Helter Skelter

Deutlich jüngeren Datums ist Helter Skelter in dieser rigorosen 2018-er Neubearbeitung von Marilyn Manson und seinem Kumpel Rob Zombie. Wunderbar schleppend, maliziös wummernd, mit jaulenden Gitarren, tonnenschweren Grooves und hörbar viel Bock bei den Herren Manson und Zombie: Die Beatles-Nummer ist wie gemacht für die beiden. Und nicht zuletzt war es eh längst überfällig, dass sich der God Of Fuck dieser Nummer annimmt: Bekanntlich inspirierte sie Charles Manson zu seiner Weltanschauung.

Suicide Is Painless

Jetzt wird‘s richtig seltsam: 2000 nimmt Marilyn Manson für den Soundtrack des Flops Blair Witch Project 2: Book of Shadows ein Cover von Suicide Is Painless auf. Bei dem Titel erst mal wenig überraschend, doch wenn man weiß, dass es eigentlich der Titelsong der TV-Serie M.A.S.H. ist, legt sich die eine oder andere Stirn schon in Falten: Wieso, zum Teufel, ist dem Antichristen der Rockmusik höchstselbst die Cover-Version eines TV-Themes so wichtig? Eines Songs, dessen Text binnen weniger Minuten von einem 14-jährigen Mike Altman geschrieben wurde?

 

Five To One

Erst voriges Jahr ließ Marilyn Manson eine ziemlich unheilvolle Version des Doors-Klassikers The End hören. Der Song wurde aus unerfindlichen Gründen mittlerweile wieder von allen Portalen genommen und ist längst zum gesuchten Sammlerstück geworden. Macht aber nix: Ist schließlich nicht das erste Mal gewesen, dass er The Doors gecovert hat: Auf der japanischen Single-Fassung des Holy Wood-Hits Fight Song befindet sich Five To One, ursprünglich von Waiting For The Sun.

Workin Class Hero

Selbe japanische Single, selbes Spiel: Auch Lennons Working Class Hero bekommt das Manson-Treatment und wird in seinen Händen zu einer schaurigen Gothic-Folk-Ballade mit rauer Stimme und bedrückender Stimmung.

God‘s Gonna Cut You Down

Er kann es immer noch: Marilyn Mansons aktuelleste Cover-Version ist zugleich eine seiner besten: Was bei ihm aus Johnny Cashs God‘s Gonna Cut You Down wird, ist eine düstere, schwelende Southern-Gothic-Nummer mit dem stoischen Marschrhythmus von Sargträgern. Es ist durchaus zu hoffen, dass Manson diesem Stil auch auf seinem in Bälde kommenden Album treu bleibt.

Zeitsprung: Am 5.1.1969 kommt Marilyn Manson zur Welt.

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Popkultur

Zeitsprung: Am 22.5.2001 erscheint das erste Bon Jovi-Livealbum „One Wild Night“.

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Bon Jovi

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 22.5.2001."

von Christof Leim

Keine Frage: Bon Jovi dominieren den Hard Rock der Achtziger. Mit Slippery When Wet (1986) und New Jersey (1989) liefern sie zwei Nummer-eins-Alben hintereinander ab, daneben empfehlen sie sich als fleißige und mitreißende Liveband, die fast pausenlos durch die größten Hallen und Stadien in aller Welt tourt. Alleine die Konzertreise für Slippery dauert 15 Monate (von Juli 1986 bis Oktober 1987), danach hängen die Herren für New Jersey nochmal unfassbare 16 Monate (von Oktober 1988 bis Februar 1990) dran. Einen (offiziellen) Konzertmitschnitt dieser glorreichen Zeit sucht man allerdings vergebens.

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Hier könnt ihr in One Wild Night: Live 1985-2001 reinhören:

Klickt auf „Listen“ für das ganze Album.

Die erste „richtige“ Liveplatte erscheint nämlich erst viel später, am 22. Mai 2001. Da hat sich die Welt der Rockmusik schon weitergedreht, Grunge und Crossover sind gekommen und wieder gegangen. Bon Jovi haben mehrjährige Pausen eingelegt, Soloalben veröffentlicht und sich immer mehr zu einer erwachsenen Rockband entwickelt, die Springsteen stilistisch näher steht als Kiss und Aerosmith. Zuletzt brachten sie im Sommer 2000 das Album Crush auf den Markt, eine weitestgehend entspannte, oft balladeske Angelegenheit. Als Liveband aber lassen sie weiter nichts anbrennen und füllen immer noch die Stadien.


Für One Wild Night: Live 1985-2001 beschränken sich die Musiker nicht auf die Aufzeichnungen einer Show oder einer Tour, sondern stellen Songs aus drei Phasen ihrer Karriere zusammen: von aktuellen Konzerten im Jahr 2000 und Shows von der Mitte der Neunziger, als junge Rockhörer auf ganz andere Sounds standen, sowie von einem Gig in Tokio 1985. (Ja, die Herren sind schon früh ordentlich rumgekommen.) Aufnahmen aus den ganz großen Jahren, also von den Megatouren zu Slippery und New Jersey, fehlen sonderbarerweise.



Mit der Songauswahl decken Bon Jovi dabei alle Phasen ihrer Karriere ab; es finden sich die offensichtlichen Hits (Livin’ On A Prayer, Bad Medicine et al.), locker-flockiges Neunziger-Zeug (Something For The Pain, Something To Believe In) und damals neues Material wie Just Older oder It’s My Life. Als alte Schätzchen gibt es den ersten Hit Runaway vom 1984er-Debütalbum und In And Out Of Love vom oft (und zu Recht) vergessenen Zweitwerk 7800° Fahrenheit.



Interessant wird es bei den Coverversionen: Im südafrikanischen Johannesburg lassen Bon Jovi eine treibende Version von Neil Youngs Rocking In The Free World vom Stapel, bei I Don’t Like Mondays singt sogar Bob Geldof mit. (Für die Komplettisten: Diese Aufnahme wurde schon auf der Doppel-CD-Variante von These Days (1995) veröffentlicht; drei Mitschnitte aus Zürich gibt es ebenfalls auf der The Crush Tour-DVD. ) Bei der letzten Nummer schließlich, dem titelgebenden One Wild Night 2001 handelt es sich um einen Remix eines Tracks von Crush. Diese neue Version wird auch als Single ausgekoppelt, ebenso der alte Gassenhauer Wanted Dead Or Alive.



Alles in allem repräsentiert die Platte gut den musikalischen Stand der Gruppe zur Jahrtausendwende. Bon Jovi erweisen sich als souveräne Liveband mit guten Gesängen und einem Frontmann, der die Menge anzuspornen weiß. Natürlich klingen unsere Helden mittlerweile im Vergleich zur ungestümen Hardrockerei der Achtziger ein gutes Stück erwachsener. Was vor allem heißt: Der Chef schreit nicht mehr so viel, und die Gitarre macht weniger „Brett“. Das Album erscheint am 22. Mai 2001 und schlägt sich recht wacker in den Charts mit hohen Platzierungen in Europa (Platz 3 in Deutschland) und einem 20. Rang in den USA. Der nächste Konzertmitschnitt Inside Out lässt dann wieder bis 2012 auf sich warten, aber das ist eine andere Geschichte…

Zeitsprung: Am 28.4.1989 heiratet Jon Bon Jovi seine Jugendliebe – heimlich.

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Popkultur

„Hot Space“ verwandelt Queen vor 40 Jahren in eine Dance Pop-Band

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Queen
Foto: Kent Gavin/Mirrorpix/Getty Images

Vor 40 Jahren erschien Hot Space — jenes Queen-Album, das im Werk der legendären Band so richtig aus der Reihe tanzt. Betonung auf: Tanzt, denn hier regiert nicht heroischer Rock, sondern Disco. Bei vielen gilt die Platte als ungeliebter Ausreißer — wird ihr da Unrecht getan?

 von Markus Brandstetter

Hier könnt ihr Hot Space hören:

Es gab Zeiten, da betonten Queen noch extra, keinerlei Synthesizer in ihrer Musik zu verwenden. Im Juni 1981 gab’s dann aber eine ordentliche Kehrtwende in dieser Sache, denn als die Band ins Studio ging, um an ihrem neuen Longplayer zu arbeiten, wurden Synthesizer ein tragendes Element. Mehr noch: Queen vollzogen in den Augen vieler eine unverständliche Wandlung, denn plötzlich regierten Disco, Dance, R&B und Funk den Sound des britischen Quartetts. Damit nicht genug: Queen setzten sogar Drumcomputer ein — und die stets omnipräsente Leadgitarre von Brian May ordnete sich einer anderen Funktion unter.

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Roger Taylor sagt: John Deacon ist schuld

Geht es nach Schlagzeuger Roger Taylor, war es Bassist John Deacon, der die ersten musikalischen Impulse in diese Richtung setzte. „John war schon immer R&B-orientiert, unser Bassist, der Another One Bites The Dust schrieb, … was sich als die meistverkaufte Platte des Jahres herausstellte. Und ich glaube, das war der Song, der uns in diese Richtung katapultiert hat“, sagte Taylor damals — legte dann aber gleich nach, dass die Band mittlerweile der Meinung war, es etwas übertrieben zu haben. „Ich denke, wir sind zu weit gegangen und haben zu viel getan. … Jeder in der Band empfindet das jetzt so“, so Taylor.

Allerdings ist es nicht Deacon, dem im Nachhinein von der Band (minus Mercury) der schwarze Peter zugeschoben wurde — sondern Freddie Mercurys damaliger Manager Paul Prenter. Der war zwischen 1977 und 1984 für Freddies persönliche Angelegenheiten zuständig und übte in den Augen Taylors etwas zu viel Einfluss auf seinen Klienten aus. Und zwar so sehr, dass Taylor meinte, Prenter wollte Queen nach Gaybar klingen lassen. Eine Erklärung der etwas anderen Art hatte einer der Produzenten, Reinhold Mack, parat: Prenter habe Rockmusik gehasst — und habe Mercury regelrecht im Ohr gelegen.

Auch an die Aufnahmesessions an sich erinnert sich die Band nicht unbedingt gerne: Besonders die Aufnahmen in München (als zweiter Ort fungierte Montreux) zogen sich in die Länge. Die Band pflegte laut Brian May einen ungesunden Party-Lebensstil der in Orientierungslosigkeit resultierte.

Disaster und „Disco sucks“

Dass viele Fans und Kritiker*innen enttäuscht waren, ist wenig überraschend — denn Hot Space war definitiv eine Abkehr von dem, was die Band davor gemacht hatte. Der ehemalige Manager der Band, Jim Beach, sprach in der 2011 erschienenen Doku Queen: Days Of Our Lives sogar von einem regelrechten Desaster und erinnerte sich Fans, die mit „Disco sucks“-Banner zu Konzerten der Band kamen.

Das empfanden allerdings längst nicht alle so: Denn Michael Jackson verehrte das Album, bezeichnete es sogar als Inspiration für seinen Megaseller Thriller. Natürlich, bei Hot Space hat man es mit einem Ausreißer zu tun, einem Experiment einer etablierten Band, das längst nicht jeder gut fand und für viele sogar eine regelrechte Enttäuschung war. Und tatsächlich, in den nachhaltigen Queen-Kanon hat es daraus nur ein einziges Stück geschafft: das mit David Bowie in einer spontanen Session in Montreux entstandene Under Pressure, das für die Band in Großbritannien zum Nummer-eins-Hit wurde. Auch hier waren wieder Deacon und seine unglaublich eingängige Basslinie (wie schon bei Another One Bites The Dust) ausschlaggebend.

Zwei Jahre später kehrten Queen mit The Works wieder zu alter Form zurück. Hot Space geht auf alle Fälle als Experiment der Band in die Geschichte ein — als eines, das Teile der Band wohl gerne wieder rückgängig gemacht hätten, das aber auf alle Fälle ein kurzweiliges und interessantes Album ist, das dem damaligen Zeitgeist Rechnung trägt. Was Queen auch genügend Fans vorgehalten haben.

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Wie fast Guns N‘Roses statt Queen in „Wayne‘s World“ gelandet wären

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Popkultur

25 Jahre „OK Computer“: Wie Radiohead den Prog neu erfinden

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Radiohead
Foto: Jim Steinfeldt/Michael Ochs Archives/GettyImages

Das Label geht von einem Flop aus, die Band setzt alles auf eine Karte: 1997 veröffentlichen Radiohead ihr drittes Album OK Computer. Die Bedenken sind unbegründet: Das Album wird zum kommerziellen Erfolg und gilt heute als eine der besten Platten aller Zeiten. Die ganze Geschichte der modernen Prog-Rhapsodie.

von Björn Springorum

Hier könnt ihr Ok Computer hören:

Es ist 1997, und in Großbritannien hat man so langsam aber sicher genug von Britpop. Die anfängliche Euphorie ist verfolgen, die Aufregung rund um den Battle Of Britpop von 1995 längst vergessen, die Sperenzchen und Eskapaden der Gebrüder Gallagher öde. Sicher, Be Here Now ist ein weiterer Oasis-Megaseller, doch die britische Rockmusik sehnt sich insgeheim nach einer neuen Marschrichtung. Die kommt von Radiohead – von wem auch sonst, wie man aus heutiger Sicht treffsicher urteilen würde. Mit ihrem dritten Album OK Computer sorgen sie nicht nur für einen der ganz großen Klassiker der intelligenten Rockmusik; sie erfinden mal so eben den Prog neu und führen die Musik des Königreichs mit sicherer Hand gen neues Jahrtausend.

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Desillusioniert in den Staaten

Das war damals selbst ihnen nicht zuzutrauen. Oder doch? Schauen wir uns mal ihre bemerkenswerte Karriere bis zum Release von OK Computer an: Ihr Debüt Pablo Honey erscheint 1993, ein schroffes und kratziges Rock-Album, das mit Creep ihren ersten Megahit enthält, ansonsten aber noch in die Kategorie „ausbaufähig“ fällt. Das nehmen Radiohead sehr ernst. Die Band, die sich 1985 an einer Jungenschule im ländlichen Oxfordshire gründet, wird durch Presse, Radio und Fernsehen gereicht, eine desillusionierende USA-Tour besiegelt fast das Schicksal der Band.

The Bends, ihr zweites Album von 1995, zeigt eine merklich gereifte, angekratzte, bittere Band. Die nackte Emotion, die Verletzlichkeit und die Verzweiflung machen die Platte zu einer der definitiven Scheiben der Neunziger. Lange Touren mit R.E.M. oder Soul Asylum durch Nordamerika, Europa und Japan folgen, wieder merkt die Band, dass sie echt nicht für die Straße gemacht ist, dass Touren zermürben, aufreiben, aushöhlen. Dennoch kommt es auf der Tour zu einer folgenschweren Begegnung mit Brian Eno. Für seinen Charity-Sampler nehmen Radiohead am 4. September 1995 die Nummer Lucky auf – in fünf Stunden.

Diese spontane, impulsive, unmittelbare Arbeitsweise löst etwas aus in der Band. Das ist bitter nötig, immerhin steht sie gerade vor dem riesigen Problem, einem sehr erfolgreichen Album einen Nachfolger zu bescheren. Sie beginnen im Juli 1996 die Aufnahmen in ihrem eigenen Canned Applause Studio, treten aber trotz der anfänglichen Inspiration auf der Stelle, kommen nicht vorwärts. Da erscheint die Einladung von Alanis Morissette, mit ihr durch die Staaten zu touren, natürlich verlockend. Was die Band nicht wissen kann: Diese Tour wird OK Computer überhaupt erst möglich machen. Bei einem Konzert erhalten sie Besuch von Regisseur Baz Luhrmann, der gern einen Radiohead-Song in seinem kommenden Film Romeo und Julia haben würde.

Wo sind die Hits?

Exit Music (For A Film), Radioheads wunderschöner Beitrag zum Shakespearschen Drama, wird zur Initialzündung für die Metamorphose. Sänger Thom Yorke sagte später mal: „Das war unsere erste Aufnahme, bei der mich jede Note berauschte. Darauf konnte ich stolz sein, das konnte ich laut aufdrehen und dennoch jede Sekunde genießen.“ Der Rest geht schnell: Sie quartieren sich in St Catherine’s Court ein, einem historischen Anwesen bei Bath, breiten sich in dem elisabethanischen Haus aus und nutzen Treppenhäuser oder Korridore für die Aufnahmen. Zwischen September 1996 und März 1997 entsteht dort ein Album, das erst mal zum Schreckgespenst für ihr damaliges Label Parlophone wird. Dort erwartet man natürlich ein zweites The Bends, ein Alternative-Rock-Manifest für eine verlorene Generation oder mit anderen Worten: Singles, Hits und klingende Kassen.

Da machen Radiohead aber nicht mit. Sie entschieden sich, alles auf eine Karte zu setzen, geben die 100.000 Pfund Vorschuss ihres Labels für Equipment aus und produzieren das Album mit Unterstützung von Haus-und-Hof-Produzent Nigel Godrich selbst. Mit anderen Worten: Radiohead steigen schon jetzt aus den Mechanismen des Marktes aus und nehmen ihr Schicksal selbst in die Hand. Nach der Seelensuche von The Bends richten sie ihren Blick nach außen und schreiben eine fast schon dystopische Rhapsodie, ein Album, das viel von dem vorweg nimmt, was im neuen Jahrtausend auf die Welt zurollt: soziale Entfremdung, Isolation, Konsumismus und das aussaugende Leben in der Großstadt.

Die Wiedergeburt des Prog

Musikalisch steht der nächste Quantensprung an. Wo die meisten anderen guten Bands zwischen Pablo Honey und The Bends mindestens noch eine weitere Platte gebraucht hätten, um eine ähnliche Entwicklung hinzulegen, liegen zwischen The Bends und OK Computer mindestens zwei Alben. Mit traumwandlerischer Sicherheit bewegen sich Radiohead durch ihren mitternächtlichen Garten aus Rock, Prog, Pop und Electronica, ein fließendes, inhärent nachdenkliches, kunstfertig geschmiedetes Album. Kurz: ein Werk, dem ein Creep oder ein Fake Plastic Trees fehlt. Die Plattenfirma ist schockiert, weiß nicht, was sie mit dieser Musik anfangen soll. Sie setzt die Verkaufsprognose von mehreren Millionen auf eine halbe Million herab.

Und wird eines besseren belehrt: OK Computer, das ist schon der damaligen Presse klar, ist eine Wasserscheide. Lange Songs, komplexe Arrangements, eine Vielzahl an Instrumenten: Radiohead beleben den Prog neu. Ihnen gelingt das Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band der Neunziger, ein musikalisches und lyrisches Meisterwerk, so voller Assoziationen, doppelter Böden, Schichten und Ebenen, dass man wochenlang darin abtauchen kann. Inspiriert von Bitches Brew, dem gewagten Album von Miles Davis, Ennio Morricone, Can, Pet Sounds oder dem besten Pop-Song aller Zeiten, A Day In The Live, gelingt Radiohead eine Preziose, ein seltenes Kunstwerk.

Entstanden nach einer Periode der Instabilität und Unsicherheit, erwachsen Radiohead aus ihrem Kokon und machen einfach das, was sich in diesem Moment richtig anfühlt: Musik, und das überwiegend zusammen. 80 Prozent von OK Computer sind live entstanden. Hätte ihre Plattenfirma Recht behalten, hätten Radiohead das 21. Jahrhundert nicht mehr als Band erlebt. So bescheren sie den späten Neunzigern das wichtigste Album, revitalisieren mal so ganz nebenbei den Prog und bereiten der Rockmusik den Weg ins neue Jahrtausend.

Und dennoch ist das 1997 nur der Anfang: 2000 werden Radiohead mit Kid A vollkommen den Verstand verlieren. Im streng positiven Sinne, versteht sich.

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10 Songs, die die Rockmusik verändert haben – Teil 3

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